Neue Wege – gleiche Richtung

Schon bei der Berufswahl muss man sich für eine bestimmte Richtung entscheiden, das hört im Studium nicht auf und setzt sich im Berufsleben fort. Mit einem Architektur- oder Bau­ingenieurstudium im Gepäck eröffnen sich unzählige Wege – manche sind naheliegend, manche scheinen vom Kurs abzuweichen. Und trotzdem zeigt der Kompass immer in die gleiche Richtung. In diesem Kapitel zeigen wir verschiedene Wege für Architekten und Bau­ingenieure auf.

Aufbaustudium

Zahlreiche Fachhochschulen und Universitäten bieten Aufbaustudiengänge für Architekten und Bauingenieure an. Dabei handelt es sich um Fernstudiengänge mit drei bis fünf Semestern Studiendauer. Die Teilnehmer erhalten dazu umfangreiches Studienmaterial sowie Übungsaufgaben, die nach Bearbeitung zurückgeschickt werden müssen. Das Studium endet im Allgemeinen mit einer Abschlussarbeit, mehreren Präsenzseminaren am Hochschulort und einer Abschlussklausur. In Einzelfällen kann man auf diese Weise sogar promovieren. Das Angebot an Aufbaustudiengängen ist breit gefächert, es reicht von „Bauen im Bestand“ bis hin zu „Europäische Urbanistik“.

Baureferendariat: Praxisnahe Zusatzausbildung

Ähnlich wie Juristen oder Pädagogen können Architekten und Bauingenieure ein Referendariat machen und damit eine Beamtenlaufbahn im höheren technischen Verwaltungsdienst einschlagen. In Zeiten des Wirtschaftswunders nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die Bundesländer noch ihre liebe Not, Referendare zu gewinnen. Damals konnten Akademiker in der freien Wirtschaft wesentlich mehr Geld verdienen. An einem krisensicheren Job bei „Vater Staat“ hatte kaum jemand Interesse. Das hat sich grundlegend geändert. Referendariatsplätze, um die man sich bewerben muss, sind mittlerweile sehr begehrt. Freie Stellen für den Vorbereitungsdienst als Referendar oder Referendarin bieten der Bund, die Länder, Kommunen oder Landkreise an. Voraussetzung ist ein abgeschlossenes wissenschaftliches Hochschulstudium, auch Master-Abschlüsse werden anerkannt. Ein Fachhochschul-Abschluss reicht nicht aus. Angeboten werden die

Foto: Sergej Seemann - Fotolia.com

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Fachrichtungen: Hochbau, Städtebau, Bauingenieurwesen (Wasser-, Straßen- und Stadtbauwesen) und Umwelttechnik (Umweltschutz). Die Ausbildung hat das Ziel, Führungskräfte für leitende Tätigkeiten in der öffentlichen Verwaltung heranzubilden. In der Ausbildung lernen Referendare Aufgaben, Organisation und Arbeitsweise der Verwaltung kennen, außerdem werden ihnen die Anwendung der Rechts- und Verwaltungsvorschriften, die Methoden zur Sicherstellung einer effektiven und wirtschaftlichen Verwaltung sowie die Führung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vermittelt. Das Referendariat dauert mindestens zwei Jahre. Vorherige berufsbezogene Tätigkeiten können unter Umständen angerechnet werden und die Ausbildungszeit verkürzen. Referendare sind „Beamte auf Widerruf“. Ihre Bezüge während des Vorbereitungsdienstes betragen zurzeit rund 1.000 Euro und rund 100 Euro Familienzuschlag monatlich zuzüglich Kindergeld. Da Beamte keine Arbeitslosen- und Rentenversicherung abführen müssen, bleibt unterm Strich ein höherer Nettolohn übrig als in einem Angestelltenverhältnis bei gleichem Bruttolohn.
Der Vorbereitungsdienst schließt mit der „Großen Staatsprüfung“, bestehend aus einer häuslichen Prüfungsarbeit, vier schriftlichen Klausuren und einer mündlichen Prüfung, beim Oberprüfungsamt in Bonn ab. Nach bestandener Prüfung darf man die Berufsbezeichnung „Bauassessor/-in“ führen. Damit besteht die Möglichkeit, sich im gesamten Bundesgebiet um eine Anstellung im höheren technischen Verwaltungsdienst oder in der freien Wirtschaft zu bewerben. Nähere Infos zum Baureferendariat erteilt das Oberprüfungsamt für den höheren technischen Verwaltungsdienst unter www.Oberpruefungsamt.de. Einzelne Bundesländer wie Bayern oder Baden-Württemberg haben eigene Prüfungsämter. (Lesetipp: Bewerbung im Öffentlichen Dienst)

Bauinspektorenlaufbahn

Fachhochschulabsolventen ohne Masterabschluss haben die Möglichkeit, eine Beamtenlaufbahn im gehobenen bautechnischen Dienst einzuschlagen und damit Bauoberinspektor/-in zu werden. Der Vorbereitungsdienst dauert in der Regel 18 Monate. Die Ausbildung erfolgt bei Baubehörden und an Bildungseinrichtungen der öffentlichen Verwaltung, zum Beispiel bei Bauaufsichtsbehörden, Hoch- und Tiefbauämtern, Straßenbauämtern oder Landratsämtern. Um einen Ausbildungsplatz kann man sich bei Bundes- oder Landesministerien bewerben. Angeboten werden die Fachrichtungen Hochbau und Städtebau, Bauingenieurwesen mit dem Schwerpunkt Straßenwesen oder Wasser- und Abfallwirtschaft sowie Baubetrieb. Die Ausbildung endet mit der „Staatsprüfung“, bestehend aus einem schriftlichen und einem mündlichen Teil. Beamte des gehobenen bautechnischen Dienstes arbeiten später als Sachbearbeiter in den staatlichen und kommunalen Bauverwaltungen, bei Straßenbauverwaltungen, Wasserwirtschaftsbehörden und der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung.

Wissenschaftliche Laufbahn

Die Zahl der Stellen für Professoren an Universitäten und Fachhochschulen ist eher rückläufig oder es werden Stifterprofessuren nur für eine begrenzte Zeit, zum Beispiel für fünf Jahre, besetzt. Voraussetzung ist die Promotion mit mindestens „sehr gut“, außerdem werden fünf Jahre Berufspraxis außerhalb der Hochschule vorausgesetzt. Architekten müssen herausragende Entwurfsleistungen vorweisen können. Wichtig ist, nach der Promotion Kontakt zur Universität zu pflegen, zum Beispiel durch Lehraufträge. Vorteilhaft sind Veröffentlichungen in Fachzeitschriften sowie die Mitarbeit in Fachausschüssen. Voraussetzung für eine erfolgreiche wissenschaftliche Karriere sind außerdem Fleiß und Ausdauer. Im Übrigen muss man vieles dem Zufall überlassen und auf das „Quäntchen Glück“ hoffen. Planbar ist eine Hochschulkarriere nicht. Die Habilitation, das heißt eine weitere wissenschaftliche Prüfung, ist bei Architekten und Bauingenieuren eher selten. Die Hochschulen bieten in ihren Instituten auch Planstellen als wissenschaftliche Mitarbeiter, Oberingenieure, akademische Räte sowie zeitlich begrenzte Stellen für Forschungsvorhaben an. Hierüber ergibt sich häufig die Möglichkeit einer Promotion. In einzelnen Bundesländern ist es möglich, an den Universitäten Promotionsstipendien nach dem „Graduiertenförderungsgesetz“ zu beantragen. Voraussetzung ist ein sehr guter Diplom- beziehungsweise Masterabschluss. Das Promotionsthema muss von zwei Professoren der betreffenden Fachrichtung befürwortet werden. Die Promotionsstipendien werden im Allgemeinen für die Dauer von zwei Jahren vergeben, soweit Mittel bereitstehen. Darüber hinaus gibt es politische, gewerkschaftliche, kirchliche und Umweltstiftungen, die Promotionsstipendien vergeben. Einige Adressen sind im Anhang des Buches zu finden.

vorstellungsgespräch architekt bauingenieur1Rhetorik

Die Fähigkeit, Ideen interessant und mitreißend zu präsentieren, ist eine Begabung, die Ihnen in allen Bereichen des Berufslebens nur Vorteile bringt, ganz egal ob Sie nun im Öffentlichen Dienst oder in der freien Wirtschaft arbeiten werden. Das gilt für Architekten und Bauingenieure gleichermaßen. Architekten müssen in der Lage sein, ihre Entwürfe nicht nur perfekt auszuarbeiten, sondern alle am Projekt Beteiligten davon zu überzeugen. Auch Bauingenieure brauchen gute Kommunikationsfähigkeiten beim Umgang mit Bauherren, Mitarbeitern und Vorgesetzten. Den wenigsten Menschen ist dieses Talent in die Wiege gelegt, was keinen Anlass zur Resignation geben soll. Stimm- und Präsentationstechniken lassen sich erlernen, jeder gute Schauspieler arbeitet jahrelang daran. Wer noch keinen Arbeitsplatz hat und seine Zeit sinnvoll nutzen möchte, ist gut beraten, seine rhetorischen Fähigkeiten zu trainieren. Das sollte sich nicht nur auf den Besuch von Rhetorik-Kursen beschränken. Nutzen Sie jede Gelegenheit im privaten oder besser noch im beruflichen Bereich, Vorträge zu halten. Eine Ansprache auf der Hochzeit der besten Freundin ist ein guter Anfang.

Fach-Journalismus

Journalisten brauchen nicht nur ein gutes Gespür für Themen und eine gute Schreibe. Durchhaltevermögen und Spaß an der Sache sind ebenso wichtig. Wer in den Journalismus wechselt, kann durchaus vom Regen in die Traufe geraten, denn der Arbeitsmarkt für die schreibende Zunft ist übersättigt. Immerhin haben architektonisch oder bautechnisch vorgebildete Journalisten anderen gegenüber etwas Entscheidendes voraus: Sie können mit Sachverstand und Fachwissen über Bau- und Architekturthemen berichten. Einen gesetzlich vorgeschriebenen Weg in den Journalismus gibt es nicht. Die Berufsbezeichnung „Journalist“ ist, anders als bei Architekten, nicht geschützt. Jeder darf sich so nennen, doch nicht jeder wird von den Zeitungs-, Hörfunk- oder Fernsehredaktionen beschäftigt. Oft wird ein Volontariat erwartet. Dabei handelt es sich um eine meist zweijährige Ausbildung in einer Redaktion, in der man das journalistische Handwerk erlernt. Für Architekten und Bauingenieure würde sich beispielsweise ein Volontariat bei einer Baufachzeitschrift oder in der Wissenschaftsredaktion eines Hörfunk- oder Fernsehsenders anbieten. Während der Ausbildung erhält man ein Ausbildungsgehalt. Volontariatsplätze sind rar. Zu den Einstellungsvoraussetzungen zählen erste journalistische Erfahrungen in Form von Praktika oder freier Mitarbeit im journalistischen Bereich. Beim Hörfunk und beim Fernsehen wird außerdem eine rundfunktaugliche Stimme erwartet.

Technische/-R Redakteur/-In

Gute Berufsaussichten haben technische Redakteure. Sie schreiben überwiegend technische Dokumentationen von Produkten wie Bedienungs-, Reparatur- und Wartungsanleitungen, entwickeln aber auch Schulungs-, Messe- und Vertriebsunterlagen, beispielsweise für die PR-Abteilungen großer Konzerne. Ähnlich wie beim Journalisten gibt es keine gesetzlichen Vorschriften, um technischer Redakteur zu werden. Die notwendige Qualifikation können Architekten und Bauingenieure durch Fortbildungskurse, durch ein Volontariat oder ein Zusatzstudium erlangen. Es gibt in diesem Bereich aber auch viele Quereinsteiger ohne besondere Zusatzausbildung. Nähere Auskünfte zu diesem Beruf gibt es beim Deutschen Fachverband für Technische Kommunikation und Informationsentwicklung (tekom) unter www.tekom.de.

Energieberatung

Manchmal eröffnen neue Gesetze neue Betätigungsfelder für Architekten und Bauingenieure. Die Novellierung der Energieeinsparverordnung (EnEV) ist dafür ein gutes Beispiel. Sie ist am 1. Oktober 2007 in Kraft getreten. Das neue Gesetz erweitert den Anwendungsbereich von Gebäude-Energieausweisen. Bisher musste dieses Dokument nur für Neu- und Umbauten ausgestellt werden. Seit Juli 2008 ist der Energieausweis auch für bestehende Gebäude Pflicht, und zwar dann, wenn das Objekt verkauft oder vermietet werden soll. Das gilt für alle Arten von Gebäuden, auch für Büro- und Dienstleistungsimmobilien. Im Gebäude-Energieausweis wird die Energieeffizienz eines Gebäudes angegeben. Die Beurteilung nehmen häufig Architekten, teilweise auch Bauingenieure vor, die bei einer Architekten- oder Ingenieurkammer eine Zusatzausbildung zum Energieberater absolviert haben.

Facility Management (FM)

Der englische Begriff „facilities“ bedeutet auf Deutsch „Anlagen“. Mit Facilty Management ist das technische, kaufmännische und infrastrukturelle Management von Liegenschaften gemeint. Die Tätigkeit zielt auf einen langfristigen Erhalt und eine Erhöhung der Vermögenswerte in Form von Bausubstanz, Anlagen und Einrichtungen. Dies kann sowohl unternehmensintern über eine entsprechende Abteilung erfolgen als auch von externen Anbietern durchgeführt werden. Facility Management ist inzwischen als wissenschaftliches Fach etabliert und wird von verschiedenen Hochschulen als Studiengang angeboten. Zunehmend kommen Architekten und Bauingenieure in diesem Bereich zum Einsatz, besonders im Gebäudemanagement – einer Teildisziplin des Facility Managements. Zu ihren Aufgaben gehört es, den einwandfreien Ablauf von technischen Prozessen innerhalb des Gebäudes zu gewährleisten, zum Beispiel die Ver- und Entsorgung oder Energieversorgung. Sie sind außerdem für die Ausschreibung und Betreuung von Sanierungs- oder Anbaumaßnahmen in Bestandsgebäuden zuständig. Im Idealfall begleiten sie alle Lebenszyklen der Gebäude – von Planung bis Abriss. Facility Management ist nicht mit einer Hausmeistertätigkeit zu verwechseln. Es geht vielmehr um Organisation und Optimierung von Prozessen, die innerhalb einer Einrichtung passieren. Facility Manager sind in der Regel Generalisten, die in Unternehmen als Schnittstelle fungieren und die Kommunikation zwischen Fachbereichen und Teildisziplinen herstellen.  ■

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