Architektur im Einklang

Akustik und Ästhetik miteinander in Einklang zu bringen war schon immer eine architektonische Herausforderung. Allerdings sind die Gelegenheiten, einen aus klanglicher wie baulicher Sicht gleichermaßen befriedigenden Konzertsaal zu entwerfen, rar gesät. Am Rensselaer Polytechnic Institute ist es einem Team aus Architekten, Ingenieuren, Theaterdesignern und Akustikern gelungen, ein bis ins letzte Detail auf die klanglichen Anforderungen ausgerichtetes Forschungs- und Aufführungsgebäude zu errichten, das auch in ästhetischer Hinsicht Maßstäbe setzt. Eine Annäherung an die Quadratur des Kreises.

Man merkt Johannes Goebel eine gewisse Befriedigung an, wenn er über die Schwierigkeiten spricht, die bei der Konstruktion des Curtis R. Priem Experimental Media and Performance Arts Center (kurz: EMPAC) zu meistern waren. Der gebürtige Niedersachse ist Direktor des Zentrums und hat dessen Entstehung in der gesamten Planungs- und Bauphase begleitet. Natürlich sind bei jedem Großprojekt dieser Art Hürden zu überwinden, doch der Bau, der den Campus des Rensselaer Polytechnic Institute in Troy im US-Bundesstaat New York dominiert, stellte die Verantwortlichen vor ganz besondere und zum Teil ungeahnte Herausforderungen. Das EMPAC ist mehr als ein universitäres Forschungs- und Aufführungsgebäude. Und es ist mehr als ein architektonischer Meilenstein. Es ist aus dem Zusammenwirken von Kunst, Wissenschaft und Architektur entstanden, und das mit einer Liebe zum Detail, die in Zeiten knapper Kassen nur noch selten durchgesetzt werden kann.

Foto: EMPAC Rensselaer/Kris Qua

Foto: EMPAC Rensselaer/Kris Qua

Die Geschichte des Baus ist nicht zuletzt Goebels Geschichte, denn ohne den gelernten Musiker und seine ganzheitliche Sichtweise auf das Projekt wäre das EMPAC vermutlich nicht der Kunst, Technologie und Forschung vereinende Komplex geworden, der heute zu bestaunen ist. Dass es trotz eines nur um ca. 30 % überschrittenen Budgets – bei einem derartigen Projekt und acht Jahren Planungs- und Bauzeit sehr erstaunlich – und einer um zwei Jahre längeren Bauzeit in seiner jetzigen Form umgesetzt werden konnte, ist der Hochschulpräsidentin Dr. Shirley Ann Jackson zu verdanken. Als es darum ging, wie eine anonyme Geldspende an das Rensselaer Polytechnic Institute sinnvoll zu verwenden sei, trieb sie den Bau als Schnittstelle zwischen Kunst, Wissenschaft, Technologie und Design in der nun vorliegenden Form voran. Mit Goebel holte sie sich einen erfahrenen Mann an die Seite, der bereits in die Planungen für den Bau des Zentrums für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe involviert gewesen war. Auf einer Informationsreise durch Europa warb sie ihn kurzerhand ab.

Ein Zentrum für Medien und Darstellende Kunst war für die amerikanische Hochschule keinesfalls selbstverständlich, denn Rensselaer gilt als die älteste technische Hochschule der USA, an der so berühmte Ingenieure wie Washington Roebling, der Erbauer der Brooklyn-Bridge in New York, oder Ray Tomlinson, der Erfinder der E-Mail, studiert haben. Kunst und Geisteswissenschaften spielen dort traditionell nur eine untergeordnete Rolle. Dass das Projekt dennoch in diesem Umfang umgesetzt wurde, ist gewiss eine Prestigefrage, nicht zuletzt aber auch eine Frage des Selbstverständnisses der Hochschule als Ort, an dem höchste Ingenieurskunst gelehrt und umgesetzt wird.

Akustik, digitale Medien und Bühne im Gleichklang

Foto: EMPAC Rensselaer/Brian Chitester

Foto: EMPAC Rensselaer/Brian Chitester

Bei der Ausschreibung für das EMPAC 2001 ließ das Londoner Architekturbüro Grimshaw so renommierte Konkurrenz wie Bernard Tschumi, Davis Brody Bond Aedas oder Morphosis hinter sich – auch weil Firmengründer und Klassik-Fan Sir Nicholas Grimshaw den Konzertsaal als Kronjuwel ganz in den Vordergrund rückte. Grimshaw soll die Präsidentin gefragt haben, ob sie einen Multifunktionssaal haben wolle, wo man sowohl Basketball spielen als auch Diplomverleihungen und die jährliche Weihnachtsfeier abhalten könne, oder ob es doch lieber ein Ort von so hoher Qualität sein solle, dass sich Musiker aus der ganzen Welt darum reißen würden, dort zu spielen. Die Antwort der Präsidentin fiel eindeutig aus. Und sie sollte Grimshaw und ein ganzes Team von Architekten, Ingenieuren, Technikern, Theaterdesignern und Akustikern über acht Jahre lang beschäftigen. Da keiner der Beteiligten eine Vorstellung davon hatte, welche Anforderungen der finale Bau an der Schnittstelle zwischen Kunst, Forschung und Technologie erfüllen musste (weder Architekten noch Akustiker oder Theaterplaner waren mit den spezifischen Erfordernissen von Avantgarde-Musik, digitalen Medienkünsten oder modernem Tanztheater beziehungsweise deren Überschneidungen mit Wissenschaft und Forschung vertraut), liefen die Fäden bei Goebel zusammen, der das Projekt mit dem Blick des Künstlers und seiner Erfahrung im Bereich digitaler Medien begleitete und selbst auf solche Details achtete, dass bei Konzerten die Füße der Musiker zu sehen sind. Hören, Sehen, räumliche Wahrnehmung – alle Sinne sollten gleichberechtigt angesprochen werden. Und das auf höchstem Niveau.

Doch nicht alleine die künstlerischen Erfordernisse stellten das Team auf die Probe. Schon das Grundstück, auf dem der spätere Bau errichtet werden sollte, war eine echte Herausforderung: Der Hang aus lockerem Sand und Lehmschichten drohte langfristig jedes Gebäude mit sich zu reißen. Die ursprünglich geplante Variante, ihn durch eine 21 Meter hohe Flüssigbetonwand zu sichern und den Großteil der Räumlichkeiten unterirdisch unterzubringen, wurde vom ursprünglichen Generalunternehmer zugunsten eines abgestuften Fundaments verworfen. Über 60 Meter lange Felsanker mussten in tiefere Gesteinsschichten versenkt werden, um die Wände gegen den Druck des Hangs an ihrem Platz zu halten. Aus diesem Grund, aber auch aufgrund der immer verfeinerten Definition der funktionalen und programmatischen Anforderungen musste die gesamte Raumplanung neu überdacht und das Gebäude noch in der Planungsphase von Grund auf neu entworfen werden. Mehrmals wurden Spezialunternehmen gegen andere ausgetauscht, wenn die baulichen Gegebenheiten alternative Lösungsansätze erforderten. Hochschulpräsidentin Jackson setzte mit unerbittlichem Qualitätsanspruch durch, dass sowohl ursprüngliche architektonische Merkmale wie der hölzerne Korpus des Konzertsaals als auch qualitative und funktionale Details realisiert wurden und nicht dem Rotstift zum Opfer fielen. Ihre Forderung, ein Gebäude zu bauen, das 100 Jahre halten würde, war in der amerikanischen Bauwelt „unerhört“.

Foto: EMPAC Rensselaer/Natt Phenjati

Foto: EMPAC Rensselaer/Natt Phenjati

Der Konzertsaal ist das Herzstück des EMPAC und erforderte besonders großen Einfallsreichtum, um die bedingungslose Unterwerfung unter die akustischen Prioritäten bei maximaler technischer Flexibilität praktisch umzusetzen, ohne dabei die Ästhetik zu vernachlässigen. Wie der Korpus eines bauchigen Saiteninstruments legt sich eine aus Zedernholz gefertigte Außenhaut um den Saal und verleiht ihm auch optisch die Anmutung eines Resonanzkörpers. Damit der Klang an jeder Stelle des Raums von gleichermaßen hoher Qualität ist, haben sich die Akustiker von Kierkegaard Associates eine Menge einfallen lassen, von leicht konvexen Seitenwänden, die eine optimale Klangverteilung gewährleisten, bis zu elektrischen Akustikrollos, die je nach Bedarf hoch- und runtergefahren werden können, um die Nachhallzeit zu variieren. Dort, wo das Auge sonst nur auf die unschönen, aber unerlässlichen Catwalks und Traversen fällt, spannt sich in 12 Metern Höhe ein Spezialstoff über den Zuschauerraum, der so fein gewebt ist, dass er hoch- und mittelfrequente Töne zu reflektieren vermag. Alleine die Entwicklung dieses Gewebes, das selbstverständlich auch den strengen Brandschutzbestimmungen genügen musste, nahm fast vier Jahre in Anspruch.

Auch sonst wurde auf jedes Detail geachtet, das die Akustik in irgendeiner Weise beeinträchtigen könnte, zum Beispiel auf sirrfreie Dimmer für die Theaterbeleuchtung und eine fast lautlose Lüftung (der Grundgeräuschpegel des Raums liegt bei maximal 8 dB). Doch auch das Theater und die beiden Studios für Tonaufnahmen, Videoproduktionen, Medienproduktionen und Forschung, die in dem Komplex untergebracht sind, haben es in sich. Damit in allen Räumen gearbeitet werden kann, ohne dass der Schall des einen die Arbeit in dem anderen beeinträchtigt, wurden sie mit großem baulichem Aufwand durch separate Fundamente akustisch voneinander getrennt oder schweben als „Raum im Raum“ auf Federn, die auf exakt 6 Hz gestimmt sind. Nicht der geringste Ton dringt von innen nach außen oder von außen nach innen. Selbst die Glasfassade des Gebäudes ist mit Neopren-Puffern an dem Bau aufgehängt, damit bei stürmischem Wetter die Windlast nicht auf die Räume übertragen wird. Dass durch die Glasrahmen der großen gläsernen Nordfassade warme Flüssigkeit gepumpt wird, damit die Fenster bei schlechtem Wetter nicht beschlagen und stets den Blick auf die reizvolle Landschaft freigeben, mutet dagegen schon fast trivial an. Hierbei handelt es sich übrigens um ein deutsches Produkt – sowohl Planung und Bau als auch das im Anschluss entstandene Programm des EMPAC sind international.

Foto: EMPAC Rensselaer/Brian Chitester

Foto: EMPAC Rensselaer/Brian Chitester

Ein kleiner Kern des Mitarbeiterstabs rund um Goebel übernahm die Integration der komplexen Audio-, Video- und IT-Infrastruktur, da es in den USA kein Planungsbüro gab, das die definierten Anforderungen qualitativ erfüllen konnte. Auch nach der Fertigstellung tüfteln die Experten an Problemlösungen, die mit der besonderen Aufgabe des EMPAC als Forschungs- und Aufführungsort zu tun haben. So musste beispielsweise eine Steuerung entwickelt werden, die für eine optimale Luftfeuchtigkeit für die Klaviere sorgt. Und erst 2012 konnten die Türen des Konzertsaals wie geplant fertig gestellt werden. Doch das sind für Goebel nur noch Kleinigkeiten. Er kann stolz von sich behaupten, Direktor eines weltweit einmaligen Universitätsgebäudes zu sein, das in akustischer wie ästhetischer Hinsicht Maßstäbe setzt. Ein besonderer Raum, der nur durch das Zusammenwirken verschiedenster Disziplinen entstehen konnte. Und durch den visionären Geist seiner Initiatoren. ■

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