Wie arbeitet es sich in den Niederlanden, Herr Schupp?

TALIS fragte Manuel Schupp, Geschäftsführender Gesellschafter bei Wilford Schupp Architekten, Zürich, wie es sich als Architekt in den Niederlanden arbeiten lässt.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ins Ausland zu gehen?

Manuel Schupp: Wir sind ein deutsch-englisches Architekturbüro und haben daher schon immer internationale Projekte realisiert. Interessante Projekte in aller Welt reizen uns, da sie den persönlichen Horizont erweitern und zeigen, dass in der Welt mit sehr unterschiedlichen Herangehensweisen geplant und gebaut wird.

Warum haben Sie sich gerade die Niederlande ausgesucht, um dort zu arbeiten?

Manuel Schupp: Es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen den Niederländern und uns. Insbesondere sind die hohen Erwartungen an ausgeprägte architektonische Qualität etwas, das die generelle gebaute Qualität in diesem Land sehr hoch macht. Nach dem Wettbewerbserfolg für die Erweiterung des „Friedenspalasts“ in Den Haag war dies ein besonderer Ort, mit einer besonderen Aufgabe, die eine außergewöhnliche Architektur erlaubte.

Was gefällt Ihnen besonders an den Niederlanden?

Manuel Schupp: Hohes Qualitätsbewusstsein gepaart mit einer hohen Innovationskraft. Die Niederlande scheinen mir eines der modernsten und tolerantesten Länder in Europa zu sein, die zudem den Blick für die Zukunft nie aus den Augen verlieren.

Woran mussten Sie sich erst gewöhnen?

Manuel Schupp: Dass uns in den Niederlanden ähnlich wie in England und Polen erst einmal nicht die größten Sympathien entgegengebracht werden. Dies ist begründet in unserer Geschichte, hat aber bis heute noch emotionale Auswirkungen, die man nicht unterschätzen darf. Es bedarf deshalb besonderer Diplomatie, im Planungsprozess zu führen, ohne besserwisserisch deutsch dazustehen.

Welchen Tipp geben Sie jungen Architekten, die in den Niederlanden arbeiten möchten?

Manuel Schupp: Offen zu sein für die Denkweise der anderen und zu bemerken, dass es auch Unterschiede in der Ausbildung zwischen beiden Ländern gibt. Die jungen Kollegen dort sind wesentlich experimenteller und unabhängiger von Sachzwängen. ■

www.wilfordschupp.de

Arbeiten in den Niederlanden

Klicktipp

Manuel Schupp Niederlande architektArchitekt Manuel Schupp erzählt, wie es sich als Deutscher in den Niederlanden arbeiten lässt.

Auch an den Niederlanden ist die Wirtschafts- und Finanzkrise nicht spurlos vorübergegangen. Dennoch wurde der Arbeitsmarkt dank hohen Kündigungsschutzes und flexibler Arbeitszeitreglungen weitaus geringer in Mitleidenschaft gezogen als in anderen Ländern. Die Arbeitslosenquote lag im Februar 2010 mit vier Prozent (7,3 Prozent bei den Jugendlichen) auf dem niedrigsten Stand aller EU-Länder. Obwohl sich der Wohnungsbausektor nur langsam von der Krise erholt, mangelt es der Bauwirtschaft an qualifizierten Fachkräften. Insofern sind die Niederlande für arbeitssuchende Architekten und Bauingenieure ein lohnendes Ziel, zumal der Mangel an heimischen Absolventen in den technischen Studiengängen die Nachfrage in den kommenden Jahren weiter verstärken dürfte. Auch die Karrierechancen für Frauen sind hier besser als in vielen anderen Ländern.
Die Lebenshaltungskosten und Gehälter liegen in etwa auf deutschem Niveau, dafür sind deutlich weniger Steuern und staatliche Abgaben abzuführen. Allerdings unterliegen die Verdienstmöglichkeiten starken regionalen Schwankungen: In den Ballungsgebieten um die Großstädte Amsterdam, Den Haag und Rotterdam sind die Bezüge überdurchschnittlich. Hier finden sich auch die meisten freien Stellen.

Jobsuche
Printmedien

Einen Blick in den Stellenteil der großen niederländischen Tages­zeitungen sollte man in jedem Fall werfen. Einige verfügen über eigene Jobbörsen im Internet oder arbeiten mit großen Online-Anbietern zusammen.

• NRC Handelsblad, www.nrccarriere.nl
• De Volkskrant, www.vkbanen.nl
• De Telegraaf, http://vacaturekrant.nl
• Algemeen Dagblad, arbeitet zusammen mit www.jobtrack.nl

Die Wochenzeitschrift „Intermediair“ richtet sich gezielt an Hoch­schul­ab­sol­venten und enthält neben vielen Stellen­anzeigen auch Artikel zu Be­wer­bungs­themen und Gehalts­übersichten (www.intermediair.nl).

Die Möglichkeiten zur Suche nach einem geeigneten Arbeits­platz sind in den Nieder­landen außerordentlich vielfältig. Die öffentliche Arbeits­vermittlung UWV WERKbedrijf (www.werk.nl) bietet ein umfangreiches Stellen­angebot in nieder­ländischer Sprache. Daneben stehen über 200 lokale Arbeits­ämter (arbeidsbureaus) mit regional aus­gerichtetem Angebot zur Ver­fügung (www.nederland-web.nl/r/Arbeidsbureaus/). Zusätzlich gibt es vor Ort weitere 18 „Jobcenters“ sowie so genannte „Topcenters“ speziell für Hochschulabsolventen.
Der Zeitarbeitsmarkt spielt in den Niederlanden eine wesentlich größere Rolle als bei uns. Entsprechend groß sind die Angebote der „Uitzendbureaus“, die selbst als Arbeitgeber in Erscheinung treten und ihre Mitarbeiter an andere Unternehmen ausleihen (www.uitzendbureau.nl). Ebenfalls im Zeitarbeitssektor tätig sind die so genannten „Bemiddelingsbureaus“, die als reine Vermittlungsagenturen auftreten.
Basierend auf dem Netzwerkgedanken werden an den Hochschulen gegenwärtig die „Careers Services“ stark ausgebaut. So organisiert die Studentenorganisation AIESEC (www.aiesec.nl) jedes Jahr zwischen Dezember und April Firmenkontaktmessen in verschiedenen Städten. Auch der „Intermediair Carrieredag“ (im Februar/März in Amsterdam) der Wochenzeitschrift „Intermediair“ bietet gute Möglichkeiten, berufliche Kontakte zu knüpfen (www.intermediair.nl).
Um keine böse Überraschung zu erleben, sollte man vor Beginn der Jobsuche prüfen lassen, ob das deutsche Diplom in den Niederlanden voll anerkannt wird. Auskunft erteilt unter anderem die Netherlands Organization for International Cooperation in Higher Education (www.nuffic.nl).

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Foto: pixabay/PublicDomainPictures

Praktika

In den Niederlanden sind Praktika außerhalb der Berufs- beziehungsweise Hochschulausbildung eher unüblich. Trotzdem ist es mit entsprechender Eigeninitiative möglich, eine entsprechende Stelle zu ergattern. Wertvolle Hilfe leistet dabei das Portal http://stage.startpagina.nl: Es bietet einen zentralen Zugang zu über 30 niederländischen Praktikumsdatenbanken und Unternehmen, die regelmäßig Praktikumsplätze anbieten. Für besonders qualifizierte Fachkräfte gibt es auch Praktikumsangebote unter www.roc.nl.

Bewerbung
Jobbörsen

(Stellenangebote überwiegend in niederländischer Sprache):
www.askjim.nl
www.internetvac.nl
www.backinjob.nl
www.jobstoday.nl

Viele Unternehmen und Institutionen veröffentlichen zudem Stellenanzeigen auf ihren Websites.

Die Niederlande sind eines der wenigen Länder, in denen man auch ohne Kenntnisse der Landessprache gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat, da in größeren Unternehmen meist Englisch als Arbeitssprache gepflegt wird. Entsprechend ist auch die Bewerbung nicht unbedingt auf Niederländisch abzufassen, sondern in (korrektem) Englisch.
Eine Reihe von Tipps zur Bewerbung im Ausland hat die Bundesagentur für Arbeit unter www.ba-auslandsvermittlung.de in der Rubrik „Arbeitnehmer“ zusammengestellt.

Allgemein richten sich niederländische Bewerbungsunterlagen eher nach amerikanischem Vorbild, das heißt ein kurzes, schnörkelloses Anschreiben, in dem das Interesse an der ausgeschriebenen Stelle bekundet wird, sowie ein maximal zweiseitiger Lebenslauf ohne Datum und Unterschrift. Zeugnisse und Bewerbungsfotos werden üblicherweise nicht verlangt. Das Anschreiben kann ruhig etwas lockerer formuliert sein, allerdings nicht zu flapsig. Im Lebenslauf werden detaillierte Angaben zum Ausbildungsverlauf (auch besondere Kurse, Zusatzqualifikationen, spezielle Kenntnisse und Fähigkeiten) erwartet. Auf die Nennung von Hobbys und Freizeitaktivitäten wird großer Wert gelegt. Bewirbt man sich um einen höher qualifizierten Posten, sollten Referenzen beigefügt werden.
Oft geht der Einladung zum Bewerbungsgespräch ein telefonisches Interview voraus. Im eigentlichen Gespräch will man nämlich lieber testen, wie aktiv sich der Bewerber einbringt. Rückfragen sind gerne gesehen und auch sinnvoll, zum Beispiel wenn es um die betriebliche Altersvorsorge geht, die angesichts der niedrigen gesetzlichen Renten in den Niederlanden eine wichtige Rolle spielt.

Einreiseformalitäten

Bundesbürger unterliegen als Angehörige eines EU-Staates keinerlei Beschränkungen auf dem niederländischen Arbeitsmarkt, eine Arbeitserlaubnis wird automatisch erteilt. Will man in den Niederlanden auch wohnen, ist gleich nach der Einreise eine Registrierung bei der niederländischen Fremdenpolizei (Vreemdelingenpolitie) erforderlich. Eine Aufenthaltsberechtigung kann, auch wenn sie nicht zwingend benötigt wird, in bestimmten Fällen von Nutzen sein: Manchmal fragen Arbeitgeber danach, bevor sie einen Vertrag mit einem Arbeitnehmer abschließen, aber auch Banken, wenn ein Konto eröffnet werden soll. Sie kann bei der Einwanderungsbehörde des Bürgeramtes (Burgerzaken) der Wohngemeinde beantragt werden.

Die niederländische „Architektenkammer“
Nützliche Links

• Portal der niederländischen Botschaft
in Berlin, www.niederlandeweb.de
• Deutsch-niederländische Industrie- und
Handelskammer, www.dnhk.org
• Niederländische „Architektenkammer“,
www.bna.nl
• Königlich-Niederländischer Ingenieur-
verein KIVI NIRIA, www.kiviniria.net

Der „Bond van Nederlandse Architecten (BNA)“ (www.bna.nl) fungiert ähnlich wie der BDA als Interessenverband der niederländischen Architekten und übernimmt eine wichtige Rolle bei den Tarifverhandlungen. Aufnahmevoraussetzung ist ein gebührenpflichtiger Eintrag in das Architektenregister (www.architectenregister.nl). Dieser lohnt sich schon deshalb, weil nur registrierte Architekten bei öffentlichen Bauaufträgen berücksichtigt werden.
Ungeachtet dessen hat in den Niederlanden jeder Bürger das Recht, einen Bauplan einzureichen, um ihn baupolizeilich prüfen und genehmigen zu lassen, wobei zahllose Interessenvertreter ein Mitbestimmungsrecht besitzen und Architekten bei der Ausführung ihrer Entwürfe vergleichsweise wenig Einflussmöglichkeiten haben. Planungssicherheit wie in Deutschland ist daher eher die Ausnahme.

Der Königlich-Niederländische Ingenieurverein KIVI NIRIA

Mehr als 25.000 Ingenieure und Ingenieurstudenten sind im „Koninklijk Instituut Van Ingenieurs (KIVI NIRIA)“ (www.kiviniria.net) zusammengeschlossen. Der Berufsverband ist in 38 technische Abteilungen untergliedert sowie in eine Abteilung für Jungingenieure, eine für Studenten und 16 Regionalgruppen. Die Mitgliedschaft in bis zu zwei Abteilungen ist kostenlos und eröffnet zahlreiche Möglichkeiten zur Netzwerkbildung, unter anderem bei einer der über 600 jährlichen Veranstaltungen und Tagungen des Vereins. Außerdem bietet KIVI NIRIA Beratung und Hilfe für ausländische Ingenieure, die sich in den Niederlanden beruflich orientieren möchten. Dank eines Partnerschaftsabkommens können auch Mitglieder des VDI die Angebote des Königlich-Niederländischen Ingenieurvereins in vollem Umfang nutzen.■

Arbeiten in Finnland

Finnland gilt vielen noch immer als Musterland in Europa, ob in der Bildung (Stichwort: PISA-Studie) oder in der Wirtschaft, die sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion als wichtigstem Handelspartner mit bewundernswerter Disziplin erneuert hat. Die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise hat allerdings auch in Finnland ihre Spuren hinterlassen, wenngleich der Arbeitsmarkt davon weitaus geringer in Mitleidenschaft gezogen wurde als in anderen Ländern: Die Arbeitslosenquote lag im März 2012 mit 7,5 % deutlich unter dem EU-Schnitt. Auch die Jugendarbeitslosigkeit lag mit 19,5 % vergleichsweise niedrig und dürfte sich weiter rückläufig entwickeln, weil in den nächsten Jahren die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen.

Nach einem krisenbedingten Einbruch ist die finnische Bauwirtschaft zuletzt gewachsen. Die Bauinvestitionen stiegen 2011 um real 3,4 %. Vor allem im Tiefbau wird mit einem weiteren Anstieg gerechnet. Berufliche Perspektiven für Architekten und Bauingenieure eröffnen sich daneben beim Bau neuer Stadtviertel, bei Großprojekten im Verkehrswesen, im Energiesektor und bei Gewerbeobjekten.

Im dünn besiedelten Finnland befinden sich fast 80 % der Architekten- und Ingenieurbüros im wirtschaftlich starken Großraum Helsinki. Die Löhne und Gehälter liegen auf den ersten Blick etwa auf deutschem Niveau, dies relativiert sich aber angesichts hoher Steuern und Sozialabgaben. Zudem liegen die Lebenshaltungskosten in Finnland um bis zu 20 % über denen in Deutschland. Vor allem das Wohnen ist teuer. Dagegen bietet Finnland für berufstätige Frauen eine Menge Vorteile: Dank eines gesetzlich garantierten Anspruchs auf Kinderbetreuungsangebote wird es ihnen dort besonders leicht gemacht, Beruf und Familie in Einklang zu bringen. Gleichberechtigung wird in allen Bereichen der Gesellschaft großgeschrieben, was vielleicht auch daran liegt, dass die finnische Sprache keine Geschlechter kennt. Mit ihren insgesamt 15 grammatikalischen Fällen gilt sie als eine der schwierigsten der Welt. Man kann sich allerdings fast überall problemlos mit Englisch verständigen. Viele Finnen sprechen auch Deutsch, das vor dem Fall des Eisernen Vorhangs als zweite Fremdsprache unterrichtet wurde.

Printmedien

Tageszeitungen spielen auch in Finnland eine wichtige Rolle bei der Jobsuche. Die beiden wichtigsten sind:

  • Helsingin Sanomat, www.hs.fi
    (Rubrik Teemat/Työelämä, sonst
    Beilage in der Sonntagsausgabe)
  • Aamulehti, www.aamulehti.fi
    (für den Raum Turku,
    Rubrik Työpaikat)
  • Das finnische Arbeitsamt
    (www.mol.fi) veröffentlicht zweimal wöchentlich die Zeitung Työmarkkinat (Arbeitsmarkt) mit vielen Stellenanzeigen.

Finnland ist das Land der Sauna – und das mit gutem Grund. Wer schon in Deutschland die sommerlichen Temperaturen vermisst, ist mit Finnland schlecht beraten. Empfindlichen Gemütern macht im Winter zudem die lange Dunkelheit zu schaffen. Dafür beschert der (kurze) Sommer den Finnen endlos lange und oft auch angenehm sonnige Tage, die in einer Hütte am See verbracht für die langen Winter entschädigen.Jobsuche

Das finnische Arbeitsamt (Työvoimatoimisto) ist die wichtigste Informationsquelle für Jobsuchende: Etwa 70 % aller freien Stellen werden hierüber vermittelt. Sein Online-Angebot unter www.mol.fi steht auch in englischer Sprache zur Verfügung. Über EURES (http://ec.europa.eu/eures), das Portal für berufliche Mobilität in Europa, erhält man ebenfalls Stellenangebote, aber auch Informationen über das Leben und Arbeiten in Finnland. Darüber hinaus findet sich im Internet eine Vielzahl teilweise kostenpflichtiger Jobbörsen und privater Personaldienstleister. Besonders interessant ist die Seite www.aarresaari.net, ein Karriereportal von 19 finnischen Universitäten, wo nicht nur nützliche Tipps und Hinweise für arbeitsuchende Akademiker zu finden sind, sondern auch konkrete Stellenangebote. Für die Freunde von Facebook gibt es unter www.facebook.com/JobsInFinland eine eigene Gruppe, in der regelmäßig englischsprachige Job­angebote aus allen möglichen Branchen gepostet werden.

Nützliche Infos für ausländische Arbeitssuchende in verschiedenen Sprachen finden sich unter www.infopankki.fi. Die Webseite Enterprise Finland www.yrityssuomi.fi bietet im Gegenzug nützliche Hinweise für alle, die sich in Finnland selbständig machen möchten.

Jobbörsen

Praktika

In Finnland ist die Entlohnung von Praktikumstätigkeiten staatlich vorgeschrieben, entsprechend erwarten die Anbieter von den Praktikanten Erfahrungen und berufliche Kenntnisse, die ihnen auch von Nutzen sind. Sehr gute Englischkenntnisse sind überall Pflicht. Über das Portal jobXchange der Deutsch-Finnischen Handelskammer (www.dfhk.fi) werden auch Praktikumsstellen vermittelt.

Die Finnen fördern den internationalen Austausch sehr, gerade auf akademischer Ebene. 1991 wurde das Centre for International Mobility (CIMO) ins Leben gerufen. Unter www.cimo.fi ist ein breites Informationsangebot zu Austausch-, Praktikums- und Fortbildungsprogrammen zu finden.

Bewerbung

Der hohe Stellenwert der IT-Branche hat sich auch auf die Bewerbungsgepflogenheiten in Finnland ausgewirkt. Bewerbungsunterlagen werden nur noch selten in schriftlicher Form eingereicht, stattdessen sind Bewerbungen per E-Mail oder Hinweise auf eine eigene Bewerbungshomepage an der Tagesordnung. Manche Arbeitgeber stellen auf ihren Internetseiten auch ein Online-Bewerbungsformular bereit. Das bedeutet allerdings nicht, dass beim Ausfüllen des Formulars oder bei der E-Mail-Bewerbung weniger Sorgfalt an den Tag gelegt werden darf als bei herkömmlichen Bewerbungen. Zu den üblichen Bewerbungsunterlagen gehören Anschreiben und Lebenslauf. Zeugnisse werden dagegen selten verlangt, da das Ausbildungsniveau in Finnland generell hoch liegt. Auch Passfotos sind eher unüblich.

S85_Talis_2013_MG_7149_LeniCow_RGBDas Anschreiben sollte kurz gehalten werden und die wichtigsten Angaben zu Person und Motivation enthalten. Bescheidenheit ist in Finnland immer noch eine Tugend, von daher sollten besondere Qualifikationen zwar erwähnt, aber nicht übermäßig hervorgehoben werden. Auch der tabellarische Lebenslauf sollte eher nüchtern gehalten sein. Er wird mit Datum und Unterschrift versehen. Wer eine Initiativbewerbung plant, findet Adressen potenzieller Arbeitgeber in den finnischen Gelben Seiten (im Internet erreichbar über www.fonecta.fi) oder über die Deutsch-Finnische Handelskammer (www.dfhk.fi). Dort kann man sich auch in die Online-Bewerberdatenbank jobXchange eintragen, wo für interessierte Unternehmen alle Daten zu Lebenslauf, Qualifikationen und Gehaltswunsch abrufbar sind.

Auch beim Bewerbungsgespräch ist Bescheidenheit Trumpf. Das Gehalt steht in Finnland oft nur bei höheren Positionen zur Verhandlung. Meist weiß der Arbeitgeber schon vorher genau, wie viel er für den neuen Mitarbeiter zu zahlen bereit ist. Die Nennung eigener (unter Umständen überhöhter) Gehaltsvorstellungen führt daher selten zum Ziel und kann sogar zum Ausschlusskriterium werden. Oft werden Arbeitsverträge in Finnland zunächst nur mündlich geschlossen. Spätestens nach einem Monat muss der Arbeitgeber aber eine schriftliche Ausfertigung der Vertragsvereinbarungen vorlegen.

Einreiseformalitäten

Bundesbürger unterliegen als Angehörige eines EU-Staates keinerlei Beschränkungen auf dem finnischen Arbeitsmarkt. Wer sich mehr als drei Monate in Finnland aufhalten will, muss allerdings auch als EU-Bürger eine Aufenthaltserlaubnis beantragen. Der Antrag kann bei jeder Polizeidienststelle in Finnland eingereicht werden, erforderlich sind ein gültiger Personalausweis oder Reisepass, ein Passfoto und eine Arbeitsbescheinigung des Arbeitgebers. Selbständige müssen eine Bescheinigung über die Gewerbeanmeldung oder einen vergleichbaren Nachweis vorlegen.

Welche Formalitäten für die Übersiedlung nach Finnland erledigt werden müssen, erklärt ausführlich die extra hierfür eingerichtete Webseite www.migri.fi des finnischen Einwanderungsservice Maahanmuuttovirasto.

Die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung werden in Finnland nicht vom Arbeitgeber einbehalten, sondern ausbezahlt. Da die staatliche Grundversorgung für Arbeitslose recht gering ist, sollte man sofort bei Jobantritt in eine Gewerkschaft eintreten und in deren Arbeitslosenkasse einzahlen. Nach zehn Monaten erwirbt man dann einen Anspruch auf Arbeitslosengeld von der Gewerkschaft.

Der Architekten- und Bau­ingenieursberuf in Finnland

Nützliche Links: leben und arbeiten in Finnland

Angesichts des hohen Stellenwerts, den die Architektur in Finnland genießt, verwundert es, dass weder der Titel Architekt (Arkkitehti) noch der Beruf des Bauingenieurs dort geschützt sind. Jeder ist dazu berechtigt, Architekten- und Ingenieursdienstleistungen anzubieten und Baugenehmigungen einzureichen. Als Qualifikationsnachweis dient lediglich der akademische Titel. Für die Anerkennung deutscher Abschlüsse ist in Zweifelsfällen die Technische Hochschule in Helsinki zuständig (www.aalto.fi). Wer als selbständiger Architekt in Finnland ein Büro betreiben will, braucht also nur eine Eintragung ins Handelsregister. Die kommunale Baubehörde stellt dann bei Einreichung der Genehmigungsplanung fest, ob man für den entsprechenden Gebäudetyp qualifiziert ist.

Die Mitgliedschaft im Verband Finnischer Architekten (Suomen Arkkitehtilitto/Finlands Arkitektenförbund, SAFA – www.safa.fi), einem gemeinnützigen Berufsverband, der allen Architekten mit finnischem oder europaweit anerkanntem Architekturdiplom offensteht, ist freiwillig und unabhängig davon, ob der Beruf tatsächlich ausgeübt wird.

Neben dem SAFA gibt es viele weitere Verbände auf freiwilliger Basis, für Bauingenieure etwa die Tekniikan Akateemiset (www.tek.fi). ■

Vorm Anstoß

TALIS-Autorin Ute Schroeter begleitete den deutschen Baumaschinenhersteller Liebherr nach São Paulo, Brasilien, und brachte Eindrücke aus der Bauwelt eines Landes mit, das knapp ein Jahr vor der Fußballweltmeisterschaft kräftig an seiner Zukunft als Industrienation werkelt.

Mario Götze schießt, trifft. Die Fans taumeln, sie spüren nichts mehr, noch nicht einmal die feuchte Winterluft Brasiliens, die sich mit Schweiß und Tränen auf ihrer Haut niederschlägt. Was macht Pelé da unten auf dem Spielfeld? Mit über siebzig noch einen Elfmeter? Angela Merkel reißt die Arme hoch. Damals, 2002 im Endspiel gegen Brasilien, sind wir am Sieg vorbeigeschrappt. Und jetzt das: Deutschland ist Fußball-Weltmeister – ein Traum. Augen auf: Tatsächlich nur geträumt.

Ehe sich eine ähnliche Szene abspielen kann, muss noch ein knappes Jahr ins Land gehen. Die „Arena Corinthians“, eines von sechs neuen Stadien für die Fußball-WM 2014 in Brasilien, ist mitten im Bau. Es liegt in der Nähe einer Metro-Station im Osten São Paulos. Bauherren sind die „Corinthians“, die zu den traditionsreichsten Fußballclubs Brasiliens zählen. Bevor sie ihr Stadion, das knapp 300 Mio. Euro kosten wird, nach der Weltmeisterschaft als Trainingslager nutzen, wird hier am 12. Juni 2014 der Anpfiff für das Eröffnungsspiel ertönen. Die zuständige Baufirma Odebrecht liegt gut in der Zeit, das Stadion ist zur Hälfte fertig.

Der größte Raupenkran Lateinamerikas, der LR 11350, wollte einfach nicht aufs Bild passen, sogar die brasilianische Luftwaffe weiß von seiner Existenz. Foto: Ute Schroeter

Der größte Raupenkran Lateinamerikas, der LR 11350, wollte einfach nicht aufs Bild passen, sogar die brasilianische Luftwaffe weiß von seiner Existenz.
Foto: Ute Schroeter

Während sich die Traumbilder auf der halbfertigen Zuschauertribüne verflüchtigen, schwebt fast lautlos, begleitet von einem leisen Surren, ein Stahlelement über die Baustelle hinweg, das in der Dachkonstruktion der Tribüne einen Platz findet. Es hängt an einem weißen Raupenkran, von dem es in Lateinamerika keinen größeren gibt. „Wir mussten die brasilianische Luftwaffe über die Existenz des Kranes informieren“, sagt Paulo Epifani, Bauleiter bei Odebrecht. Mit 223 m Hakenhöhe ist der Kran so riesig, dass er nur aus großer Distanz aufs Bild passen will und mit einer maximalen Tragfähigkeit von 1 350 Tonnen so stark, dass der kurze Schwenk wirkt, als würde eine Angel einen Zahnstocher von A nach B transportieren. „Wir verwenden den Kran, um einen Teil der Tribüne aufzustellen, anschließend soll er Schwerlastaufgaben übernehmen“, erklärt Epifani. Odebrecht ist am Umsatz gemessen der größte private Baukonzern Lateinamerikas. Wie es der Name erahnen lässt, liegen seine Wurzeln in Deutschland. Der Mecklenburger Emil Odebrecht wanderte im Jahr 1865 nach Brasilien aus und arbeitete hier als Kartograf. Sein Urenkel Norberto Odebrecht gründete 1944 das Bauunternehmen, das heute noch von familiärer Hand geführt wird.

Die Arena Corinthians hat eine Gesamtfläche von 200 000 m² und bietet 68 000 Besuchern Platz. Über 2 000 Mitarbeiter sind an dem Projekt beteiligt. Während der WM heißt das Stadion nach dem Willen der FIFA Arena São Paulo und wird später in Arena Corinthians umbenannt. Neben dem Eröffnungsspiel werden hier fünf weitere Begegnungen, einschließlich eines Halbfinalspiels, stattfinden.

Facettenreiche Gesichter auf Brasiliens Straßen

Brasiliens Frühlingsluft ist angenehm warm. An das feuchte, mal unerträglich heiße und im Winter unangenehm kühle Klima hat sich Klemens Ströbele längst gewöhnt, auch die brasilianischen Strategien gegen die Hitze kennt er gut: Brasilianer genießen das Bier nur eiskalt und die Klimaanlagen in Bussen und Hotels lassen Europäer zittern vor Kälte. „Deshalb ziehe ich ein nicht klimatisiertes Büro vor“, sagt der gebürtige Oberschwabe, der vor neun Jahren nach Brasilien ausgewandert ist. Ströbele ist Geschäftsführer von Liebherr Brasil und leitet das Liebherr-Werk in Guaratinguetá, ca. 150 km von Sao Paulo entfernt.

Liebherr Brasil fertigt in Guaratinguetá Bagger, Radlader, Krane und Betonmischtechnik für den brasilianischen Markt. Foto: Ute Schroeter

Liebherr Brasil fertigt in Guaratinguetá Bagger, Radlader, Krane und Betonmischtechnik für den brasilianischen Markt. Foto: Ute Schroeter

Auf der Fahrt ins Werk rauschen die Straßen Guaratinguetás vorüber. Es sind Straßen mit Strommasten, zwischen denen ein Chaos aus Strom- und Telefonkabeln hängt, für das im Erdreich offenbar kein Platz ist; Straßen mit Staus, alten VW-Bussen und Lkw mit außenliegendem Luftdruckmesser an den Reifen (gibt´s nur in Brasilien). Viele Straßen sind holprig, andere asphaltiert, an manchen wird eine Maut fällig. Auf den Gehwegen sind Gesichter zu sehen, die unterschiedlicher nicht sein können. Die Augen blau oder dunkelschwarz, das Haar blond, schwarz, kraus oder glatt, die Haut hell oder dunkel. In den Gesichtszügen der Brasilianer spiegelt sich die Geschichte der Nation wider: Brasilien als größter Kaffeeproduzent der Welt zwang Sklaven aus Afrika herbei, mit Abschaffung der Sklaverei 1888 strömten Europäer, Asiaten und anderes Blut ins Land, viele sind geblieben. Heute wechseln Wortfetzen aus brasilianischem Portugiesisch die Straßenseiten, dicht an dicht kauern Häuser und Hütten aneinander. Bei vielen fehlt der Putz, und wenn es doch welchen gibt, paart er sich mit dicken Mauern, Stacheldraht- oder Elektrozaun. Tagsüber könne man sich sicher fühlen, sagt Ströbele. Doch nach 23 Uhr meidet er die Straße und wenn er nachts doch mal mit dem Auto unterwegs ist, lässt er rote Ampeln grün sein. Die Kriminalität in São Paulo konnte stark eingedämmt werden, trotzdem feuern die Kluft zwischen Arm und Reich und eine teilweise korrupte Polizei das Morden, die Überfälle und Einbrüche immer wieder an.

Brasiliens Wirtschaft

Jahrelang durchlitt Brasilien eine Krise nach der nächsten: Falsche politische Entschei-dungen führten zur Hochinflation, die bis auf über 100 % im Monat kletterte. Einen Wendepunkt markierte 1994 die Einführung des Real, die heutige Währung Brasiliens. Der sogenannte „Real-Plan“ stoppte die Inflation, sie liegt mittlerweile bei knapp 4 %. Verschiedene Wirtschaftspläne drückten die Arbeitslosenquote auf knapp 6 % im Durchschnitt, vielerorts herrscht Vollbeschäftigung. Das Land mit 195 Mio. Einwohnern belegt wirtschaftlich gesehen den sechsten Platz in der Weltrangliste. Mit einem Bruttosozialprodukt von 2,370 Billionen US-Dollar stand Brasilien im Jahr 2011 kurz hinter Frankreich. Trotz boomender Wirtschaft machen Korruption, Armut und niedrige Bildung dem Land zu schaffen, das immer noch Schwellenlandstatus besitzt. Auch das Steuersystem ist reformbedürftig, die indirekten Steuern sind extrem hoch.

Das im Januar 2007 verabschiedete Wirtschaftbeschleunigungsprogramm PAC (Programa de Aceleração do Crescimento) soll vor allem den Infrastrukturausbau vorantreiben, hierfür sind in den nächsten        25 Jahren 65 Mrd. US-Dollar vorgesehen. PPP-Projekte gewinnen in Brasilien an Bedeutung. Der Staat vergibt zunehmend Konzessionen an private Investoren für nutzerfinanzierte Straßen.

Zu den bedeutendsten brasilianischen Unternehmen zählen der Flugzeughersteller Embraer, bei dem auch die Lufthansa bestellt, der Baukonzern Odebrecht sowie der Bergbaukonzern Vale, dem neben Bergwerken und Verladehäfen ein Großteil des brasilianischen Bahnnetzes gehört. Über 55 % seines Gewinns erwirtschaftet der einstige Staatsbetrieb, der 1997 privatisiert wurde, mit Eisenerz.

Liebherr Brasil fertigt in Guaratinguetá Bagger, Radlader, Krane und Betonmischtechnik für den brasilianischen Markt, außerdem die weißen Großhydraulikbagger R 9350 und R 9400 für den Weltmarkt. Das Unternehmen spielt wirtschaftlich in der obersten Liga mit: Der Umsatz der letzten zehn Jahre stieg um das Achtfache und lag 2011 bei 170 Mio. Euro. Die Firmengruppe ist seit 1974 in Brasilien aktiv, sie durchlebte das wirtschaftliche und politische Auf und Ab der 80er Jahre. Das Chaos hat sich gelegt, doch die extrem hohen indirekten Steuern machen den Unternehmen weiterhin zu schaffen. Wer sich ein Auto kauft, zahlt die Hälfte an den Staat. „Im Vergleich zum brasilianischen Steuersystem sind deutsche Steuergesetze ein Traum“, meint Ströbele. Der Steuerwahnsinn spiegelt sich in einem Produkt wider, das Liebherr eigens für den brasilianischen Markt entwickelt hat: Trockendosieranlagen. Die Steuerbehörde begünstigt nur im Fahrmischer gemixten Beton und bestraft das Benutzen einer stationären Nass-Betonmischanlage mit horrenden Steuern. Mit Trockendosieranlagen lassen sich die Bestandteile des Betons ohne Wasser abwiegen und zusammen mit dem Wasser in den Fahrmischer befördern. Den Hintergrund dieser Steuervorschrift kann Ströbele nicht erklären, ihm fällt nur eins ein: „Typisch brasilianisch“.

Wie geht es Ihnen? Danke – mir geht´s grün.

Die Schicht im Liebherr-Werk beginnt morgens um 7. Die Mitarbeiterbusse, die einen Großteil der Belegschaft aus einem 60-km-Umkreis ins Werk holen, starten gegen 5 Uhr. Der Brasilianer Danilo arbeitet als Schweißer bei Liebherr Brasil. In der Kantine findet er Milchkaffee, Brötchen und Butter. Das vom Arbeitgeber bereitgestellte Frühstück kurz vor Schichtbeginn ist ein Überbleibsel aus Zeiten der Hochinflation Ende der 80er Jahre. Sachwerte waren damals wertvoller als im Schweinsgalopp entwertetes Bargeld. Nach dem Frühstück tun Danilo und seine Kollegen für europäische Augen etwas Ungewöhnliches.

Ihr erster Gang führt zu einer Magnettafel, auf der ihr Foto und verschiedenfarbige Punkte angebracht sind. Meistens wählt Danilo einen grünen Punkt, klebt ihn in ein vorgesehenes Feld und geht schließlich an die Arbeit. Bewertet er seine Leistung von gestern? Steht ein grüner Punkt für perfekte Schweißnähte, ein roter für einen Haufen Schrott? „Es ist ein Qualitätssicherungssystem“, erklärt Klemens Ströbele, „aber anders, als wir denken.“ Die Farben der Punkte geben wieder, wie sich Danilo gerade fühlt, ob seine Freundin ihn verlassen oder sein Heimatfußballverein verloren hat. Grün bedeutet: Ich bin gut drauf, rot heißt: Ich habe ein Problem.

Wie lebt es sich in Brasilien, Herr Ströbele?

Der gebürtige Oberschwabe erzählt, wo er Heilig Abend am liebsten ist und wem er bei der Fußball-WM die Daumen drückt.

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„Da die Schweißnähte in Handarbeit entstehen, ist die Verfassung der Person, die den Lichtbogen führt, entscheidend für die Qualität unserer Maschinen“, erläutert Ströbele und betont: „Wir sind kein Sozialamt, wir verfolgen hier ein echtes unternehmerisches Interesse.“ Das System funktioniert nur, wenn der Vorgesetzte auf die roten Botschaften reagiert und den Betroffenen direkt anspricht. Nach einem „Was ist los?“ oder „Wird schon werden!“ verwandeln sich rote Situationen oft wieder in grüne. Ein Mitarbeiter, dessen Haus abbrannte, bekam einige Tage frei.

An dieser Tafel bewerten Mitarbeiter ihren Gemütszustand. Foto: Ute Schroeter

An dieser Tafel bewerten Mitarbeiter ihren Gemütszustand. Foto: Ute Schroeter

Liebherr Brasil gilt nicht nur wegen des Punktesystems als attraktiver Arbeitgeber. Die Bezahlung ist überdurchschnittlich, gute Schweißer verdienen rund 1 000 Euro im Monat, viele Mitarbeiter bleiben bis zur Rente. Liebherr leidet, wie viele andere Unternehmen auch, unter dem schlechten Ausbildungsniveau in Brasilien. „Facharbeiter mit dem Können, wie wir es in Deutschland gewohnt sind, gibt es hier einfach nicht“, berichtet Ströbele. Dem Problem begegnet Liebherr mit eigenen Ausbildungsprogrammen, „die unsere Leute sehr zu schätzen wissen“. ■

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Wie lebt es sich in Brasilien, Herr Ströbele?

Klemens Ströbele ist Geschäfts­führer von Liebherr Brasil und Liebherr Aerospace. Vor neun Jahren ist der gebürtige Oberschwabe mit seiner Familie nach Brasilien ausgewandert. Talis fragte ihn, wie es sich hier lebt und arbeitet.

Herr Ströbele, welcher Motor trieb Sie an, nach Brasilien zu gehen?

Klemens Ströbele: Brasilien war mir nicht fremd, am Anfang meines Berufslebens habe ich hier fünf Jahre lang gearbeitet. Das war die lehrreichste Zeit meines Lebens. Ich habe miterlebt, was Hochinflation bedeutet, habe Regierungen mit ständig wechselnden Wirtschaftsplänen gehen und kommen sehen. Für mich war Brasilien immer nur ein Land voller Hoffnung, das ständig auf der Stelle trat. Daran wollte ich etwas ändern. „Mit 40 wird er klug oder nimmer“ heißt es bei uns in Schwaben. So nahm ich meinen 40. Geburtstag als Initialzündung, mit Herrn Liebherr meine Zukunft in Brasilien zu besprechen.

Sie sind gelernter Betriebswirt. Was lehrt Brasilien einen deutschen Kaufmann?

Klemens Ströbele: Man lernt, mit echten Wirtschaftsproblemen umzugehen, die Inflationsrate lag in meiner Anfangszeit Ende der 80er Jahre bei über 100 % im Monat. Da muss man kreativ und schnell sein. Für länger laufende Geschäfte müssen Sie Formen finden, die Sie vor allzu großen Verlusten schützen.

Was mögen Sie an Brasilien?

Klemens Ströbele: Den Umgang der Menschen untereinander. Die Brasilianer sind offener und herzlicher als in Europa. Bei einer Geschäftsverhandlung ist die Kennenlern-Phase entscheidend. Körperkontakt genießt einen hohen Stellenwert. Im brasilianischen Geschäftsleben gehören Umarmungen und Berührungen einfach dazu. Daran musste ich mich erst gewöhnen.

Was vermissen Sie?

Klemens Ströbele: Es sind ein paar deutsche Tugenden, die ich vermisse. Zuverlässigkeit, Ordnung, Termintreue oder Disziplin sind hier nicht immer selbstverständlich.

Sehnen Sie sich manchmal nach Kälte und trockener Luft?

Klemens Ströbele: Nein, ich empfinde kein Heimweh nach Kälte. Meine aktive Skilaufbahn ist längst beendet. Außerdem kann es hier im Winter unangenehm kalt werden. Weihnachten feiern wir traditionell, dem Klima angepasst: Tagsüber im Pool, abends am künstlichen Weihnachtsbaum. In Brasilien wachsen nämlich keine Tannen.

Im Liebherr-Werk in Guaratinguetá vergeben Mitarbeiter an einer Magnettafel farbige Punkte, die ihren Gemütszustand öffentlich widerspiegeln. Wäre ein solches System in Deutschland denkbar?

Klemens Ströbele: Auf keinen Fall, das funktioniert nur in einer offenen Kultur. Brasilianer empfinden ihren Arbeitgeber als eine Art Familienmitglied, dem sie Sachen preisgeben, die ein Deutscher nie preisgeben würde.

Worauf sind Sie stolz?

Klemens Ströbele: Auf die letzten neun Jahre. Die Marke Liebherr ist landesweit bekannt und wird geschätzt. Ebenso freut es mich, die positive Entwicklung der Nation miterlebt zu haben. Wirtschaftlich steht Brasilien hervorragend da, die Inflationsrate hat sich auf ein stabiles, einstelliges Niveau eingependelt.

Die Zeit bis zur Fußball-Weltmeisterschaft 2014 wird knapp. Glauben Sie, dass alle Baumaßnahmen rechtzeitig fertig werden?

Klemens Ströbele: Davon bin ich fest überzeugt, auch wenn es an vielen Stellen nicht danach aussieht. Meiner Einschätzung nach hätten die Brasilianer mit den Vorbereitungen früher anfangen müssen, straffes Organisieren ist eben nicht ihre Stärke. Da sie aber umso besser improvisieren können, wird das Eröffnungsspiel mit Sicherheit in einem fertigen Stadion angepfiffen.

Wenn Deutschland gegen Brasilien im Endspiel steht – wem drücken Sie die Daumen?

Klemens Ströbele: Sollte dies der Fall, habe ich ein Problem. Brasilien ist mir ans Herz gewachsen, in Deutschland liegen meine Wurzeln. Keine Ahnung, auf wessen Seite ich mich schlage. ■

Arbeiten in Brasilien

Nicht nur wegen seiner Traumstrände und des allzeit schönen Wetters ist Brasilien für Architekten und Bauingenieure von großem Interesse. Die konjunkturelle Entwicklung der vergangenen Jahre hat die Heimat von Architektenikone Oscar Niemeyer auf Platz sechs der weltgrößten Wirtschaftsmächte hinauf­katapultiert. Die Finanzkrise zeigte kaum Auswirkungen auf den brasilianischen Binnenmarkt und der anhaltende Boom schlägt sich auch im Bausektor nieder.

Durch die explosionsartige Bevölkerungsentwicklung in den vergangenen 30 Jahren (die Einwohnerzahl hat sich in dieser Zeit auf 195 Millionen fast verdreifacht) war der brasilianische Arbeitsmarkt lange Zeit übersättigt. Mittlerweile liegt die Arbeitslosenquote bei historisch niedrigen 5,3 Prozent (Stand: August 2012). Dennoch sind die bürokratischen Hürden für arbeitsuchende Ausländer hoch, viele ausländische Diplome werden nicht anerkannt und nur wenige Unternehmen sind bereit, die umständliche Prozedur für die Erteilung einer Arbeitserlaubnis auf sich zu nehmen, ohne die kein Arbeitsvisum ausgestellt wird.

Typisch brasilianisch: langes Warten im Berufsverkehr. Foto: Ute Schroeter

Typisch brasilianisch: langes Warten im Berufsverkehr. Foto: Ute Schroeter

Auf den zweiten Blick stehen die Chancen für junge Architekten und Bauingenieure aus Deutschland allerdings gar nicht so schlecht, da qualifizierte Arbeitskräfte dringend benötigt werden. Die Ausbildung an deutschen Universitäten genießt ein hohes Ansehen, vor allem Spezialwissen in den Bereichen Nachhaltigkeit sowie neuartige Konstruktions- und Baustoff-Technologien wird stark nachgefragt.

Als größte Hürde dürfte sich die portugiesische Sprache erweisen, ohne die in Brasilien nichts geht. Spanisch wird zwar verstanden und kann am Anfang den Einstieg erleichtern, mit Englisch kommt man dagegen kaum weiter. Das Arbeitsklima ist in der Regel deutlich lockerer als in den meisten europäischen Ländern. Es ist üblich, Vorgesetzte mit dem Vornamen anzureden oder mit Kollegen über private Dinge zu sprechen. Trotz aller Lockerheit wird Leistung großgeschrieben: Die gesetzliche Arbeitszeit beträgt bis zu 44 Stunden wöchentlich – Pausen nicht mitgerechnet. Gegenwärtig ist Brasilien vor allem für Selbständige attraktiv, weil es kaum bürokratische oder finanzielle Hürden für die Eröffnung eines eigenen Büros gibt. Bauanträge können allerdings nur durch einen brasilianischen Kontaktarchitekten eingereicht werden.

Jobbörsen

Eine kleine Jobbörse findet sich auch auf den Seiten der deutsch-brasilianischen Industrie- und  Handelskammer unter www.ahkbrasil.com/bolsa_empregos/

Jobsuche

Eine zentrale Arbeitsvermittlungsagentur wie in Deutschland gibt es in Brasilien nicht, jeder Bundesstaat hat eigene Strukturen. Auch das Stellenvermittlungsportal des brasilianischen Arbeitsministeriums http://maisemprego.mte.gov.br ist nur nach vorheriger Registrierung zugänglich, für die eine Sozialversicherungsnummer erforderlich ist. Es gibt allerdings eine Reihe von Jobbörsen im Internet, bei denen man sich auf die Suche nach geeigneten Stellen bzw. nach Adressen für Blindbewerbungen machen kann. Hilfreich ist dabei auch das Online-Dienstleistungsverzeichnis www.brazilbiz.com.br.

Praktika

Ein Praktikumsvisum (Vitem I) zu erhalten ist unproblematisch. Die Modalitäten für die Beantragung finden sich auf der Webseite der brasilianischen Botschaft in Berlin (http://berlim.itamaraty.gov.br/de/praktikum_zur_beruflichen_weiterbildung.xml). Praktika in Brasilien vermittelt unter anderem die Europäisch-Lateinamerikanische Gesellschaft (www.elg-online.de). Da die Praktikumssuche in Brasilien auf eigene Faust nicht ganz einfach ist, tummeln sich im Internet zahlreiche Vermittlungsagenturen unterschiedlicher Seriosität. Hier sollte man sich gründlich informieren, bevor man sich auf ein Angebot einlässt.

Bewerbung

Am vielversprechendsten ist eine Bewerbung bei einem deutschen Unternehmen mit Niederlassung in Brasilien. Allerdings darf nur maximal ein Drittel der Stellen mit ausländischen Arbeitskräften besetzt werden. Wer sich auf eine Stelle in den Ballungsgebieten Rio de Janeiro und vor allem São Paulo bewirbt, muss sich auf Fahrtzeiten zum Arbeitsplatz von bis zu zwei Stunden einstellen. Grundsätzlich wird von den Arbeitnehmern ein hohes Maß an Flexibilität erwartet, häufige Wechsel von Arbeitsplatz und Wohnsitz sind üblich. Arbeitsverträge sind in Brasilien eher die Ausnahme, Anstellungsverhältnis, Gehalt, Krankheits- und Urlaubstage werden stattdessen in einem speziellen Ausweis, der „Carteira de Trabalho e Previdência Social“ festgehalten und vom Arbeitgeber regelmäßig aktualisiert.

Die Brasilianer essen viel Fleisch. Foto: Ute Schroeter

Die Brasilianer essen viel Fleisch. Foto: Ute Schroeter

Für die Bewerbung gelten die gleichen Maßstäbe an Sorgfalt und Formulierung wie in Deutschland (antichronologischer Lebenslauf, kurzes Anschreiben). Allerdings sollte sie, sofern im Stellenangebot nicht ausdrücklich etwas anderes steht, stets auf Portugiesisch abgefasst sein. Zeugnisse und Referenzen werden nur auf ausdrückliche Nachfrage in beglaubigter Übersetzung eingereicht. Ein Foto wird üblicherweise nicht verlangt, persönliche Angaben wie Nationalität und Familienstand sind dagegen Pflicht. Das Bewerbungsgespräch verläuft meist in sehr lockerer Atmosphäre, dennoch wird konservative Kleidung erwartet. Ein bescheidenes Auftreten wird geschätzt, über Gehaltsfragen spricht man erst zu einem späteren Zeitpunkt. Die Gehälter für qualifizierte Fachkräfte bewegen sich auf deutschem Niveau.

Einreiseformalitäten

Wie bereits erwähnt, muss für jede berufliche Tätigkeit in Brasilien ein Visum beantragt werden, das ohne gültigen Arbeits- oder Praktikumsvertrag nicht ausgestellt wird. Das Arbeitsvisum ist also immer an das konkrete Arbeitsverhältnis gebunden. Ausführliche Informationen zu den erforderlichen Unterlagen gibt es auf der Seite des brasilianischen Generalkonsulats in Frankfurt am Main unter http://frankfurt.itamaraty.gov.br.

Deutsche müssen in Brasilien nur geringe Sozialabgaben zahlen, doch die Leistungen sind auch dementsprechend niedrig. Es empfiehlt sich daher, eine zusätzliche private Krankenversicherung abzuschließen. Eine der ersten Pflichten eines ausländischen Arbeitnehmers ist die Anmeldung beim Finanzamt. Die Einkommensteuer liegt mit rund 28 Prozent (im ungünstigsten Fall) deutlich niedriger als in Deutschland. Die Unternehmen übernehmen den größeren Anteil der Sozialabgaben sowie andere zusätzliche Leistungen wie Überbrückungsgeld im Falle eines Arbeitsplatzverlustes.

Nützliche Links: leben und arbeiten in Brasilien

Portal der brasilianischen Botschaft in Berlin, http://berlim.itamaraty.gov.br/de/

Interessenvertretungen von Architekten und Bauingenieuren in Brasilien

Eine Architektenkammer nach deutschem Vorbild gibt es in Brasilien nicht. Das mag daran liegen, dass der Architekt im Planungsprozess eine vorwiegend künstlerisch-kreative Rolle spielt und die gesamte Planung, Ausführung und Überwachung in den Händen des Bauingenieurs liegt. Im Gegenzug gibt es gleich mehrere Interessenvereinigungen brasilianischer Architekten und Bauingenieure. Die 1973 gegründete Associação Brasileira dos Escritórios de Arquitetura (www.asbea.org.br) vertritt die Interessen von über 300 registrierten Architektenbüros und setzt sich gemeinsam mit dem Sindicato Nacional das Empresas de Arquitetura e Engenharia Consultiva (www.sinaenco.com.br) für die Belange von Architekten und Bauingenieuren in allen gesellschaftlich relevanten Bereichen ein. Älteste und mit fast 100 000 Mitgliedern größte Interessenvertretung der Architekten ist das 1921 gegründete Istituto do Arquitetos do Brasil (www.iab.org.br). Berufsständische Aufgaben übernimmt die Federação Nacional dos Arquitetos e Urbanistas (www.fna.org.br). Da Bauanträge nur durch Architekten eingereicht werden können, die in Brasilien studiert haben und über eine Berufslizenz (Crea) verfügen, ist die Mitgliedschaft in keiner dieser Institutionen zwingend. ■