Arbeitgeber stellen sich vor: Ingenieurbüro Bollinger + Grohmann Ingenieure

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Arbeitgeber stellen sich vor:

Ingenieurbüro Bollinger + Grohmann Ingenieure

 

 

Wer eignet sich für einen Posten im Ingenieurbüro? Ulrich Storck und Martin Opel, Bollinger +  Grohmann Ingenieure erählen, was sie von Bewerbern erwarten.

Wer aus dem lichtdurchfluteten Büro von Bollinger + Grohmann Ingenieure im Westhafentower die Aussicht auf Main und Frankfurter Skyline genießt, dessen Blick verharrt in östlicher Richtung unweigerlich bei einem gewaltigen Bauprojekt. Auf dem Gelände der ehemaligen Großmarkthalle wird bis 2014 der neue Sitz der Europäischen Zentralbank (EZB) errichtet (s.o. Foto: Bollinger+Grohmann/Enrico Satnifaller) . Das spektakuläre Gebäude mit den beiden polygonalen Türmen wurde vom Wiener Architekturbüro Coop Himmelb(l)au entworfen, für die Tragwerksplanung zeichnen Bollinger + Grohmann verantwortlich. „Es ist natürlich eine Ehre, ein solch europaweit einzigartiges Projekt begleiten zu dürfen, zumal wenn es vor der eigenen Haustür entsteht“, sagt Ulrich Storck, Mitglied der Geschäftsführung und dort auch für das Personalwesen zuständig.

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Ulrich Storck (l.) und Martin Opel, Bollinger + Grohmann Ingenieure
Foto: David Spoo

In den vergangenen Jahren war ein stetiges Wachstum zu verzeichnen, 70 Mitarbeiter werden heute in Frankfurt, dem größten Standort, beschäftigt. Auf die vier weiteren selbständigen Standorte verteilen sich noch einmal gut 50 Mitarbeiter. Die Dependancen in Wien und Paris wurden 2003 und 2007 eröffnet, noch im Aufbau befinden sich die seit 2010 bestehenden Büros in Melbourne und Oslo. „Die vier Mitarbeiter in Norwegen beschäftigen sich mit interessanten Projekten wie der Neugestaltung von Oslos ehemaligem Hafenviertel oder den vorbereitenden Maßnahmen für das Edvard Munch-Museum. Es ist ganz wichtig, dort vor Ort zu sein“, berichtet der Kaufmännische Leiter Martin Opel. Die Auslastung der Mitarbeiter sei an allen Standorten sehr zufriedenstellend.

Vorsprung durch eine zweite Fremdsprache

Insofern verwundert es nicht, dass Bollinger + Grohmann neue Mitarbeiter suchen. Das verrät auch ein Blick auf das Stellenportal der Unternehmens-Website. Dies ist der zentrale Anlaufpunkt für Bewerber, denn Stellenanzeigen in Tageszeitungen oder der Fachpresse bilden inzwischen die Ausnahme. Gesucht werden hauptsächlich Ingenieure und Konstrukteure, nur wenige Architekten sind im Bereich der 3D- oder Wettbewerbsbearbeitung für Architekturbüros tätig. Bewerber und künftige Mitarbeiter sollten mindestens einen Master-Abschluss haben und Englisch sprechen. Eine zweite Fremdsprache – Französisch, Russisch oder etwa eine asiatische Sprache – ist aufgrund der internationalen Ausrichtung mehr als nur gern gesehen.

Obwohl viele Bewerbungen mittlerweile per E-Mail eingehen, setzt der größere Teil der arbeitsuchenden Ingenieure noch immer auf die klassische Bewerbungsmappe. Storck ist das recht, er blättert gern in dem Dokument, in dem seiner Ansicht nach Form und Stil einen hohen Stellenwert haben. Dadurch bestehe aber kein Vorsprung gegenüber der Online-Bewerbung, denn „letztlich entscheidet nicht das Wie, sondern das Was“. Dazu fallen vor allem die Stichworte Teamfähigkeit und soziale Kompetenz. „Wir funktionieren bei unseren Projekten nur, wenn wir miteinander reden, uns austauschen, keine Wissensherrschaft leben, sondern offen und kreativ miteinander umgehen. Das ist geradezu überlebensnotwendig“, sagt Storck.

Ob der Kandidat entsprechend gepolt ist, lasse sich durch Formulierungen im Anschreiben ergründen, durch Fragen beim Vorstellungsgespräch oder während der Büroführung, die genereller Bestandteil des Gesprächs ist. „Dabei bieten wir dem Bewerber die Möglichkeit,

sich die Arbeit an laufenden Projekten anzusehen, und stellen ihm die Struktur des Büros vor. Wir arbeiten im Großraumbüro, teamorientiert und projektbezogen, möglichst so, dass die Projektteams zusammensitzen. Wenn es Probanden gibt, die darüber erschrocken sind, abgeschlossene Wände um sich herum vermissen, dann sehen wir das über ihre Reaktion und die Körpersprache“, erläutert Martin Opel. Der Rundgang dient auch dazu, die Qualifikation des Bewerbers zu ergründen – etwa ob er die Problematik nachvollziehen kann, an der gerade getüftelt wird, oder ob ihm das Computerprogramm bekannt ist, das zum Einsatz kommt.

Feste Regeln oder einen Fahrplan für das Bewerbungsgespräch, an dem neben Storck meist Opel und, wenn es sich einrichten lässt, auch die Herren Bollinger und Grohmann teilnehmen, gibt es nicht. Der Verlauf hängt beispielsweise davon ab, wie der Bewerber sich präsentiert, ob er von sich aus erzählt oder lieber auf Fragen antwortet. Konkrete Arbeitssituationen werden mit Berufsanfängern aber eher nicht besprochen: „Das wäre unfair, denn wer noch nicht über entsprechende Erfahrungen verfügt, müsste sich eine Antwort ausdenken, und das hilft beiden Seiten nicht“, sagt Storck. Er wünscht sich vor allem, dass die Ingenieure, die gemeinhin als introvertiert gelten, beim Vorstellungsgespräch selbstbewusst und auch locker auftreten: „Angst vor dem Namen Bollinger + Grohmann oder den großen Projekten ist nicht angebracht, denn niemand, der bei uns beginnt, plant gleich eine EZB. Wir bearbeiten ja auch eine Vielzahl kleinerer Projekte.“ Wichtig sei, dass der Bewerber erkennt, dass Statik für Bollinger + Grohmann kein Selbstzweck ist, sondern das Tragwerk dazu dient, den Architekturentwurf zu stärken, dessen Wirtschaftlichkeit zu optimieren und letztlich dem Bauherrenwunsch zu entsprechen.

Transparenz statt Kleingedrucktes

Wer im Vorstellungsgespräch erfolgreich war und Mitarbeiter des Unternehmens wird, dem wird ein recht dünner Arbeitsvertrag ausgehändigt. „Manche Mitbewerber listen 36 Seiten lang ihre AGB auf, wir konzentrieren uns auf das Wesentliche und zeigen damit auch, dass es bei uns kein Kleingedrucktes gibt“, erläutert Opel, der Transparenz als wesentliche Unternehmenssäule nennt. Auch im Integrationsablauf gibt es deutliche Unterschiede zur Konkurrenz. Während der Nachwuchs anderswo langwierige Qualifizierungsprogramme durchläuft, streben die Frankfurter Ingenieure eine zügige Arbeitsaufnahme an.
Ins kalte Wasser geworfen wird selbstverständlich niemand. Wer ins Unternehmen eintritt, dem wird ein erfahrener Kollege zur Seite gestellt. Dieser Pate kümmert sich federführend um ihn und hilft dabei, Anfangsfehler zu vermeiden. In den montags stattfindenden Projektleiterrunden wird dem Neuen die Möglichkeit geboten, sich vorzustellen, womit ein schnelles Ankommen auch auf menschlicher Ebene gewährleistet wird. Nach Einführung in das Computersystem und die internen Abläufe sowie dem Einlesen in das Projekthandbuch wird der neue Mitarbeiter schon bald in ein Projektteam eingegliedert. Dann heißt es Initiative ergreifen und sich einbringen. „Wir wünschen uns offensive Mitarbeiter, die nicht das mögliche Scheitern im Blick haben, sondern Dinge ausprobieren. Wenn sie dann an Grenzen stoßen, kann mit erfahrenen Kollegen die Problemlösung diskutiert werden“, erläutert Storck. Neue Mitarbeiter werden geradezu ermuntert, eigene Vorschläge zu machen oder auch akquisitorisch zu denken – auch unter Umgehung von Hierarchien.

Auffällig ist der hohe Frauenanteil bei Bollinger + Grohmann. Während er im Ingenieurstudium noch immer unter 15 Prozent liegt, ist hier mehr als ein Drittel der Belegschaft weiblich. Ein Grund dafür liegt sicher in den umfassenden Sozialleistungen. „Wir bieten qualifizierten Bewerberinnen einen finanziellen Anreiz, indem wir beispielsweise die Kindergarten-Kosten übernehmen“, berichtet Opel. Dass sich das Unternehmen in den letzten Jahren stark vergrößert habe und mehr Umsatz und Gewinn generiert werden konnte, sei vor allem ein Verdienst der Angestellten – folgerichtig hätten sie durch Zahlung von freiwilligen zusätzlichen Entgelten daran partizipiert. Der kaufmännische Leiter weist auch auf die Vernetzung innerhalb des Unternehmens hin.

So bietet sich auch die Möglichkeit, zeitweilig an den anderen Standorten zu arbeiten. „Dabei achten wir darauf, dass Altersvorsorgeverträge, die in Paris geschlossen sind, auch in Deutschland übernehmbar sind.“ Schließlich solle niemand wegen seines Engagements und seiner Flexibilität benachteiligt werden.

Langfristiges Engagement wird angestrebt

„Wir empfinden die Mitarbeiter nicht als Ballast, sondern als unser Kapital“, bekräftigt Storck. Daher genießt auch die Weiterbildung einen hohen Stellenwert. „Wir haben einen Kollegen, der Ansprechpartner für Seminare ist. Wer mehr über Vertragswesen lernen will oder bezüglich einer neuen Norm sein Wissen vertiefen möchte, wendet sich direkt an ihn. Wir werden dann entsprechend aktiv.“ Ein solch deutliches Investment in die Belegschaft lässt darauf schließen, dass die Geschäftsleitung an langfristigen Arbeitsverhältnissen interessiert ist. „Ja, es gibt eine ganze Reihe von Mitarbeitern, die dem Unternehmen schon sehr lange die Treue halten“, bestätigt Storck, „und dieses Jahr wird bei uns erstmalig ein Kollege als Rentner ausscheiden.“ Auch auf die Frage nach Beispielen für Aufstiegsmöglichkeiten muss Storck nicht lange suchen. Er selbst trat vor 22 Jahren in das Unternehmen ein. Über die Projektbearbeitung und die Projektleitung wuchs sein Verantwortungsbereich kontinuierlich, bis er vor einigen Jahren in die Geschäftsleitung berufen wurde.

Médiathèque, Courcelles-lès-Lens, Frankreich

Bollinger + Grohmann Ingenieure

Die Bauingenieure Klaus Bollinger und Manfred Grohmann gründeten 1983 das Büro Bollinger + Grohmann Ingenieure für Tragwerks- und Fassadenplanung, Geometrie-Entwicklung und Bauphysik. Unternehmenssitz und größter Standort ist Frankfurt/Main mit 70 Mitarbeitern, auf die Dependancen Wien, Paris, Oslo und Melbourne verteilen sich weitere 50 Mitarbeiter. Das vielfach ausgezeichnete Büro hat rund um den Globus Projekte mit den renommiertesten Architekten umgesetzt. Eines der aktuellen Großprojekte ist der Neubau der Europäischen Zentralbank.

Die Zukunft bauen

Die Zukunft bauen

Früher war’s einfacher: Bis in die späten 70er und 80er Jahre hinein kümmerten sich Architekten um den Neubau und deckten als Generalisten die Leistungsphasen 1 bis 9 ab. Bauingenieure hingegen waren für die Planung, Konstruktion, Berechnung und Herstellung von Ingenieurbauwerken zuständig. Heute wird die Zukunft anders gebaut.

Mitte der 80er Jahre hat sich der Markt für Architekten und Bauingenieure gewandelt, die Aufgaben vermischten sich mehr und mehr. „Früher haben Bauunternehmen gebaut“, erklärt Karsten Wischhof, Geschäftsführer der Initiative „Deutschland baut!“, „heute entwickeln Bauunternehmen Projekte. Der gesamte Lebenszyklus eines Bauwerkes rückt mehr und mehr in das Geschäftsfeld eines Bauunternehmens und damit in das Aufgabenspektrum der Fachkräfte, die in dieser Branche arbeiten.“ Für Berufseinsteiger ist es daher wichtig, sich nicht nur technisches Wissen, sondern auch Grundlagen der Betriebswirtschaft, Finanzierung und nicht zuletzt der Personalführung anzueignen. „Das technische Niveau von Gebäuden ist deutlich gestiegen“, betont auch Dr. Thomas Welter, Geschäftsführer des BDA-(Bund Deutscher Architekten)-Bundesverbandes. Daher müssten Architekten und Bauingenieure viel stärker zusammenarbeiten. Während Architekten früher finanzielle Aspekte beim Bau eher ausblenden konnten, wird heute von ihnen erwartet, dass sie den Bauherrn auch in Sachen Kostenkontrolle, Qualitätssicherung, Finanzierungssicherheit und finanzielle Förderung beraten.

Welter sieht viele Einsteiger auf dem Holzweg, wenn sie das Ziel verfolgen, Gestaltungs- beziehungsweise Entwurfsarchitekt zu werden. Da liegt es nahe, in einer Entwurfsabteilung anzufangen. „Davon rate ich ab. Der Bereich Entwurf/Gestaltung ist hoffnungslos überfüllt und junge Leute werden hier häufig regelrecht ,verheizt‘.

Meines Erachtens ist es klüger, frühzeitig Erfahrungen in der Bauleitung zu sammeln.“  Bauerfahrene Architekten, die sich mit Vergabeverfahren und Detailplanung auskennen, werden gesucht und verdienen ein Viertel bis ein Drittel mehr als ihre Kollegen, die keine Bauerfahrung vorweisen können.

Die Bauaufgaben von morgen

Es gibt drei große Herausforderungen, denen sich Architekten und Bauingenieure in der Zukunft stellen müssen: den demografischen Wandel, den Klimawandel und den technischen Fortschritt. Trotz Bevölkerungsschwund in Deutschland steigt derzeit die Zahl der Haushalte, besonders die Single-Haushalte nehmen zu. Dementsprechend steigt die Nachfrage nach Wohnimmobilien. Allerdings wird sich dieser Zustand bald ändern. Architekten müssen sich darauf einstellen, dass die Anzahl der Haushalte abnehmen wird. Der Immobilienmarkt wird stark unter Druck geraten, die Kunden werden anspruchsvoller. Um dem Druck standzuhalten, müssen sich Architekten stärker spezialisieren. Für Familien mit Kindern zu bauen, ist beispielsweise etwas anderes als für ältere Menschen. 70-Jährige sind heutzutage fit, aber sie brauchen Gebäude mit weniger Treppen. Barrierefreies Bauen wird immer wichtiger.

Der Klimawandel als zweite wichtige Herausforderung stellt Baufachkräfte vor die Aufgabe, energieeffizient und nachhaltig zu bauen. Energieoptimierte und ressourcenschonende Gebäude lassen sich langfristig deutlich besser verkaufen. Nicht zu vergessen ist, dass Gebäude irgendwann auch wieder abgerissen werden. Die Bedeutung recyclefähiger Baustoffe wird zunehmen.

Die dritte wichtige Aufgabe besteht darin, mit der technischen Entwicklung Schritt zu halten. Jedes Jahr kommt eine Vielzahl neuer Produkte für das Planen und Bauen auf den Markt, da muss man sich auskennen. Es reicht nicht aus, sich auf das Fachwissen von Bauunternehmen und Bauzulieferern zu verlassen; auf diese Weise verpasst man den technischen Fortschritt. Daher sind Fortbildung und lebenslanges Lernen ungeheuer wichtig.

Erwartungen der Arbeitgeber

Arbeitgeber erwarten, dass Bauingenieure und Architekten, gerade wenn sie in der ausführenden Wirtschaft tätig sind, eine gewisse Praxisorientierung haben. Das heißt, es ist wichtig, Praktika, zum Beispiel auf den Baustellen, zu machen, um zu erfahren, wie Theorie und Praxis sich verzahnen. Weiterhin erwarten Bauunternehmen natürlich ein gewisses soziales Gespür – Sozialkompetenz ist die Umschreibung –, gerade weil junge Bauingenieure und Architekten mit Führungsaufgaben betraut werden. Sie müssen auf der Baustelle Teams führen, damit die Umsetzung der Planung in handwerkliche und ingenieurtechnische Leistungen gelingt. Man braucht schon ein gewisses Feeling dafür, wie man mit Menschen umgeht.

Während der Ausbildung kommt das Thema Kommunikation viel zu kurz. „Wie kommuniziere ich zielgruppenorientiert?“ ist eine wichtige Frage, mit der sich Berufsanfänger beschäftigen sollten. Das Gespräch mit dem Bauherrn verläuft anders als mit Technikern, Kollegen oder mit der Öffentlichkeit. Eine Stadtteilsanierung findet immer unter Beteiligung der Öffentlichkeit statt.

Es kommt oft vor, dass Projekte wegen Kommunikationsfehlern abgelehnt werden, weil der Planer nicht in der Lage war, die Öffentlichkeit zu überzeugen. Auch in Sachen Betriebswirtschaft hat die Berufsgruppe erhebliche Defizite. „Nicht einmal die Hälfte der Architekturbüros führt Stundenprotokolle und überprüft, ob der Aufwand eines Projektes durch das Honorar gedeckt ist“, berichtet Welter. „Wie muss ich ein Projekt anbieten, damit ich überhaupt auskömmlich arbeiten kann?“ Diese Frage werde viel zu selten gestellt.

Ebenso wichtig ist natürlich Engagement. „So einen Beruf können Sie nur erfolgreich ausüben, wenn Sie auch wirklich Freude daran haben, weil man tagtäglich vor neuen Aufgaben steht und diese Aufgaben auch als Herausforderung sehen muss und nicht als Belastung“, sagt Wischhof. „Das ist kein Job, den man ,nebenbei‘ macht, der hat schon eine gewisse Form von Berufung, im wahrsten Sinne des Wortes, und da sind Engagement und der Wille, mitzugestalten, ganz wesentlich.“

Spezialisten oder Generalist?

Mit dem Start ins Berufsleben ist die Zeit für die Spezialisierung gekommen. Um beispielsweise Offshore-Parks in der Nordsee oder Ähnliches zu realisieren, sind entsprechende Fundamente erforderlich. Diese Fundamente haben technisch einen sehr hohen Anspruch; dafür werden Spezialisten gebraucht, die sich mit diesem Detailthema „Gründung bei Offshore-Parks“ auskennen. Das Gleiche gilt für den Bereich Energieeffizienz, wenn es darum geht, ein Haus energetisch vernünftig zu sanieren oder zu modernisieren. Andererseits ist aber auch der Generalist gefragt, der in der Lage ist, mit seiner Arbeit dem Bauherrn eine Problemlösung aus einer Hand anzubieten. „Man muss sich spezialisieren, ohne ein Fachidiot zu werden“, fasst Thomas Welter zusammen. Die starke Spezialisierung während der Ausbildung sieht er kritisch. „Es gibt immer exotischere Abschlüsse und Vertiefungsrichtungen. Meines Erachtens ist das zu früh.“ Es sei wichtig, sich im Studium noch relativ breit aufzustellen und die klassischen Bereiche der Architektur zu studieren. Planungskompetenz müsse natürlich erworben werden. „Insofern mein Rat an Berufsanfänger: Konzentriert euch auf eure Stärken und richtet danach eure Spezialisierung aus – aber erst nach der Ausbildung.“

Alles einfacher mit BIM?

Ein wichtiger neuer Trend für das Bauen in der Zukunft ist das Building Information Modeling (BIM), das in Deutschland allerdings noch mit recht viel Skepsis betrachtet wird. Nach Ergebnissen des Architektur-Barometers von Arch-Vision 2015, für das 1.600 Architekten in acht europäischen Ländern zum Thema BIM befragt wurden, wenden hierzulande nur 15 Prozent der Planer BIM an. 40 Prozent wollen mit dem neuartigen Planungsinstrument nichts zu tun haben, der Rest erwägt eine Einführung. Unsere europäischen Nachbarn sind diesbezüglich deutlich weiter als wir: 56 Prozent der niederländischen Architekten nutzen BIM, gefolgt von den Briten mit 36 Prozent. Nach dem Willen von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt soll das Planen und Bauen mit BIM für Infrastrukturprojekte ab 2020 in Deutschland verbindlich werden.

Die einen sehen BIM als große Chance, um am Bau Kosten und Zeit zu sparen sowie Planungsfehler zu vermeiden. Andere fürchten die Abhängigkeit von einem System, das sich kaum durchschauen lässt. Tatsächlich wird BIM bisher nur bei Großprojekten eingesetzt. Hinter dem Begriff, das es im Übrigen auch für den Tiefbau gibt, steckt eine softwarebasierte Methode zur Planung, Ausführung und Bewirtschaftung von Gebäuden und anderen Ingenieurbauwerken.

Anders als ein CAD- oder Ausschreibungsprogramm ist es sehr aufwendig, ein BIM-System im Büro zu etablieren, weil es eine Kette an Prozessen steuert und nicht nur einen Arbeitsschritt berührt. Bisher sind Änderungen der Planung mit einem hohen Aufwand verbunden, es müssen die Zeichnungen sowie die Mengenermittlung angeglichen und alle am Bau Beteiligten mit aktualisierten Zeichnungen versorgt werden. Mit BIM kann der Aufwand deutlich reduziert werden, da alle Beteiligten Zugriff auf ein Datenpaket mit aktuellen Plänen, Massen und Stückzahlen haben. Beispielsweise kann sich aufgrund von Änderungen im Grundriss die Zahl und Beschreibung der Türen in einem Gebäude ändern. Mit BIM können die Türen im virtuellen Gebäudemodell einfach korrigiert werden, gleichzeitig ändern sich automatisch die Stücklisten; bei entsprechender Verknüpfung werden auch die unmittelbaren Auswirkungen auf die Kosten sichtbar.

Branchenexperten sind sich einig, dass BIM kommen wird – ob wir wollen oder nicht. Da ist es besser, sich schon gleich zu Anfang des Berufslebens über Chancen und Risiken dieses Systems zu informieren. Es ist nichts weiter als ein Hilfsmittel. Denken, Planen, Kalkulieren bleiben weiterhin den Planern vorbehalten.

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