Interview: Architekt Michael Schumacher

2007 lud das Städel Museum in Frankfurt acht international erfolgreiche Architekturbüros ein, in einem Wettbewerb ihre Ideen für einen Erweiterungsbau für die Gegenwartskunst einzubringen. Trotz der großen Konkurrenz aus Tokio, New York und Amsterdam entschied sich die internationale Jury für das Frankfurter Architekten-Duo Schneider+Schumacher. Ihr leuchtendes Konzept überzeugte nicht nur die Jury, sondern entfachte auch das Engagement vieler. Die Hälfte der Kosten für den 52 Millionen teuren Erweiterungsbau wurde durch die Unterstützung von Unternehmen, Stiftungen und zahlreichen Bürgern aus privaten Mitteln finanziert. Mit TALIS sprach der Stararchitekt Michael Schumacher über seinen Entwurf des Städel-Museums und über die Herausforderungen moderner Architektur.

Architektur will sich präsentieren, aufmerksam machen. Daher entscheiden sich die meisten Architekten für einen oberirdischen Bau. Sie sind aber unter die Erde gegangen. Wieso?

Foto: Norbert Miguletz/Städel Museum

Foto: Norbert Miguletz/Städel Museum

Michael Schumacher: Das Städel Museum hat eine herausragende Lage in der Stadt am Mainufer direkt gegenüber der Skyline. Zudem ist es ein auffälliger Bau. Das Museum hatte architektonisch alles – außer genügend Fläche für die Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Alle vorhandenen Bauteile hatten zusammen eine Ausstellungsfläche von 4000 m², die sich auf den ersten Bau von 1878, den Erweiterungsbau von 1921 und die neue Kunsthalle von 1990 verteilen. Wir haben die Fläche fast verdoppelt. Das nahezu unsichtbar, aber dennoch sehr präsent, indem wir das Volumen unter den Garten zwischen Museum und Städelschule platziert haben. Das ist auch das Besondere dieser Erweiterung, dass sie einerseits sehr „neutrale“ Räume für die Kunst bietet, eigentlich überhaupt keinen Platz auf dem Grundstück verbraucht und trotzdem durch die Architektur sehr präsent ist.

Die Jury nannte Ihren Entwurf des Städel Museum Erweiterungsbaus ein „leuchtendes Juwel am Tag, einen Lichterteppich in der Nacht“. Welchen Einfluss spielte das Thema Licht und Schatten bei Ihrem Entwurf der Museumserweiterung?

Michael Schumacher: Ziel war es, ähnlich wie in den Oberlichtsälen des Altbaus, eine von Tageslicht geprägte Atmosphäre entstehen zu lassen. Hierzu wurden 195 kreisrunde Oberlichter in einem Raster von 3,7 m x 3,7 m symmetrisch über die gesamte Deckenfläche angeordnet. Die Oberlichter haben in den Randbereichen einen Durchmesser von 1,5 m und nehmen zum Zentrum der Aufwölbung hin im Radius bis zu einem Durchmesser von 2,5 m zu. Die Vor- und Nachteile des Tageslichtes spielten eine zentrale Rolle bei der Lichtplanung. Zum einen wird möglichst viel Tageslicht als Referenzlichtquelle für eine möglichst natürliche Farbwiedergabe bei den Kunstwerken gewünscht, zum anderen enthält natürliches Licht Strahlungsanteile, die unter konservatorischen Gesichtspunkten nicht nur unerwünscht, sondern sogar schädlich sind. Außerdem müssen tages- und jahreszeitliche Schwankungen des Tageslichtes für einen geregelten Museumsbetrieb über Kunstlicht ausgeglichen werden.

Das Städel Museum im Wachstum

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In den neu entstandenen Gartenhallen findet nun die Kunst nach 1945 ein neues Zuhause. Inwiefern kann Architektur neben strikten Anforderungen an Funktionalität und Energieeffizienz heute noch Kunst sein?

Michael Schumacher: Wir sehen uns in der Tradition der Moderne, entwickeln unsere architektonische Haltung aus unserer Zeit heraus. Der Punkt liegt nicht darin, ob ein Gebäude spektakulär oder unspektakulär ist, sondern wie es auf das Umfeld reagiert. Es geht darum, die richtige Balance zu finden – sich sowohl in einen Ort einzufügen als auch einen selbstbewussten Beitrag zu leisten. Das Gebäude muss aus unserer Zeit stammen, unseren Ausdruck haben. Insofern geht uns „Retro-Architektur“ auf die Nerven, die alte Stile zitiert und sich auf Qualitäten von irgendwann besinnt. Wir haben ja auch eigene! Wir suchen nach der selbstbewussten Einbindung in einen Ort, nicht Effekte um der Effekte willen.

Welche besonderen architektonischen Herausforderungen gingen mit dem Erweiterungsbau einher?

Die Treppen bedurften ganz besonderer Planung. Foto: Norbert Miguletz/Städel Museum

Die Treppen bedurften ganz besonderer Planung.
Foto: Norbert Miguletz/Städel Museum

Michael Schumacher: Es ist nicht so einfach, einen großen Raum im Erdboden zu verankern und dicht zu bekommen, wenn der Main keine 100 Meter entfernt ist und kein schweres Gebäude die notwendige Auflast herstellt. Und es ist auch nicht einfach, einem alten Ensemble aus unterschiedlichen Jahrhunderten einen Keller unterzuschieben, ohne dass etwas beschädigt wird. Die technisch und gestalterisch höchsten Herausforderungen stellten aber die Treppe und die Deckenkonstruktion über den Gartenhallen dar. Komplexe Formteile mussten hergestellt werden, um größtmögliche Helligkeit mit kleinstmöglichen Öffnungen zu erreichen und um eine faktisch sehr schwere Deckenkonstruktion (weil ein Garten darauf lastet) optisch sehr leicht und angenehm erscheinen zu lassen.

Sie selber lehren auch als Professor für Entwerfen und Konstruieren an der Fakultät für Architektur und Landschaft der Leibniz-Universität Hannover. Welchen Herausforderungen müssen sich die Architekten von morgen stellen?

Michael Schumacher: Für mich ist ein Architekt nach wie vor derjenige, der von der Konzeption einer Planung für einen Stadtteil oder ein Bauwerk bis zur Realisierung versucht, eine Idee zu formulieren und dafür zu sorgen, dass sie realisiert wird. Die Kommunikationsfähigkeit des Architekten hat aufgrund der zunehmenden Zahl an Spezialisten eine größere Bedeutung bekommen. Aber im Ganzen geht es darum, worum es immer in der Architektur gegangen ist Bauten zu schaffen, die dauerhaft und schön sind.

Das Städel Museum während der Bauphase. Foto: Norbert Miguletz/ Städel Museum

Das Städel Museum während der Bauphase.
Foto: Norbert Miguletz/ Städel Museum

Welche Erkenntnisse kann die Uni nicht vermitteln?

Michael Schumacher: Praxiserfahrung kann die Universität nicht vermitteln, und ich finde auch ganz entschieden, dass sie das nicht versuchen soll. Die Uni, insbesondere die Universität, im Unterschied zu anderen Hochschulformen, da bin ich wirklich altmodisch, sollte die Studenten mit Methoden und Haltungen in der Architektur vertraut machen. Zu enge Ausrichtungen auf das, was der sogenannte Markt gerade fordert, halte ich für einen falschen Weg.

Welchen guten Rat würden Sie Berufsanfängern mit auf den Weg geben?

Michael Schumacher: Suchen Sie sich eine Arbeit, die Sie wertschätzen. Nehmen Sie keinen „Job“ an. Suchen Sie sich engagierte Architekturbüros oder Firmen, die etwas wollen und können. Dann haben Sie Freude an dem schönsten Beruf, den es gibt.■

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