Interview: Die Bauaufgaben von morgen

Die Konjunktur zieht an – Bauingenieure werden wieder gesucht. Welche Aufgaben unter diesen Voraussetzungen auf die Ingenieure von morgen zukommen und wie die Zukunft der Bauwelt aussieht, fragte TALIS Karsten Wischhof, Geschäftsführer des Hauptverbandes der deutschen Bauindustrie, verantwortlich für Berufsbildung und Personalentwicklung.

Ist das Thema Fachkräftemangel für den Bausektor noch aktuell?

Karsten Wischhof: Sehr sogar. Wir haben akut ein Problem bei den Bauingenieuren. Uns fehlen pro Jahr ungefähr 1.500 Bauingenieure. Aber wir haben auch Fachkräftebedarf bei den gewerblichen Arbeitnehmern. Zurzeit wird dieser Bedarf in seiner Tragweite noch nicht so wahrgenommen, weil die Unternehmen – trotz Konjunkturschwankung – ihr Personal gehalten haben.

Wodurch ist dieser Fachkräftemangel denn entstanden?

Karsten Wischhof: Wir haben im Bauhauptgewerbe aufgrund der lang anhaltenden Strukturkrise ungefähr die Hälfte unserer gesamten Belegschaft abbauen müssen. Wir sind jetzt auf einem Niveau angekommen, bei dem ein weiterer Abbau kaum möglich ist. Außerdem sehen wir, dass in den nächsten Jahren demografisch bedingt vermehrt Mitarbeiter in den Ruhestand gehen werden. Rund 28 Prozent der Bauingenieure sind älter als 50 Jahre und scheiden aus dem Berufsleben aus. Bei den gewerblichen Kräften ist festzustellen, dass die Ausbildungsquoten der vergangenen Jahre nicht ausreichen, um den Bedarf decken zu können.

Was können die Politik, die Industrie, die Universitäten denn konkret machen?

Karsten Wischhof: Die Politik könnte zum Beispiel versuchen, für eine Verstetigung der Nachfrage zu sorgen. Gerade im öffentlichen Bau haben wir Bedarf, zum Beispiel in der Infrastruktur, insbesondere auch im kommunalen Umfeld; Straßen, Kanäle etc. sind zum Teil dringend sanierungsbedürftig. Der Bedarf nach Bauleistungen ist vorhanden, es fehlen das Geld und damit letztendlich auch die Projekte am Markt. Wenn die Politik versuchen würde, ihre Nachfrage zu verstetigen, dann könnten die Unternehmen besser planen, die im öffentlichen Bau tätig sind. Die Folge wäre, dass sie ihre Mitarbeiter auch in schwachen Konjunkturphasen halten könnten, wenn absehbar ist, welche Bauvolumina zu erwarten sind. Wünschenswert wäre auch, dass die Politik die Bedeutung der Bauwirtschaft stärker reflektiert und in ihrer politischen Arbeit berücksichtigt. Es ist vielen nicht bekannt, dass jeder achte Arbeitsplatz direkt und indirekt von den Aktivitäten der Bauwirtschaft abhängig ist. Also nicht nur die Bauunternehmen profitieren von einer guten Baukonjunktur, sondern alle, die direkt oder indirekt damit zu tun haben: Wenn Sie also ein Haus bauen, dann werden Sie, um es mal ganz weit zu spannen, ein Bauspardarlehen benötigen, also profitiert auch eine Bank von Bauaktivitäten. Und wenn man diese Effekte addiert über die gesamte Wertschöpfungskette Bau, sind es statt fünf Prozent aller Arbeitsplätze unserer Volkswirtschaft, die die Statistik dem Bauhauptgewerbe zuordnet, zwölf Prozent. Also ist rund jeder achte Arbeitsplatz in Deutschland von Bauaktivitäten abhängig. Bauunternehmen sollten in ihrer Personalarbeit ihr Personalmarketing noch besser ausbauen und insbesondere in ihrer jeweiligen Region die Einsatzmöglichkeiten für Ingenieure und gewerbliche Kräfte darstellen.
Die vielen interessanten und anspruchsvollen Bauwerke, die tagtäglich entstehen, werden nicht immer wahrgenommen, bieten andererseits den Bauunternehmen viele Möglichkeiten, die Attraktivität der Berufsfelder von zum Beispiel Bauingenieuren zu profilieren.

Foto: Eurovia

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Wo liegen denn die Bauaufgaben von morgen, was wird gefordert?

Karsten Wischhof: Grundsätzlich hat sich das gesamte Bauspektrum in den letzten Jahren beträchtlich verändert. Früher haben Bauunternehmen gebaut. Heute entwickeln Bauunternehmen Projekte, sie bauen Projekte, sie betreiben Projekte, sie verwerten Projekte. Also der gesamte Lebenszyklus eines Bauwerkes rückt mehr und mehr in das Geschäftsfeld eines Bauunternehmens und damit in das Aufgabenspektrum der Fachkräfte, die in dieser Branche arbeiten. Darum ist es wichtig, dass man nicht nur technisches Wissen in seinen Beruf einbringt, sondern auch etwas versteht von den Grundlagen der Betriebswirtschaft, von Finanzierung zum Beispiel, und nicht zuletzt von Personalführung.

Was erwarten die Arbeitgeber von jungen Bauingenieuren und Architekten?

Karsten Wischhof: Zum einen erwarten Arbeitgeber, dass Bauingenieure und Architekten, gerade wenn sie in der ausführenden Wirtschaft tätig sind, eine gewisse Praxisori-entierung haben. Das heißt, es ist wichtig, Praktika, zum Beispiel auf den Baustellen, zu machen, um zu erfahren, wie Theorie und Praxis sich verzahnen. Weiterhin erwarten Bauunternehmen natürlich ein gewisses soziales Gespür – Sozialkompetenz ist die Umschreibung – gerade weil junge Menschen, zum
Beispiel Bauingenieure und Architekten, mit Führungsaufgaben beauftragt werden. Sie müssen auf der Baustelle Teams führen, damit die Umsetzung der Planung in handwerkliche und ingenieurtechnische Leistungen gelingt. Man braucht schon ein gewisses Feeling dafür, wie man mit Menschen umgeht.
Ebenso wichtig ist natürlich Engagement. So einen Beruf können Sie nur erfolgreich ausüben, wenn Sie auch wirklich Freude daran haben, weil man tagtäglich vor neuen Aufgaben steht und diese Aufgaben auch als Herausforderung sehen muss und nicht als Belastung. Sie müssen eine sehr hohe Identifikation mit Ihrem Berufsbild haben. Das ist kein Job, den man „nebenbei“ macht, der hat schon eine gewisse Form von Berufung, im wahrsten Sinne des Wortes, und da sind Engagement und der Wille, mitzugestalten, ganz wesentlich.

Sind eher Spezialisten oder Generalisten gefragt?

Karsten Wischhof: Diese Frage lässt sich nur differenziert beantworten. Wir haben einerseits natürlich zunehmend eine gewisse Spezialisierung, denken Sie nur an den gesamten Bereich der Ökologie oder an den Bereich energieeffizientes Bauen. Das sind technisch gesehen sehr spezielle Anforderungen. Um beispielsweise Offshore-Parks in der Nordsee oder Ähnliches zu realisieren, brauchen wir entsprechende Fundamente. Diese Fundamente haben technisch einen sehr hohen Anspruch, dafür brauchen Sie Spezialisten, die sich mit diesem Detailthema Gründung bei Offshore-Parks auskennen, das Gleiche gilt für den Bereich Energieeffizienz, wenn es darum geht, ein Haus energetisch vernünftig zu sanieren oder zu modernisieren. Andererseits brauchen wir den Generalisten, der in der Lage ist, mit seiner Arbeit dem Bauherrn eine Problemlösung aus einer Hand anzubieten. Der beurteilen kann, wie dieses oder jenes Gewerk qualitativ einzuschätzen ist.  Spezialisten und Generalisten – beide werden gesucht, beide finden ihre Einsatzgebiete.

Warum sollte man Ihrer Meinung nach in der Baubranche arbeiten?

Karsten Wischhof: Wir haben ein sehr interessantes Berufsbild zu bieten. Es gibt kaum eine Branche, die so gut aufgestellt ist, auch was die Weiterentwicklungsmöglichkeiten für junge Menschen angeht. Vom Facharbeiter zum Bauingenieur – wir haben ein geschlossenes Aus- und Weiterbildungskonzept zu bieten. Spezialisten, Generalisten, Fachkräfte mit Querschnittswissen, zum Beispiel aus der Betriebswirtschaft, finden in der Baubranche vielfältige Einsatzmöglichkeiten. Die Bauwirtschaft ist gefordert bei der Lösung auch sozialer Herausforderungen, infrastrukturellen Lösungen für Schrumpfungs- und Wachstumsregionen, bautechnischen Lösungen für eine älter werdende Gesellschaft und nicht zuletzt bei der Gestaltung von Bauaufgaben im Sinne der Ökologie.  ■

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