Ingenieurbüro: Knippers Helbig

TALIS besuchte das Ingenieurbüro Knippers Helbig Advanced Engineering und sprach mit den Geschäftsführern über die erfolgreiche Bewerbung bei einem Ingenieurbüro. 2001 wurde Knippers Helbig Advanced Engineering, ein Ingenieurbüro für Tragwerksplanung, in Stuttgart gegründet. Die Firma bestand zunächst ausschließlich aus den beiden Namensgebern Prof. Dr. Jan Knippers und Thorsten Helbig. Anfang 2002 stellten sie ihren ersten Mitarbeiter ein, Boris Peter, der als Bauingenieur in den USA gearbeitet hatte und gerade nach Deutschland zurückgekehrt war. Gleich diese erste Personalie verdeutlicht, welche Entwicklungsmöglichkeiten das Büro seinen Mitarbeitern bieten kann: Peter wurde 2010 dritter Geschäftsführer in dem heute 35 Mitarbeiter starken Büro.

Thorsten Helbig (l.) und Boris Peter (r.), zwei von drei Geschäftsführern von Knippers Helbig Advanced Engineering.Foto: David Spoo


Thorsten Helbig (l.) und Boris Peter (r.), zwei von drei Geschäftsführern von Knippers Helbig Advanced Engineering.
Foto: David Spoo

Von Beginn an bestand großes Interesse, international zu arbeiten. „Wir haben nie darauf geschaut, in welchem Markt sich Projekte abspielen, sondern ob sie interessant für uns sind. Grenzen haben dabei keine Behinderung dargestellt“, berichtet Thorsten Helbig. Im Gegenteil: Aufgrund von VOF-Verfahren und diverser Regularien sei es – etwas überspitzt formuliert – für das junge Büro einfacher gewesen, „in China einen Flughafen zu bauen, als in Deutschland eine Turnhalle“. Bereits 2003 betreute Knippers Helbig die Universität Toronto bis zur Phase des vertieften Entwurfs, 2005 folgte die Teilnahme an der Planung des Flughafens Dubai.

Zum zehnjährigen Jubiläum konnten die Geschäftsführer auf eine Vielzahl erfolgreich umgesetzter Projekte rund um den Globus zurückblicken. Darunter finden sich nationale Projekte, wie die Geh- und Radwegbrücke Schwerin, bei der mit dem Einsatz des glasfaserverstärkten Kunststoffs GFK Pionierarbeit geleistet wurde, oder das Jugend- und Familienzentrum Bad-Cannstatt. Die Integration des Haustechnikkonzepts stellte aufgrund der thermischen Aktivierung der Stahlbetondecken eine große Herausforderung dar. Für die Expo 2010 in Shanghai entwarf das Büro eines der weltweit größten Membrandächer, für das Lincoln Center for the Performing Arts in New York wurden zwei auskragende Vordächer in Glas-Stahl-Bauweise auf Y-Stützen entwickelt. Viele Projekte entstanden in Zusammenarbeit mit weltweit renommierten Architekturbüros wie Renzo Piano, Massimiliano Fuksas, Nicholas Grimshaw oder Stefan Behnisch.

Auslandspräsenz als Kontaktbörse

„Wir sehen uns als kreatives Büro, das sich dort am besten entfalten kann, wo es eine lebendige Architektur- und Kulturszene gibt“, sagt Boris Peter. 2009 wurde ein zweites Büro in New York eröffnet. Dabei ging es eher um das Knüpfen neuer Kontakte als um den amerikanischen Markt. Ein ganz neues Projekt, das gemeinsam mit Disney in China bearbeitet wird, wäre ohne die Präsenz in den USA womöglich nicht zustande gekommen.

Das aktuell wichtigste Projekt ist die Erweiterung des Shenzhen Bao’an International Airport, dem viertgrößten Flughafen Chinas. Die Bauaufgabe umfasste die Tragwerks- und Fassadenentwicklung für ca. 300 000 m2 doppelschalige Dachkonstruktion mit bis zu 80 m Spannweite. Freie Formen und variierende Öffnungsgrade für 60 000 Fassadenelemente erforderten eine parametrische Entwicklung der Geometrien. Bis zu acht Mitarbeiter waren wegen der großen Herausforderungen teils mehrere Monate im Projektbüro in Shenzhen im Einsatz. „Nicht zuletzt aufgrund dieses Projekts haben wir den Bereich Fassadentechnologie und Fassadenengineering weiter vertieft“, erläutert Helbig und schließt an: „Diese weitere Spezialisierung trägt Früchte, daraus sind inzwischen Projekte in Indien, Wien und Belgrad entstanden.“

Knippers Helbig Advanced
Engineering

Knippers Helbig Advanced Engineering ist ein international tätiges In­gen­ieur­bü­ro mit Sitz in Stuttgart und New York. Das 2001 von Prof. Dr. Jan Knippers und Dipl.-Ing. Thorsten Helbig ge­grün­dete Un­ter­nehmen bietet ein um­fas­sendes Lei­stungs­spek­trum für die Trag­werks- und Fas­sa­den­pla­nung archi­tektonisch an­spruchs­voller Bau­ten in den Be­rei­chen Hoch­bau, Brücken­bau und Son­der­kon­struk­tionen.
35 Mitarbeiter sind für das Un­ter­neh­men tätig, das mit weltweit renommierten Architekten wie Renzo Piano, Massimiliano Fuksas, Nicholas Grimshaw oder Stefan Behnisch zusammenarbeitet. Bei der von Fuksas geplanten Erweiterung des Shenzhen Bao’an International Airport trugen Knippers Helbig die Verantwortung für Tragwerk, Fassade und Parametric Design. Weitere bekannte Projekte sind die Membranüberdachung des zentralen Eingangsbereichs der Expo Shanghai oder das Palaisquartier in Frankfurt.

www.khing.de

Im Gespräch mit TALIS fallen immer wieder die Wörter „Begeisterung“ und „Interesse“. Die Begeisterung an der eigenen Arbeit ist Thorsten Helbig und Boris Peter deutlich anzumerken, als sie von einem aktuellen Forschungsprojekt berichten. Gemeinsam mit Materialforschern, Architekten und dem baden-württembergischen Ministerium für ländlichen Raum untersucht das Ingenieurbüro den Einsatz von Holz im Brückenbau. Das älteste bekannte Baumaterial wird praktisch nicht mehr eingesetzt, weil sich die Ansicht durchgesetzt hat, dass Holz fault. „Nach unserem Dafürhalten liegt das an einem falschen Einsatz. Wir schlagen nun einen Weg vor, wie man Holzbrücken bauen kann, die robust und dauerhaft sind“, berichten die Geschäftsführer. Ein wichtiger Nebeneffekt sei, dass Holz CO2 speichert – im Falle einer solchen Brücke sogar mehr, als bei deren Herstellung gebraucht werde.

Weit mehr als nur ein Job

Für Helbig und Peter ist das, was sie tun, weit mehr als ein Job und folgerichtig erwarten sie auch von den Mitarbeitern, „dass sie Interesse an spannenden und herausfordernden Projekten haben“. Wer einfach nur einen Job suche oder seine Bewerbung nach dem angenehmsten Arbeitsweg ausrichte, der sei falsch bei Knippers Helbig.

Gelegentlich richtet sich das Unternehmen über Jobbörsen im Internet oder auch die eigene Website an potenzielle Mitarbeiter, Anzeigen in Tagungszeitungen werden aufgrund ihrer Regionalität gar nicht geschaltet. Gesucht werden Mitarbeiter, die ein spezifisches Interesse an Knippers Helbig haben, genau in diesem Büro arbeiten wollen. Daher sind Initiativbewerbungen gern gesehen. „Wir erhalten sie stetig, meist sind es gut 20 pro Monat“, sagt Peter. Die letzten Bewerbungen kamen aus Osteuropa, Spanien, Italien, den Vereinigen Emiraten und aus Dubai – „der Anteil der deutschen Bewerbungen liegt unter 50 %“, berichtet Helbig. Er bevorzugt die Online-Bewerbung. „Ich kann schnell erkennen, ob das Profil derzeit zu uns passt. Falls nicht, kann ich das dem Bewerber schnell per E-Mail mitteilen. Das spart beiden Seiten viel Aufwand.“ Ist die Bewerbung aber vielversprechend, lassen sich die Geschäftsführer gern ein ausführliches Portfolio zusenden. In seinem Anschreiben sollte der Bewerber darlegen, womit er sich während des Studiums beschäftigt hat, ob es bereits Vertiefungen in bestimmten Bereichen gab und warum er bei Knippers Helbig arbeiten möchte. Aus der schriftlichen Bewerbung und ihrer Form sollte auch hervorgehen, dass der Bewerber den Willen hat, Dinge zu gestalten. „Hierbei ist weniger meist mehr. Ich schätze Leute, die anhand von wenigen prägnanten Dokumenten zeigen können, wer sie sind und worum es ihnen geht“, erläutert Peter.

Die Brücke Margaretengürtel in Wien soll aus Holz-Brettschichtlagen bestehen. Foto: Knippers Helbig

Die Brücke Margaretengürtel in Wien soll aus Holz-Brettschichtlagen bestehen. Foto: Knippers Helbig

Die drei Geschäftsführer kümmern sich selbst um die Auswahl neuer Mitarbeiter. „Wir wollen wissen, mit wem wir täglich viele Stunden zusammenarbeiten“, sagt Helbig. Beim Vorstellungsgespräch sind meist zwei der drei Geschäftsführer anwesend. Hier geht es darum, sich gegenseitig kennen zu lernen und herauszufiltern, ob der Bewerber Interesse und soziale Kompetenz mitbringt. „Er stellt sich vor, sagt, was er gemacht hat und was er erreichen will, und wir erzählen ihm, wo wir herkommen und wo wir hinwollen. Das ist ganz wichtig, denn er muss diesen Weg ja mitgehen wollen“, erläutert Helbig. Ein wesentlicher Programmpunkt ist die Büroführung. Hier kann sich der Kandidat ein Bild von der Arbeitsatmosphäre machen und auch sehen, dass die zukünftigen Kollegen in einem offenen Raum sitzen. Wer Schwierigkeiten mit Teamarbeit hat oder lieber im stillen Kämmerlein zeichnet, der merkt selbst, dass er hier nicht gut aufgehoben wäre.

Ohne Englisch geht es nicht

Da die Projekte des Unternehmens weltweit stattfinden, wird Reisefreudigkeit vorausgesetzt, gute englische Sprachkenntnisse sind Pflicht. „Wir haben hier Bauzeichner aus den USA, aus Taiwan, einen Praktikanten aus Indien – die sprechen englisch miteinander. Auch wir tun das, wenn wir bürointern ein Projekt vorstellen oder mit unserem New Yorker Büro telefonieren. Da sitzen derzeit Amerikaner, Deutsche und Franzosen“, so Helbig. „Aber Bewerber sollten sich hier nicht verkrampfen; wenn man Spaß an der Arbeit hat, kommt man schnell in die Sprache rein“, ergänzt Peter.

Nach dem Kennenlernen, bei dem meist die Entscheidung für einen Bewerber gefallen ist, haben beide Seiten Zeit, das Gespräch sacken zu lassen. In einem zweiten Gespräch werden dann weitergehende Dinge wie das Gehalt, die Organisation des Büros oder der Arbeitszeiten thematisiert. Der Arbeitsvertrag ist mit einer DIN-A4-Seite ganz kurz gehalten. Darüber hinaus erhält der neue Mitarbeiter einen Richtlinien-Katalog. „Das ist nichts von oben Verordnetes, sondern eine von den Mitarbeitern selbst entwickelte und immer wieder modifizierte Richtlinie. Darin sind die Bedingungen fixiert, unter denen die Kollegen arbeiten und arbeiten wollen“, fasst Helbig zusammen. „Vieles darin geht weit über das Gesetzliche hinaus“, weiß Peter. Er nennt etwa das Thema Weiterbildung und sagt: „Wer sich weiter qualifizieren möchte, der rennt bei uns offene Türen ein.“

Bao’an International Airport, Shenzhen. Foto: Massimilano Fuksas

Bao’an International Airport, Shenzhen. Foto: Massimilano Fuksas

Das Unternehmen pflegt eine Kultur von Fordern und Fördern. „Bei uns herrscht wenig Standard. Die Mitarbeiter befinden sich nicht in einer Endlosschleife, in der sich ständig alles wiederholt. Im Gegenteil: Sie machen ständig Neues“, so Peter. Gerade deshalb sei ein stetiger Austausch untereinander vonnöten. Natürlich besteht bei Problemen immer die Möglichkeit, Kollegen zu fragen; darüber hinaus wurden bei Knippers Helbig zwei weitere Austausch-Plattformen etabliert: Im Drei-Wochen-Turnus geben Mitarbeiter, die sich mit einer Thematik besonders auseinandergesetzt haben, ihr Wissen im Rahmen einer Abendveranstaltung an interessierte Kollegen weiter und ein feststehender Termin ist die tägliche Kaffeepause um 15.00 Uhr. Hier kommt die Belegschaft zehn, 15 Minuten zusammen und es findet ein Abgleich statt. Mitarbeiter, die wüssten, was um sie herum passiert, und die das Handeln der Geschäftsleitung nicht als Geheimnis wahrnehmen würden, gingen ihrer Arbeit letztlich mit mehr Freude und Engagement nach, ist Helbig überzeugt.■

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