Ingenieurbüro Bollinger + Grohmann Ingenieure

Wer eignet sich für einen Posten im Ingenieurbüro? Ulrich Storck und Martin Opel, Bollinger +  Grohmann Ingenieure erählen, was sie von Bewerbern erwarten.

Wer aus dem lichtdurchfluteten Büro von Bollinger + Grohmann Ingenieure im Westhafentower die Aussicht auf Main und Frankfurter Skyline genießt, dessen Blick verharrt in östlicher Richtung unweigerlich bei einem gewaltigen Bauprojekt. Auf dem Gelände der ehemaligen Großmarkthalle wird bis 2014 der neue Sitz der Europäischen Zentralbank (EZB) errichtet (s.o. Foto: Bollinger+Grohmann/Enrico Satnifaller) . Das spektakuläre Gebäude mit den beiden polygonalen Türmen wurde vom Wiener Architekturbüro Coop Himmelb(l)au entworfen, für die Tragwerksplanung zeichnen Bollinger + Grohmann verantwortlich. „Es ist natürlich eine Ehre, ein solch europaweit einzigartiges Projekt begleiten zu dürfen, zumal wenn es vor der eigenen Haustür entsteht“, sagt Ulrich Storck, Mitglied der Geschäftsführung und dort auch für das Personalwesen zuständig.
Das Spektrum des 1983 von Klaus Bollinger und Manfred Grohmann in Darmstadt gegründeten Büros reicht von der Tragwerks- und Fassadenplanung über Geometrie-Entwicklung bis zur Bauphysik. Bearbeitet werden alle Bauaufgaben, seien es Wohnungs-, Sozial- und Bürogebäude, Ausstellungs- und Veranstaltungsbauten oder Brücken, Dächer und Türme. Immer wieder kommt es zur Zusammenarbeit mit weltweit renommierten Architekten. Neben Coop Himmelb(l)au fallen Namen wie Renzo Piano, Dominique Perrault, Boris Podrecca, Frank Gehry oder Zaha Hadid. Aber auch in der regionalen und der nationalen Architekturszene finden sich viele Kooperationspartner. „Ja, das liest sich schon wie ein `who is who´ der Architektur-Szene“, bestätigt Storck. Dass einige aktuelle Projekte in den Himmel wachsen – die EZB mit 185 Metern, der Donau City Tower, das höchste Gebäude Österreichs, das mit 220 Metern momentan in Wien entsteht, oder gleich mehrere, jeweils 320 Meter hohe Wolkenkratzer im südkoreanischen Seoul – ist kein Zufall. Das Unternehmen sei, sagt Storck, „einer der führenden Kompetenzträger im Hochhausbau“.

Ulrich Storck (l.) und Martin Opel, Bollinger + Grohmann Ingenieure Foto: David Spoo

Ulrich Storck (l.) und Martin Opel, Bollinger + Grohmann Ingenieure. Foto: David Spoo

In den vergangenen Jahren war ein stetiges Wachstum zu verzeichnen, 70 Mitarbeiter werden heute in Frankfurt, dem größten Standort, beschäftigt. Auf die vier weiteren selbständigen Standorte verteilen sich noch einmal gut 50 Mitarbeiter. Die Dependancen in Wien und Paris wurden 2003 und 2007 eröffnet, noch im Aufbau befinden sich die seit 2010 bestehenden Büros in Melbourne und Oslo. „Die vier Mitarbeiter in Norwegen beschäftigen sich mit interessanten Projekten wie der Neugestaltung von Oslos ehemaligem Hafenviertel oder den vorbereitenden Maßnahmen für das Edvard Munch-Museum. Es ist ganz wichtig, dort vor Ort zu sein“, berichtet der Kaufmännische Leiter Martin Opel. Die Auslastung der Mitarbeiter sei an allen Standorten sehr zufriedenstellend.

Vorsprung durch eine zweite Fremdsprache

Insofern verwundert es nicht, dass Bollinger + Grohmann neue Mitarbeiter suchen. Das verrät auch ein Blick auf das Stellenportal der Unternehmens-Website. Dies ist der zentrale Anlaufpunkt für Bewerber, denn Stellenanzeigen in Tageszeitungen oder der Fachpresse bilden inzwischen die Ausnahme. Gesucht werden hauptsächlich Ingenieure und Konstrukteure, nur wenige Architekten sind im Bereich der 3D- oder Wettbewerbsbearbeitung für Architekturbüros tätig. Bewerber und künftige Mitarbeiter sollten mindestens einen Master-Abschluss haben und Englisch sprechen. Eine zweite Fremdsprache – Französisch, Russisch oder etwa eine asiatische Sprache – ist aufgrund der internationalen Ausrichtung mehr als nur gern gesehen.
Obwohl viele Bewerbungen mittlerweile per E-Mail eingehen, setzt der größere Teil der arbeitsuchenden Ingenieure noch immer auf die klassische Bewerbungsmappe. Storck ist das recht, er blättert gern in dem Dokument, in dem seiner Ansicht nach Form und Stil einen hohen Stellenwert haben. Dadurch bestehe aber kein Vorsprung gegenüber der Online-Bewerbung, denn „letztlich entscheidet nicht das Wie, sondern das Was“. Dazu fallen vor allem die Stichworte Teamfähigkeit und soziale Kompetenz. „Wir funktionieren bei unseren Projekten nur, wenn wir miteinander reden, uns austauschen, keine Wissensherrschaft leben, sondern offen und kreativ miteinander umgehen. Das ist geradezu überlebensnotwendig“, sagt Storck.
Ob der Kandidat entsprechend gepolt ist, lasse sich durch Formulierungen im Anschreiben ergründen, durch Fragen beim Vorstellungsgespräch oder während der Büroführung, die genereller Bestandteil des Gesprächs ist. „Dabei bieten wir dem Bewerber die Möglichkeit, sich die Arbeit an laufenden Projekten anzusehen, und stellen ihm die Struktur des Büros vor. Wir arbeiten im Großraumbüro, teamorientiert und projektbezogen, möglichst so, dass die Projektteams zusammensitzen. Wenn es Probanden gibt, die darüber erschrocken sind, abgeschlossene Wände um sich herum vermissen, dann sehen wir das über ihre Reaktion und die Körpersprache“, erläutert Martin Opel. Der Rundgang dient auch dazu, die Qualifikation des Bewerbers zu ergründen – etwa ob er die Problematik nachvollziehen kann, an der gerade getüftelt wird, oder ob ihm das Computerprogramm bekannt ist, das zum Einsatz kommt.
Feste Regeln oder einen Fahrplan für das Bewerbungsgespräch, an dem neben Storck meist Opel und, wenn es sich einrichten lässt, auch die Herren Bollinger und Grohmann teilnehmen, gibt es nicht. Der Verlauf hängt beispielsweise davon ab, wie der Bewerber sich präsentiert, ob er von sich aus erzählt oder lieber auf Fragen antwortet. Konkrete Arbeitssituationen werden mit Berufsanfängern aber eher nicht besprochen: „Das wäre unfair, denn wer noch nicht über entsprechende Erfahrungen verfügt, müsste sich eine Antwort ausdenken, und das hilft beiden Seiten nicht“, sagt Storck. Er wünscht sich vor allem, dass die Ingenieure, die gemeinhin als introvertiert gelten, beim Vorstellungsgespräch selbstbewusst und auch locker auftreten: „Angst vor dem Namen Bollinger + Grohmann oder den großen Projekten ist nicht angebracht, denn niemand, der bei uns beginnt, plant gleich eine EZB. Wir bearbeiten ja auch eine Vielzahl kleinerer Projekte.“ Wichtig sei, dass der Bewerber erkennt, dass Statik für Bollinger + Grohmann kein Selbstzweck ist, sondern das Tragwerk dazu dient, den Architekturentwurf zu stärken, dessen Wirtschaftlichkeit zu optimieren und letztlich dem Bauherrenwunsch zu entsprechen.

Transparenz statt Kleingedrucktes

Bollinger + Grohmann Ingenieure

Die Bauingenieure Klaus Bollinger und Manfred Grohmann gründeten 1983 das Büro Bollinger + Grohmann Ingenieure für Tragwerks- und Fassadenplanung, Geometrie-Entwicklung und Bauphysik. Unternehmenssitz und größter Standort ist Frankfurt/Main mit 70 Mitarbeitern, auf die Dependancen Wien, Paris, Oslo und Melbourne verteilen sich weitere 50 Mitarbeiter. Das vielfach ausgezeichnete Büro hat rund um den Globus Projekte mit den renommiertesten Architekten umgesetzt. Eines der aktuellen Großprojekte ist der Neubau der Europäischen Zentralbank.

www.bollinger-grohmann.de

Wer im Vorstellungsgespräch erfolgreich war und Mitarbeiter des Unternehmens wird, dem wird ein recht dünner Arbeitsvertrag ausgehändigt. „Manche Mitbewerber listen 36 Seiten lang ihre AGB auf, wir konzentrieren uns auf das Wesentliche und zeigen damit auch, dass es bei uns kein Kleingedrucktes gibt“, erläutert Opel, der Transparenz als wesentliche Unternehmenssäule nennt. Auch im Integrationsablauf gibt es deutliche Unterschiede zur Konkurrenz. Während der Nachwuchs anderswo langwierige Qualifizierungsprogramme durchläuft, streben die Frankfurter Ingenieure eine zügige Arbeitsaufnahme an.
Ins kalte Wasser geworfen wird selbstverständlich niemand. Wer ins Unternehmen eintritt, dem wird ein erfahrener Kollege zur Seite gestellt. Dieser Pate kümmert sich federführend um ihn und hilft dabei, Anfangsfehler zu vermeiden. In den montags stattfindenden Projektleiterrunden wird dem Neuen die Möglichkeit geboten, sich vorzustellen, womit ein schnelles Ankommen auch auf menschlicher Ebene gewährleistet wird. Nach Einführung in das Computersystem und die internen Abläufe sowie dem Einlesen in das Projekthandbuch wird der neue Mitarbeiter schon bald in ein Projektteam eingegliedert. Dann heißt es Initiative ergreifen und sich einbringen. „Wir wünschen uns offensive Mitarbeiter, die nicht das mögliche Scheitern im Blick haben, sondern Dinge ausprobieren. Wenn sie dann an Grenzen stoßen, kann mit erfahrenen Kollegen die Problemlösung diskutiert werden“, erläutert Storck. Neue Mitarbeiter werden geradezu ermuntert, eigene Vorschläge zu machen oder auch akquisitorisch zu denken – auch unter Umgehung von Hierarchien.
Auffällig ist der hohe Frauenanteil bei Bollinger + Grohmann. Während er im Ingenieurstudium noch immer unter 15 Prozent liegt, ist hier mehr als ein Drittel der Belegschaft weiblich. Ein Grund dafür liegt sicher in den umfassenden Sozialleistungen. „Wir bieten qualifizierten Bewerberinnen einen finanziellen Anreiz, indem wir beispielsweise die Kindergarten-Kosten übernehmen“, berichtet Opel. Dass sich das Unternehmen in den letzten Jahren stark vergrößert habe und mehr Umsatz und Gewinn generiert werden konnte, sei vor allem ein Verdienst der Angestellten – folgerichtig hätten sie durch Zahlung von freiwilligen zusätzlichen Entgelten daran partizipiert. Der kaufmännische Leiter weist auch auf die Vernetzung innerhalb des Unternehmens hin. So bietet sich auch die Möglichkeit, zeitweilig an den anderen Standorten zu arbeiten. „Dabei achten wir darauf, dass Altersvorsorgeverträge, die in Paris geschlossen sind, auch in Deutschland übernehmbar sind.“ Schließlich solle niemand wegen seines Engagements und seiner Flexibilität benachteiligt werden.

Langfristiges Engagement wird angestrebt

„Wir empfinden die Mitarbeiter nicht als Ballast, sondern als unser Kapital“, bekräftigt Storck. Daher genießt auch die Weiterbildung einen hohen Stellenwert. „Wir haben einen Kollegen, der Ansprechpartner für Seminare ist. Wer mehr über Vertragswesen lernen will oder bezüglich einer neuen Norm sein Wissen vertiefen möchte, wendet sich direkt an ihn. Wir werden dann entsprechend aktiv.“ Ein solch deutliches Investment in die Belegschaft lässt darauf schließen, dass die Geschäftsleitung an langfristigen Arbeitsverhältnissen interessiert ist. „Ja, es gibt eine ganze Reihe von Mitarbeitern, die dem Unternehmen schon sehr lange die Treue halten“, bestätigt Storck, „und dieses Jahr wird bei uns erstmalig ein Kollege als Rentner ausscheiden.“ Auch auf die Frage nach Beispielen für Aufstiegsmöglichkeiten muss Storck nicht lange suchen. Er selbst trat vor 22 Jahren in das Unternehmen ein. Über die Projektbearbeitung und die Projektleitung wuchs sein Verantwortungsbereich kontinuierlich, bis er vor einigen Jahren in die Geschäftsleitung berufen wurde. ■

Print Friendly, PDF & Email

TALIS Berufsstart 2017/2018 als E-Book lesen!

Einfach E-Mail-Adresse eingeben, bestätigen und mehr wissen als andere.




Sie haben den Newsletter bestellt. Bitte überprüfen Sie Ihr Mail-Postfach für den Bestätigungslink.