Nachverdichtung der besonderen Art

In den Ballungszentren herrscht Wohnungsnotstand. Während Deutschlands Bevölkerung weiter schrumpft, nimmt der Grad der Verstädterung immer weiter zu. Durch das organische Wachsen dieser Zentren über die Jahrhunderte hinweg sind eigentlich überall kleine Baulücken vorhanden. Die Frage ist nur: Kann man dort auch Wohnraum schaffen?

Frankfurt am Main ist mit knapp 700.000 Einwohnern die größte Stadt Hessens und die fünftgrößte der Bundesrepublik. Sie ist ebenso eines der wichtigsten Finanzzentren weltweit und beheimatet wie kaum eine andere Stadt eine Vielzahl an internationalen, führenden Unternehmen aus den unterschiedlichsten Branchen. Damit hat Frankfurt die höchste Arbeitsplatzdichte in Deutschland – doch leider nicht genügend Wohnraum. Weit über 300.000 Menschen pendeln täglich aus dem Umland oder den benachbarten Städten in die Metropole. Um dem infrastrukturellen und klimatischen Dauerstress langfristig begegnen zu können, muss dringend Wohnraum geschaffen werden. Nur wo?

Das Raum- und Energiewunder:

Das Raum- und Energiewunder:

Nachverdichtung heißt hier der Lösungsansatz. Überall in der Stadt gibt es eine Vielzahl an Baulücken, die mit herkömmlichen Bauprojekten für Mehrfamilienhäuser nicht geschlossen werden können. Eine Herausforderung, der sich immer mehr Architekten und Bauherren stellen.

Minihaus 2

Minimum Impact House.
Fotos: Drexler Guinand Jauslin

Einer von ihnen ist Hans Drexler. Auf einer Grundstücksfläche von nur 29 m2 baute er sein Minimum Impact House direkt an die Brandwand eines bereits bestehenden, älteren Gebäudes. Aufgrund der geringen Grundfläche entwickelt der Prototyp des Minihauses seine Qualitäten durch die vertikale Entfaltung neuer Räume. Was im Geschosswohnungsbau in der Ebene angeordnet ist, ist im Minihaus in die Höhe entwickelt. So gelang es den Drexler Guinand Jauslin Architekten, eine Nutzungsfläche von 145 m2 plus 10 m2 Dachterrasse zu erschaffen. Das Haus ist ein schmaler, viergeschossiger Holztafelbau mit massivem Sockelgeschoss und kleiner Dachterrasse mit eigenem Garten. Durch großzügige Fensterfronten und teils verglaste Decken- und Wanddurchbrüche auf allen Geschossen entsteht trotz geringer Maße ein Gefühl für Weite. Hier wird der Stadtraum mitbewohnt. Der mehrstöckige Bau eines Großstadthauses mit Holz stellt hier ein besonderes Novum dar. Holz ist aus ökologischer Sicht ein idealer Baustoff: nachwachsend, dämmend, wärmespeichernd und recyclebar. Zudem verkürzt der Aufbau als Holzkonstruktion die Bauzeit enorm. Das verringert die Lärmbelästigung für die Anwohner – ein wichtiger Aspekt beim Thema Nachverdichtung. Ein weiteres Anliegen des Architektenteams um Drexler aus Frankfurt am Main war es aber, ebenso ein energiesparendes Wohnen zu ermöglichen. Das Minimum Impact House entspricht dem Standard eines Passivhauses. Alle Glasflächen des Hauses sind optimal auf die Wärme- und Lichteinstrahlung ausgerichtet. Zwei Sonnenkollektoren beheizen das Wasser und die Wärmerückgewinnung der Lüftungsanlage gewährleistet ein angenehmes Raumklima.

Das Schmalste: Auf dem Restgrundstück stehen nun...

Das Schmalste: Auf dem Restgrundstück stehen nun…

Nutzbare Baulücken existieren aber nicht nur an Brandwänden. Auch freiliegende Grundstücke mit sonderbaren Maßen können mit Kreativität sinnvoll bebaut werden. Das konnte sich aber bei einem Restgrundstück von 9 x 67 m keiner vorstellen. Erschwerend kam hinzu, dass aufgrund der Abstandsflächen und Stellplatznachweise die nutzbare Fläche auf 3,20 m x 45 m schrumpfte. Und so blieb es ungenutzt, bis Josef Kruljac, Geschäftsführer des Eismann & Partner Planungs- und Bauleitungsbüros, den Hinweis eines Bekannten bekam. Entstanden sind hier die neuen Büroräume für Eismann & Partner sowie zwei Wohnungen im Obergeschoss. Der im Untergeschoss fast vollständig verglaste Kernbau kaschiert die schlauchigen Ausmaße. Der Aufbau des Obergeschosses auf Säulen über das Untergeschoss hi­naus lässt den Eindruck von Leichtigkeit entstehen und gibt den unteren Räumen mehr Licht und Weite.

…Wohnungen und Büroräume.
Fotos: Eismann & Partner

Ein weiteres architektonisches Highlight begrüßt seit 2009 Spaziergänger und Touristen am Mainkai mit seinen buntbeleuchteten Glasfronten. Bei einer Grundstücksgröße von gerade mal 4 x 11 m entstand hier ein Multifunktionshaus, das sowohl Wohnungen, ein Restaurant, einen Club als auch ein Büro beherbergt. Der Bauherr Steen Rothenberger erfüllte sich damit einen lange gehegten Traum: „Das Leben in der Vertikalen fasziniert mich.“ Durch die durchgängige Glasfront wird nicht nur das städtische Leben nach innen geholt, ebenso stülpt sich das private Leben nach außen, macht es zur Kunst, die jeden Passanten wie in einem Museum zum Verweilen und Bestaunen einlädt.

Ein wirklich klassischer Fall eines „Tortengrundstückes“ stellt das nächste Wohnobjekt da. Ursprünglich sollten hier Garagen entstehen, doch bei Grundstücksmaßen von max. 5,50 m x 12,60 m war dafür einfach nicht genügend Platz. Also schlug der damit beauftragte Architekt Kyriazis Papayannis der Bauherrin ein Wohnhaus vor. Angesichts der Wohnraumknappheit war diese sofort begeistert. Entstanden ist hier ein großzügiger Wohnbereich mit Terrasse und genügend Platz für Kind und Kegel. Im offen gehaltenen Erdgeschoss kann geparkt werden. Trotz dieser sehr knappen Grundstücksfläche konnte so ein Wohnraum von 169 m2 realisiert werden. Intuitiv scheint es also genügend freie Flächen zu geben und ebenso gibt es eine Reihe an kreativen und klugen Architekten, die mit ihren kompetenten Teams diese Brachflächen in Wohnraum verwandeln können. Und tatsächlich: Hans Drexler hat sich mit seinem Team auf die Spur nach ungenutzten Bauflächen in Frankfurt am Main begeben und dabei Erstaunliches ermittelt: Würde man auf alle diese Flächen Minihäuser, Dachaufstockungen oder Hofhäuser zubauen, könnte man laut dieser Studie 1/3 des für die nächsten 10 Jahre prognostizierten Bedarfs an Wohnraum decken. Die Frage ist, warum die vorgestellten Häuser bisher noch die Ausnahme bilden.

Was für Autos zu klein war...

Was für Autos zu klein war…

Zum einen ist der Bau eines Minihauses wesentlich teurer, dafür sind aber die Grundstücke kostengünstiger. Hier ist ein strategisches Umdenken erforderlich. Ebenso scheint der Erwerb solcher Restflächen schwieriger als bei „normalen“ Grundstücken. Die Eigentümer würden sich scheuen, die Grundstücke zu verkaufen oder eigene Initiativen zu entwickeln. Hier muss die Stadt zusätzliche Anreize schaffen.

...bietet nun genügend Wohnraum für eine ganze Familie. Fotos © Atelier Steiner, Darmstadt

…bietet nun genügend Wohnraum für eine ganze Familie. Fotos © Atelier Steiner, Darmstadt

Ebenso gilt es seitens der Bauherren und Architekten, Strategien zu entwickeln, die den Lärm und die Verschmutzungen durch eine Baustelle gerade in dicht besiedelten Gebieten auf ein Minimum reduzieren. Der modulare Aufbau mit vorgefertigten Holzkonstruktionen wie beim Minimum Impact House scheint da ein richtiger Ansatz zu sein. ■

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