Landschaftsarchitektur auf Chinesisch

Andreas Luka war schon viele Jahre als Landschaftsplaner in Deutschland erfolgreich, als er sich 2005 entschloss, nach China zu gehen, um dort die Beteiligung an Projekten vor Ort zu koordinieren, insbesondere für die Olympischen Spiele in Peking. Mittlerweile hat der 49-Jährige dort eine neue Heimat gefunden und arbeitet als selbständiger Projektmanager und Consultant im Bereich Landschaftsplanung.

Herr Luka, Sie leben jetzt seit fast acht Jahren in China. War das Ihr Plan?

Andreas Luka: Also, ich konnte mir immer gut vorstellen, im Ausland zu leben und zu arbeiten. Rainer Schmidt Landschaftsarchitekten, das Büro, in dem ich damals arbeitete, plante die Eröffnung von Außenbüros, einfach um Projekte vor Ort besser abwickeln zu können. Eines sollte in China sein. Der Großvater meiner damaligen Frau war Anfang der Siebziger Konsul in Peking. Von daher war China in unserer Familie immer präsent.

Wie kam der geschäftliche Kontakt nach China zustande?

Andreas Luka: Wir hatten uns als Büro an einem Wettbewerb sowohl zu den Gesamtplanungen für die Olympischen Spiele als auch für den Olympischen Park beteiligt. Da ging es darum, Finanzmittel einzutreiben, Urheberrechte zu verteidigen – also um alles das, was auf dem chinesischen Markt wichtig ist. Über dieses Projekt wurde ich von Kollegen angefragt – das geht in China alles über persönliche Verbindungen –, ob ich nicht die Terrassenanlagen für das Wasserkonzept betreuen und diesen Teil der Planungen federführend leiten könnte. Daraus haben sich dann noch andere Teilbereiche wie Spielplätze und Eingangsbereiche im Olympiapark ergeben.

Auch wenn China aus familiären Gründen für Sie nahelag, war es doch ein großer Schritt, in ein so fremdes Land, eine so fremde Kultur einzutauchen. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?

Landschaftsarchitekt Andreas Luka lebt und arbeitet in Peking. Foto: Nicole Puscz

Landschaftsarchitekt Andreas Luka lebt und arbeitet in Peking. Foto: Nicole Puscz

Andreas Luka: (lacht) Gar nicht. Es ging so schnell, ich hatte gar keine Zeit, mich vorzubereiten. Glücklicherweise kannte ich aus dem Studium zwei Kollegen aus China, von denen eine bei uns im Büro ein Praktikum gemacht und mir zumindest ein paar Grundkenntnisse in Chinesisch beigebracht hatte. Ich würde das aber niemandem empfehlen, so unvorbereitet nach China zu gehen.

Was war Ihr erster Eindruck, als Sie in China ankamen?

Andreas Luka: Riesig, alles riesig, große Straßen, lange Strecken – und auch die Unterschiedlichkeiten im Land. Ich war gerade mal eine Woche in Peking und dann ging es gleich nach Shenyang im Nordosten weiter. Es war Anfang Mai, aber dort lag noch Schnee, während in Peking schon richtig Frühling war. Und von dort aus ging es dann ganz in den Süden, nach Guangzhou, wo schon fast hochsommerliche Temperaturen herrschten – das sind ja schon die Subtropen. Diese gewaltigen Unterschiede waren schon beeindruckend. Und sind es immer noch, auch wenn ich schon lange dort lebe. Also, für mich ist China kein Land, sondern ein ganzer Kontinent.

Gab es Dinge, mit denen Sie nicht gerechnet hätten, dass sie für Sie zum Problem werden könnten?

Andreas Luka: Ich hatte zumindest im Ansatz eine Organisation wie in Deutschland erwartet. Dass es nicht ganz so strukturiert ablaufen würde, war mir schon klar, aber dieser Widerspruch zwischen ständig warten und ständig in Eile sein, also ganz schnell irgendwohin düsen zu müssen, um dann dort erst einmal zu warten, weil irgendetwas nicht oder nur unzureichend organisiert worden ist, zehrt schon an den Nerven. In China gibt es immer sehr viele Beteiligte, die schwierig unter einen Hut zu kriegen sind. Im Nachhinein ist das für mich normal geworden, aber am Anfang hat mich das schon gewaltig mitgenommen.

Wie lange haben Sie gebraucht, bis Sie sich an die neue Situation gewöhnt hatten?

Foto: Tsinghua University Urban Planing and Design Institute

Foto: Tsinghua University Urban Planing and Design Institute

Andreas Luka: Gelegentlich kommt es noch heute vor, dass ich mich darüber aufrege. Ich denke, man braucht so sechs bis sieben Monate, um sich an den Lebensstil zu gewöhnen. Dazu kommt, dass sich die Menschen in den einzelnen Landesteilen sehr stark unterscheiden. Und je mehr man versteht, auch sprachlich, desto mehr neue Überraschungen ergeben sich. Also, wenn Sie mich fragen, wie China funktioniert, kann ich nur antworten: Ich hab’ zwar eine Ahnung, aber wissen tu ich es nicht.

Hat die Zeit in China Sie verändert?

Andreas Luka: Ja, extrem. Ich denke, sowohl in persönlicher Hinsicht als auch, was meinen Stil als Planer angeht. Mein Wissen um chinesische Gartenkultur und Landschaftsplanung ist viel intensiver geworden. Das kann man nicht aus Büchern lernen, weil chinesische Gärten sich natürlich sehr stark auf chinesische Landschaften beziehen und man die Anschauung vor Ort haben muss. Ein Garten ist hier immer auch eine spirituelle Verbindung zu einer existierenden Landschaft. Und wenn man diese Landschaften nicht kennt, erschließen sich viele Gärten gar nicht. Ostasiatische Gartenkultur – chinesische Gärten, japanische Gärten, koreanische Gärten – sollte eigentlich genauso in den Reiseplan von Landschaftsarchitekturstudenten gehören wie Gärten in Europa, weil das einfach eine unwahrscheinlich reiche Kultur ist. Und das Wissen um diese Kultur hat meine Planungen deutlich verändert. Sie sind auch wesentlich farbiger geworden.

Wie sind Sie zur Landschaftsarchitektur gekommen?

Andreas Luka: Als Quereinsteiger. Ich habe eigentlich Gartenbau studiert und bin über einen sehr langen Prozess, über den Landschaftsbau und die Arbeit in der Planungsbehörde, zur Landschaftsarchitektur gekommen. Ein bisschen flapsig gesagt: Erst habe ich Pflanzen produziert, dann habe ich welche auf die Baustelle gebracht, dann habe ich welche auf der Baustelle eingebaut und zum Schluss habe ich festgelegt, wo welche hinkommen. So hat sich das peu à peu entwickelt. Es war ein sehr mühsamer Weg, und wenn ich heute die Wahl hätte, würde ich direkt Landschaftsarchitektur studieren.

Sie waren unter anderem mit der landschaftsarchitektonischen Umsetzung des Wasseraufbereitungssystems im Olympic Forest Park betreut, mit 680 Hektar einer der größten städtischen Parkanlagen der Welt. Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit den einzelnen Anbietern und Auftraggebern?

Ein Garten in China ist immer auch eine spirituelle Verbindung zu einer existierenden Landschaft. Foto: GTL Gnüchtel Triebswetter

Ein Garten in China ist immer auch eine spirituelle Verbindung zu einer existierenden Landschaft.
Foto: GTL Gnüchtel Triebswetter

Andreas Luka: Es war ein sehr internationales Team, auch eine kleine Gruppe Deutscher, darunter zwei Architektinnen. Professor Hu Jie, der das Designinstitut der Tsinghua-Universität leitet hatte, Erfahrung mit internationaler Zusammenarbeit. Die Gesprächsrunden waren riesig, da saßen sehr viele Leute am Tisch und es wurde sehr lange diskutiert. Manches musste interpretiert werden. Selbst wenn es korrekt gedolmetscht wurde, verstand man es nicht, weil einem einfach das Hintergrundwissen fehlte, wer welche Beziehungen hat und durch eine bloße Andeutung quasi einen Befehl erteilt, nur weil er so wichtig ist. Um das zu verstehen, braucht man wirklich gute chinesische Partner, sonst ist man völlig verloren – nur mit Dolmetschern kriegt man das nicht hin.

Wie schafft man es bei einer so undefinierten Verhandlungs­position, eigene Vorstellungen durchzusetzen?

Andreas Luka: Es ist enorm anstrengend. Aber im Prinzip gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder man lässt sich auf die chinesischen Arbeitsbedingungen ein, versucht sie zu verstehen und klinkt sich in die jeweiligen Arbeitsprozesse ein oder man beharrt darauf, dass man als Firma für eine bestimmte Vorgehensweise bekannt ist und dies die Grundlage für die weitere Zusammenarbeit darstellt. Wenn man mit einem starken chinesischen Partner wie dem Designinstitut der Tsinghua-Universität zusammenarbeitet, kann man sich natürlich nicht hinstellen und verlangen: „So wird das gemacht.“ Aber es gibt schon Dinge im Technischen und im Entwerferischen, wo wir ganz klar gesagt haben: „So möchten wir das haben. Und jetzt setzen wir uns zusammen und erklären euch das so lange, bis ihr wirklich verstanden habt, was wir wollen und warum wir das wollen und warum das besser ist als das, was ihr vorschlagt.“ Aber es ist natürlich ein sehr langwieriger Prozess und der strapaziert arg die Geduld. Das war sicherlich mit das Anstrengendste für mich, Geduld zu bewahren.

Umwelttechnologie aus Deutschland ist auch in China gefragt. Gleichzeitig ist das Land für einen rücksichtslosen Raubbau an der Natur berüchtigt. Wie passt das zusammen?

Andreas Luka: Es ist beides: Für den Olympischen Park wurde ein riesiger See ausgehoben und ein ganzer Berg aufgeschüttet, das ist natürlich nicht die Strategie des minimalen Eingriffes. Aber es galt, diese Prozesse so umweltverträglich wie möglich durchzuführen und auch viel Baumbestand zu erhalten. Was nicht funktioniert hat, war der Erhalt dörflicher Strukturen, da gab es vorher ein großes Umsiedlungsprogramm. Die Chinesen sind sich der Problematik aber sehr wohl bewusst, und ich glaube, es ist auch sehr schwierig, in einem Land, das Wachstum braucht, um sozial und ökonomisch stabil zu bleiben, eine Balance zwischen wirtschaftlicher Dynamik und Umweltproblematik zu finden. Aber das war in Deutschland vor 40 Jahren auch nicht anders, als die ökologische Bewegung angefangen hat. Die Chinesen haben allerdings den Vorteil, von unseren Erfahrungen zu profitieren, sie sind an diesem Wissenstransfer sehr interessiert. Hier kann man mit Umwelttechnologie als deutsche Firma wirklich punkten. Beim Thema Nachhaltigkeit sind die Deutschen ja schon sehr gut aufgestellt, aber es fehlt am Marketing. Bei uns gibt es kein LEED-Programm (Anm. der Red.: Leadership in Energy and Environmental Design), weil bei uns die Mindestanforderungen an Gebäude schon per Gesetz viel höher sind als die Umweltprogramme in anderen Ländern. Wenn wir in Deutschland unsere Gebäude alle nach dem amerikanischen System nach LEED zertifizieren würden, bekämen alle Gold- und Platinstufe. Aber in China ist das ein großes Thema. Da gibt es relativ viele Initiativen und darüber kann man auch akquirieren. Auf der anderen Seite sind natürlich auch viele deutsche Büros für ihre gestalterische Sprache bekannt, und das wird auch gefordert. Es gibt große Entwickler, die modern und international planen wollen, der Bedarf ist also da. Und durch die Kulturrevolution und ihre Nachwirkung fehlt in China auch eine ganze Generation an Landschaftsarchitekten.

Wie modern können Ihre Entwürfe denn tatsächlich sein? Mit welchen Erwartungen sehen Sie sich konfrontiert?

Wer in China arbeiten möchte, muss sich mit der Mentalität der Menschen auseinandersetzen. Foto: Ute Schroeter

Wer in China arbeiten möchte, muss sich mit der Mentalität der Menschen auseinandersetzen. Foto: Ute Schroeter

Andreas Luka: Das Herausfiltern von Erwartungen ist eine der schwierigsten Herausforderungen, weil es kein Briefing gibt. Alles ist immer sehr, sehr vage. Der erste Arbeitsschritt besteht immer darin, herauszufinden, was der Kunde wirklich will und braucht. Ebenso wichtig ist es, zu verstehen, wer was zu sagen hat. Einige Auftraggeber wollen es eher traditionell, andere wieder wollen es ultramodern. Und dann wieder gibt es welche, die wollen eine Mischung aus traditionellem Stil mit modernster Technik. Und es gibt diesen Fusion-Stil, den einige sehen wollen. Das Puristische, sagen wir das Schweizern in der Landschaftsarchitektur, ist nur begrenzt möglich.

Letztendlich hatte ich auf die formale Gestaltung des Olympischen Parks kaum Einfluss. Wo ich dagegen sehr viel Einfluss hatte, war die funktionale Gestaltung, zum Beispiel der Eingangsbereiche, damit der Zugang ohne Warteschlangen und sich kreuzende Wege funktioniert. Meine Stärke ist eher das Analytische und das Funktionale, das Umsetzen von Ideen. Und das ist auch das Wissen, womit ich in China punkten kann.

Welche weiteren Schlüsselkompetenzen sind in China nachgefragt?

Andreas Luka: Eine Marktlücke gibt es bei der effektiven Organisation von Arbeitsprozessen. Die chinesischen Büros sind alle sehr groß, viel größer als in Europa. Gleiches gilt für die Projekte, die in Europa jedoch wesentlich effektiver abgewickelt werden. Vieles könnte mit der Hälfte oder einem Drittel des Personals erledigt werden, doch es mangelt an Effizienz, weil Arbeitsprozesse nicht gut strukturiert sind, Daten verloren gehen, viele Dinge doppelt gemacht werden und die Kommunikation irgendwo versandet. Das hat weniger mit kulturellen Eigenheiten als mit einer fehlenden Berufserfahrung zu tun. Die chinesischen Büros sind ja alle relativ jung. Viele Büros sind extrem schnell gewachsen, zum Beispiel das Designteam der Tsinghua für den Olympischen Park innerhalb eines Jahres von fünf Personen auf fünfzig. Da fehlen dann natürlich Strukturen. Ein Großteil meiner Arbeit im Anschluss an den Olympischen Park bestand darin, Arbeitsprozesse besser zu organisieren und für neue Projekte Strukturen aufzubauen. Wobei es ja schon in einem deutschen Büro nicht immer einfach ist, die Disziplin zu halten – aber in einem chinesischen Büro mit noch mehr Beteiligten …

Ist die Umsetzung einer deutschen Unternehmenskultur vor dem chinesischen kulturellen Hintergrund überhaupt möglich?

Andreas Luka: Es ist natürlich schwierig, aber in China ist gerade sehr viel im Umbruch. Es gibt gerade in unserem Berufsfeld, bei den Architekten, den Planungsberufen und den Designern Leute, die viel Auslandserfahrung mitbringen. Auch in Deutschland arbeitet ja jedes Büro ein bisschen anders. Es hängt aber auch mit den Größen der Büros zusammen. Natürlich stehen in den großen Planungsbüros wie dem Design-Institut der Tsinghua-Universität die Chefs in der Hierarchie ganz oben und dann kommt erst einmal eine Weile nichts. Erst dann kommen die langjährigen Mitarbeiter. Und das sind eben nicht viele, und die haben schon sehr großen Einfluss auf das, was in dem Büro passiert. Da muss man sich dann als Consultant irgendwo in diese Ebene einordnen. Der oberste Chef wird man ganz gewiss nicht, das ist auch schwierig mit der chinesischen Gesetzeslage.

Für Großprojekte wie den Olympischen Park werden in China massive Umsiedlungen vorgenommen und vieles möglich gemacht, das aus deutscher Sicht fragwürdig erscheint. Bereitet Ihnen das Bauchschmerzen?

Andreas Luka: Ja schon. Man sollte sich mit diesem Thema auseinandersetzen, bevor man damit konfrontiert wird, und für sich persönlich eine Grenze ziehen, was man macht und was man nicht macht. Und dann muss man seinem chinesischen Partner auch sagen: „Für dieses Projekt stehe ich nicht zur Verfügung, und zwar aus dem und dem Grund.“ Man kann natürlich nicht, wenn man irgendwo zu einer Regierungsstelle geht und als Chefplaner vorgestellt wird, dem Beamten sagen: „Nein, das mache ich nicht.“ Man muss darauf achten, dass das Gegenüber sein Gesicht nicht verliert, und die Dinge bereits im Vorfeld so besprechen, dass es nicht zu einer solchen Situation kommt. Letztlich ist es auch eine Anforderung an den Planungsprozess: Was kann man selbst verantworten, wie weit kann man gehen und was ist wirklich positiv für die Entwicklung Chinas als Land? Bisher bin ich nur einmal in die Situation gekommen, ein Projekt ablehnen zu müssen. Gebäude für eine Parteibehörde oder eine Polizeistation oder ein Gefängnis, das käme für mich nicht in Frage.

In Anting, einem Vorort von Shanghai, sollte ein deutscher Stadtteil gebaut werden, der dem Klischee von deutscher Fachwerkarchitektur entsprechen sollte. Gibt es solche Wünsche auch im Bereich Landschaftsplanung?

Andreas Luka: Ja, die Klischees gibt es: Vorstellungen von dem, was man haben möchte und was typisch deutsch ist, was aber mit dem, was heute in Deutschland geplant wird, gar nichts zu tun hat. Das ist dann die mittelalterliche Stadt mit den Fachwerkhäuschen oder auch der englische Landschaftsgarten, den man zwischen Hochhäuser klemmen soll, wo gar kein Platz dafür ist. In Europa ist das aber genauso: Wir wissen auch relativ wenig über die Vielfalt der chinesischen Kultur. Es gibt natürlich extrem gebildete Chinesen, die vom Fach sind, aber es gibt eben auch Klischees, und die muss man erst einmal bedienen. So werden aktuell relativ viele Wohngebiete in einem Art-Deko-Style ausgeführt, also einer sehr amerikanischen 20er-Jahre-Architektur. Dafür dann einen passenden Landschaftsarchitekturstil zu finden ist nicht ganz einfach. Man kann natürlich einfach in den Jugendstil zurückgehen und auf diesen Fundus zurückgreifen, aber man muss trotzdem versuchen, das Ganze den heutigen Anforderungen und Lebensbedürfnissen anzupassen.

Für Europäer ist es nicht ganz einfach, die Wünsche chinesischer Auftraggeber richtig zu interpretieren. Foto: GTL Gnüchtel Triebswetter

Für Europäer ist es nicht ganz einfach, die Wünsche chinesischer Auftraggeber richtig zu interpretieren. Foto: GTL Gnüchtel Triebswetter

Dazu kommt, dass die Projekte dermaßen schnell abgewickelt werden, dass zum Teil über das Marketing Vorgaben kommen, unter welchen Gesichtspunkten die Wohneinheiten verkauft werden, nach dem Motto: „Wir vermarkten das jetzt als deutsche Wohlstandssiedlung.“ Und dieses Bild, das ja schon irgendwo kommuniziert worden ist, muss dann entsprechend umgesetzt werden. Das geht natürlich nicht eins zu eins, da muss man sich schon Gedanken machen: Was sind die funktionalen Anforderungen? Wie kann man diese in eine moderne Sprache übersetzen und auch mit den heutigen Materialien arbeiten, denn natürlich sieht auch eine Beleuchtungstechnik von 1910 anders aus als eine Beleuchtungstechnik von 2010.

Im Allgemeinen heißt es ja, dass die Menschen in Fernost vor lauter Arbeit kaum Freizeit haben. Gilt das auch für Sie als Ausländer in China?

Andreas Luka: Mit dem steigenden Wohlstand in China verändert sich natürlich auch die Lebensweise der Menschen, aber es wird schon viel gearbeitet, das gilt auch für mich. Es gibt immer wieder Projekte, die unter einem enormen Zeitdruck stehen. Man muss sich dann seine Auszeiten nehmen. Also, ich sage dann, wenn dieses Projekt fertig ist, verabschiede ich mich für drei, vier Wochen und mache eine Reise entlang der Seidenstraße. In dieser Zeit stehe ich dann einfach nicht zur Verfügung. Deswegen habe ich auch lange Zeit freiberuflich als Consultant gearbeitet, weil einem das natürlich mehr Freiheiten schafft. Für Festanstellungen gilt: Reguläre Urlaubstage gibt es nicht so viele, dafür aber relativ viele Feiertage, wie die goldene Woche zum chinesischen Frühjahrsfest und zum Nationalfeiertag, wo dann prinzipiell für alle eine Woche frei ist, die mit Urlaub entsprechend aufgestockt werden kann. Aber das sind natürlich keine Urlaubsregelungen, wie man sie aus Europa gewöhnt ist. Und ob man viele Überstunden machen muss, hängt stark von den Firmen und von den Projekten ab.

Dennoch haben Sie sich entschlossen, von der Selbständigkeit wieder zurück in die Festanstellung zu wechseln. Das ist ja eher ungewöhnlich …

Andreas Luka: Das hatte in erster Linie finanzielle Gründe. Das Eintreiben von Geld in China ist äußerst aufwändig. Die Zahlungsmoral ist nicht schlechter als in Deutschland, aber die rechtlichen Möglichkeiten, Zahlungen einzufordern, sind relativ beschränkt. Das läuft im Grunde auf Vertrauensbasis, und da sind die Chinesen einfach besser vernetzt. Die können sagen: „Okay, ich habe jetzt hier jemanden, der als Büroleiter das Management übernimmt und sich um das Finanzielle kümmert, und ich kann mich um das Gestalterische kümmern. So kann ich mich auf meine eigentliche Arbeit als Landschaftsplaner konzentrieren und bin nicht so viel mit Managementaufgaben beschäftigt.“ Das ist für einen selbständigen Consultant eher schwierig, und wenn man mit den Kunden direkt arbeitet, ist das finanzielle Risiko extrem hoch. Das war mir dann am Ende einfach zu anstrengend.

Fehlt Ihnen Deutschland und wenn ja, was fehlt Ihnen besonders?

Andreas Luka: Es gibt schon einige Bereiche der Kultur, die mir fehlen, zum Beispiel Theater. Man kann in China nicht einfach ins Theater gehen, weil man es nicht versteht. Und Untertitel, wie es sie in manchen Theatern gibt, sind keine wirkliche Hilfe. Auch das Angebot an Literatur, Lesungen usw. ist in China relativ dünn. Natürlich gibt´s das Goethe-Institut, aber das Programm ist nicht so umfangreich wie in einer deutschen Großstadt. Manchmal fehlt mir auch das deutsche Essen, wobei man das mittlerweile auch in Peking und Shanghai, selbst in Changsha haben kann, auch wenn die Hamburger Fischsuppe dort etwas schärfer ist als das, was man aus Hamburg kennt. Theoretisch könnte man in Shanghai oder Peking einen komplett europäischen Lebensstil leben und nichts Chinesisches essen, nichts Chinesisches anziehen, kein chinesisches Fernsehen gucken, es ist halt nur teuer und recht aufwändig. Aber es gibt auch Dinge, die ich wirklich vermisse, den Weihnachtsmarkt zum Beispiel. Es gibt zwar einen Weihnachtsmarkt an der deutschen Botschaft, aber da fehlt der Schnee. ■

 

Print Friendly, PDF & Email

TALIS Berufsstart 2017/2018 als E-Book lesen!

Einfach E-Mail-Adresse eingeben, bestätigen und mehr wissen als andere.




Sie haben den Newsletter bestellt. Bitte überprüfen Sie Ihr Mail-Postfach für den Bestätigungslink.