Merle Zadeh, Architektin und Inhaberin von "june architects".

Architektur „in June“

Die junge Architektin Merle Zadeh hat nicht lange gefackelt. Nach kurzem Intermezzo bei Arbeitgebern in Hamburg und Frankfurt hat sie sich mit „june architects“ selbständig gemacht. TALIS-Autorin Özlem Özdemir sprach mit ihr über ihren Werdegang und ihre Erfahrungen mit Geschäftshasen älteren Kalibers.

Frau Zadeh, was steckt hinter dem Büronamen „june architects“?

Ich wollte von Anfang an ein zu Hause für ein Netzwerk schaffen, wo mehrere Namen unter einem Dach tätig sein können. Mein eigener Name sollte nicht im Vordergrund stehen. Ich mag den Klang und für mich steht der Monat Juni für eine Zeit, in der das Neue erblüht. Ich finde es aber auch nicht schlimm, wenn jeder seine eigenen Assoziationen dazu hat.

Vor dem Architekturstudium haben Sie ein Jahr lang Kulturwirtschaft studiert. Was macht man da eigentlich?

Es gab die unterschiedlichsten Fächer wie Geschichte und Soziologie, mehrere Sprachen, BWL, VWL, Controlling … Es hat Spaß gemacht, aber mein Herzblut war nicht darin. Archi­tektur und das Gestalten an sich, das hat mich schon immer interessiert, aber auch Menschen. Es ist vielleicht kein Zufall, dass in Passau mein Lieblingsfach Soziologie war. Diese Schnitt­stelle ist es auch, die mich heute noch am meisten interessiert. Also die Frage, wie wir unsere Umwelt gestalten und zwar sowohl in ästhetischer als auch in gesellschaftlicher Hinsicht.

Ist von Ihren damaligen wirtschaftlichen Fächern etwas hängen geblieben für die spätere Praxis?

Das, was ich jetzt weiß über Unternehmensführung, habe ich mir alles in den letzten anderthalb Jahren selbst beigebracht. Im Studium war das zu abstrakt und sehr allgemein. Nur an eine Sache im Fach Controlling erinnere ich mich noch gut. Da gab es neben den Konten für Geldeingänge und Ausgänge noch ein Konto für „Unvorhergesehene betriebliche Ausgaben“ … das habe ich mir gemerkt. Und das ist auch das, was ich tue, Geld zurücklegen für Unvorhergesehenes, was natürlich immer passieren kann.

Nach dem Studium hatten Sie nicht viele Bürostationen …

Nein, das ist richtig. Ich habe während des Studiums in Berlin ein Praktikum gemacht, bei Kersten Kopp Architekten und in Paris bei Dominique Perrault und ansonsten viel als Tutorin gearbeitet. Danach war ich zwei Jahre bei Turkali Architekten in Frankfurt und dann in Hamburg bei einem Projektentwickler.

Zu Ihrer Zeit als Angestellte berichten Sie in einem Interview über eine Versammlung, bei der einer der männlichen Teilnehmer Ihnen einen Mantel in die Hand gedrückt hat. Das ist eine vielsagende Geste …

Ich glaube, dass keine böse Absicht dahintersteckte, aber es zeigt einfach, was für eine Vorstellung manche älteren Geschäftshasen von jungen Architektinnen, und vielleicht auch Architekten, haben. Es geht dabei viel um Erwartungshaltungen, also darum was man denkt, wie jemand in diesem Beruf aussehen müsste. Ich habe oft erlebt, dass ich erst mal unterschätzt wurde und dass man dann im Gespräch total erstaunt war …

Darüber, dass Sie auch was zu sagen hatten …

Genau! Also das ist, glaube ich, ziemlich verbreitet.

Speziell gegenüber den Damen?

Ja … ich habe zwar nie erlebt, dass das jemand so offen gesagt hätte, aber ich glaube, da geht es tatsächlich um tiefsitzende Bilder. Das ändert sich erst dann, wenn es mehr Bilder gibt, die die alten ersetzen können. Ich kenne Leute, die Frauen nur im Backoffice oder am Empfang haben – da muss man erstmal diese alten Vorstellungen aufbrechen.

Wie haben Sie Ihren Übergang in die Selbstständigkeit erlebt?

Ich bin mitten hineingesprungen. Ich hatte das schon lange im Hinterkopf, ganz vage. Das war auch ein Grund dafür, dass ich in Hamburg in einem Büro für Projektentwicklung gearbeitet habe. Weil ich gerne sehen wollte, wie die auf der anderen Seite „ticken“, also auf der Bauherrenseite. Dort wurden Konzepte entworfen, die Finanzierung organisiert, Wettbewerbe ausgeschrieben und die Gewinnerentwürfe auch umgesetzt. In der Bauherrenvertretung habe ich gelernt, worauf man da so achtet. Aber als ich mich dann selbstständig gemacht habe, da war alles „drauflos und kopfüber“ und ganz ohne Strategie. Ich war aber auch nicht völlig blauäugig, sondern hatte etwas gespart die Jahre davor und wusste, es ist nicht schlimm, wenn das erste Projekt nicht sofort da ist. Dass ich mich selbstständig gemacht habe, lag aber auch an meiner Umgebung, ich habe damals schon im Hamburger Betahaus gearbeitet.

Noch während der Projektentwicklungssache?

Genau. Da habe ich reduziert gearbeitet. Nebenbei habe ich daheim angefangen zu promovieren, aber als mir dort irgendwann die Decke auf den Kopf gefallen ist, habe ich mich umgeguckt nach Orten, wo ich mit anderen Leuten zusammen in einem Raum arbeiten kann. So bin ich zum Betahaus gekommen und da liegt natürlich Gründergeist in der Luft. Da arbeiten Grafiker, Designer, Programmierer, Übersetzer und Journalisten, Start-Ups werden gegründet usw. Ein Ort also voller Energie, wo total viel passiert. Das hat mich inspiriert. Ich habe mir gesagt, ok, ich probiere das jetzt auch einfach mal!

Waren Sie ganz allein, als Sie Januar 2015 Ihr Büro im Betahaus gegründet haben?

Genau. Ich habe das Büro gegründet, und dann ergab es sich, dass ich relativ schnell ein Projekt hatte.

Wohnungsumbau in Hamburg. Entwurf und Abbildung: Merle Zadeh

Wohnungsumbau in Hamburg.
Entwurf und Abbildung: Merle Zadeh

Wie kam das?

Ja, da zeigt es sich, dass es sich manchmal lohnt, einfach Dinge zu tun … meine Selbstständigkeit blieb nämlich nicht unentdeckt – eine Bekannte hatte über einen Bekannten davon gehört. Sie hatte ehrenamtlich ein Projekt angestoßen, bei dem es um Unterkünfte für Flüchtlinge ging, und da sie in einem Vollzeitjob war, konnte sie das nicht weitermachen.  Also hat sie jemanden gesucht, der das weiterführen kann. Ich fand das ganz toll und sie hat mir dann vorgeschlagen, dass ich mich bei der Stadt vorstelle. Das habe ich getan und so wurde ich damit beauftragt. Im Betahaus habe ich dann etwa ein Jahr später meine Kollegin, Stephanie Monteiro Kisslinger, kennengelernt.

Dieses Projekt nennt sich ja „New Shores – Wohnhaus für Geflüchtete“ und wurde ausgestellt bei der Architektur-Biennale in Venedig. Erzählen Sie uns etwas mehr dazu?

Die Stadt brauchte Platz für geflüchtete Menschen und hatte zunächst überlegt, auf einem Grundstück, das sie sich ausgesucht hatten, Container hinzustellen. Doch im Rathaus gab es Leute, die meinten, lasst uns doch überlegen ob wir nicht vielleicht etwas Permanentes machen, weil das nachhaltiger ist und am Ende gar nicht mehr kostet, sondern vielleicht sogar weniger – die Mieten für diese Container sind nämlich sehr hoch. Am Ende wurde entschieden, dass doch ein dauerhaft städtischer Wohnraum entstehen soll, der auch umgenutzt werden kann für Studenten.  Und da wurde ich dazu angeregt – von dieser Bekannten meines Bekannten – mich mit meinen Referenzen und Ideen bei der Stadt vorzustellen.

Es gab da also keine Ausschreibung. Jemand kam zu Ihnen und hat vorgeschlagen, schlagen Sie doch mal was vor …

Richtig und weil das Projekt noch unter einem bestimmten Volumen lag, gab es keine Ausschreibungen. Nur so konnte ich direkt damit beauftragt werden.

Hätten Sie diese Person, die an Sie herangetreten ist, nicht gekannt wäre es also dazu nie gekommen?

Genau das meinte ich vorhin. Es kommt manchmal darauf an, einfach anzufangen mit etwas und von sich zu erzählen. Man muss irgendwie schaffen, sichtbar zu werden mit dem was man tut. Erst dann besteht die Möglichkeit, dass jemand das mitkriegt und einen anspricht. Glück gehört aber natürlich auch dazu.

Was ist Ihnen wichtig an „New Shores“?

Das Projekt ist ein städtischer Wohnungsbau in Holzmodulbauweise. Das Besondere an dem Projekt ist, dass es ein ganz reguläres Wohnhaus ist. Meistens denken die Leute, dass ich Übergangswohnheime planen würde, was nicht der Fall ist. Ich plane da einen Wohnraum für Menschen. Ich glaube, es gibt ganz universelle Bedürfnisse, was Wohnen und Leben angeht, und dass man darauf eingehen muss und das haben wir gemacht. Das sollte eigentlich selbst­verständlich sein, aber es ist tatsächlich das, was es unterscheidet von anderen Projekten, die mehr wie „irgendwelche“ Unterbringungsmöglichkeiten konzipiert sind.

Die Fertigstellung soll im Dezember 2016 sein?

Ja. Die Ausführungsplanung ist fertig und die Vergabe ist erfolgt. Jetzt beginnt das Bau­unternehmen, das Gebäude vor Ort zu errichten. Spannend an dieser Holzmodulbauweise ist ja, dass relativ viel im Werk vorgefertigt wird. Ganze Wandmodule werden dort erstellt und möglichst viel vormontiert. Dann werden die als Platten auf die Baustelle gefahren und – natürlich nachdem die Gründung erfolgt ist usw. – wird alles nur noch draufgesetzt und montiert. Die Bauphase vor Ort ist sehr kurz und das war das, was auch die Stadt gern wollte.

Haben Sie die Ausführungsplanung zu zweit gemacht?

Ich habe noch einen freien Mitarbeiter auf Honorarbasis dazu geholt. So haben wir das zu dritt fertiggemacht. Das war super knapp, weil es gab zwischendurch ein Bürgerbegehren gegen die Bebauung.

Wegen der Flüchtlingsthematik?

Ja… auch wenn es nicht so formuliert wurde. Stattdessen hieß es „für den Erhalt der Grün­fläche“. Und das, obwohl es sich bei dem Standort um keine öffentlich genutzte Grünfläche handelt. Dort stehen ein paar Bäume, und die bleiben ja in unserem Entwurf mit Innenhof erhalten.

Abschließend die Frage: Was ist Ihr Tipp, um an Projekte zu kommen?

Natürlich stimmt es, dass man über eine Website viele Leute erreicht und die wird jetzt gerade bei mir aufgebaut … aber was mir viel wichtiger ist – ich spreche gerne direkt mit den Leuten. Ich telefoniere auch viel lieber, als dass ich Emails schreibe. Ich glaube einfach ganz stark an persönliche Begegnungen.

Zur Webseite von june architects

Zum Titelbild: © Romy Geßner (www.romygessnerfotografie.de/)

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