Das Vorstellungsgespräch

Wer eine Einladung zum Vorstellungsgespräch erhält, kann sich schon mal kräftig auf die Schulter klopfen. Ihre Unterlagen haben Eindruck hinterlassen, man möchte Sie näher kennen lernen.
Immerhin haben Sie rund 95 Prozent Ihrer Mitstreiter aus dem Rennen geworfen, denn in der Regel bekommen nur fünf Prozent der Bewerber die Chance, sich vorzustellen. Diese Zahlen sollen Ihnen Mut machen. Denn Sie brauchen jetzt vor allem zweierlei: Selbstvertrauen und Gelassenheit.

Mit diesen Fragen müssen Sie rechnen:

• Erzählen Sie uns etwas über sich.

• Warum haben Sie sich bei uns beworben?

• Was wissen Sie über uns?

• Warum sollen wir ausgerechnet Sie einstellen?

• Warum haben Sie Architektur beziehungsweise Bauingenieurwesen studiert?

• Wo liegen Ihre beruflichen Ziele, was möchten Sie in unserer Firma erreichen?

• Was tun Sie in Ihrer Freizeit?

• Haben Sie schon mal etwas von der VOB, dem Gesetz XY oder der Verordnung Z gehört?

• In Ihrem Lebenslauf erwähnen Sie ein sehr interessantes Praktikum. Was genau haben Sie da gemacht?

• Wo liegen Ihre Stärken, wo Ihre Schwächen?

Die Einladung

Es dauert in der Regel ein bis zwei Wochen, bis Sie eine Reaktion auf Ihre Bewerbungsunterlagen erhalten, meist in Form einer schriftlichen Mitteilung, dass die Unterlagen angekommen sind. Nach weiteren zwei bis drei Wochen werden Sie erneut Post in Ihrem Briefkasten vorfinden. Entweder es handelt sich um Ihre Mappe, verbunden mit einer Absage, oder um einen dünnen C-6-Umschlag. In diesem Fall besteht Grund zur Freude, denn darin wird Ihnen die Firma mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Termin für das Interview mitteilen, den Sie umgehend telefonisch oder schriftlich bestätigen sollten. Setzen Sie alle Hebel in Bewegung, um den Termin wahrzunehmen. Eine Verschiebung wird man nur aus einem sehr wichtigen Grund akzeptieren, etwa wegen Krankheit oder einer Operation. Wer sich bereits in dieser frühen Phase schwierig anstellt, macht sich unbeliebt.

Wie die andere Seite denkt

vorstellungsgespräch architekt bauingenieur2Vorstellungsgespräche sind nicht nur für den Bewerber eine aufregende und anstrengende Sache. Die andere Seite ist ähnlich nervös wie Sie. Personalchefs stehen mächtig unter Druck, die richtige Entscheidung zu treffen. Ein Mitarbeiter, der sich später als faul erweist, Bauherrn vergrault oder sogar gravierende Fehler macht, kann eine Firma in den Ruin treiben. Daher investieren Personalabteilungen viel Zeit und Geld für die Rekrutierung von neuen Mitarbeitern. Da werden Zeitungsinserate aufgegeben, stundenlang Bewerbungsmappen gewälzt, Absagen und Zusagen geschrieben, sogar Headhunter angesetzt, um Führungskräfte zu gewinnen. Die Vorstellungsgespräche laufen manchmal über mehrere Tage. In dieser Zeit können sich Abteilungsleiter und Geschäftsführer kaum um andere Dinge kümmern – jedenfalls nicht ums Geldverdienen. Glauben Sie ja nicht, dass der Chef im Anschluss an diese Plackerei jedes Mal ein wohliges Gefühl in der Magengegend hat. Trotz hoher Arbeitslosigkeit kommt es oft vor, dass eine Stelle nicht besetzt wird, weil einfach „keine echte Perle“ dabei war. Die eine zu blass, der andere zu arrogant, eine Dritte eine echte Fachfrau, die sich dann aber für eine andere Stelle entscheidet, und der Letzte hat zwar ein Superzeugnis, macht aber leider einen so unsympathischen Eindruck, dass man ihn unmöglich auf Kunden und Auftraggeber loslassen kann. Ihr Gegenüber hat es in Sachen Aufwand und Stress mindestens ebenso schwer wie Sie. In der Fußballsprache gesprochen: Es steht 1:1 unentschieden.

Die Vorbereitung

Ein Vorstellungsgespräch kommt den meisten vor wie eine Prüfung. Es gibt Fragen und Antworten, man möchte einen guten Eindruck, sprich eine gute „Zensur“ machen, hat sogar mit hoher Wahrscheinlichkeit Versagensängste. Alles in allem sind es negative Gefühle, die wir mit einem Vorstellungsgespräch verbinden. Versuchen Sie es mal von einer anderen, positiven Seite zu betrachten. Nicht umsonst steht über dem Brief, den Sie nun in den Händen halten, das Wort „Einladung“. Das ist eine sehr freundliche Geste. Man möchte Sie kennen lernen, man hat Interesse an Ihnen und will Sie in keinem Fall vorführen, lächerlich machen oder auf Ihren Schwächen herumhacken. In der Tat gibt es Stressinterviews, in denen Bewerber bewusst in die Enge getrieben werden. Sollte Ihnen so etwas widerfahren, dann haken Sie es unter Negativerfahrung ab und überlegen Sie sich gut, ob Sie für eine Firma, die derart rüde mit ihren künftigen Mitarbeitern umgeht, arbeiten wollen.

Arbeitgeberbewertungsportal kununu

Wenn Sie bei einem Vor­stel­lungs­ge­spräch ne­ga­tive Er­fah­rungen machen, kön­nen Sie unter dem Ar­beit­ge­ber­be­wer­tungspor­tal www.kununu.com/ Ihre Erfahrungen mit anderen Bewerbern teilen. Mehr Infos…

In der Regel begegnet man Ihnen aufgeschlossen und freundlich. Die einzige Parallele zu einer Prüfung, die Sie ziehen sollten, ist die intensive Vorbereitung. Sicherlich werden Sie bei einem Vorstellungsgespräch auf Fragen antworten müssen, nur im Gegensatz zu einer Prüfung gibt es hier kein Richtig oder Falsch. Der Einstieg „Erzählen Sie mal ein bisschen was über sich“ müsste in Wahrheit lauten: „Sind Sie in der Lage, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, oder muss man Ihnen alles aus der Nase ziehen?“ Wichtig ist an dieser Stelle, dass man Ihnen gut zuhören kann und dass Ihre kleine Selbstpräsentation nicht öde und langweilig ist. Kaum jemand kann das ohne Vorbereitung – nicht mal Harald Schmidt, der seine Show im Übrigen sehr intensiv probt. Das merkt der Zuschauer nur nicht, denn wenn es heißt „Kamera ab“, klingen seine Worte wie gerade erfunden. Das ist die Kunst dabei. Nehmen Sie sich also nochmals Ihren Lebenslauf vor und überlegen Sie sich, welche Ereignisse für Ihr Gegenüber interessant sein könnten. Natürlich kennt Ihr Gesprächspartner Ihren Werdegang, das sollte Sie trotzdem nicht zu der Bemerkung verleiten: „Das hab ich doch schon alles geschrieben.“ Lernen Sie Ihren Vortrag nicht auswendig. Auch wenn Sie eine Generalprobe machen, erzählen Sie immer in Ihren Worten, was Sie bisher gemacht haben, als ob Sie es einem Freund erzählen würden. Ihr Gesprächspartner muss später das Gefühl haben, dass Sie einen Dialog mit ihm führen und nicht einen einstudierten Text herunterrattern.

Wissen ist Macht

Zu einer optimalen Vorbereitung gehört, möglichst viel über den Arbeitgeber, bei dem Sie sich vorstellen werden, zu wissen. Selbst kleine Büros sind im Internet vertreten, insofern haben Sie leichtes Spiel, an Informationen zu kommen. Diese Vorarbeit wird von Ihnen erwartet. „Was wissen Sie über uns?“ ist eine häufig gestellte Frage. Ihre Antwort zeigt, ob Sie recherchiert haben und wirklich an der Firma interessiert sind. Andererseits dürfen Sie nicht mit Ihrem Wissen prahlen. Um es Ihnen ein bisschen leichter zu machen, erzählen viele Interviewpartner erst einmal etwas über sich. Hören Sie aufmerksam zu und sagen Sie nicht: „Das weiß ich schon.“ Auch den Namen Ihres Ansprechpartners müssen Sie kennen. Es gehört zu einem höflichen Umgang, sein Gegenüber bei der Begrüßung mit Namen anzureden.
Architekten und Bauingenieure müssen zudem immer mit Fachfragen rechnen. Auch hier geht es weniger um die richtige Antwort. Man möchte herausfinden, wie intensiv Sie sich mit dem jeweiligen Fachgebiet schon beschäftigt haben, ob Sie beispielsweise bestimmte Normen kennen oder schon mal etwas von der VOB, der Vergabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen, gehört haben. Bleiben Sie in jedem Fall ehrlich. Die gängige Literatur kennen Sie aus dem Studium, und den Mumm zuzugeben, dass Sie von einer Sache keine Ahnung haben, aber selbstverständlich bereit sind, sich fehlende Informationen anzueignen, wird man Ihnen hoch anrechnen. Durch scheinheilige Ausflüchte sammeln Sie keine Pluspunkte.

Richtige Antworten gibt es nicht

Eine intensive Vorbereitung ist die Voraussetzung für ein erfolgreiches Vorstellungsgespräch. Lassen Sie sich jedoch nicht dazu verleiten, „richtige“ Antworten auf bestimmte Fragen zu finden. Richtig ist nur das, was echt ist. Legen Sie sich also keine brillante Begründung für Ihre Berufswahl zurecht, nach dem Motto: „Eines Nachts hatte ich einen Traum, dieser Traum hat mich niemals losgelassen.“ Es ist vollkommen in Ordnung, wenn ein Bekannter oder Verwandter Ihr Interesse geweckt hat oder wenn Ihnen die naturwissenschaftlich-technischen Fächer in der Schule Spaß gemacht haben oder Sie schon immer gut zeichnen konnten – Hauptsache es war wirklich so.
Auch bei unangenehmen Fragen wirken Sie überzeugender, wenn Sie bei der Wahrheit bleiben. Sie dürfen jedoch Dinge verschweigen, schließlich sind Sie nicht vor Gericht. Hat Ihr Studium länger gedauert als der Durchschnitt, sollten Sie lieber nicht erwähnen, dass es vorm Fernseher einfach bequemer als im Vorlesungssaal war. Erklären Sie stattdessen, warum Sie den Anschluss verpasst haben, vielleicht weil Sie sich Ihr Studium selbst finanzieren mussten.

Bühne frei: Das Vorstellungsgespräch kann beginnen

Sie sind bestens präpariert, haben allen Verkehrsstaus und Zugverspätungen zum Trotz genug Zeit eingeplant, um pünktlich beim Vorstellungsgespräch zu erscheinen. Pünktlich heißt, nicht eine halbe Stunde früher, in dem Fall sollten Sie eine Extra-Runde um den Block drehen. Ihr Erscheinungsbild ist sauber, ordentlich und gepflegt. Dazu an anderer Stelle mehr. Nur so viel: Sorgen Sie dafür, dass der Bund nicht zu eng sitzt. Sie brauchen an diesem Tag mehr denn je Ihre Stimme, die umso besser klingt, wenn das Zwerchfell locker agieren kann. Das ist der wichtigste Einatemmuskel, der zwischen Brust- und Bauchhöhle sitzt. Viele Menschen, vor allem Frauen, atmen ausschließlich mit der Brust, weil sie sich in zu enge Jeans und Röcke zwängen und das Zwerchfell damit kaum Chancen hat, sich zu senken und zu heben. Das führt wiederum zu schrillen, piepsigen Stimmen, denen man wenig Durchsetzungsvermögen zutraut.vorstellungsgespräch architekt bauingenieur1

In der Regel werden Sie vor dem Raum, in dem das Vorstellungsgespräch stattfindet, eine Weile Platz nehmen. Aufregung und Lampenfieber sind normal. Achten Sie dabei mal auf Ihre Atmung. Wir neigen dazu, in Stresssituationen viel zu viel Luft zu holen und die Schultern zu heben. Das alles ist Gift für die Stimme und macht uns in keinem Fall ruhiger. Ein probates Gegenmittel ist bewusstes Ausatmen, am besten mit einem „SCH-Laut“, wenn Sie unbeobachtet sind. Halten Sie nach dem Ausatmen auch ruhig mal zwei Sekunden die Luft an. Danach locker weiter ein- und ausatmen. Diese Übung können Sie bereits vor Ihrer Abreise machen, falls Sie der Gedanke an das Bevorstehende dann schon nervös macht. Je nachdem, wie groß die Firma ist, bei der Sie sich vorstellen, erwarten Sie meist eine bis drei Personen. Einzig im öffentlichen Dienst ist der Kreis größer. Das Anfangsprozedere ist häufig gleich: Sie werden
aufgerufen, es folgt die Begrüßung, und man wird Ihnen einen Platz sowie eventuell ein Getränk anbieten. Sie können ruhig etwas trinken, sollten nur darauf achten, dass Sie nichts verschütten. Das kann schnell passieren, wenn Sie Ihre Entwürfe zur Erläuterung ausbreiten. Nehmen Sie eine präsente Haltung ein, das heißt nicht stocksteif, aber aufrecht, auf keinen Fall wie im Fernsehsessel. Die Gesprächsleitung übernimmt Ihr Interviewpartner, er wird Ihnen Fragen stellen. Meist bittet er Sie zunächst, sich vorzustellen und Ihren Werdegang zu schildern. Sie sind ja bestens vorbereitet, es kann also gar nichts schief gehen. Nur noch mal zur Erinnerung: Führen Sie keinen Monolog , sprechen Sie Ihr Gegenüber direkt an. Alle weiteren Fragen lassen Sie einfach auf sich zukommen. Vertrauen Sie sich. Es wird Ihnen zu jeder Frage etwas einfallen, genauso wie bei jeder anderen Unterhaltung auch. Seien Sie nur nicht stumm wie ein Fisch. Zum Schluss bekommen Sie die Gelegenheit, Fragen zu stellen. Es wird positiv gewertet, wenn Sie diese Möglichkeit nutzen. Ihre vorherige Recherche schützt Sie davor, unkluge Fragen zu stellen. „Was macht die Firma eigentlich so?“ wird mit Sicherheit Stirnrunzeln bei Ihrem Gesprächspartner verursachen, denn das hätten Sie im Internet nachschauen können. Fragen zu Ihren künftigen Aufgaben oder ob es Weiterbildungsmöglichkeiten gibt, sind hingegen erlaubt.

Umgang mit Absagen

Ein Arbeitsvertrag wäre natürlich der krönen-de Abschluss für ein Vorstellungsgespräch. Aber selbst eine Absage macht Sie nicht zu einem Verlierer – im Gegenteil. Bei der Entscheidung für oder gegen einen Bewerber spielen viele Faktoren eine Rolle. Einiges lässt sich einfach nicht beeinflussen, zum Beispiel, dass es immer Mitbewerber geben kann, die besser qualifiziert sind. Sie können jedoch gewiss sein, dass mit jedem Vorstellungsgespräch Ihr Erfahrungsschatz wächst, sich optimal zu präsentieren. Das sind die besten Voraussetzungen, eine passende Stelle zu finden.  ■

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