Wie arbeitet es sich in den Niederlanden, Herr Schupp?

TALIS fragte Manuel Schupp, Geschäftsführender Gesellschafter bei Wilford Schupp Architekten, Zürich, wie es sich als Architekt in den Niederlanden arbeiten lässt.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ins Ausland zu gehen?

Manuel Schupp: Wir sind ein deutsch-englisches Architekturbüro und haben daher schon immer internationale Projekte realisiert. Interessante Projekte in aller Welt reizen uns, da sie den persönlichen Horizont erweitern und zeigen, dass in der Welt mit sehr unterschiedlichen Herangehensweisen geplant und gebaut wird.

Warum haben Sie sich gerade die Niederlande ausgesucht, um dort zu arbeiten?

Manuel Schupp: Es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen den Niederländern und uns. Insbesondere sind die hohen Erwartungen an ausgeprägte architektonische Qualität etwas, das die generelle gebaute Qualität in diesem Land sehr hoch macht. Nach dem Wettbewerbserfolg für die Erweiterung des „Friedenspalasts“ in Den Haag war dies ein besonderer Ort, mit einer besonderen Aufgabe, die eine außergewöhnliche Architektur erlaubte.

Was gefällt Ihnen besonders an den Niederlanden?

Manuel Schupp: Hohes Qualitätsbewusstsein gepaart mit einer hohen Innovationskraft. Die Niederlande scheinen mir eines der modernsten und tolerantesten Länder in Europa zu sein, die zudem den Blick für die Zukunft nie aus den Augen verlieren.

Woran mussten Sie sich erst gewöhnen?

Manuel Schupp: Dass uns in den Niederlanden ähnlich wie in England und Polen erst einmal nicht die größten Sympathien entgegengebracht werden. Dies ist begründet in unserer Geschichte, hat aber bis heute noch emotionale Auswirkungen, die man nicht unterschätzen darf. Es bedarf deshalb besonderer Diplomatie, im Planungsprozess zu führen, ohne besserwisserisch deutsch dazustehen.

Welchen Tipp geben Sie jungen Architekten, die in den Niederlanden arbeiten möchten?

Manuel Schupp: Offen zu sein für die Denkweise der anderen und zu bemerken, dass es auch Unterschiede in der Ausbildung zwischen beiden Ländern gibt. Die jungen Kollegen dort sind wesentlich experimenteller und unabhängiger von Sachzwängen. ■

www.wilfordschupp.de

Arbeiten in den Niederlanden

Klicktipp

Manuel Schupp Niederlande architektArchitekt Manuel Schupp erzählt, wie es sich als Deutscher in den Niederlanden arbeiten lässt.

Auch an den Niederlanden ist die Wirtschafts- und Finanzkrise nicht spurlos vorübergegangen. Dennoch wurde der Arbeitsmarkt dank hohen Kündigungsschutzes und flexibler Arbeitszeitreglungen weitaus geringer in Mitleidenschaft gezogen als in anderen Ländern. Die Arbeitslosenquote lag im Februar 2010 mit vier Prozent (7,3 Prozent bei den Jugendlichen) auf dem niedrigsten Stand aller EU-Länder. Obwohl sich der Wohnungsbausektor nur langsam von der Krise erholt, mangelt es der Bauwirtschaft an qualifizierten Fachkräften. Insofern sind die Niederlande für arbeitssuchende Architekten und Bauingenieure ein lohnendes Ziel, zumal der Mangel an heimischen Absolventen in den technischen Studiengängen die Nachfrage in den kommenden Jahren weiter verstärken dürfte. Auch die Karrierechancen für Frauen sind hier besser als in vielen anderen Ländern.
Die Lebenshaltungskosten und Gehälter liegen in etwa auf deutschem Niveau, dafür sind deutlich weniger Steuern und staatliche Abgaben abzuführen. Allerdings unterliegen die Verdienstmöglichkeiten starken regionalen Schwankungen: In den Ballungsgebieten um die Großstädte Amsterdam, Den Haag und Rotterdam sind die Bezüge überdurchschnittlich. Hier finden sich auch die meisten freien Stellen.

Jobsuche
Printmedien

Einen Blick in den Stellenteil der großen niederländischen Tages­zeitungen sollte man in jedem Fall werfen. Einige verfügen über eigene Jobbörsen im Internet oder arbeiten mit großen Online-Anbietern zusammen.

• NRC Handelsblad, www.nrccarriere.nl
• De Volkskrant, www.vkbanen.nl
• De Telegraaf, http://vacaturekrant.nl
• Algemeen Dagblad, arbeitet zusammen mit www.jobtrack.nl

Die Wochenzeitschrift „Intermediair“ richtet sich gezielt an Hoch­schul­ab­sol­venten und enthält neben vielen Stellen­anzeigen auch Artikel zu Be­wer­bungs­themen und Gehalts­übersichten (www.intermediair.nl).

Die Möglichkeiten zur Suche nach einem geeigneten Arbeits­platz sind in den Nieder­landen außerordentlich vielfältig. Die öffentliche Arbeits­vermittlung UWV WERKbedrijf (www.werk.nl) bietet ein umfangreiches Stellen­angebot in nieder­ländischer Sprache. Daneben stehen über 200 lokale Arbeits­ämter (arbeidsbureaus) mit regional aus­gerichtetem Angebot zur Ver­fügung (www.nederland-web.nl/r/Arbeidsbureaus/). Zusätzlich gibt es vor Ort weitere 18 „Jobcenters“ sowie so genannte „Topcenters“ speziell für Hochschulabsolventen.
Der Zeitarbeitsmarkt spielt in den Niederlanden eine wesentlich größere Rolle als bei uns. Entsprechend groß sind die Angebote der „Uitzendbureaus“, die selbst als Arbeitgeber in Erscheinung treten und ihre Mitarbeiter an andere Unternehmen ausleihen (www.uitzendbureau.nl). Ebenfalls im Zeitarbeitssektor tätig sind die so genannten „Bemiddelingsbureaus“, die als reine Vermittlungsagenturen auftreten.
Basierend auf dem Netzwerkgedanken werden an den Hochschulen gegenwärtig die „Careers Services“ stark ausgebaut. So organisiert die Studentenorganisation AIESEC (www.aiesec.nl) jedes Jahr zwischen Dezember und April Firmenkontaktmessen in verschiedenen Städten. Auch der „Intermediair Carrieredag“ (im Februar/März in Amsterdam) der Wochenzeitschrift „Intermediair“ bietet gute Möglichkeiten, berufliche Kontakte zu knüpfen (www.intermediair.nl).
Um keine böse Überraschung zu erleben, sollte man vor Beginn der Jobsuche prüfen lassen, ob das deutsche Diplom in den Niederlanden voll anerkannt wird. Auskunft erteilt unter anderem die Netherlands Organization for International Cooperation in Higher Education (www.nuffic.nl).

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Foto: pixabay/PublicDomainPictures

Praktika

In den Niederlanden sind Praktika außerhalb der Berufs- beziehungsweise Hochschulausbildung eher unüblich. Trotzdem ist es mit entsprechender Eigeninitiative möglich, eine entsprechende Stelle zu ergattern. Wertvolle Hilfe leistet dabei das Portal http://stage.startpagina.nl: Es bietet einen zentralen Zugang zu über 30 niederländischen Praktikumsdatenbanken und Unternehmen, die regelmäßig Praktikumsplätze anbieten. Für besonders qualifizierte Fachkräfte gibt es auch Praktikumsangebote unter www.roc.nl.

Bewerbung
Jobbörsen

(Stellenangebote überwiegend in niederländischer Sprache):
www.askjim.nl
www.internetvac.nl
www.backinjob.nl
www.jobstoday.nl

Viele Unternehmen und Institutionen veröffentlichen zudem Stellenanzeigen auf ihren Websites.

Die Niederlande sind eines der wenigen Länder, in denen man auch ohne Kenntnisse der Landessprache gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat, da in größeren Unternehmen meist Englisch als Arbeitssprache gepflegt wird. Entsprechend ist auch die Bewerbung nicht unbedingt auf Niederländisch abzufassen, sondern in (korrektem) Englisch.
Eine Reihe von Tipps zur Bewerbung im Ausland hat die Bundesagentur für Arbeit unter www.ba-auslandsvermittlung.de in der Rubrik „Arbeitnehmer“ zusammengestellt.

Allgemein richten sich niederländische Bewerbungsunterlagen eher nach amerikanischem Vorbild, das heißt ein kurzes, schnörkelloses Anschreiben, in dem das Interesse an der ausgeschriebenen Stelle bekundet wird, sowie ein maximal zweiseitiger Lebenslauf ohne Datum und Unterschrift. Zeugnisse und Bewerbungsfotos werden üblicherweise nicht verlangt. Das Anschreiben kann ruhig etwas lockerer formuliert sein, allerdings nicht zu flapsig. Im Lebenslauf werden detaillierte Angaben zum Ausbildungsverlauf (auch besondere Kurse, Zusatzqualifikationen, spezielle Kenntnisse und Fähigkeiten) erwartet. Auf die Nennung von Hobbys und Freizeitaktivitäten wird großer Wert gelegt. Bewirbt man sich um einen höher qualifizierten Posten, sollten Referenzen beigefügt werden.
Oft geht der Einladung zum Bewerbungsgespräch ein telefonisches Interview voraus. Im eigentlichen Gespräch will man nämlich lieber testen, wie aktiv sich der Bewerber einbringt. Rückfragen sind gerne gesehen und auch sinnvoll, zum Beispiel wenn es um die betriebliche Altersvorsorge geht, die angesichts der niedrigen gesetzlichen Renten in den Niederlanden eine wichtige Rolle spielt.

Einreiseformalitäten

Bundesbürger unterliegen als Angehörige eines EU-Staates keinerlei Beschränkungen auf dem niederländischen Arbeitsmarkt, eine Arbeitserlaubnis wird automatisch erteilt. Will man in den Niederlanden auch wohnen, ist gleich nach der Einreise eine Registrierung bei der niederländischen Fremdenpolizei (Vreemdelingenpolitie) erforderlich. Eine Aufenthaltsberechtigung kann, auch wenn sie nicht zwingend benötigt wird, in bestimmten Fällen von Nutzen sein: Manchmal fragen Arbeitgeber danach, bevor sie einen Vertrag mit einem Arbeitnehmer abschließen, aber auch Banken, wenn ein Konto eröffnet werden soll. Sie kann bei der Einwanderungsbehörde des Bürgeramtes (Burgerzaken) der Wohngemeinde beantragt werden.

Die niederländische „Architektenkammer“
Nützliche Links

• Portal der niederländischen Botschaft
in Berlin, www.niederlandeweb.de
• Deutsch-niederländische Industrie- und
Handelskammer, www.dnhk.org
• Niederländische „Architektenkammer“,
www.bna.nl
• Königlich-Niederländischer Ingenieur-
verein KIVI NIRIA, www.kiviniria.net

Der „Bond van Nederlandse Architecten (BNA)“ (www.bna.nl) fungiert ähnlich wie der BDA als Interessenverband der niederländischen Architekten und übernimmt eine wichtige Rolle bei den Tarifverhandlungen. Aufnahmevoraussetzung ist ein gebührenpflichtiger Eintrag in das Architektenregister (www.architectenregister.nl). Dieser lohnt sich schon deshalb, weil nur registrierte Architekten bei öffentlichen Bauaufträgen berücksichtigt werden.
Ungeachtet dessen hat in den Niederlanden jeder Bürger das Recht, einen Bauplan einzureichen, um ihn baupolizeilich prüfen und genehmigen zu lassen, wobei zahllose Interessenvertreter ein Mitbestimmungsrecht besitzen und Architekten bei der Ausführung ihrer Entwürfe vergleichsweise wenig Einflussmöglichkeiten haben. Planungssicherheit wie in Deutschland ist daher eher die Ausnahme.

Der Königlich-Niederländische Ingenieurverein KIVI NIRIA

Mehr als 25.000 Ingenieure und Ingenieurstudenten sind im „Koninklijk Instituut Van Ingenieurs (KIVI NIRIA)“ (www.kiviniria.net) zusammengeschlossen. Der Berufsverband ist in 38 technische Abteilungen untergliedert sowie in eine Abteilung für Jungingenieure, eine für Studenten und 16 Regionalgruppen. Die Mitgliedschaft in bis zu zwei Abteilungen ist kostenlos und eröffnet zahlreiche Möglichkeiten zur Netzwerkbildung, unter anderem bei einer der über 600 jährlichen Veranstaltungen und Tagungen des Vereins. Außerdem bietet KIVI NIRIA Beratung und Hilfe für ausländische Ingenieure, die sich in den Niederlanden beruflich orientieren möchten. Dank eines Partnerschaftsabkommens können auch Mitglieder des VDI die Angebote des Königlich-Niederländischen Ingenieurvereins in vollem Umfang nutzen.■

„Ich bin 24 Stunden am Tag die Firma“

Schon als Berufsanfängerin wusste Tatjana Sabljo, dass sie eines Tages in ihrem eigenen 
Architekturbüro arbeiten würde. Im Gespräch mit TALIS erzählt sie von ihren Erfahrungen und Ängsten als Selbständige und vom Gegner Zeit.

Hannover piu bar Tatjana Sabljo Architektin Kieferstein

Piu Bar in Hannover. Foto: Kieferstein +Sabljo

Der Weg zu Keferstein+Sabljo Architekten führt durch kaum befahrene Straßen mit den für Hannover so typischen rotgeklinkerten Häuserzeilen aus den 20er Jahren. In diesem Wohnviertel soll tatsächlich ein Architekturbüro sein? Erleichtert entdecken wir schließlich das Klingelschild an dem unauffälligen Mehrfamilienhaus in der Nachtigalstraße. Weniger erleichtert sind wir über seine Position, die auf ausgiebiges Treppensteigen hindeutet. Schnaufend erreichen wir den fünften Stock, wo uns Irina Keferstein erwartet: „Meine Kollegin ist noch bei einem Aufmaßtermin“, informiert sie uns freundlich und bietet Kaffee an. Nur Augenblicke später kommt Tatjana Sabljo nicht minder schnaufend durch die Tür, unter dem Arm ein Baguette und andere Picknickzutaten. Doch das Frühstück muss warten, wir wollen nämlich gleich wissen, wie es zur Gründung des Büros in dieser kleinen Maisonette-Wohnung gekommen ist. „Am Anfang saßen wir mit unseren Rechnern zu zweit an einem Tisch – ansonsten stand hier alles leer“, erinnert sich Tatjana Sabljo lachend. Ursprünglich sollte der Dachboden des Mehrfamilienhauses als Wohnraum ausgebaut werden, doch als sich die Architektin 2008 entschloss, den Traum von der Selbständigkeit zu verwirklichen, wurden die Räumlichkeiten kurzerhand zum Büro umfunktioniert – mit schicker Dachterrasse und Blick über die Dächer der Südstadt.

Selbständigkeit auf Raten

... ist die Selbständigkeit auch mit Spaß verbunden.  Foto: Nicole Puscz

… ist die Selbständigkeit auch mit Spaß verbunden.
Foto: Nicole Puscz

Tatjana-Sabljo-Architektin-Kieferstein

Für die Architektin Tatjana Sabljo…
Foto: Nicole Puscz

Schon als Tatjana Sabljo in den Architektenberuf startete, hatte sie im Hinterkopf die Vorstellung, sich eines Tages selbständig zu machen: „Irgendwann dachte ich mir, jetzt habe ich genug Erfahrung, jetzt könnte ich es eigentlich wagen“, erzählt sie. Zumal auch der Wunsch immer stärker wurde, eigene berufliche Vorstellungen zu verwirklichen. Doch als Angestellte war sie den Anweisungen des federführenden Architekten unterworfen: „Gerade in der Architektur werden viele Entscheidungen eher subjektiv getroffen, und dann wird unter Umständen genau der Vorschlag herausgepickt, den man selbst nicht so gerne verwirklichen möchte. Ich hatte dann das Gefühl, ich hätte den Bauherrn anders betreut, eben auf meine Art und Weise“, erklärt Tatjana Sabljo. Dieses Gefühl teilte sie mit der befreundeten Architektin Irina Keferstein. Eines Tages ergab sich dann für beide die Gelegenheit, den Traum vom eigenen Büro Realität werden zu lassen. Stein des Anstoßes war die Umgestaltung einer italienischen Trattoria und Espressobar. Zunächst überlegte Tatjana Sabljo, den Auftrag in das Büro ihres Arbeitgebers zu holen, doch dann wagte sie den Entschluss, das Projekt in Eigenregie zu realisieren. Dennoch vollzog sich der Schritt in die Selbständigkeit nicht von heute auf morgen: „Am Anfang arbeitete ich drei bis vier Tage im Büro und nahm mir einen Tag frei für unser eigenes Projekt.“ Doch dann nahm die Arbeit an der Trattoria immer mehr die Wochenenden in Beschlag, bis schließlich eine Entscheidung gefällt werden musste: „Wir dachten, wir versuchen es jetzt, und wenn’s nicht klappt, sind wir immer noch jung genug, um uns wieder einstellen zu lassen“, erzählt die Architektin.

Auslands- und Fernseherfahrungen

Dabei war die Karriere von Tatjana Sabljo bis zu diesem Zeitpunkt alles andere als lang-
weilig verlaufen. Nach dem Studium in Hannover und ersten Erfahrungen in ortsansässigen Büros ergab sich für die kroatischstämmige Architektin die Gelegenheit, an einem Projekt des renommierten Architektenbüros Njiric + arhitekti in Zagreb zu arbeiten: „Auf einer Veranstaltung in Deutschland habe ich Hrvoje Njiric angesprochen, einen der führenden Architekten Kroatiens, und ihn gefragt, ob ich eine Zeitlang bei ihm arbeiten könnte, um die Arbeitsweise dort kennen zu lernen. Ich kannte das Land bis zu diesem Zeitpunkt nur aus dem Urlaub“, gesteht Tatjana Sabljo. Vier Monate blieb sie in Zagreb, doch das eigentliche Projekt kam nicht zustande. Als Njiric sie nach ihrer Rückkehr einige Zeit später wieder nach Kroatien holen will, ist die Architektin bereits wieder angestellt. Ihre Kontakte in die Heimat ihrer Eltern pflegt sie bis heute. Doch die nächste spannende Episode lässt nicht lange auf sich warten: 2007 wird Tatjana Sabljo Moderatorin und kreativer Kopf der NDR-Einrichtungssendung „Alles neu! Die Einrichtungsprofis“: Gemeinsam mit Fernsehliebling Frank „Tüte“ Tuinmann darf die junge Architektin öffentliche Einrichtungen wie Kindergärten oder Jugendzentren verschönern. Dem Ausflug in die Welt des Fernsehens folgen schließlich weitere Festanstellungen bei verschiedenen Architekturbüros in Hannover.

Mit der Existenzangst leben

piu bar Tatjana Sabljo Architektin Kieferstein

Innenarchitektur à la K+S. Foto: Kieferstein+Sabljo

Den Schritt in die Selbständigkeit hat die Architektin bislang noch keinen Augenblick bereut, auch wenn er ihr Leben gründlich auf den Kopf gestellt hat: „Man gewöhnt sich daran, mit einer ganz bestimmten Art von Angst zu leben. Als Angestellter hat man nach acht Uhr auch im Kopf Feierabend, jetzt ist man 24 Stunden am Tag die Firma.“ Da Tatjana Sabljo für die Selbständigkeit ihre Festanstellung kündigte, konnte sie nur mit minimalen Fördermitteln rechnen. Hilfe erhielt sie vor allem aus der Familie, die ihr bis heute ein wichtiger Halt ist. Ihr Vater unterstützt sie tatkräftig beim schrittweisen Ausbau des Büros. Die Empore wartet zwar noch immer auf ihre Fertigstellung, doch gut Ding will Weile haben. „Als Allererstes haben wir beim Mediamarkt ein Multifunktionsgerät mit Scanner, Drucker und Fax besorgt, damit wir überhaupt arbeiten konnten. Nach und nach kamen dann Fachliteratur, Messgeräte und Mobiliar dazu“, erinnert sich die Architektin. „Später haben wir dann immer, wenn ein bisschen Geld übrig war, weitere Einrichtungen wie zum Beispiel den Server angeschafft.“

Netzwerken mit Gleichgesinnten

Für die beiden Frauen war der erste Auftrag eine glückliche Fügung, der ihnen den Sprung ins oftmals recht kalte Wasser des Selbständigendaseins deutlich erleichtert hat. Und auch die guten beruflichen Kontakte, die Irina Keferstein mit ins Büro brachte, waren ein wertvolles Startkapital. Günstige Ausgangsvoraussetzungen ändern jedoch nichts daran, dass die ersten Schritte ins Selbständigendasein generell schwierig sind. Oft fühlt man sich allein und weiß nicht, an wen man sich bei Fragen und Schwierigkeiten wenden kann. Aus diesem Grund hat Tatjana Sabljo gemeinsam mit der Architektenkammer Niedersachsen das Projekt „NewKammer“ ins Leben gerufen, wo sich Berufsanfänger in regelmäßigen Abständen mit Gleichgesinnten austauschen können und Ansprechpartner finden. Noch ist das Netzwerk erst im Aufbau, doch langfristig sind Vortragsreihen oder auch ein Mentorenprogramm geplant, bei dem Architekten im Ruhestand ihr Fachwissen und ihre Lebenserfahrung an junge Kollegen weitergeben. Nachfrage ist offensichtlich da: Der Andrang bei den ersten Treffen überraschte sowohl die Kammer als auch die Initiatorin. Mehr lesen über NewKammer…

Eine andere Motivation

Um sich als Architekt selbständig zu machen, muss eine besondere Liebe zum Beruf vorhanden sein, glaubt Tatjana Sabljo: „Man muss dazu bereit sein, auch mal keinen Feierabend zu machen, und auch sonst eine Menge von sich selbst abfordern. Viele haben mich am Anfang gefragt, wie ich mich motiviere, schon morgens ab sieben Uhr am Schreibtisch zu sitzen. Aber die Motivation ist einfach da, weil ich es will.“ Das Büro besitzt für die Architektin oberste Priorität, da muss auch mal das private Umfeld zurückstecken. „Zeit empfinde ich als größeren Gegner als früher“, gesteht Tatjana Sabljo, würde ihre Selbständigkeit aber dennoch nicht wieder gegen ein Angestelltenverhältnis eintauschen: Zu interessant und abwechslungs-
reich ist die Arbeit mit Kollegin Irina Keferstein, die ebenso wie Tatjana Sabljo Ansprechpartnerin für alles ist. Natürlich musste das Duo auch Rückschläge verkraften: „Als uns die erste Zusammenarbeit aufgekündigt wurde, das hat sich schon komisch angefühlt. Aber die Chemie mit dem Bauherrn stimmte einfach nicht. Und von einigen Projekten mussten wir uns auch aus Kapazitätsgründen verabschieden“, bedauert Sabljo. Doch aufgewogen werden diese Erfahrungen durch die Glücksmomente, wenn man vor der Realisierung des eigenen Entwurfs steht: „Als unser erstes eigenes Projekt fertiggestellt war, das war schon ein schönes Gefühl. Etwas, das vorher nur schwarze Striche auf dem Papier waren, steht plötzlich 1:1 vor einem. Das ist auch mit das Besondere an unserem Beruf.“ ■

Kontakt: www.k-s-architektur.com

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Tatjana Sabljo Architektin Kieferstein

Der Architekt Ben van Berkel

Der Architekt Ben van Berkel

von Dr. Irving Wolther

Ben van Berkel ist einer der führenden Köpfe der zeitgenössischen niederländischen Architektur. Seit 1988 leitet er gemeinsam mit der Kunsthistorikerin Caroline Bos ein Architekturbüro in Amsterdam. Die einzigartige Verbindung von digitalem Design mit ausgefallenen Formen und Materialien haben „UNStudio“ mittlerweile zu internationalem Ansehen verholfen. Fließende Formen und flexible Konzepte sind das Markenzeichen des Büros, wie zum Beispiel im Möbius-Haus im niederländischen Het Gooi: Die gesamte Infrastruktur beruht auf der endlosen Form eines Möbius-Bandes.

Ben van Berkel, Architekt, Amsterdam

Foto: Inga Powilleit (Main)

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UNSTudio Tower, ein von UNStudio entworfenes Bürogebäude in Amsterdam, Niederlande

Foto: Christian Richters

Innenaufnahmen Mercedes Benz Museum, Stuttgart.

Foto: UNStudio

Herr van Berkel, Sie haben Ihr Büro 1998 in „UNStudio“ umbenannt. Der Name steht einerseits als Abkürzung für United Networks, impliziert aber andererseits eine Negation von Studio. Was ist so „UN“-typisch an Ihrem Büro?

Ben van Berkel: Dass sich unsere Arbeit nicht länger ausschließlich im Büro abspielt. Wir verfügen über ein weltumspannendes Netzwerk von befreundeten Architekten, Modeschöpfern, Fotografen und Künstlern. Oder denken Sie an die verschiedenen Hochschulen, an denen ich unterrichte: Harvard, die Städelschule in Frankfurt … Die kommunikativen Abläufe sind nicht länger auf das Büro beschränkt, der eigentliche Mehrwert des Netzwerks liegt außerhalb. Das wollten wir mit dem Namen UNStudio ausdrücken.

Viele Architekturbüros vor allem in Nordeuropa haben sich von traditionellen hierarchischen Strukturen und Denkweisen frei gemacht. Gilt das auch für UNStudio?

Ben van Berkel: Absolut. Wir haben uns vor allem von der Auffassung gelöst, dass ein Architekt sich nur auf die Gestaltung von Gebäuden zu spezialisieren hat. Wir möchten kulturelle Innovationen, in gewisser Weise kulturelle Errungenschaften hervorbringen. Das geht weit über das allgemeine Verständnis von Architektur hinaus.

Welche Rolle spielt dabei der Netzwerkgedanke?

Ben van Berkel: Netzwerke sind mittlerweile in aller Munde, doch als wir die Netzwerk-idee 1999 umsetzten, waren wir Vorreiter. Kaum jemand beschäftigte sich damals mit Netzwerken, vielleicht mit Ausnahme des französischen Soziologen Bruno Latour. Im Architekturbereich war das eine absolute Neuerung. Man muss sich klarmachen, wer die Akteure innerhalb eines Netzwerks sind, zwischen welchen Personen die wichtigen Informationen ausgetauscht werden. Das ist beim Design nicht anders. Wir haben begriffen, dass die Ideen, die beispielsweise in die Gestaltung eines Möbelstücks einfließen, Auslöser für eine Reihe weiterer Ideen für ganz andere Projekte sein können. Nehmen wir einmal den Sessel, den ich für Walter Knorr, den Vizepräsidenten der Universität von Illinois, designt habe. Er basiert auf dem Thema Reflexion und wie die Vorstellungen von Reflexion und Zurücklehnen miteinander in Verbindung treten, wenn man auf diesem Sessel sitzt. Diese gedankliche Verbindung fließt dann unter Umständen auch in andere Projekte des Büros ein.

Der Trend geht in der Architektur also zum Netzwerk?

Ben van Berkel: Das kann ich nicht beurteilen, das Netzwerk entspricht auf jeden Fall meinen Vorstellungen. Es gibt viele verschiedene Arten von Architekten, und ich gehöre zu denjenigen, die sich von diesem Netzwerkgedanken inspirieren lassen, um kulturelle Errungenschaften zu entwerfen. Manchmal sehe ich Architekten ein wenig wie Modeschöpfer – wir entwerfen die Kleidung für die Zukunft der Welt.

Nun, die Kreationen der großen Modeschöpfer auf den internationalen Fashion Shows sind zwar schön anzusehen, aber nur für einen sehr kleinen Teil der Bevölkerung erschwinglich …

Ben van Berkel: Unsere Architektur ist nicht unerschwinglich, auch wenn wir ab und zu tatsächlich für die „Fashion Shows“ arbeiten. Manche Entwürfe erweisen sich als schwer realisierbar, doch wenn man sein Handwerk versteht, kann man mit den Ausführungstechniken spielen. Letztlich ist das genau wie bei der Haute Couture: Die Kleider auf den Laufstegen sind in erster Linie als Prototypen zu verstehen. Erst später werden die Design-ideen in vereinfachter Form für den täglichen Gebrauch nutzbar gemacht.

Dank Ihrer internationalen Erfahrungen hätten Sie Ihr Büro an jedem Ort der Welt eröffnen können. Warum sind Sie nach Amsterdam gegangen? Bieten die Niederlande besondere Vorteile für die Arbeit als Architekt?

Ben van Berkel: Nun, zunächst einmal lebt es sich in Amsterdam sehr gut. Die Verkehrsanbindung ist durch den Flughafen hervorragend. Ich bin in der Nähe meiner Freunde, der Designer Victor & Rolf, Marcel Wanders … Es gibt in der Stadt viele Kreative, die international tätig sind. Das ist das Schöne an den Niederlanden: Wir besitzen viel Kultur auf kleinstem Raum, genießen eine hohe Lebensqualität und sind dabei sehr kosmopolitisch. Nicht zuletzt können wir hier auch auf eine großartige Architekturtradition zurückblicken. Davon können wir noch eine Menge lernen. Ich wohne gerne hier, es ist ein schönes Land.

Niederländische Architekten haben für die Entstehung der modernen Architektur im 20. Jahrhundert eine bedeutende Rolle gespielt. Sehen Sie sich in dieser Tradition?

Ben van Berkel: Schon, doch eher in einer Art Pionierrolle. Natürlich bin ich hier auf-gewachsen und zur Schule gegangen, meine Architekturausbildung habe ich aber vor allem in London bei der Architectural Asso-
ciation absolviert. Das war eine schöne Zeit und meine Arbeit wurde durch die vielen internationalen Einflüsse nachhaltig geprägt. Auch die Studien befreundeter Kollegen in den USA haben mich sehr beeinflusst, so dass ich mich heute irgendwo zwischen dem europäischen und angelsächsischen Raum situiere.

Sie haben in den Büros von Zaha Hadid und Santiago Calatrava gearbeitet. Welche Einflüsse hatte dies auf Ihre Arbeit? War es schwierig, sich von diesen „Göttern“ der internationalen Architekturszene zu emanzipieren?

Ben van Berkel: Damals waren sie ja noch keine Götter. Ich habe 1987 für Santiago Calatrava gearbeitet. Damals wurde gerade der Bahnhof Stadelhofen in Zürich fertig gestellt. Es war eine großartige Erfahrung, bei diesem Projekt dabei zu sein, auch wenn ich nur an ein paar Brücken mitarbeiten durfte. Aber ich liebte das Büro, wir waren gerade einmal zwölf Leute und in einer Art Selbstfindungsphase. Die Bekanntheit kam erst später, das war auch bei Zaha so. Als ich für sie arbeitete, war sie meine Lehrerin an der Architectural Association. Sie arbeitete damals an dem Entwurf des Freizeit- und Erholungsparks „The Peak Leisure Club“, eines ihrer ersten Projekte. Ich habe von beiden eine Menge gelernt, auch wenn ich hinterher meinen ganz eigenen Arbeitsstil, meine eigenen Ideen entwickelt habe. Mein Credo war immer, so viel zu bauen wie möglich, denn Architektur zu entwerfen ist wie ein Instrument zu spielen: Entweder man praktiziert es vier bis fünf Stunden täglich oder man bringt es nie zum Erfolg. Ich versuche immer, mein Bestes zu geben – das ist alles, worauf es für mich ankommt.

Nun gehören Sie selbst zu den Superstars der internationalen Architekturszene. Wie ergeht es den jungen Architekten, die bei UNStudio für Sie arbeiten?

Ben van Berkel: Ich glaube, die jungen Architekten lernen bei uns eine Menge. Ich versuche sie darauf vorzubereiten, wie schwierig es heutzutage ist, sich als selbständiger Architekt über Wasser zu halten. Das liegt nicht nur an der Wirtschaftslage, sondern auch an dem enormen Konkurrenzdruck, der überall herrscht und ständig weiter zunimmt. Gleichzeitig ermutige ich sie, sich eine passende Nische zu suchen. Es gibt viele Marktnischen, die meisten Architekten sind nur nicht besonders innovativ. Die Zukunft eröffnet Architekten eine unglaubliche Vielfalt von Möglichkeiten, sie müssen sie nur erkennen und ergreifen.

Sie arbeiten ausgesprochen experimentell und viele Ihrer Entwürfe wirken sehr komplex. Wie schaffen es die Bauingenieure, mit Ihrer Kreativität Schritt zu halten?

Ben van Berkel: Meine Entwürfe sind gar nicht so schwer zu realisieren, wie viele glauben. Das Geheimnis liegt darin, mit den richtigen Leuten zu arbeiten, die sich mit den Geometrien auskennen, die wir zugrunde legen. Zugegeben, die Entwürfe wirken auf den ersten Blick äußerst komplex, doch nehmen wir einmal das Mercedes-Benz Museum in Stuttgart: Wir haben dort mit sehr vielen Wiederholungen größerer Details und Konstruktionselemente gearbeitet, um das Projekt möglichst effizient zu gestalten. Es mag also sehr komplex aussehen, ist aber in Wirklichkeit sehr rationell.

Viele Kunden sind erstaunt, wenn sie erfahren, dass unsere Entwürfe in der Umsetzung nur zwischen drei Prozent und zehn Prozent mehr kosten als eine herkömmliche Konstruktion. Die meisten rechnen mit dem Doppelten. Wir haben die Kosten dank neuer Konstruktions- und Designtechniken gut unter Kontrolle. Man darf diese externen Faktoren nicht außer Acht lassen und nicht nur daran denken, der Nachwelt ein spektakuläres Bauwerk zu hinterlassen. Unser Ziel ist ein anderes: Wir wollen die Qualität des Architektenhandwerks ständig weiter verbessern.

Möbel zu entwerfen gehört ebenfalls zu Ihrer kreativen Arbeit. Ist die Möblierung für Sie Teil des Gebäudes?

Ben van Berkel: Nein, nicht wirklich. Aber ich entwerfe gerne Möbel, und ich arbeite auch gerne in verschiedenen Bereichen. Mich reizt die Vorstellung, dass durch die Nicht-Spezialisierung vielleicht ein Stück zeitgenössischer Architektur auf andere Disziplinen abfärbt, wie auch die Herangehensweise an Architektur sehr unterschiedlich sein kann, je nachdem, aus welcher Disziplin man kommt.

„Entre les deux portes“ ist ein Wohnungsbauprojekt in Brüssel. Der Entwurf weist ausgesprochen organische Formen auf. Ist dies eine Verneigung vor der Jugendstilarchitektur, für die die belgische Hauptstadt berühmt ist?

Ben van Berkel: Das hat mich tatsächlich sehr beeinflusst. Ich habe mich lange mit der Geschichte des Jugendstils beschäftigt und mir gefällt diese kleine Anspielung.

Fühlten Sie so etwas wie Verantwortung für die altehrwürdigen Gebäude im unmittelbaren Umfeld des Projekts?

Ben van Berkel: Das nicht, aber ich probiere gerne Neues aus. Natürlich achte ich auf das architektonische Umfeld und dass die Maßstäbe stimmen. Inmitten einer städtischen Bebauung kann man die Maßstäbe nicht einfach so über den Haufen werfen. Das macht es für mich so schwierig, im städtischen Raum zu arbeiten. Der andere Aspekt ist, dass ein Bezug zum Ort und seiner Geschichte geschaffen werden muss. Das kann auf die unterschiedlichste Weise erfolgen. Bei der Erasmusbrücke gibt es beispielsweise eine gedankliche Verbindung zu den Lastkrä-
nen im Hafen von Rotterdam und ihrer Bedeutung für die industrielle Entwicklung der Stadt. Genau so habe ich auch in Brüssel gearbeitet.

In Deutschland gibt es immer wieder heftige Diskussionen um den Wiederaufbau im Krieg zerstörter Baudenkmäler. In der Bevölkerung gibt es offenbar eine Vorliebe für historisierende architektonische Lösungen. Wie stehen Sie dazu?

Ben van Berkel: Das ist gar nicht mein Fall. Geschichte zu kopieren finde ich nicht besonders spannend. Ich bin der Überzeugung, dass die Architektur nach vorne schauen muss. Natürlich darf man auch mal Inspiration aus der Vergangenheit schöpfen, aber nur um sie weiterzuentwickeln, zu verändern, zu etwas Zeitgenössischem zu machen. Ich glaube an das Morgen, nicht an das Gestern.

Wie schafft man es, den Wunsch nach neuer, außergewöhnlicher Architektur mit den oft konservativen Vorstellungen der Bauherrn zu vereinbaren?

Ben van Berkel: Das ist eine Frage der
 Kommunikation. Wir haben gelernt, die Dinge, die uns wichtig sind, unseren Kunden
so nahe zu bringen, dass sie sie mit uns tei-len. Wenn sie das nicht tun, ist das natürlich ein Problem. Aber man muss dem Kunden auch zuhören können. Manchmal äußert der Kunde seine ganz eigene Sicht auf einen bestimmten Ort, und dann treten wir miteinander in einen Dialog. Und selbst wenn ich meine eigenen Vorstellungen dann nicht durchsetzen kann, begleite ich den Entstehungsprozess.
Übernehmen die Bauherrn eine aktive Rolle in diesem Prozess?

Ben van Berkel: Eine entscheidende, schon rein finanziell … (lacht)

Gibt es Situationen, wo direkter Einfluss auf Ihre Arbeit als Architekt genommen wird?

Ben van Berkel: Das nicht, aber manchmal ist es nicht ganz einfach. Die meisten Kunden sind sehr umgänglich und haben Vertrauen in meine Arbeit. Manche jedoch – vor allem jetzt in der Wirtschaftskrise – reagieren nervös, dann wird aus jedem Cent eine große Sache gemacht. Man muss heutzutage ein wenig mehr auf die Kunden eingehen als früher.

Mit welchen Fragen werden sich Architekten in der Zukunft vermehrt beschäftigen?

Ben van Berkel: Wir werden verstärkt auf Klimaschutzfragen eingehen müssen. Das ist ausgesprochen wichtig, denn die Wärmeeffizienz vieler Gebäude könnte deutlich höher liegen. Auch sollten Architekten häufiger versuchen, etwas mit ihrer Arbeit auszudrücken. Wenn ein Gebäude keine unterschiedlichen Lesarten zulässt oder nicht zum Nachdenken anregt, weil es keinen bleibenden Eindruck hinterlässt, ist es uninteressant. Architektur muss kommunizieren.

Sie unterrichten die Architekturklasse der Städelschule in Frankfurt. Sehen Sie Unterschiede zwischen dem Architekturstudium in Deutschland und den Niederlanden?

Ben van Berkel: Nein, überhaupt nicht. Auffällig ist allerdings der Trend bei deutschen Studenten, nach dem Abschluss ein Postgraduiertenstudium aufzunehmen. Das ist eine neuere Entwicklung. Ansonsten sehe ich keinerlei Unterschiede zwischen den Studierenden. Bei UNStudio arbeiten auch sehr viele deutsche Absolventen.
Was vermitteln Sie in Ihrem Unterricht?

Ben van Berkel: Ich bringe den Studierenden bei, ehrlich zu sich zu sein und ihr Talent realistisch einzuschätzen. Und ich bringe ihnen bei, dieses Talent mit Hilfe der neuesten technischen Mittel richtig zur Geltung zu bringen. Dazu gehören Entwurfstechniken ebenso wie Überlegungen zur Verwendung der richtigen Geometrien, Materialien und Konstruktionstechniken. Ich versuche in der Ausbildung stets innovativ zu sein, damit die Studierenden jetzt schon lernen, was sie in vielleicht sechs Jahren wirklich brauchen werden. Dafür fordere ich auch viel von ihnen.

Glauben Sie, dass ein Auslandsaufenthalt für Architekten erforderlich ist?

Ben van Berkel: Nicht unbedingt, aber internationale Erfahrungen sind immer von Vorteil. Es gibt in England einige hervorragende Universitäten, aber auch in Europa, zum Beispiel das Berlage Institute in Rotterdam. In Asien gibt es ebenfalls interessante Einrichtungen für ein Postgraduiertenstudium, zum Beispiel in Hongkong.

Sie können auf eine langjährige Erfahrung zurückblicken. Was würden Sie mit dem Wissen von heute anders machen, wenn Sie wieder am Anfang Ihrer Karriere stünden?

Ben van Berkel: Vermutlich würde ich mein Büro mit mehreren Partnern gründen. Heutzutage ist das die beste Möglichkeit, um sich über Wasser zu halten, mit vier, fünf Mann zu starten, um auf sichereren Beinen zu stehen. Selbständigkeit ist ein ziemlich hartes Brot, und der Trend geht wohl insgesamt in diese Richtung. Immer öfter sieht man auch Architektinnen, die sich zusammenschließen. Das finde ich eine interessante Entwicklung.

Welchen guten Rat möchten Sie den TALIS-Lesern noch mit auf den Weg geben?

Ben van Berkel: Lesen Sie auch weiterhin TALIS, dann sind Sie bestens informiert.

Möbius-Haus im niederländischen Het Gooi (Innenansicht)

Foto: UNStudio

Innenaufnahmen Mercedes Benz Museum, Stuttgart

Foto: UNStudio

Arbeiten in Finnland

Finnland gilt vielen noch immer als Musterland in Europa, ob in der Bildung (Stichwort: PISA-Studie) oder in der Wirtschaft, die sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion als wichtigstem Handelspartner mit bewundernswerter Disziplin erneuert hat. Die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise hat allerdings auch in Finnland ihre Spuren hinterlassen, wenngleich der Arbeitsmarkt davon weitaus geringer in Mitleidenschaft gezogen wurde als in anderen Ländern: Die Arbeitslosenquote lag im März 2012 mit 7,5 % deutlich unter dem EU-Schnitt. Auch die Jugendarbeitslosigkeit lag mit 19,5 % vergleichsweise niedrig und dürfte sich weiter rückläufig entwickeln, weil in den nächsten Jahren die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen.

Nach einem krisenbedingten Einbruch ist die finnische Bauwirtschaft zuletzt gewachsen. Die Bauinvestitionen stiegen 2011 um real 3,4 %. Vor allem im Tiefbau wird mit einem weiteren Anstieg gerechnet. Berufliche Perspektiven für Architekten und Bauingenieure eröffnen sich daneben beim Bau neuer Stadtviertel, bei Großprojekten im Verkehrswesen, im Energiesektor und bei Gewerbeobjekten.

Im dünn besiedelten Finnland befinden sich fast 80 % der Architekten- und Ingenieurbüros im wirtschaftlich starken Großraum Helsinki. Die Löhne und Gehälter liegen auf den ersten Blick etwa auf deutschem Niveau, dies relativiert sich aber angesichts hoher Steuern und Sozialabgaben. Zudem liegen die Lebenshaltungskosten in Finnland um bis zu 20 % über denen in Deutschland. Vor allem das Wohnen ist teuer. Dagegen bietet Finnland für berufstätige Frauen eine Menge Vorteile: Dank eines gesetzlich garantierten Anspruchs auf Kinderbetreuungsangebote wird es ihnen dort besonders leicht gemacht, Beruf und Familie in Einklang zu bringen. Gleichberechtigung wird in allen Bereichen der Gesellschaft großgeschrieben, was vielleicht auch daran liegt, dass die finnische Sprache keine Geschlechter kennt. Mit ihren insgesamt 15 grammatikalischen Fällen gilt sie als eine der schwierigsten der Welt. Man kann sich allerdings fast überall problemlos mit Englisch verständigen. Viele Finnen sprechen auch Deutsch, das vor dem Fall des Eisernen Vorhangs als zweite Fremdsprache unterrichtet wurde.

Printmedien

Tageszeitungen spielen auch in Finnland eine wichtige Rolle bei der Jobsuche. Die beiden wichtigsten sind:

  • Helsingin Sanomat, www.hs.fi
    (Rubrik Teemat/Työelämä, sonst
    Beilage in der Sonntagsausgabe)
  • Aamulehti, www.aamulehti.fi
    (für den Raum Turku,
    Rubrik Työpaikat)
  • Das finnische Arbeitsamt
    (www.mol.fi) veröffentlicht zweimal wöchentlich die Zeitung Työmarkkinat (Arbeitsmarkt) mit vielen Stellenanzeigen.

Finnland ist das Land der Sauna – und das mit gutem Grund. Wer schon in Deutschland die sommerlichen Temperaturen vermisst, ist mit Finnland schlecht beraten. Empfindlichen Gemütern macht im Winter zudem die lange Dunkelheit zu schaffen. Dafür beschert der (kurze) Sommer den Finnen endlos lange und oft auch angenehm sonnige Tage, die in einer Hütte am See verbracht für die langen Winter entschädigen.Jobsuche

Das finnische Arbeitsamt (Työvoimatoimisto) ist die wichtigste Informationsquelle für Jobsuchende: Etwa 70 % aller freien Stellen werden hierüber vermittelt. Sein Online-Angebot unter www.mol.fi steht auch in englischer Sprache zur Verfügung. Über EURES (http://ec.europa.eu/eures), das Portal für berufliche Mobilität in Europa, erhält man ebenfalls Stellenangebote, aber auch Informationen über das Leben und Arbeiten in Finnland. Darüber hinaus findet sich im Internet eine Vielzahl teilweise kostenpflichtiger Jobbörsen und privater Personaldienstleister. Besonders interessant ist die Seite www.aarresaari.net, ein Karriereportal von 19 finnischen Universitäten, wo nicht nur nützliche Tipps und Hinweise für arbeitsuchende Akademiker zu finden sind, sondern auch konkrete Stellenangebote. Für die Freunde von Facebook gibt es unter www.facebook.com/JobsInFinland eine eigene Gruppe, in der regelmäßig englischsprachige Job­angebote aus allen möglichen Branchen gepostet werden.

Nützliche Infos für ausländische Arbeitssuchende in verschiedenen Sprachen finden sich unter www.infopankki.fi. Die Webseite Enterprise Finland www.yrityssuomi.fi bietet im Gegenzug nützliche Hinweise für alle, die sich in Finnland selbständig machen möchten.

Jobbörsen

Praktika

In Finnland ist die Entlohnung von Praktikumstätigkeiten staatlich vorgeschrieben, entsprechend erwarten die Anbieter von den Praktikanten Erfahrungen und berufliche Kenntnisse, die ihnen auch von Nutzen sind. Sehr gute Englischkenntnisse sind überall Pflicht. Über das Portal jobXchange der Deutsch-Finnischen Handelskammer (www.dfhk.fi) werden auch Praktikumsstellen vermittelt.

Die Finnen fördern den internationalen Austausch sehr, gerade auf akademischer Ebene. 1991 wurde das Centre for International Mobility (CIMO) ins Leben gerufen. Unter www.cimo.fi ist ein breites Informationsangebot zu Austausch-, Praktikums- und Fortbildungsprogrammen zu finden.

Bewerbung

Der hohe Stellenwert der IT-Branche hat sich auch auf die Bewerbungsgepflogenheiten in Finnland ausgewirkt. Bewerbungsunterlagen werden nur noch selten in schriftlicher Form eingereicht, stattdessen sind Bewerbungen per E-Mail oder Hinweise auf eine eigene Bewerbungshomepage an der Tagesordnung. Manche Arbeitgeber stellen auf ihren Internetseiten auch ein Online-Bewerbungsformular bereit. Das bedeutet allerdings nicht, dass beim Ausfüllen des Formulars oder bei der E-Mail-Bewerbung weniger Sorgfalt an den Tag gelegt werden darf als bei herkömmlichen Bewerbungen. Zu den üblichen Bewerbungsunterlagen gehören Anschreiben und Lebenslauf. Zeugnisse werden dagegen selten verlangt, da das Ausbildungsniveau in Finnland generell hoch liegt. Auch Passfotos sind eher unüblich.

S85_Talis_2013_MG_7149_LeniCow_RGBDas Anschreiben sollte kurz gehalten werden und die wichtigsten Angaben zu Person und Motivation enthalten. Bescheidenheit ist in Finnland immer noch eine Tugend, von daher sollten besondere Qualifikationen zwar erwähnt, aber nicht übermäßig hervorgehoben werden. Auch der tabellarische Lebenslauf sollte eher nüchtern gehalten sein. Er wird mit Datum und Unterschrift versehen. Wer eine Initiativbewerbung plant, findet Adressen potenzieller Arbeitgeber in den finnischen Gelben Seiten (im Internet erreichbar über www.fonecta.fi) oder über die Deutsch-Finnische Handelskammer (www.dfhk.fi). Dort kann man sich auch in die Online-Bewerberdatenbank jobXchange eintragen, wo für interessierte Unternehmen alle Daten zu Lebenslauf, Qualifikationen und Gehaltswunsch abrufbar sind.

Auch beim Bewerbungsgespräch ist Bescheidenheit Trumpf. Das Gehalt steht in Finnland oft nur bei höheren Positionen zur Verhandlung. Meist weiß der Arbeitgeber schon vorher genau, wie viel er für den neuen Mitarbeiter zu zahlen bereit ist. Die Nennung eigener (unter Umständen überhöhter) Gehaltsvorstellungen führt daher selten zum Ziel und kann sogar zum Ausschlusskriterium werden. Oft werden Arbeitsverträge in Finnland zunächst nur mündlich geschlossen. Spätestens nach einem Monat muss der Arbeitgeber aber eine schriftliche Ausfertigung der Vertragsvereinbarungen vorlegen.

Einreiseformalitäten

Bundesbürger unterliegen als Angehörige eines EU-Staates keinerlei Beschränkungen auf dem finnischen Arbeitsmarkt. Wer sich mehr als drei Monate in Finnland aufhalten will, muss allerdings auch als EU-Bürger eine Aufenthaltserlaubnis beantragen. Der Antrag kann bei jeder Polizeidienststelle in Finnland eingereicht werden, erforderlich sind ein gültiger Personalausweis oder Reisepass, ein Passfoto und eine Arbeitsbescheinigung des Arbeitgebers. Selbständige müssen eine Bescheinigung über die Gewerbeanmeldung oder einen vergleichbaren Nachweis vorlegen.

Welche Formalitäten für die Übersiedlung nach Finnland erledigt werden müssen, erklärt ausführlich die extra hierfür eingerichtete Webseite www.migri.fi des finnischen Einwanderungsservice Maahanmuuttovirasto.

Die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung werden in Finnland nicht vom Arbeitgeber einbehalten, sondern ausbezahlt. Da die staatliche Grundversorgung für Arbeitslose recht gering ist, sollte man sofort bei Jobantritt in eine Gewerkschaft eintreten und in deren Arbeitslosenkasse einzahlen. Nach zehn Monaten erwirbt man dann einen Anspruch auf Arbeitslosengeld von der Gewerkschaft.

Der Architekten- und Bau­ingenieursberuf in Finnland

Nützliche Links: leben und arbeiten in Finnland

Angesichts des hohen Stellenwerts, den die Architektur in Finnland genießt, verwundert es, dass weder der Titel Architekt (Arkkitehti) noch der Beruf des Bauingenieurs dort geschützt sind. Jeder ist dazu berechtigt, Architekten- und Ingenieursdienstleistungen anzubieten und Baugenehmigungen einzureichen. Als Qualifikationsnachweis dient lediglich der akademische Titel. Für die Anerkennung deutscher Abschlüsse ist in Zweifelsfällen die Technische Hochschule in Helsinki zuständig (www.aalto.fi). Wer als selbständiger Architekt in Finnland ein Büro betreiben will, braucht also nur eine Eintragung ins Handelsregister. Die kommunale Baubehörde stellt dann bei Einreichung der Genehmigungsplanung fest, ob man für den entsprechenden Gebäudetyp qualifiziert ist.

Die Mitgliedschaft im Verband Finnischer Architekten (Suomen Arkkitehtilitto/Finlands Arkitektenförbund, SAFA – www.safa.fi), einem gemeinnützigen Berufsverband, der allen Architekten mit finnischem oder europaweit anerkanntem Architekturdiplom offensteht, ist freiwillig und unabhängig davon, ob der Beruf tatsächlich ausgeübt wird.

Neben dem SAFA gibt es viele weitere Verbände auf freiwilliger Basis, für Bauingenieure etwa die Tekniikan Akateemiset (www.tek.fi). ■

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