Vorm Anstoß

TALIS-Autorin Ute Schroeter begleitete den deutschen Baumaschinenhersteller Liebherr nach São Paulo, Brasilien, und brachte Eindrücke aus der Bauwelt eines Landes mit, das knapp ein Jahr vor der Fußballweltmeisterschaft kräftig an seiner Zukunft als Industrienation werkelt.

Mario Götze schießt, trifft. Die Fans taumeln, sie spüren nichts mehr, noch nicht einmal die feuchte Winterluft Brasiliens, die sich mit Schweiß und Tränen auf ihrer Haut niederschlägt. Was macht Pelé da unten auf dem Spielfeld? Mit über siebzig noch einen Elfmeter? Angela Merkel reißt die Arme hoch. Damals, 2002 im Endspiel gegen Brasilien, sind wir am Sieg vorbeigeschrappt. Und jetzt das: Deutschland ist Fußball-Weltmeister – ein Traum. Augen auf: Tatsächlich nur geträumt.

Ehe sich eine ähnliche Szene abspielen kann, muss noch ein knappes Jahr ins Land gehen. Die „Arena Corinthians“, eines von sechs neuen Stadien für die Fußball-WM 2014 in Brasilien, ist mitten im Bau. Es liegt in der Nähe einer Metro-Station im Osten São Paulos. Bauherren sind die „Corinthians“, die zu den traditionsreichsten Fußballclubs Brasiliens zählen. Bevor sie ihr Stadion, das knapp 300 Mio. Euro kosten wird, nach der Weltmeisterschaft als Trainingslager nutzen, wird hier am 12. Juni 2014 der Anpfiff für das Eröffnungsspiel ertönen. Die zuständige Baufirma Odebrecht liegt gut in der Zeit, das Stadion ist zur Hälfte fertig.

Der größte Raupenkran Lateinamerikas, der LR 11350, wollte einfach nicht aufs Bild passen, sogar die brasilianische Luftwaffe weiß von seiner Existenz. Foto: Ute Schroeter

Der größte Raupenkran Lateinamerikas, der LR 11350, wollte einfach nicht aufs Bild passen, sogar die brasilianische Luftwaffe weiß von seiner Existenz.
Foto: Ute Schroeter

Während sich die Traumbilder auf der halbfertigen Zuschauertribüne verflüchtigen, schwebt fast lautlos, begleitet von einem leisen Surren, ein Stahlelement über die Baustelle hinweg, das in der Dachkonstruktion der Tribüne einen Platz findet. Es hängt an einem weißen Raupenkran, von dem es in Lateinamerika keinen größeren gibt. „Wir mussten die brasilianische Luftwaffe über die Existenz des Kranes informieren“, sagt Paulo Epifani, Bauleiter bei Odebrecht. Mit 223 m Hakenhöhe ist der Kran so riesig, dass er nur aus großer Distanz aufs Bild passen will und mit einer maximalen Tragfähigkeit von 1 350 Tonnen so stark, dass der kurze Schwenk wirkt, als würde eine Angel einen Zahnstocher von A nach B transportieren. „Wir verwenden den Kran, um einen Teil der Tribüne aufzustellen, anschließend soll er Schwerlastaufgaben übernehmen“, erklärt Epifani. Odebrecht ist am Umsatz gemessen der größte private Baukonzern Lateinamerikas. Wie es der Name erahnen lässt, liegen seine Wurzeln in Deutschland. Der Mecklenburger Emil Odebrecht wanderte im Jahr 1865 nach Brasilien aus und arbeitete hier als Kartograf. Sein Urenkel Norberto Odebrecht gründete 1944 das Bauunternehmen, das heute noch von familiärer Hand geführt wird.

Die Arena Corinthians hat eine Gesamtfläche von 200 000 m² und bietet 68 000 Besuchern Platz. Über 2 000 Mitarbeiter sind an dem Projekt beteiligt. Während der WM heißt das Stadion nach dem Willen der FIFA Arena São Paulo und wird später in Arena Corinthians umbenannt. Neben dem Eröffnungsspiel werden hier fünf weitere Begegnungen, einschließlich eines Halbfinalspiels, stattfinden.

Facettenreiche Gesichter auf Brasiliens Straßen

Brasiliens Frühlingsluft ist angenehm warm. An das feuchte, mal unerträglich heiße und im Winter unangenehm kühle Klima hat sich Klemens Ströbele längst gewöhnt, auch die brasilianischen Strategien gegen die Hitze kennt er gut: Brasilianer genießen das Bier nur eiskalt und die Klimaanlagen in Bussen und Hotels lassen Europäer zittern vor Kälte. „Deshalb ziehe ich ein nicht klimatisiertes Büro vor“, sagt der gebürtige Oberschwabe, der vor neun Jahren nach Brasilien ausgewandert ist. Ströbele ist Geschäftsführer von Liebherr Brasil und leitet das Liebherr-Werk in Guaratinguetá, ca. 150 km von Sao Paulo entfernt.

Liebherr Brasil fertigt in Guaratinguetá Bagger, Radlader, Krane und Betonmischtechnik für den brasilianischen Markt. Foto: Ute Schroeter

Liebherr Brasil fertigt in Guaratinguetá Bagger, Radlader, Krane und Betonmischtechnik für den brasilianischen Markt. Foto: Ute Schroeter

Auf der Fahrt ins Werk rauschen die Straßen Guaratinguetás vorüber. Es sind Straßen mit Strommasten, zwischen denen ein Chaos aus Strom- und Telefonkabeln hängt, für das im Erdreich offenbar kein Platz ist; Straßen mit Staus, alten VW-Bussen und Lkw mit außenliegendem Luftdruckmesser an den Reifen (gibt´s nur in Brasilien). Viele Straßen sind holprig, andere asphaltiert, an manchen wird eine Maut fällig. Auf den Gehwegen sind Gesichter zu sehen, die unterschiedlicher nicht sein können. Die Augen blau oder dunkelschwarz, das Haar blond, schwarz, kraus oder glatt, die Haut hell oder dunkel. In den Gesichtszügen der Brasilianer spiegelt sich die Geschichte der Nation wider: Brasilien als größter Kaffeeproduzent der Welt zwang Sklaven aus Afrika herbei, mit Abschaffung der Sklaverei 1888 strömten Europäer, Asiaten und anderes Blut ins Land, viele sind geblieben. Heute wechseln Wortfetzen aus brasilianischem Portugiesisch die Straßenseiten, dicht an dicht kauern Häuser und Hütten aneinander. Bei vielen fehlt der Putz, und wenn es doch welchen gibt, paart er sich mit dicken Mauern, Stacheldraht- oder Elektrozaun. Tagsüber könne man sich sicher fühlen, sagt Ströbele. Doch nach 23 Uhr meidet er die Straße und wenn er nachts doch mal mit dem Auto unterwegs ist, lässt er rote Ampeln grün sein. Die Kriminalität in São Paulo konnte stark eingedämmt werden, trotzdem feuern die Kluft zwischen Arm und Reich und eine teilweise korrupte Polizei das Morden, die Überfälle und Einbrüche immer wieder an.

Brasiliens Wirtschaft

Jahrelang durchlitt Brasilien eine Krise nach der nächsten: Falsche politische Entschei-dungen führten zur Hochinflation, die bis auf über 100 % im Monat kletterte. Einen Wendepunkt markierte 1994 die Einführung des Real, die heutige Währung Brasiliens. Der sogenannte „Real-Plan“ stoppte die Inflation, sie liegt mittlerweile bei knapp 4 %. Verschiedene Wirtschaftspläne drückten die Arbeitslosenquote auf knapp 6 % im Durchschnitt, vielerorts herrscht Vollbeschäftigung. Das Land mit 195 Mio. Einwohnern belegt wirtschaftlich gesehen den sechsten Platz in der Weltrangliste. Mit einem Bruttosozialprodukt von 2,370 Billionen US-Dollar stand Brasilien im Jahr 2011 kurz hinter Frankreich. Trotz boomender Wirtschaft machen Korruption, Armut und niedrige Bildung dem Land zu schaffen, das immer noch Schwellenlandstatus besitzt. Auch das Steuersystem ist reformbedürftig, die indirekten Steuern sind extrem hoch.

Das im Januar 2007 verabschiedete Wirtschaftbeschleunigungsprogramm PAC (Programa de Aceleração do Crescimento) soll vor allem den Infrastrukturausbau vorantreiben, hierfür sind in den nächsten        25 Jahren 65 Mrd. US-Dollar vorgesehen. PPP-Projekte gewinnen in Brasilien an Bedeutung. Der Staat vergibt zunehmend Konzessionen an private Investoren für nutzerfinanzierte Straßen.

Zu den bedeutendsten brasilianischen Unternehmen zählen der Flugzeughersteller Embraer, bei dem auch die Lufthansa bestellt, der Baukonzern Odebrecht sowie der Bergbaukonzern Vale, dem neben Bergwerken und Verladehäfen ein Großteil des brasilianischen Bahnnetzes gehört. Über 55 % seines Gewinns erwirtschaftet der einstige Staatsbetrieb, der 1997 privatisiert wurde, mit Eisenerz.

Liebherr Brasil fertigt in Guaratinguetá Bagger, Radlader, Krane und Betonmischtechnik für den brasilianischen Markt, außerdem die weißen Großhydraulikbagger R 9350 und R 9400 für den Weltmarkt. Das Unternehmen spielt wirtschaftlich in der obersten Liga mit: Der Umsatz der letzten zehn Jahre stieg um das Achtfache und lag 2011 bei 170 Mio. Euro. Die Firmengruppe ist seit 1974 in Brasilien aktiv, sie durchlebte das wirtschaftliche und politische Auf und Ab der 80er Jahre. Das Chaos hat sich gelegt, doch die extrem hohen indirekten Steuern machen den Unternehmen weiterhin zu schaffen. Wer sich ein Auto kauft, zahlt die Hälfte an den Staat. „Im Vergleich zum brasilianischen Steuersystem sind deutsche Steuergesetze ein Traum“, meint Ströbele. Der Steuerwahnsinn spiegelt sich in einem Produkt wider, das Liebherr eigens für den brasilianischen Markt entwickelt hat: Trockendosieranlagen. Die Steuerbehörde begünstigt nur im Fahrmischer gemixten Beton und bestraft das Benutzen einer stationären Nass-Betonmischanlage mit horrenden Steuern. Mit Trockendosieranlagen lassen sich die Bestandteile des Betons ohne Wasser abwiegen und zusammen mit dem Wasser in den Fahrmischer befördern. Den Hintergrund dieser Steuervorschrift kann Ströbele nicht erklären, ihm fällt nur eins ein: „Typisch brasilianisch“.

Wie geht es Ihnen? Danke – mir geht´s grün.

Die Schicht im Liebherr-Werk beginnt morgens um 7. Die Mitarbeiterbusse, die einen Großteil der Belegschaft aus einem 60-km-Umkreis ins Werk holen, starten gegen 5 Uhr. Der Brasilianer Danilo arbeitet als Schweißer bei Liebherr Brasil. In der Kantine findet er Milchkaffee, Brötchen und Butter. Das vom Arbeitgeber bereitgestellte Frühstück kurz vor Schichtbeginn ist ein Überbleibsel aus Zeiten der Hochinflation Ende der 80er Jahre. Sachwerte waren damals wertvoller als im Schweinsgalopp entwertetes Bargeld. Nach dem Frühstück tun Danilo und seine Kollegen für europäische Augen etwas Ungewöhnliches.

Ihr erster Gang führt zu einer Magnettafel, auf der ihr Foto und verschiedenfarbige Punkte angebracht sind. Meistens wählt Danilo einen grünen Punkt, klebt ihn in ein vorgesehenes Feld und geht schließlich an die Arbeit. Bewertet er seine Leistung von gestern? Steht ein grüner Punkt für perfekte Schweißnähte, ein roter für einen Haufen Schrott? „Es ist ein Qualitätssicherungssystem“, erklärt Klemens Ströbele, „aber anders, als wir denken.“ Die Farben der Punkte geben wieder, wie sich Danilo gerade fühlt, ob seine Freundin ihn verlassen oder sein Heimatfußballverein verloren hat. Grün bedeutet: Ich bin gut drauf, rot heißt: Ich habe ein Problem.

Wie lebt es sich in Brasilien, Herr Ströbele?

Der gebürtige Oberschwabe erzählt, wo er Heilig Abend am liebsten ist und wem er bei der Fußball-WM die Daumen drückt.

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„Da die Schweißnähte in Handarbeit entstehen, ist die Verfassung der Person, die den Lichtbogen führt, entscheidend für die Qualität unserer Maschinen“, erläutert Ströbele und betont: „Wir sind kein Sozialamt, wir verfolgen hier ein echtes unternehmerisches Interesse.“ Das System funktioniert nur, wenn der Vorgesetzte auf die roten Botschaften reagiert und den Betroffenen direkt anspricht. Nach einem „Was ist los?“ oder „Wird schon werden!“ verwandeln sich rote Situationen oft wieder in grüne. Ein Mitarbeiter, dessen Haus abbrannte, bekam einige Tage frei.

An dieser Tafel bewerten Mitarbeiter ihren Gemütszustand. Foto: Ute Schroeter

An dieser Tafel bewerten Mitarbeiter ihren Gemütszustand. Foto: Ute Schroeter

Liebherr Brasil gilt nicht nur wegen des Punktesystems als attraktiver Arbeitgeber. Die Bezahlung ist überdurchschnittlich, gute Schweißer verdienen rund 1 000 Euro im Monat, viele Mitarbeiter bleiben bis zur Rente. Liebherr leidet, wie viele andere Unternehmen auch, unter dem schlechten Ausbildungsniveau in Brasilien. „Facharbeiter mit dem Können, wie wir es in Deutschland gewohnt sind, gibt es hier einfach nicht“, berichtet Ströbele. Dem Problem begegnet Liebherr mit eigenen Ausbildungsprogrammen, „die unsere Leute sehr zu schätzen wissen“. ■

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