schwimmende Architektur Hausboot rost niderehe hamburg 1102x350
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Mit dem Traumfänger in die Selbständigkeit

Die erste Berührung mit dem Thema Wohnen auf dem Wasser hatte Jörg Niderehe vor zwölf Jahren während eines Auslandssemesters in Los Angeles. Auf der Suche nach einer Unterkunft las der Architekturstudent die Kleinanzeige „Hausboot in der Marina zu vermieten“. Es wurde nichts daraus, doch das Inserat hatte eine Sehnsucht nach dieser Wohnform ausgelöst. Als er 2006 mit Berufs- und Lebens-Partnerin Florentine-Amelie Rost in die vom Wasser geprägte Stadt Hamburg zog, hofften beide, dass sich irgendwann die Möglichkeit ergeben würde, auf dem Wasser zu leben. Dass es in der Hansestadt keine dauerhaften Liegeplätze gab, sollte sich bereits kurz darauf ändern.

Einfamilienhäuser auf Pontons

Im Rahmen eines Pilotprojekts vergab eine hochkarätig besetzte Jury, der der Architekt Jürgen Böge oder Hamburgs Oberbaudirektor Prof. Jörn Walter angehörten, zehn Liegefelder mit einem 50-jährigen Liegerecht auf dem Eilbekkanal im Stadtteil Barmbek, gegenüber der Hochschule für Bildende Künste. Gewünscht waren keine mobilen Hausboote mit eigenem Motor, die jederzeit den Standort wechseln können und meist als Sportboote klassifiziert sind, sondern Einfamilienhäuser auf Pontons, die über Dalben verankert und über das Ufer an Wasser und Energie angeschlossen sind. Die Umsetzung dieser auch „Floating Homes“ genannten Häuser ist möglich, meist aber mit einer teilweisen Demontage verbunden.

„Als wir im Internet davon erfuhren, war sofort klar, dass wir uns beteiligen werden“, erinnert sich Niderehe. Neben ihren Jobs in Architekturbüros begannen die jungen Architekten, in die völlig neue Materie einzutauchen und ein schwimmendes Haus zu entwickeln. Die Wettbewerbsbestimmungen ließen sehr wenig Zeit – innerhalb eines Jahres musste die Genehmigung erteilt sein, binnen zwei weiterer Jahre war die Realisierung durchzuführen. Um Spekulanten fernzuhalten, war den Wettbewerbsteilnehmern außerdem vorgegeben, selbst einzuziehen. Weitere Vorgaben bestanden hinsichtlich Tiefgang, Freibord- und Geschosshöhe. Da sie sich kaum Chancen ausrechneten, gingen Rost und Niederehe sehr frei an die Entwurfsplanung. Doch ihr „Traumfänger“ genanntes Haus, das mit einer Reling umbaut ist und auch aufgrund von Rundungen den Charakter eines Schiffs hat, traf den Nerv der Jury. Die beiden gehörten schließlich zu den zehn Bewerbern, die unter 84 Teilnehmern ausgewählt wurden.

Jörg Niderehe und Florentine-Amelie Rost designen Hausboote. Fotos: Rost Niderehe Architekten

Jörg Niderehe und Florentine-Amelie Rost designen Hausboote. Fotos: Rost Niderehe Architekten

 Medieninteresse beschleunigt Bürogründung

Das bundesweit einmalige Projekt erzeugte gewaltiges Medieninteresse; der NDR etwa drehte eine dreiteilige Dokumentation, wobei eine Folge ausschließlich die Bauphase von Rosts und Niderehes Hausboot begleitete. War die Gründung des eigenen Büros eigentlich für viel später angedacht, beschlossen die beiden nun, die Publicity zu nutzen, und riefen 2008 Rost Niderehe Architekten ins Leben. „Das war natürlich ein schleichender Übergang“, beschreibt Rost, „denn zunächst arbeiteten wir weiter in anderen Büros, um über die Runden zu kommen, und wir mussten uns natürlich um unser eigenes, sehr aufwendiges Projekt kümmern.“ Dennoch hat sich die Bürogründung als richtig erwiesen, seit gut einem Jahr können sich beide völlig auf das eigene Unternehmen konzentrieren.

Mit dem „Traumfänger“ haben sich die Existenzgründer ein Referenzobjekt geschaffen, das eine Reihe von Interessenten anlockt. Seit der Fertigstellung im Oktober 2009 haben viele Besucher die 110 m² Wohnfläche sowie die 80 m² große Terrasse besichtigt. Sowohl in der Planungs- und Bauphase als auch in der mehr als dreijährigen Nutzung konnten Rost und Niderehe unzählige Erfahrungen sammeln und verfügen damit über einen gewaltigen Wissensvorsprung gegenüber anderen Architekten. „Ähnlich einer Checkliste für das Bauen an Land haben wir eine für das Bauen auf dem Wasser entwickelt“, erläutert Niderehe. Die Unterschiede sind enorm, was nicht nur die Notwendigkeit einer Kampfmittelsondierung zeigt. Diese ist nötig, da für das Wasser keine Luftbildauswertung existiert. Zu Fragen des Schwimmkörpers oder auch der Berechnung des Vorhabens war Grundlagenforschung vonnöten, denn eine Berechnung nach Baukostenindex ist mangels verfügbarer Daten nicht möglich. Nachdem sie gleich im ersten Winter mit einem zugefrorenen Kanal konfrontiert wurden, haben die Hausbootbesitzer auch gelernt, wie das schwimmende Haus vor Eis geschützt werden kann. Schließlich ist auch im Umgang mit Behörden Sachkenntnis erforderlich, da für die amphibische Architektur gewisse Standards noch nicht definiert sind.

Floating Homes sind sehr beliebt

Die gesammelten Erfahrungen zahlen sich aus, mittlerweile wurden die Spezialisten für Wohnen auf dem Wasser mit Planung und Umsetzung drei weiterer Hausboote beauftragt, zwei von ihnen werden in Kürze an ihrem Liegeplatz auf dem Mittelkanal im Stadtteil Hammerbrook festmachen. Gern würden sie ausschließlich auf die schwimmende Architektur setzen, doch das ist schwierig. „Bauherren haben wir genug, es mangelt an Grundstücken“, sagt die Architektin. Daher werden auch Projekte an Land bearbeitet, beide Arbeitsbereiche halten sich momentan die Waage. In der konventionellen Architektur sind Rost und Niderehe Architekten breit aufgestellt, planen ein Einfamilienhaus, übernehmen einen Ladenausbau oder die Sanierung einer denkmalgeschützten Scheune. In Nürnberg wird gerade ein Mehrgenerationenhaus nach ihren Plänen gebaut und im vergangenen Jahr haben sie wachsende Häuser für die Nutzung Wohnen und Arbeiten entworfen.

Zudem gibt es berechtigte Hoffnung, dass weitere Plätze für „Floating Homes“ entstehen werden. Das Wahrnehmen von Wasser in der Stadt hat sich verändert, am Wasser zu leben gilt heute als exklusiv. In einigen Städten werden ehemalige Hafenanlagen zu Wohnbezirken umfunktioniert, was ein zahlungskräftiges Publikum anlockt. In Hamburg könnten sogar Hausboot-Liegeflächen entstehen, wo heute nicht einmal Wasser ist. Neben der Diskussion um die Vertiefung der Elbe gibt es auch Bestrebungen, Deiche zu durchbrechen und dem Fluss wieder mehr Raum zu geben. Tritt dieser Fall ein, dann stellt sich die Frage, was mit den überfluteten Bereichen geschehen wird, ob etwa amphibische Siedlungen entstehen könnten. „Durch derartige Wohnprojekte könnten diese Vorhaben finanziert werden“, erläutert Rost. Auf solche Entwicklungen sind die beiden Architekten gut vorbereitet. Dank eines eingespielten Experten-Netzwerks, dem Schiffsbauer, Ökoplaner und Zimmerleute angehören, können sie Bauherren Planung und Umsetzung aus einer Hand anbieten. Außerdem haben Rost und Niderehe bereits einen Schritt weiter gedacht und „Wolke 7“ entworfen. Nun suchen sie Interessenten für die schwimmende Ferienhaussiedlung, bei der der Sprung ins kühle Nass direkt aus dem Wohnzimmer möglich ist. ■

www.rost-niderehe.de

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