jochen koehn gmp
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Architekturbüro: gmp

„Auch als etabliertes Büro müssen wir uns immer wieder neu erfinden“, sagt Jochen Köhn, assoziierter Partner am Berliner Standort der Architektensozietät von Gerkan, Marg und Partner (gmp). Flexibilität und frische Ideen seien vonnöten, um den veränderten Anforderungen an Architektur zu begegnen.

Ein hervorragendes Beispiel dieses Neu-Erfindens ist das Geschäftsfeld Stadionbau. Ende der 90er Jahre übernahm das Berliner Büro einen Auftrag zu „Naturstein-Sanierungsarbeiten am Olympiastadion Berlin“, aus dem sich eine umfassende Modernisierung und Rekonstruktion der Sportstätte entwickelte. Im Zuge des Projektes wurde deutlich, wie architektonisch reizvoll die Planung von Stadien ist, und gmp bewarb sich für den Bau von mehreren Fußball-Arenen für die WM 2006. Gleich zwei Entwürfe gewannen – die Stadien in Köln und Frankfurt wurden nach Plänen des Büros gebaut, vier Jahre später in Südafrika war man bereits mit drei Stadien vertreten, bei der kommenden WM in Brasilien werden es ebenfalls drei sein. Weitere Stadien entstehen in Polen, der Ukraine oder Indien. Mit 20 im Bau befindlichen oder bereits fertigen Stadien gilt gmp heute als weltweit erfolgreichstes Büro in dieser Disziplin.

gmp • Architekten von Gerkan, Marg und Partner

Nachdem Meinhard von Gerkan und Volkwin Marg bereits während des Studiums an der TU Braunschweig zusammengearbeitet hatten, gründeten sie 1965 ihr Architekturbüro in Ham­burg. Das erste Projekt des jungen Büros war der Flughafen Berlin-Tegel. 2011 sind die Firmengründer noch immer ins Tagesgeschäft eingebunden. Zur Seite stehen ihnen vier Partner und elf assoziierte Partner. An den weltweit elf Standorten sind rund 600 Mit­ar­bei­ter mit jährlich mehr als 100 Pro­jekten betraut. Aktuell zäh­len dazu diverse Sta­di­on­neu­bau­ten.

Eine weitere wichtige Säule des Unternehmens ist der Flughafenbau. Gründungsprojekt des 1965 von Meinhard von Gerkan und Volkwin Marg in Ham­burg ins Leben gerufenen Büros war Berlin-Tegel. In der Folge entstanden Flughäfen wie Stuttgart und Hamburg, auch an der Erweiterung des Frankfurter Airports ist das Unternehmen beteiligt. Mit dem Großflughafen Berlin Brandenburg International hat gmp 37 Jahre nach der Inbetriebnahme von Tegel nun auch die Fortführung des Berliner Flugverkehrs gestaltet.

Eine ganze Stadt entsteht mit Lingang New City bei Shanghai nach den Plänen von gmp. Hier sollen bis 2020 rund 800.000 Bewohner leben. Keine Frage: Das mit Hunderten erster Preise sowie einer Vielzahl von Auszeichnungen geehrte Unternehmen ist ein hoch attraktiver Arbeitgeber.

Neugierde wecken

Stellenausschreibungen werden in den Print- und Internetausgaben der bekannten Branchenmedien veröffentlicht, dennoch gehen allein im Berliner Büro täglich über 20 Initiativbewerbungen ein. Da der Fokus ausschließlich auf der Architektur liegt, wurde auf die Installation einer Personalabteilung verzichtet. Um Neueinstellungen kümmert sich der Architekt Jochen Köhn sozusagen nebenberuflich. Die Zeit, sich mit Bewerbungen auseinanderzusetzen, ist knapp. Ein Bewerber muss es also schaffen, dass Köhn auf den ersten Blick Lust verspürt, bei dieser Bewerbung zu verharren. „Wir Architekten sind stark bildorientiert“, sagt er, „daher schaue ich neben der Gestaltung des Anschreibens zunächst auf Fotos von Referenzobjekten.“ Bereits in diesem Moment würden sehr viele Bewerbungen aussortiert.

jochen koehn gmp

Jochen Köhn, gmp

Wenn Köhns Interesse aber geweckt ist, sieht er sich als Nächstes den Lebenslauf an. Er möchte erfahren, wo der Bewerber studiert hat, denn „gmp steht für herausragende Projekte und insofern suchen wir auch besondere Mitarbeiter, die ihr Handwerk an hervorragenden Hochschulen gelernt haben“. Von Interesse ist außerdem, ob während des Studiums oder danach Berufserfahrungen gesammelt wurden. Die Mitwirkung an Projekten soll möglichst detailliert beschrieben und durch Entwürfe vervollständigt werden. Wer sich mit fremden Federn schmücke, disqualifiziere sich selbst. „Wir kennen alle wichtigen Projekte und auch deren Entwurfsarchitekten“, erklärt Köhn. Ein fataler Bewerberfehler sei beispielsweise, den Flughafen Berlin Brandenburg als Referenz zu nennen, ohne zu wissen, dass dies ein gmp-Projekt ist.

Schadlos durch die Krise

Dass das Unternehmen die weltweite Krise praktisch schadlos überstanden hat, führt Köhn auf die Unternehmensvielfalt zurück: „Wir sind auf vier Kontinenten in über 20 Ländern aktiv. Dabei arbeiten wir für verschiedene Auftraggebertypen und in verschiedensten Segmenten. Wir planen sowohl eine ganze Stadt als auch den Innenausbau eines Restaurants.“
Einige Mitbewerber hingegen hatten schwere Einbrüche verkraften und sich von vielen Mitarbeitern trennen müssen. In der Folge bewarben sich bis zu zehn Beschäftigte eines Büros gleichzeitig bei gmp. „Wenn die Hälfte von ihnen behauptet, dasselbe Projekt geleitet zu haben, dann fällt das auf“, schildert Köhn. Sei die Bewerbung interessant, würde er sie deshalb noch nicht zur Seite legen. Ein Misstrauen aber sei gesät und der Bewerber müsse es im weiteren Verlauf der Bewerbung ausräumen.

Stärken herausstellen

Als Letztes sieht sich Köhn die Zeugnisse des Bewerbers an. Wie im gesamten Bewerbungspaket legt er großen Wert auf Vollständigkeit. An den Zeugnissen könne man die Entwicklung eines Bewerbers ablesen und ob er Felder gefunden hat, in denen er sich überdurchschnittlich entwickeln konnte. Ratsam sei, genau diese Stärken herauszustellen. Viele machten aber den Fehler, sich beispielsweise als Entwurfsarchitekt mit den Spezialgebieten Ausschreibung und Bauleitung zu verkaufen. „Den 25-jährigen Universalisten, der seit zehn Jahren im Beruf steht und für ein Praktikantengehalt arbeiten will, brauchen wir allerdings nicht. Wir wollen Mitarbeiter, die in ihrem Bereich Spitzenleistungen erbringen“, macht Köhn deutlich.
Er selbst kam 1993 als Student zu gmp. Während des Studiums an der RWTH Aachen hatte er sich intensiv mit der Neuheit CAD beschäftigt und auch zu diesem Thema doziert. Als immer mehr Auftraggeber das Zeichnen am Computer voraussetzten, suchten Architekten zunehmend Mitarbeiter mit CAD-Kenntnissen. Auch Volkwin Marg, den Köhn durch sein Studium kannte. Schmunzelnd erzählt er, dass ausgerechnet Marg ihm die schlechteste Zensur der gesamten Studienzeit erteilt hatte. Köhn bekam dennoch die Chance, ins Unternehmen einzutreten und blieb ihm mit kleinen Unterbrechungen bis heute treu.

Reiselust wird vorausgesetzt

Wer sich bei gmp bewirbt, muss mindestens Englisch sprechen können und Reiselust mitbringen. Von der Hamburger Zentrale und dem größten Standort Berlin aus werden die weltweiten Niederlassungen gesteuert. Hamburg ist für die Dependancen in Aachen, Shenzhen, Shanghai und Hanoi zuständig, Berlin für Frankfurt, Peking, Kapstadt und Rio di Janeiro. Köhn erläutert, dass die Vor-Ort-Betreuung der Projekte zur Unternehmensphilosophie gehört: „Damit signalisieren wir derzeitigen und künftigen Auftraggebern, dass wir für sie da sind – auch und gerade, wenn es Probleme gibt.“

Wenige Kandidaten

Im Normalfall hat sich Köhn anhand der Bewerbungsmappen ein so umfassendes Bild machen können, dass nur sehr wenige Kandidaten zum Gespräch eingeladen werden. Menschen seien sehr verschieden, daher gebe es keinen festen Rahmen für das Vorstellungsgespräch. Um zu zeigen, dass er keinen Fragenkatalog abarbeitet, hat Köhn ein leeres Blatt Papier vor sich liegen. Meist schaut er sich die Entwürfe des Bewerbers an. Aus einem lockeren Gespräch heraus ergeben sich dann die Dinge, die ihn interessieren – technische Fähigkeiten, Sprachkompetenz, Erfahrung und auch Teamfähigkeit. Köhn warnt allerdings vor zu viel Lockerheit: „In unserer Branche gehen wir sehr kollegial, meist freundschaftlich miteinander um, das Du ist weit verbreitet. Dennoch gibt es Hierarchien.“ Manche Bewerber kämen herein, als sei man seit Jahren befreundet und fläzten sich auf den Stuhl wie in einer Kneipe. „Wenn ich einen Architekten, der sich so verhält, zu einem Bauherrn schicken würde, dann hätte ich den Auftrag wohl verloren“, erläutert Köhn. Arrogantes Auftreten und unentschuldigtes Zu-spät-Kommen nennt er als weitere schwerwiegende Fehler. Wenn es aber an der fachlichen Kompetenz des Bewerbers keinen Zweifel gebe und er zuverlässig, ehrlich, sympathisch und gradlinig erscheine, werde die Einstellung oft schon beim ersten Treffen unter Dach und Fach gebracht. Dass es zu einem zweiten Gespräch kommt, sei eher die Ausnahme.

Zeit zum Ankommen
gmp tegel architekturbuero

Flughafen Berlin-Tegel, Berlin, Deutschland
Foto: gmp

Den neuen Mitarbeiter erwartet eine sechsmonatige Probezeit. „Wegen der Größe und Struktur unseres Unternehmens braucht er ein paar Wochen, um anzukommen. Dann bleiben meist nur drei Monate, um zu zeigen, was er kann“, so Köhn. Die Probezeit endet mit einem Gespräch, auf das – soweit beide Seiten das Arbeitsverhältnis fortsetzen wollen – ein befristeter Vertrag folgt. Dieser gilt in der Regel für ein Jahr oder er ist projektbezogen. In einem Abschlussmeeting entscheidet sich schließlich, ob es zu einer unbefristeten Anstellung kommt.
Selbstverständlich sollen diese festgesetzten Termine nicht die einzige Möglichkeit des Austausches bleiben. Wenn sich etwa ein Mitarbeiter in seinem Team nicht wohlfühlt, dann sei es wichtig, offen darüber zu sprechen. Nur so könne er einem Team zugewiesen werden, in dem die Chemie und damit auch die Arbeitsleistung stimmt. Transparenz und Offenheit sind laut Köhn Eckpfeiler der Firmenphilosophie: „Wir arbeiten in einem verglasten Raum und können aus dem Bürobereich beobachtet werden. Genauso können wir sehen, was um uns herum passiert. Damit machen wir auch deutlich, dass die Mitarbeiter Teil des Ganzen sind und wir nichts hinter verschlossenen Türen ausklüngeln.“

Wir sind ein Durchlauferhitzer

Dem Unternehmen tut es nach Köhns Ansicht gut, wenn ein ausgeglichenes Verhältnis von erfahrenen und jungen Mitarbeitern besteht. Letztere brächten viel frischen Wind und spornten die Älteren an, flexibel zu bleiben. Es sei natürlich schade, wenn Mitarbeiter, die man aufgebaut hat, das Unternehmen verlassen, aber Volkwin Marg habe das schon vor vielen Jahren folgendermaßen kommentiert: „Wir sind ein Durchlauferhitzer, wir machen die Mitarbeiter heiß, verbrennen sie aber nicht. Es kann dann passieren, dass sie so heiß sind, dass sie ihren eigenen Weg gehen wollen.“ ■

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