Arbeiten in Brasilien

Nicht nur wegen seiner Traumstrände und des allzeit schönen Wetters ist Brasilien für Architekten und Bauingenieure von großem Interesse. Die konjunkturelle Entwicklung der vergangenen Jahre hat die Heimat von Architektenikone Oscar Niemeyer auf Platz sechs der weltgrößten Wirtschaftsmächte hinauf­katapultiert. Die Finanzkrise zeigte kaum Auswirkungen auf den brasilianischen Binnenmarkt und der anhaltende Boom schlägt sich auch im Bausektor nieder.

Durch die explosionsartige Bevölkerungsentwicklung in den vergangenen 30 Jahren (die Einwohnerzahl hat sich in dieser Zeit auf 195 Millionen fast verdreifacht) war der brasilianische Arbeitsmarkt lange Zeit übersättigt. Mittlerweile liegt die Arbeitslosenquote bei historisch niedrigen 5,3 Prozent (Stand: August 2012). Dennoch sind die bürokratischen Hürden für arbeitsuchende Ausländer hoch, viele ausländische Diplome werden nicht anerkannt und nur wenige Unternehmen sind bereit, die umständliche Prozedur für die Erteilung einer Arbeitserlaubnis auf sich zu nehmen, ohne die kein Arbeitsvisum ausgestellt wird.

Typisch brasilianisch: langes Warten im Berufsverkehr. Foto: Ute Schroeter

Typisch brasilianisch: langes Warten im Berufsverkehr. Foto: Ute Schroeter

Auf den zweiten Blick stehen die Chancen für junge Architekten und Bauingenieure aus Deutschland allerdings gar nicht so schlecht, da qualifizierte Arbeitskräfte dringend benötigt werden. Die Ausbildung an deutschen Universitäten genießt ein hohes Ansehen, vor allem Spezialwissen in den Bereichen Nachhaltigkeit sowie neuartige Konstruktions- und Baustoff-Technologien wird stark nachgefragt.

Als größte Hürde dürfte sich die portugiesische Sprache erweisen, ohne die in Brasilien nichts geht. Spanisch wird zwar verstanden und kann am Anfang den Einstieg erleichtern, mit Englisch kommt man dagegen kaum weiter. Das Arbeitsklima ist in der Regel deutlich lockerer als in den meisten europäischen Ländern. Es ist üblich, Vorgesetzte mit dem Vornamen anzureden oder mit Kollegen über private Dinge zu sprechen. Trotz aller Lockerheit wird Leistung großgeschrieben: Die gesetzliche Arbeitszeit beträgt bis zu 44 Stunden wöchentlich – Pausen nicht mitgerechnet. Gegenwärtig ist Brasilien vor allem für Selbständige attraktiv, weil es kaum bürokratische oder finanzielle Hürden für die Eröffnung eines eigenen Büros gibt. Bauanträge können allerdings nur durch einen brasilianischen Kontaktarchitekten eingereicht werden.

Jobbörsen

Eine kleine Jobbörse findet sich auch auf den Seiten der deutsch-brasilianischen Industrie- und  Handelskammer unter www.ahkbrasil.com/bolsa_empregos/

Jobsuche

Eine zentrale Arbeitsvermittlungsagentur wie in Deutschland gibt es in Brasilien nicht, jeder Bundesstaat hat eigene Strukturen. Auch das Stellenvermittlungsportal des brasilianischen Arbeitsministeriums http://maisemprego.mte.gov.br ist nur nach vorheriger Registrierung zugänglich, für die eine Sozialversicherungsnummer erforderlich ist. Es gibt allerdings eine Reihe von Jobbörsen im Internet, bei denen man sich auf die Suche nach geeigneten Stellen bzw. nach Adressen für Blindbewerbungen machen kann. Hilfreich ist dabei auch das Online-Dienstleistungsverzeichnis www.brazilbiz.com.br.

Praktika

Ein Praktikumsvisum (Vitem I) zu erhalten ist unproblematisch. Die Modalitäten für die Beantragung finden sich auf der Webseite der brasilianischen Botschaft in Berlin (http://berlim.itamaraty.gov.br/de/praktikum_zur_beruflichen_weiterbildung.xml). Praktika in Brasilien vermittelt unter anderem die Europäisch-Lateinamerikanische Gesellschaft (www.elg-online.de). Da die Praktikumssuche in Brasilien auf eigene Faust nicht ganz einfach ist, tummeln sich im Internet zahlreiche Vermittlungsagenturen unterschiedlicher Seriosität. Hier sollte man sich gründlich informieren, bevor man sich auf ein Angebot einlässt.

Bewerbung

Am vielversprechendsten ist eine Bewerbung bei einem deutschen Unternehmen mit Niederlassung in Brasilien. Allerdings darf nur maximal ein Drittel der Stellen mit ausländischen Arbeitskräften besetzt werden. Wer sich auf eine Stelle in den Ballungsgebieten Rio de Janeiro und vor allem São Paulo bewirbt, muss sich auf Fahrtzeiten zum Arbeitsplatz von bis zu zwei Stunden einstellen. Grundsätzlich wird von den Arbeitnehmern ein hohes Maß an Flexibilität erwartet, häufige Wechsel von Arbeitsplatz und Wohnsitz sind üblich. Arbeitsverträge sind in Brasilien eher die Ausnahme, Anstellungsverhältnis, Gehalt, Krankheits- und Urlaubstage werden stattdessen in einem speziellen Ausweis, der „Carteira de Trabalho e Previdência Social“ festgehalten und vom Arbeitgeber regelmäßig aktualisiert.

Die Brasilianer essen viel Fleisch. Foto: Ute Schroeter

Die Brasilianer essen viel Fleisch. Foto: Ute Schroeter

Für die Bewerbung gelten die gleichen Maßstäbe an Sorgfalt und Formulierung wie in Deutschland (antichronologischer Lebenslauf, kurzes Anschreiben). Allerdings sollte sie, sofern im Stellenangebot nicht ausdrücklich etwas anderes steht, stets auf Portugiesisch abgefasst sein. Zeugnisse und Referenzen werden nur auf ausdrückliche Nachfrage in beglaubigter Übersetzung eingereicht. Ein Foto wird üblicherweise nicht verlangt, persönliche Angaben wie Nationalität und Familienstand sind dagegen Pflicht. Das Bewerbungsgespräch verläuft meist in sehr lockerer Atmosphäre, dennoch wird konservative Kleidung erwartet. Ein bescheidenes Auftreten wird geschätzt, über Gehaltsfragen spricht man erst zu einem späteren Zeitpunkt. Die Gehälter für qualifizierte Fachkräfte bewegen sich auf deutschem Niveau.

Einreiseformalitäten

Wie bereits erwähnt, muss für jede berufliche Tätigkeit in Brasilien ein Visum beantragt werden, das ohne gültigen Arbeits- oder Praktikumsvertrag nicht ausgestellt wird. Das Arbeitsvisum ist also immer an das konkrete Arbeitsverhältnis gebunden. Ausführliche Informationen zu den erforderlichen Unterlagen gibt es auf der Seite des brasilianischen Generalkonsulats in Frankfurt am Main unter http://frankfurt.itamaraty.gov.br.

Deutsche müssen in Brasilien nur geringe Sozialabgaben zahlen, doch die Leistungen sind auch dementsprechend niedrig. Es empfiehlt sich daher, eine zusätzliche private Krankenversicherung abzuschließen. Eine der ersten Pflichten eines ausländischen Arbeitnehmers ist die Anmeldung beim Finanzamt. Die Einkommensteuer liegt mit rund 28 Prozent (im ungünstigsten Fall) deutlich niedriger als in Deutschland. Die Unternehmen übernehmen den größeren Anteil der Sozialabgaben sowie andere zusätzliche Leistungen wie Überbrückungsgeld im Falle eines Arbeitsplatzverlustes.

Nützliche Links: leben und arbeiten in Brasilien

Portal der brasilianischen Botschaft in Berlin, http://berlim.itamaraty.gov.br/de/

Interessenvertretungen von Architekten und Bauingenieuren in Brasilien

Eine Architektenkammer nach deutschem Vorbild gibt es in Brasilien nicht. Das mag daran liegen, dass der Architekt im Planungsprozess eine vorwiegend künstlerisch-kreative Rolle spielt und die gesamte Planung, Ausführung und Überwachung in den Händen des Bauingenieurs liegt. Im Gegenzug gibt es gleich mehrere Interessenvereinigungen brasilianischer Architekten und Bauingenieure. Die 1973 gegründete Associação Brasileira dos Escritórios de Arquitetura (www.asbea.org.br) vertritt die Interessen von über 300 registrierten Architektenbüros und setzt sich gemeinsam mit dem Sindicato Nacional das Empresas de Arquitetura e Engenharia Consultiva (www.sinaenco.com.br) für die Belange von Architekten und Bauingenieuren in allen gesellschaftlich relevanten Bereichen ein. Älteste und mit fast 100 000 Mitgliedern größte Interessenvertretung der Architekten ist das 1921 gegründete Istituto do Arquitetos do Brasil (www.iab.org.br). Berufsständische Aufgaben übernimmt die Federação Nacional dos Arquitetos e Urbanistas (www.fna.org.br). Da Bauanträge nur durch Architekten eingereicht werden können, die in Brasilien studiert haben und über eine Berufslizenz (Crea) verfügen, ist die Mitgliedschaft in keiner dieser Institutionen zwingend. ■

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