Interview: Als Architekt früh selbstständig

Interview: Als Architekt früh selbstständig

von Özlem Özdemir

Bastian Sevilgen, Nikolas Savić und Maximilian Niggl sind ihr eigener Chef, doch bei der Gründung des Architekturbüros „dreigegeneinen“ hatten sie noch nicht einmal die Bauvorlageberechtigung von der Architektenkammer. Ihr Beispiel zeigt, dass es dennoch klappen kann mit der frühen Selbstständigkeit.


Die Drei von dreigegeneinen: Bastian Sevilgen, Maximilian Niggl und Nikolas Savić (v.l.)

Foto: dreigegeneinen

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dreigegeneinen für wörner traxler richter, Frankfurt (Main) 

Foto: dreigegeneinen

Sie haben sich bereits im Studium an der Bauhaus Universität, ein Jahr vor Ihrem Diplom (2010), selbstständig gemacht. War das schon immer Ihr Traum gewesen

Bastian Sevilgen: Max und ich hatten sogar vorher schon unter einem anderen Label zusammengearbeitet, womit wir unsere Studentenentwürfe gekennzeichnet haben (Idealstand_ART, Anm. d. A.). An der Bauhaus Uni gibt es auch diese “Kultur”, dass recht viele Produkt- und Graphikdesigner ihre Firmen schon im Studium gründen. Es war dort also relativ normal, dass manche Studenten aus anderen Studiengängen im 8. oder 10. Semester oder zumindest nach dem Diplom eine Firma hatten. Bei den Architekten war und ist das aber eher die Ausnahme.

Wie betrachten Sie den Standort Deutschland für die frühe Selbstständigkeit?

Bastian Sevilgen: Von der Gründung her ist es in Deutschland sehr gut. Es gibt Förderprogramme und man wird ernst genommen. Ich glaube nur in Österreich ist es noch einfacher.
Nikolas Savić: Dort hatten wir auch Praktika gemacht und einige Büros kennengelernt, die sich aus dem Studium heraus gegründet haben. Das war noch zusätzlich inspirierend.

Stichwort Förderprogramme, was haben Sie in der Richtung in Anspruch genommen?

Maximilian Niggl: Den Existenzgründungszusschuss z.B., das gibt es für jedes Bundesland. Dabei gab es zu unserer Zeit 7000 € für ein Jahr, wenn man eine Firma gegründet hat. Das war für die Anfangsbasis sehr wichtig. Wir konnten uns davon einen Rechner kaufen, eine Kreissäge für Modelle und weitere Büroausstattung.
Bastian Sevilgen: Außerdem bietet die IHK Beratungen für Gründer an und wir hatten von der GFAW, der Gesellschaft für Arbeits- und Wirtschaftsförderung des Freistaates Thüringen, zusätzlich einen Existenzgründerpass für Beratungen, z.B. im Bereich Webdesign. In Deutschland rennt man offene Türen ein, wenn man sagt, dass man eine Firma gründen will.

Eine Unterstützung ganz anderer Art sind ja Mentoren. Sie hatten schon während des Studiums eine solche Förderung genossen. Wie wichtig war das für Sie?

Nikolas Savić: Ja, bei uns war das damals ein Assistent an der Bauhaus Universität, Jürgen Hauck, der heute Professor an der FH in Giessen ist (auch Geschäftsführer bei hjp architekten, einer der Partnerbüros von 3G1, Anm. d. A.). Er hat uns den Start in die Selbstständigkeit ermöglicht. Ein weiterer Mentor ist unser Diplomprofessor Walter Stamm-Teske, mit dem wir auch heute noch in Kontakt stehen.

Würden Sie Studierenden dazu raten, solche unterstützenden Leute zu finden?

Maximilian Niggl: Absolut, das ist existentiell! Anders geht’s nicht.

Sie arbeiten oft für andere Büros. Wie entstehen eigentlich solche Kontakte?

Nikolas Savić: Wenn man es bis zum Ende zurückverfolgt, steht bei uns am Anfang immer irgendetwas mit Weimar. Auch den Kontakt zu wörner traxler richter fanden wir über Weimar und Jürgen Hauck.

In den letzten vier Jahren waren Sie bei etwa 50 Wettbewerben dabei und haben diverse 1. und 2. Preise und Anerkennungen bekommen. Trotzdem sagt man, dass Wettbewerbe gerade für junge Büros ein Leidensweg ist. Wie sehen Sie das?

Maximilian Niggl: Bei den Wettbewerben gibt es oftmals 20-40 Teilnehmer und da muss man erst einmal dazu gehören, was für ein junges Büro fast unmöglich ist, weil die Referenzen fehlen. Wenn man aber das Glück hat und trotzdem daran teilnehmen darf, arbeitet man zwei Monate zu dritt an einem Wettbewerb, der nicht bezahlt wird. Nur wenn man gewinnt bekommt man einen adäquaten Lohn. Aber genau deshalb haben wir noch nicht so viele Wettbewerbe unter eigenem Namen gemacht. Wir können uns das nicht leisten. Die Wettbewerbe in Partnerschaften hingegen werden ja vergütet, selbst wenn wir nicht gewinnen. Ansonsten hätten wir auch gar nicht so viele machen können.

Im Zusammenhang mit Ihrer Arbeitsweise stößt man auf den Begriff Subunternehmen. Identifizieren Sie sich damit?

Maximilian Niggl: Also grundsätzlich ist es schon ein Subunternehmen. Man ist gerade in den ersten Jahren abhängig davon, da man ja noch nicht einmal in der Architektenkammer ist und an Wettbewerben gar nicht erst teilnehmen kann. Was macht man also? Man muss im Endeffekt für jemanden arbeiten, der den Architektentitel hat.

Ist man dann nicht einfach eine Art von Freelance-Team für Architekturbüros?

Bastian Sevilgen: Es ist viel freier und autarker als bei Freelancern, die z.T. in den Büros sitzen, Anweisungen bekommen und den Stil des Büros treffen müssen …

Maximilian Niggl: Was wir eben nicht tun. Die Leute, die mit uns arbeiten, die wollen den Stil, den wir machen.

Sammeln sich über diese Wettbewerbsarbeiten neben dem Entwurf auch Erfahrungen an, die Sie bei späteren Bewerbungen für Wettbewerbe als Referenzen angeben können?

Bastian Sevilgen: Die Partnerschaften gehen ja auch weiter. Die Projekte, die wir gewonnen haben, bei denen es – für den Auftraggeber – einen ersten Preis gab, die bearbeiten wir bis in die höheren Leistungsphasen. Wenn wir uns in einer ArGe für einen Wettbewerb bewerben und den gewinnen, dann bauen wir ihn natürlich in unserem Namen. Oder wir bearbeiten eigene kleine Sachen, solche Um- und Ausbauprojekte wie unser OS’ Kitchen . So bekommen wir auch eigene Referenzen.

Maximilian Niggl: Vor allem mit unserem Partner hjp architekten führen wir die Entwürfe weiter. Da kommt es vor, dass man Projektleiter ist und damit dieses Projekt die ganze Zeit betreut. Auch diese Projekte können wir in Zukunft als Referenz angeben.


Besucherzentrum Römerforum in Waldgirmes |
dreigegeneinen mit hjp-architekten, Grafenrheinfeld

Foto: dreigegeneinen


OS’Kitchen – moderne arabische Küche, ein arabisches Restaurant in Neukölln |
dreigegeneinen mit Maximilian Schmahl, Fabian Schnippering + Christine Lange

Foto: Maximilian Schmahl

Architektur „in June“

Architektur „in June“

von Özlem Özdemir

Die junge Architektin Merle Zadeh hat nicht lange gefackelt. Nach kurzem Intermezzo bei Arbeitgebern in Hamburg und Frankfurt hat sie sich mit „june architects“ selbständig gemacht. TALIS-Autorin Özlem Özdemir sprach mit ihr über ihren Werdegang und ihre Erfahrungen mit Geschäftshasen älteren Kalibers.


Merle Zadeh, Architektin

Foto: © Romy Geßner

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Wohnungsumbau in Hamburg.

Entwurf und Abbildung: Merle Zadeh


Modellstudie von Merle Zadeh.

Foto: Merle Zadeh

Frau Zadeh, was steckt hinter dem Büronamen „june architects“?

Merle Zahdeh: Ich wollte von Anfang an ein zu Hause für ein Netzwerk schaffen, wo mehrere Namen unter einem Dach tätig sein können. Mein eigener Name sollte nicht im Vordergrund stehen. Ich mag den Klang und für mich steht der Monat Juni für eine Zeit, in der das Neue erblüht. Ich finde es aber auch nicht schlimm, wenn jeder seine eigenen Assoziationen dazu hat.

Vor dem Architekturstudium haben Sie ein Jahr lang Kulturwirtschaft studiert. Was macht man da eigentlich?

Merle Zahdeh: Es gab die unterschiedlichsten Fächer wie Geschichte und Soziologie, mehrere Sprachen, BWL, VWL, Controlling … Es hat Spaß gemacht, aber mein Herzblut war nicht darin. Archi­tektur und das Gestalten an sich, das hat mich schon immer interessiert, aber auch Menschen. Es ist vielleicht kein Zufall, dass in Passau mein Lieblingsfach Soziologie war. Diese Schnitt­stelle ist es auch, die mich heute noch am meisten interessiert. Also die Frage, wie wir unsere Umwelt gestalten und zwar sowohl in ästhetischer als auch in gesellschaftlicher Hinsicht.

Ist von Ihren damaligen wirtschaftlichen Fächern etwas hängen geblieben für die spätere Praxis?

Merle Zahdeh: Das, was ich jetzt weiß über Unternehmensführung, habe ich mir alles in den letzten anderthalb Jahren selbst beigebracht. Im Studium war das zu abstrakt und sehr allgemein. Nur an eine Sache im Fach Controlling erinnere ich mich noch gut. Da gab es neben den Konten für Geldeingänge und Ausgänge noch ein Konto für „Unvorhergesehene betriebliche Ausgaben“ … das habe ich mir gemerkt. Und das ist auch das, was ich tue, Geld zurücklegen für Unvorhergesehenes, was natürlich immer passieren kann.

Nach dem Studium hatten Sie nicht viele Bürostationen …

Merle Zahdeh: Nein, das ist richtig. Ich habe während des Studiums in Berlin ein Praktikum gemacht, bei Kersten Kopp Architekten und in Paris bei Dominique Perrault und ansonsten viel als Tutorin gearbeitet. Danach war ich zwei Jahre bei Turkali Architekten in Frankfurt und dann in Hamburg bei einem Projektentwickler.

Zu Ihrer Zeit als Angestellte berichten Sie in einem Interview über eine Versammlung, bei der einer der männlichen Teilnehmer Ihnen einen Mantel in die Hand gedrückt hat. Das ist eine vielsagende Geste …

Merle Zahdeh: Ich glaube, dass keine böse Absicht dahintersteckte, aber es zeigt einfach, was für eine Vorstellung manche älteren Geschäftshasen von jungen Architektinnen, und vielleicht auch Architekten, haben. Es geht dabei viel um Erwartungshaltungen, also darum was man denkt, wie jemand in diesem Beruf aussehen müsste. Ich habe oft erlebt, dass ich erst mal unterschätzt wurde und dass man dann im Gespräch total erstaunt war …

Darüber, dass Sie auch was zu sagen hatten …

Merle Zahdeh: Genau! Also das ist, glaube ich, ziemlich verbreitet.

Speziell gegenüber den Damen?

Merle Zahdeh: Ja … ich habe zwar nie erlebt, dass das jemand so offen gesagt hätte, aber ich glaube, da geht es tatsächlich um tiefsitzende Bilder. Das ändert sich erst dann, wenn es mehr Bilder gibt, die die alten ersetzen können. Ich kenne Leute, die Frauen nur im Backoffice oder am Empfang haben – da muss man erstmal diese alten Vorstellungen aufbrechen.

Wie haben Sie Ihren Übergang in die Selbstständigkeit erlebt?

Merle Zahdeh: Ich bin mitten hineingesprungen. Ich hatte das schon lange im Hinterkopf, ganz vage. Das war auch ein Grund dafür, dass ich in Hamburg in einem Büro für Projektentwicklung gearbeitet habe. Weil ich gerne sehen wollte, wie die auf der anderen Seite „ticken“, also auf der Bauherrenseite. Dort wurden Konzepte entworfen, die Finanzierung organisiert, Wettbewerbe ausgeschrieben und die Gewinnerentwürfe auch umgesetzt. In der Bauherrenvertretung habe ich gelernt, worauf man da so achtet. Aber als ich mich dann selbstständig gemacht habe, da war alles „drauflos und kopfüber“ und ganz ohne Strategie. Ich war aber auch nicht völlig blauäugig, sondern hatte etwas gespart die Jahre davor und wusste, es ist nicht schlimm, wenn das erste Projekt nicht sofort da ist. Dass ich mich selbstständig gemacht habe, lag aber auch an meiner Umgebung, ich habe damals schon im Hamburger Betahaus gearbeitet.

Noch während der Projektentwicklungssache?

Merle Zahdeh: Genau. Da habe ich reduziert gearbeitet. Nebenbei habe ich daheim angefangen zu promovieren, aber als mir dort irgendwann die Decke auf den Kopf gefallen ist, habe ich mich umgeguckt nach Orten, wo ich mit anderen Leuten zusammen in einem Raum arbeiten kann. So bin ich zum Betahaus gekommen und da liegt natürlich Gründergeist in der Luft. Da arbeiten Grafiker, Designer, Programmierer, Übersetzer und Journalisten, Start-Ups werden gegründet usw. Ein Ort also voller Energie, wo total viel passiert. Das hat mich inspiriert. Ich habe mir gesagt, ok, ich probiere das jetzt auch einfach mal!

Waren Sie ganz allein, als Sie Januar 2015 Ihr Büro im Betahaus gegründet haben?

Merle Zahdeh: Genau. Ich habe das Büro gegründet, und dann ergab es sich, dass ich relativ schnell ein Projekt hatte.

Wie kam das?

Merle Zahdeh: Ja, da zeigt es sich, dass es sich manchmal lohnt, einfach Dinge zu tun … meine Selbstständigkeit blieb nämlich nicht unentdeckt – eine Bekannte hatte über einen Bekannten davon gehört. Sie hatte ehrenamtlich ein Projekt angestoßen, bei dem es um Unterkünfte für Flüchtlinge ging, und da sie in einem Vollzeitjob war, konnte sie das nicht weitermachen.  Also hat sie jemanden gesucht, der das weiterführen kann. Ich fand das ganz toll und sie hat mir dann vorgeschlagen, dass ich mich bei der Stadt vorstelle. Das habe ich getan und so wurde ich damit beauftragt. Im Betahaus habe ich dann etwa ein Jahr später meine Kollegin, Stephanie Monteiro Kisslinger, kennengelernt.

Dieses Projekt nennt sich ja „New Shores – Wohnhaus für Geflüchtete“ und wurde ausgestellt bei der Architektur-Biennale in Venedig. Erzählen Sie uns etwas mehr dazu?

Merle Zahdeh: Die Stadt brauchte Platz für geflüchtete Menschen und hatte zunächst überlegt, auf einem Grundstück, das sie sich ausgesucht hatten, Container hinzustellen. Doch im Rathaus gab es Leute, die meinten, lasst uns doch überlegen ob wir nicht vielleicht etwas Permanentes machen, weil das nachhaltiger ist und am Ende gar nicht mehr kostet, sondern vielleicht sogar weniger – die Mieten für diese Container sind nämlich sehr hoch. Am Ende wurde entschieden, dass doch ein dauerhaft städtischer Wohnraum entstehen soll, der auch umgenutzt werden kann für Studenten.  Und da wurde ich dazu angeregt – von dieser Bekannten meines Bekannten – mich mit meinen Referenzen und Ideen bei der Stadt vorzustellen.

Es gab da also keine Ausschreibung. Jemand kam zu Ihnen und hat vorgeschlagen, schlagen Sie doch mal was vor …

Merle Zahdeh: Richtig und weil das Projekt noch unter einem bestimmten Volumen lag, gab es keine Ausschreibungen. Nur so konnte ich direkt damit beauftragt werden.

Hätten Sie diese Person, die an Sie herangetreten ist, nicht gekannt wäre es also dazu nie gekommen?

Merle Zahdeh: Genau das meinte ich vorhin. Es kommt manchmal darauf an, einfach anzufangen mit etwas und von sich zu erzählen. Man muss irgendwie schaffen, sichtbar zu werden mit dem was man tut. Erst dann besteht die Möglichkeit, dass jemand das mitkriegt und einen anspricht. Glück gehört aber natürlich auch dazu.

Was ist Ihnen wichtig an „New Shores“?

Merle Zahdeh: Das Projekt ist ein städtischer Wohnungsbau in Holzmodulbauweise. Das Besondere an dem Projekt ist, dass es ein ganz reguläres Wohnhaus ist. Meistens denken die Leute, dass ich Übergangswohnheime planen würde, was nicht der Fall ist. Ich plane da einen Wohnraum für Menschen. Ich glaube, es gibt ganz universelle Bedürfnisse, was Wohnen und Leben angeht, und dass man darauf eingehen muss und das haben wir gemacht. Das sollte eigentlich selbst­verständlich sein, aber es ist tatsächlich das, was es unterscheidet von anderen Projekten, die mehr wie „irgendwelche“ Unterbringungsmöglichkeiten konzipiert sind.

Die Fertigstellung soll im Dezember 2016 sein?

Merle Zahdeh: Ja. Die Ausführungsplanung ist fertig und die Vergabe ist erfolgt. Jetzt beginnt das Bau­unternehmen, das Gebäude vor Ort zu errichten. Spannend an dieser Holzmodulbauweise ist ja, dass relativ viel im Werk vorgefertigt wird. Ganze Wandmodule werden dort erstellt und möglichst viel vormontiert. Dann werden die als Platten auf die Baustelle gefahren und – natürlich nachdem die Gründung erfolgt ist usw. – wird alles nur noch draufgesetzt und montiert. Die Bauphase vor Ort ist sehr kurz und das war das, was auch die Stadt gern wollte.

Haben Sie die Ausführungsplanung zu zweit gemacht?

Merle Zahdeh: Ich habe noch einen freien Mitarbeiter auf Honorarbasis dazu geholt. So haben wir das zu dritt fertiggemacht. Das war super knapp, weil es gab zwischendurch ein Bürgerbegehren gegen die Bebauung.

Wegen der Flüchtlingsthematik?

Merle Zahdeh: Ja… auch wenn es nicht so formuliert wurde. Stattdessen hieß es „für den Erhalt der Grün­fläche“. Und das, obwohl es sich bei dem Standort um keine öffentlich genutzte Grünfläche handelt. Dort stehen ein paar Bäume, und die bleiben ja in unserem Entwurf mit Innenhof erhalten.

Abschließend die Frage: Was ist Ihr Tipp, um an Projekte zu kommen?

Merle Zahdeh: Natürlich stimmt es, dass man über eine Website viele Leute erreicht und die wird jetzt gerade bei mir aufgebaut … aber was mir viel wichtiger ist – ich spreche gerne direkt mit den Leuten. Ich telefoniere auch viel lieber, als dass ich Emails schreibe. Ich glaube einfach ganz stark an persönliche Begegnungen.

 

Große Architektur im Kleinen

Selbständig – direkt nach dem Studium? Viele denken, das ginge nicht. Die junge Berliner Architektin Katharina Löser überzeugt vom Gegenteil. Özlem Özdemir hat mir ihr gesprochen – über Projekte, Wettbewerbe und die ganz normalen Alltagssorgen junger Planer.

Frau Löser, im Oktober 2013 wurde Ihnen vom Bund Deutscher Architekten BDA Berlin der Hans-Schaefers-Preis an junge Architekten für vorbildliche planerische Leistungen verliehen. Ausgezeichnet wurde Ihr realisiertes Projekt Duett in Warnemünde. Warum haben Sie dieses Projekt eingereicht?

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Duett in Warnemünde.
Foto: Stefan Müller

Das „Duett” in Warnemünde war eines der ersten Projekte direkt nach dem Studium, das ich planen konnte. Es war zu dem Zeitpunkt gerade fertig und das markanteste Projekt, an dem ich bisher gearbeitet hatte. Das Spannende daran ist: Zwei Häuser, ähnlich zweieiigen Zwillingen, bilden eine Symbiose innerhalb eines Warnemünder Straßenzuges. Durch eine schmale hohe Fuge erscheinen sie verbunden und getrennt zugleich. Der Grund dafür liegt in einem interessanten städtebaulichen Merkmal, der sogenannten „Tüsche”. Der Begriff kommt aus dem plattdeutschen Wort „tüschen” („zwischen”). In Warnemünde wird er verwendet, um die ortstypische schmale Fuge zwischen zwei Häusern zu beschreiben. Überlieferungen sprechen davon, dass eine Tüsche so breit sein musste, dass eine Kuh hindurch passte. (lacht) Diesen hohen schluchtartigen Raum haben wir inszeniert. Hier werden die beiden Baukörper über eingehängte Treppen und Podeste miteinander verwoben.

Sie haben sich schon im Jahr Ihres Diploms, also 2008, selbstständig gemacht – ein recht untypischer Weg.

Ja, ich habe damals in Berlin begonnen, an dem Entwurf für die Häuser in Warnemünde zu arbeiten. Das Projekt ist in Zusammenarbeit mit dem im Erzgebirge ansässigen Büro und der Baufirma meines Vaters entstanden. Ohne diese Zusammenarbeit wäre eine Umsetzung der ersten Projekte natürlich nicht möglich gewesen.

Und dann entstand 2011 „Löser Lott Architekten“.

Ich kenne meinen Partner Johannes Lott seit unserem gemeinsamen Studium in Dresden. Damals hat man schon immer davon geträumt, später einmal ein eigenes Büro zu haben. Herr Lott hat einige Jahre in dem Berliner Büro Müller Reimann Architekten gearbeitet und dort viele Erfahrungen im Umgang mit Wettbewerben gesammelt. Im Sommer 2011 bei einem Bier haben wir dann unser gemeinsames Büro Löser Lott Architekten in Berlin gegründet. Seitdem entwickeln wir unsere Projekte im Dialog und versuchen auch verstärkt an Wettbewerben teilzunehmen.

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Katharina Löser und Johannes Lott.
Foto: Löser Lott Architekten

Ihr Vater ist aber immer noch mit dabei, oder?

Viele unserer gebauten Projekte entstehen in enger Zusammenarbeit mit der Baufirma meines Vaters. Auf diese Weise haben wir die Möglichkeit, starke architektonische Ideen in die Realität umzusetzen. Im Studium entwickelt man abstrakte „radikale“ Ideen für fiktive Aufgaben. In der Realität muss man diese mit Bauherrenwünschen, Budget und technischer Machbarkeit in Einklang bringen. Architektur zu denken und zu bauen ist ein komplexer Prozess. In unserer Zusammenarbeit verbinden sich „junge“ Ideen mit einem langjährigen praktischen Erfahrungsschatz.

Waldhaus. Foto: Löser Lott Architekten

Waldhaus.
Foto: Löser Lott Architekten

Gibt es in Berlin für junge Architekten, die sich selbstständig machen wollen, nicht viel zu viel Konkurrenz?

Die Konkurrenz ist recht groß, und wir würden uns natürlich freuen weitere Projekte in Berlin zu realisieren. Aber zum Glück sind unsere Auftraggeber deutschlandweit verstreut. Wir bauen viel im sächsischen Raum, ein Projekt in der Schweiz und zwei Projekte oben an der Ostsee. Direkt in Berlin haben wir bisher eine Doppelhaushälfte aus dem Jahr 1926 denkmalgerecht saniert. In der gleichen Siedlung am Grunewald planen wir aktuell eine kleine Hauserweiterung.

Wie sind Sie zu dem Projekt „Duett in Warnemünde“ überhaupt gekommen?

Viele unserer bisherigen Aufträge entspringen unserem Freundes-, Familien- und Bekanntenkreis. Beim „Duett“ handelt es sich um ein selbstentwickeltes Projekt. Wir waren auf Besuch bei einem befreundeten Architekten in Warnemünde und haben diese letzte klaffende Lücke in der Friedrich-Franz-Straße entdeckt. (lacht) Das Grundstück lag schon einige Jahrzehnte brach und wurde als „Blechwiese“, also als Parkplatz, genutzt. Was als „Spinnerei” begann, wurde zu einem Projekt. Meine Familie konnte das Grundstück erwerben und ich hatte einen Auftrag.

Im Profil: Katharina Löser

Katharina Löser wollte ursprünglich Kunst studieren, da sie aber aus einer Familie kommt, die viel mit Bauen zu tun hat, begann sie 2001 ein Ar­chi­tek­tur­stu­dium an der TU in Dresden.

Während ihres Studiums in Dresden lernte sie Johannes Lott kennen, mit dem sie 2011 das Büro Löser Lott Architekten in Berlin gründete. Nach einer Zwischenstation in Barcelona und einem Praktikum bei Wiel Arets in Maas­tricht hat sie ihr Diplom an der UDK in Berlin abgelegt. Schon wäh­rend des Studiums plante sie zwei re­a­li­sierte Projekte – ein kleines Büro­gebäude und ein Wohnhausumbau.

www.loeserlott.de

Beim Hans-Schaefers-Preis beschäftigen sich die meisten eingereichten Projekte mit dem Wohnungsbau und dem Bauen im Bestand. Gibt es keine anderen Bereiche für junge Architekten?

Ich glaube, dass Wohnungsbauten, Sanierungen und Umbauten bis zu einer gewissen Größe, aber auch Projekte aus dem Bereich des Innenausbaus häufig von privaten Auftraggebern kommen. Vermutlich bekommen so einige junge Architekten ihren ersten Auftrag von einem privaten Bauherrn aus dem Familien-, Freundes- oder Bekanntenkreis. Klassische Beispiele sind die Planung des Eigenheims der Schwester oder die Sanierung einer Altbauwohnung für einen Freund. Bei größeren Wohnungsbauprojekten oder bei öffentlichen Gebäuden, wie Schulen, Museen, Bürogebäuden handelt es sich meist um öffentliche Auftraggeber oder Investorenprojekte, die über Wettbewerbe vergeben werden. Es gibt es relativ wenige offene Wettbewerbsverfahren, hier aber ist die Teilnehmerzahl entsprechend hoch und die Konkurrenz extrem groß. Viele Wettbewerbe sind jedoch beschränkte Verfahren. Dabei werden erfahrene oder lokale Büros gesetzt und die restlichen Teilnehmer direkt oder über ein Losverfahren ausgewählt. Die Wettbewerbsteilnehmer stellen meist ein Portfolio mit gebauten Projekten, anderen Wettbewerbserfolgen oder erlangten Preisen zusammen. Die meisten jungen Büros können natürlich keine entsprechenden Referenzbauten nachweisen. Wer hat in dem Alter schon einen Campus oder ein Museum gebaut? (lacht) Leider werden bei diesen Auslobungen nur wenige junge Büros zugelassen oder zugelost. Es gibt Wettbewerbe, bei denen von zwanzig Teilnehmern nur ein einziges junges Büro teilnehmen darf. Es ist ein Glücksspiel, und es erschwert jungen und kleinen Büros, an öffentliche Aufträge zu kommen.

Reihenhäuser in Dresden. Foto: Löser Lott Architekten

Reihenhäuser in Dresden.
Foto: Löser Lott Architekten

Ganz zu Anfang arbeiten viele selbständige Architekten noch von zu Hause aus, aber zu dritt oder zu viert braucht man größere Räume. Wie klappt die Finanzierung?

Dank Internet und Notebook kann man tatsächlich von überall, auch von zu Hause aus arbeiten. In Berlin gibt es durch die zahlreichen Bürogemeinschaften und Coworking spaces (z.B. „coworking“ bei www.raumstation-berlin.net, Anm.d.A.) viele Möglichkeiten, für relativ wenig Geld einen guten Arbeitsplatz, einen Schreibtisch mit einem Regal, zu mieten. Viele Freiberufler, z.B. auch Grafiker und Designer, nutzen diese flexible Struktur, die es hier gibt. Je nach Größe, Ausstattung, vorhandenem Besprechungsraum und so weiter kostet ein guter Arbeitsplatz schätzungsweise um die 200 Euro monatlich. In unserem Fall war es so, dass ich irgendwann diese schön sanierte Remise im zweiten Hinterhof gefunden hatte. Auch wir teilen uns die Räumlichkeiten mit anderen Architekten und Grafikern, so entstehen Möglichkeiten der Zusammenarbeit und wir finanzieren die Räume gemeinsam.

Wie sieht die Arbeitsteilung bei Ihnen aus?

Im Prinzip macht bei uns jeder alles. Meist arbeiten wir an zwei drei Projekte parallel. Pro Projekt gibt es jeweils einen Projektverantwortlichen, der die Fäden zusammenhält. Grundlegende Entscheidungen, was die Entwürfe und allgemeine Bürofragen betrifft, werden zusammen getroffen. Wir sind viel am Probieren, wie wir eine kreative und gleichzeitig effektive Bürostruktur entwickeln können. Wir sind in einem permanenten Prozess. Gute Architektur zu entwickeln ist das eine, ein Büro am Laufen zu halten das andere. Dinge, mit denen man im Studium wenig Berührung hatte, wie Akquise, Wirtschaftlichkeit, Effektivität, Buchhaltung, Kommunikation nehmen viel Raum im Büroalltag ein, ohne dass man auch nur einen Strich gemacht hat. Für mich persönlich ist das eine der größten Herausforderungen, kreativ und gleichzeitig effektiv und wirtschaftlich zu sein.

Villa Küssnacht am Rigi. Foto: Löser Lott Architekten

Villa Küssnacht am Rigi. Foto: Löser Lott Architekten

Peter Zumthor sagte einmal: „Derzeit arbeiten rund 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an 15 Projekten parallel. Wir wollen das Büro aber nicht aufblasen, wir wollen kein Dienstleistungsbüro werden, denn wir könnten darin unsere hohen Qualitätsansprüche nicht mehr erfüllen.“ Was sagen Sie dazu?

Das kann ich sehr gut nachvollziehen. 15 Projekte und 30 Mitarbeiter sind für uns momentan eine andere Dimension. Im Vergleich zu Büros, die weit mehr als 100 Leute haben, ist dieses natürlich immer noch relativ klein. Für mich ist es auch so, dass ich eher in einer kleinen Bürostruktur arbeiten mag, wo eine gewisse Atelieratmosphäre erhalten bleibt. Ich träume perspektivisch nicht von einer riesigen Büromaschine, aber klar, hätte man ein größeres Projekt, würde man an der Aufgabe wachsen. Das Büro Studio Mumbai aus Indien finde ich faszinierend. Das gesamte Team, ob Zeichner, Modellbauer oder Handwerker, arbeitet in einem werkstattartigen Umfeld halb im Freien, umgeben von unzähligen Materialproben und Modellen. Jedes Detail scheint handgefertigt, bis zum Fenstergriff gefeilt und geschnitzt. In dieser Form ist das hier kaum möglich. Handwerk und „echte“ Materialien sind rar und teuer geworden. Die enge und direkte Zusammenarbeit mit den Handwerkern spielt bei Löser Lott eine wichtige Rolle. Beispielsweise haben wir mehrere Details beim „Duett“ wie Fensterläden und Balkongeländer gemeinsam mit den Handwerkern in Form von 1:1 Modellen in der Werkstatt entwickelt.

Woran arbeiten Sie zurzeit?

Ich persönlich bin momentan in Elternzeit und kümmere mich in erster Linie um meinen kleinen Sohn. Neben dem Haus in der Schweiz befindet sich ein Ferienhaus auf dem Fischland Darß an der Ostsee gerade kurz vor der Fertigstellung, ebenso ein Einfamilienhaus im Erzgebirge. Ein Reihenhaus in Dresden wird gerade gebaut. Aktuell arbeiten wir wieder an einem kleinen Projekt in Berlin und an Wettbewerben, wo das Losglück auf unserer Seite war.

Ein letztes Wort zu Ihrer gerade fertiggestellten Villa in Küssnacht am Rigi?

Das war genaugenommen ein Umbau für eine fünfköpfige Familie. Da wir das alte Haus jedoch so stark transformiert haben, ist es fast ein Neubau geworden. Diesen Auftrag haben wir beispielsweise über einen Kontakt unseres Tischlers, mit dem wir häufig zusammen arbeiten, bekommen. Er hat einen Bekannten, der in der Schweiz lebt und für den er auch einmal Möbel gebaut hatte. Dieser Bekannte suchte nun also einen Architekten und so waren wir im Gespräch. So entstehen Aufträge.

Frau Löser, ich wünsche Ihnen weiterhin ganz viel Glück und bedanke mich für dieses Interview!

Ich danke Ihnen.■