Arbeiten in Finnland

Finnland gilt vielen noch immer als Musterland in Europa, ob in der Bildung (Stichwort: PISA-Studie) oder in der Wirtschaft, die sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion als wichtigstem Handelspartner mit bewundernswerter Disziplin erneuert hat. Die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise hat allerdings auch in Finnland ihre Spuren hinterlassen, wenngleich der Arbeitsmarkt davon weitaus geringer in Mitleidenschaft gezogen wurde als in anderen Ländern: Die Arbeitslosenquote lag im März 2012 mit 7,5 % deutlich unter dem EU-Schnitt. Auch die Jugendarbeitslosigkeit lag mit 19,5 % vergleichsweise niedrig und dürfte sich weiter rückläufig entwickeln, weil in den nächsten Jahren die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen.

Nach einem krisenbedingten Einbruch ist die finnische Bauwirtschaft zuletzt gewachsen. Die Bauinvestitionen stiegen 2011 um real 3,4 %. Vor allem im Tiefbau wird mit einem weiteren Anstieg gerechnet. Berufliche Perspektiven für Architekten und Bauingenieure eröffnen sich daneben beim Bau neuer Stadtviertel, bei Großprojekten im Verkehrswesen, im Energiesektor und bei Gewerbeobjekten.

Im dünn besiedelten Finnland befinden sich fast 80 % der Architekten- und Ingenieurbüros im wirtschaftlich starken Großraum Helsinki. Die Löhne und Gehälter liegen auf den ersten Blick etwa auf deutschem Niveau, dies relativiert sich aber angesichts hoher Steuern und Sozialabgaben. Zudem liegen die Lebenshaltungskosten in Finnland um bis zu 20 % über denen in Deutschland. Vor allem das Wohnen ist teuer. Dagegen bietet Finnland für berufstätige Frauen eine Menge Vorteile: Dank eines gesetzlich garantierten Anspruchs auf Kinderbetreuungsangebote wird es ihnen dort besonders leicht gemacht, Beruf und Familie in Einklang zu bringen. Gleichberechtigung wird in allen Bereichen der Gesellschaft großgeschrieben, was vielleicht auch daran liegt, dass die finnische Sprache keine Geschlechter kennt. Mit ihren insgesamt 15 grammatikalischen Fällen gilt sie als eine der schwierigsten der Welt. Man kann sich allerdings fast überall problemlos mit Englisch verständigen. Viele Finnen sprechen auch Deutsch, das vor dem Fall des Eisernen Vorhangs als zweite Fremdsprache unterrichtet wurde.

Printmedien

Tageszeitungen spielen auch in Finnland eine wichtige Rolle bei der Jobsuche. Die beiden wichtigsten sind:

  • Helsingin Sanomat, www.hs.fi
    (Rubrik Teemat/Työelämä, sonst
    Beilage in der Sonntagsausgabe)
  • Aamulehti, www.aamulehti.fi
    (für den Raum Turku,
    Rubrik Työpaikat)
  • Das finnische Arbeitsamt
    (www.mol.fi) veröffentlicht zweimal wöchentlich die Zeitung Työmarkkinat (Arbeitsmarkt) mit vielen Stellenanzeigen.

Finnland ist das Land der Sauna – und das mit gutem Grund. Wer schon in Deutschland die sommerlichen Temperaturen vermisst, ist mit Finnland schlecht beraten. Empfindlichen Gemütern macht im Winter zudem die lange Dunkelheit zu schaffen. Dafür beschert der (kurze) Sommer den Finnen endlos lange und oft auch angenehm sonnige Tage, die in einer Hütte am See verbracht für die langen Winter entschädigen.Jobsuche

Das finnische Arbeitsamt (Työvoimatoimisto) ist die wichtigste Informationsquelle für Jobsuchende: Etwa 70 % aller freien Stellen werden hierüber vermittelt. Sein Online-Angebot unter www.mol.fi steht auch in englischer Sprache zur Verfügung. Über EURES (http://ec.europa.eu/eures), das Portal für berufliche Mobilität in Europa, erhält man ebenfalls Stellenangebote, aber auch Informationen über das Leben und Arbeiten in Finnland. Darüber hinaus findet sich im Internet eine Vielzahl teilweise kostenpflichtiger Jobbörsen und privater Personaldienstleister. Besonders interessant ist die Seite www.aarresaari.net, ein Karriereportal von 19 finnischen Universitäten, wo nicht nur nützliche Tipps und Hinweise für arbeitsuchende Akademiker zu finden sind, sondern auch konkrete Stellenangebote. Für die Freunde von Facebook gibt es unter www.facebook.com/JobsInFinland eine eigene Gruppe, in der regelmäßig englischsprachige Job­angebote aus allen möglichen Branchen gepostet werden.

Nützliche Infos für ausländische Arbeitssuchende in verschiedenen Sprachen finden sich unter www.infopankki.fi. Die Webseite Enterprise Finland www.yrityssuomi.fi bietet im Gegenzug nützliche Hinweise für alle, die sich in Finnland selbständig machen möchten.

Jobbörsen

Praktika

In Finnland ist die Entlohnung von Praktikumstätigkeiten staatlich vorgeschrieben, entsprechend erwarten die Anbieter von den Praktikanten Erfahrungen und berufliche Kenntnisse, die ihnen auch von Nutzen sind. Sehr gute Englischkenntnisse sind überall Pflicht. Über das Portal jobXchange der Deutsch-Finnischen Handelskammer (www.dfhk.fi) werden auch Praktikumsstellen vermittelt.

Die Finnen fördern den internationalen Austausch sehr, gerade auf akademischer Ebene. 1991 wurde das Centre for International Mobility (CIMO) ins Leben gerufen. Unter www.cimo.fi ist ein breites Informationsangebot zu Austausch-, Praktikums- und Fortbildungsprogrammen zu finden.

Bewerbung

Der hohe Stellenwert der IT-Branche hat sich auch auf die Bewerbungsgepflogenheiten in Finnland ausgewirkt. Bewerbungsunterlagen werden nur noch selten in schriftlicher Form eingereicht, stattdessen sind Bewerbungen per E-Mail oder Hinweise auf eine eigene Bewerbungshomepage an der Tagesordnung. Manche Arbeitgeber stellen auf ihren Internetseiten auch ein Online-Bewerbungsformular bereit. Das bedeutet allerdings nicht, dass beim Ausfüllen des Formulars oder bei der E-Mail-Bewerbung weniger Sorgfalt an den Tag gelegt werden darf als bei herkömmlichen Bewerbungen. Zu den üblichen Bewerbungsunterlagen gehören Anschreiben und Lebenslauf. Zeugnisse werden dagegen selten verlangt, da das Ausbildungsniveau in Finnland generell hoch liegt. Auch Passfotos sind eher unüblich.

S85_Talis_2013_MG_7149_LeniCow_RGBDas Anschreiben sollte kurz gehalten werden und die wichtigsten Angaben zu Person und Motivation enthalten. Bescheidenheit ist in Finnland immer noch eine Tugend, von daher sollten besondere Qualifikationen zwar erwähnt, aber nicht übermäßig hervorgehoben werden. Auch der tabellarische Lebenslauf sollte eher nüchtern gehalten sein. Er wird mit Datum und Unterschrift versehen. Wer eine Initiativbewerbung plant, findet Adressen potenzieller Arbeitgeber in den finnischen Gelben Seiten (im Internet erreichbar über www.fonecta.fi) oder über die Deutsch-Finnische Handelskammer (www.dfhk.fi). Dort kann man sich auch in die Online-Bewerberdatenbank jobXchange eintragen, wo für interessierte Unternehmen alle Daten zu Lebenslauf, Qualifikationen und Gehaltswunsch abrufbar sind.

Auch beim Bewerbungsgespräch ist Bescheidenheit Trumpf. Das Gehalt steht in Finnland oft nur bei höheren Positionen zur Verhandlung. Meist weiß der Arbeitgeber schon vorher genau, wie viel er für den neuen Mitarbeiter zu zahlen bereit ist. Die Nennung eigener (unter Umständen überhöhter) Gehaltsvorstellungen führt daher selten zum Ziel und kann sogar zum Ausschlusskriterium werden. Oft werden Arbeitsverträge in Finnland zunächst nur mündlich geschlossen. Spätestens nach einem Monat muss der Arbeitgeber aber eine schriftliche Ausfertigung der Vertragsvereinbarungen vorlegen.

Einreiseformalitäten

Bundesbürger unterliegen als Angehörige eines EU-Staates keinerlei Beschränkungen auf dem finnischen Arbeitsmarkt. Wer sich mehr als drei Monate in Finnland aufhalten will, muss allerdings auch als EU-Bürger eine Aufenthaltserlaubnis beantragen. Der Antrag kann bei jeder Polizeidienststelle in Finnland eingereicht werden, erforderlich sind ein gültiger Personalausweis oder Reisepass, ein Passfoto und eine Arbeitsbescheinigung des Arbeitgebers. Selbständige müssen eine Bescheinigung über die Gewerbeanmeldung oder einen vergleichbaren Nachweis vorlegen.

Welche Formalitäten für die Übersiedlung nach Finnland erledigt werden müssen, erklärt ausführlich die extra hierfür eingerichtete Webseite www.migri.fi des finnischen Einwanderungsservice Maahanmuuttovirasto.

Die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung werden in Finnland nicht vom Arbeitgeber einbehalten, sondern ausbezahlt. Da die staatliche Grundversorgung für Arbeitslose recht gering ist, sollte man sofort bei Jobantritt in eine Gewerkschaft eintreten und in deren Arbeitslosenkasse einzahlen. Nach zehn Monaten erwirbt man dann einen Anspruch auf Arbeitslosengeld von der Gewerkschaft.

Der Architekten- und Bau­ingenieursberuf in Finnland

Nützliche Links: leben und arbeiten in Finnland

Angesichts des hohen Stellenwerts, den die Architektur in Finnland genießt, verwundert es, dass weder der Titel Architekt (Arkkitehti) noch der Beruf des Bauingenieurs dort geschützt sind. Jeder ist dazu berechtigt, Architekten- und Ingenieursdienstleistungen anzubieten und Baugenehmigungen einzureichen. Als Qualifikationsnachweis dient lediglich der akademische Titel. Für die Anerkennung deutscher Abschlüsse ist in Zweifelsfällen die Technische Hochschule in Helsinki zuständig (www.aalto.fi). Wer als selbständiger Architekt in Finnland ein Büro betreiben will, braucht also nur eine Eintragung ins Handelsregister. Die kommunale Baubehörde stellt dann bei Einreichung der Genehmigungsplanung fest, ob man für den entsprechenden Gebäudetyp qualifiziert ist.

Die Mitgliedschaft im Verband Finnischer Architekten (Suomen Arkkitehtilitto/Finlands Arkitektenförbund, SAFA – www.safa.fi), einem gemeinnützigen Berufsverband, der allen Architekten mit finnischem oder europaweit anerkanntem Architekturdiplom offensteht, ist freiwillig und unabhängig davon, ob der Beruf tatsächlich ausgeübt wird.

Neben dem SAFA gibt es viele weitere Verbände auf freiwilliger Basis, für Bauingenieure etwa die Tekniikan Akateemiset (www.tek.fi). ■

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