Architektur „in June“

Die junge Architektin Merle Zadeh hat nicht lange gefackelt. Nach kurzem Intermezzo bei Arbeitgebern in Hamburg und Frankfurt hat sie sich mit „june architects“ selbständig gemacht. TALIS-Autorin Özlem Özdemir sprach mit ihr über ihren Werdegang und ihre Erfahrungen mit Geschäftshasen älteren Kalibers.

Frau Zadeh, was steckt hinter dem Büronamen „june architects“?

Ich wollte von Anfang an ein zu Hause für ein Netzwerk schaffen, wo mehrere Namen unter einem Dach tätig sein können. Mein eigener Name sollte nicht im Vordergrund stehen. Ich mag den Klang und für mich steht der Monat Juni für eine Zeit, in der das Neue erblüht. Ich finde es aber auch nicht schlimm, wenn jeder seine eigenen Assoziationen dazu hat.

Vor dem Architekturstudium haben Sie ein Jahr lang Kulturwirtschaft studiert. Was macht man da eigentlich?

Es gab die unterschiedlichsten Fächer wie Geschichte und Soziologie, mehrere Sprachen, BWL, VWL, Controlling … Es hat Spaß gemacht, aber mein Herzblut war nicht darin. Archi­tektur und das Gestalten an sich, das hat mich schon immer interessiert, aber auch Menschen. Es ist vielleicht kein Zufall, dass in Passau mein Lieblingsfach Soziologie war. Diese Schnitt­stelle ist es auch, die mich heute noch am meisten interessiert. Also die Frage, wie wir unsere Umwelt gestalten und zwar sowohl in ästhetischer als auch in gesellschaftlicher Hinsicht.

Ist von Ihren damaligen wirtschaftlichen Fächern etwas hängen geblieben für die spätere Praxis?

Das, was ich jetzt weiß über Unternehmensführung, habe ich mir alles in den letzten anderthalb Jahren selbst beigebracht. Im Studium war das zu abstrakt und sehr allgemein. Nur an eine Sache im Fach Controlling erinnere ich mich noch gut. Da gab es neben den Konten für Geldeingänge und Ausgänge noch ein Konto für „Unvorhergesehene betriebliche Ausgaben“ … das habe ich mir gemerkt. Und das ist auch das, was ich tue, Geld zurücklegen für Unvorhergesehenes, was natürlich immer passieren kann.

Nach dem Studium hatten Sie nicht viele Bürostationen …

Nein, das ist richtig. Ich habe während des Studiums in Berlin ein Praktikum gemacht, bei Kersten Kopp Architekten und in Paris bei Dominique Perrault und ansonsten viel als Tutorin gearbeitet. Danach war ich zwei Jahre bei Turkali Architekten in Frankfurt und dann in Hamburg bei einem Projektentwickler.

Zu Ihrer Zeit als Angestellte berichten Sie in einem Interview über eine Versammlung, bei der einer der männlichen Teilnehmer Ihnen einen Mantel in die Hand gedrückt hat. Das ist eine vielsagende Geste …

Ich glaube, dass keine böse Absicht dahintersteckte, aber es zeigt einfach, was für eine Vorstellung manche älteren Geschäftshasen von jungen Architektinnen, und vielleicht auch Architekten, haben. Es geht dabei viel um Erwartungshaltungen, also darum was man denkt, wie jemand in diesem Beruf aussehen müsste. Ich habe oft erlebt, dass ich erst mal unterschätzt wurde und dass man dann im Gespräch total erstaunt war …

Darüber, dass Sie auch was zu sagen hatten …

Genau! Also das ist, glaube ich, ziemlich verbreitet.

Speziell gegenüber den Damen?

Ja … ich habe zwar nie erlebt, dass das jemand so offen gesagt hätte, aber ich glaube, da geht es tatsächlich um tiefsitzende Bilder. Das ändert sich erst dann, wenn es mehr Bilder gibt, die die alten ersetzen können. Ich kenne Leute, die Frauen nur im Backoffice oder am Empfang haben – da muss man erstmal diese alten Vorstellungen aufbrechen.

Wie haben Sie Ihren Übergang in die Selbstständigkeit erlebt?

Ich bin mitten hineingesprungen. Ich hatte das schon lange im Hinterkopf, ganz vage. Das war auch ein Grund dafür, dass ich in Hamburg in einem Büro für Projektentwicklung gearbeitet habe. Weil ich gerne sehen wollte, wie die auf der anderen Seite „ticken“, also auf der Bauherrenseite. Dort wurden Konzepte entworfen, die Finanzierung organisiert, Wettbewerbe ausgeschrieben und die Gewinnerentwürfe auch umgesetzt. In der Bauherrenvertretung habe ich gelernt, worauf man da so achtet. Aber als ich mich dann selbstständig gemacht habe, da war alles „drauflos und kopfüber“ und ganz ohne Strategie. Ich war aber auch nicht völlig blauäugig, sondern hatte etwas gespart die Jahre davor und wusste, es ist nicht schlimm, wenn das erste Projekt nicht sofort da ist. Dass ich mich selbstständig gemacht habe, lag aber auch an meiner Umgebung, ich habe damals schon im Hamburger Betahaus gearbeitet.

Noch während der Projektentwicklungssache?

Genau. Da habe ich reduziert gearbeitet. Nebenbei habe ich daheim angefangen zu promovieren, aber als mir dort irgendwann die Decke auf den Kopf gefallen ist, habe ich mich umgeguckt nach Orten, wo ich mit anderen Leuten zusammen in einem Raum arbeiten kann. So bin ich zum Betahaus gekommen und da liegt natürlich Gründergeist in der Luft. Da arbeiten Grafiker, Designer, Programmierer, Übersetzer und Journalisten, Start-Ups werden gegründet usw. Ein Ort also voller Energie, wo total viel passiert. Das hat mich inspiriert. Ich habe mir gesagt, ok, ich probiere das jetzt auch einfach mal!

Waren Sie ganz allein, als Sie Januar 2015 Ihr Büro im Betahaus gegründet haben?

Genau. Ich habe das Büro gegründet, und dann ergab es sich, dass ich relativ schnell ein Projekt hatte.

Wohnungsumbau in Hamburg. Entwurf und Abbildung: Merle Zadeh

Wohnungsumbau in Hamburg.
Entwurf und Abbildung: Merle Zadeh

Wie kam das?

Ja, da zeigt es sich, dass es sich manchmal lohnt, einfach Dinge zu tun … meine Selbstständigkeit blieb nämlich nicht unentdeckt – eine Bekannte hatte über einen Bekannten davon gehört. Sie hatte ehrenamtlich ein Projekt angestoßen, bei dem es um Unterkünfte für Flüchtlinge ging, und da sie in einem Vollzeitjob war, konnte sie das nicht weitermachen.  Also hat sie jemanden gesucht, der das weiterführen kann. Ich fand das ganz toll und sie hat mir dann vorgeschlagen, dass ich mich bei der Stadt vorstelle. Das habe ich getan und so wurde ich damit beauftragt. Im Betahaus habe ich dann etwa ein Jahr später meine Kollegin, Stephanie Monteiro Kisslinger, kennengelernt.

Dieses Projekt nennt sich ja „New Shores – Wohnhaus für Geflüchtete“ und wurde ausgestellt bei der Architektur-Biennale in Venedig. Erzählen Sie uns etwas mehr dazu?

Die Stadt brauchte Platz für geflüchtete Menschen und hatte zunächst überlegt, auf einem Grundstück, das sie sich ausgesucht hatten, Container hinzustellen. Doch im Rathaus gab es Leute, die meinten, lasst uns doch überlegen ob wir nicht vielleicht etwas Permanentes machen, weil das nachhaltiger ist und am Ende gar nicht mehr kostet, sondern vielleicht sogar weniger – die Mieten für diese Container sind nämlich sehr hoch. Am Ende wurde entschieden, dass doch ein dauerhaft städtischer Wohnraum entstehen soll, der auch umgenutzt werden kann für Studenten.  Und da wurde ich dazu angeregt – von dieser Bekannten meines Bekannten – mich mit meinen Referenzen und Ideen bei der Stadt vorzustellen.

Es gab da also keine Ausschreibung. Jemand kam zu Ihnen und hat vorgeschlagen, schlagen Sie doch mal was vor …

Richtig und weil das Projekt noch unter einem bestimmten Volumen lag, gab es keine Ausschreibungen. Nur so konnte ich direkt damit beauftragt werden.

Hätten Sie diese Person, die an Sie herangetreten ist, nicht gekannt wäre es also dazu nie gekommen?

Genau das meinte ich vorhin. Es kommt manchmal darauf an, einfach anzufangen mit etwas und von sich zu erzählen. Man muss irgendwie schaffen, sichtbar zu werden mit dem was man tut. Erst dann besteht die Möglichkeit, dass jemand das mitkriegt und einen anspricht. Glück gehört aber natürlich auch dazu.

Was ist Ihnen wichtig an „New Shores“?

Das Projekt ist ein städtischer Wohnungsbau in Holzmodulbauweise. Das Besondere an dem Projekt ist, dass es ein ganz reguläres Wohnhaus ist. Meistens denken die Leute, dass ich Übergangswohnheime planen würde, was nicht der Fall ist. Ich plane da einen Wohnraum für Menschen. Ich glaube, es gibt ganz universelle Bedürfnisse, was Wohnen und Leben angeht, und dass man darauf eingehen muss und das haben wir gemacht. Das sollte eigentlich selbst­verständlich sein, aber es ist tatsächlich das, was es unterscheidet von anderen Projekten, die mehr wie „irgendwelche“ Unterbringungsmöglichkeiten konzipiert sind.

Die Fertigstellung soll im Dezember 2016 sein?

Ja. Die Ausführungsplanung ist fertig und die Vergabe ist erfolgt. Jetzt beginnt das Bau­unternehmen, das Gebäude vor Ort zu errichten. Spannend an dieser Holzmodulbauweise ist ja, dass relativ viel im Werk vorgefertigt wird. Ganze Wandmodule werden dort erstellt und möglichst viel vormontiert. Dann werden die als Platten auf die Baustelle gefahren und – natürlich nachdem die Gründung erfolgt ist usw. – wird alles nur noch draufgesetzt und montiert. Die Bauphase vor Ort ist sehr kurz und das war das, was auch die Stadt gern wollte.

Haben Sie die Ausführungsplanung zu zweit gemacht?

Ich habe noch einen freien Mitarbeiter auf Honorarbasis dazu geholt. So haben wir das zu dritt fertiggemacht. Das war super knapp, weil es gab zwischendurch ein Bürgerbegehren gegen die Bebauung.

Wegen der Flüchtlingsthematik?

Ja… auch wenn es nicht so formuliert wurde. Stattdessen hieß es „für den Erhalt der Grün­fläche“. Und das, obwohl es sich bei dem Standort um keine öffentlich genutzte Grünfläche handelt. Dort stehen ein paar Bäume, und die bleiben ja in unserem Entwurf mit Innenhof erhalten.

Abschließend die Frage: Was ist Ihr Tipp, um an Projekte zu kommen?

Natürlich stimmt es, dass man über eine Website viele Leute erreicht und die wird jetzt gerade bei mir aufgebaut … aber was mir viel wichtiger ist – ich spreche gerne direkt mit den Leuten. Ich telefoniere auch viel lieber, als dass ich Emails schreibe. Ich glaube einfach ganz stark an persönliche Begegnungen.

Zur Webseite von june architects

Zum Titelbild: © Romy Geßner (www.romygessnerfotografie.de/)

Dokumentation ist das A und O

Man muss nicht unbedingt silberne Löffel klauen, um einmal einen Gerichtssaal von innen zu betrachten. Wer als Architekt oder Bauingenieur nicht in Konflikt mit dem Vertragspartner oder dem Gesetz geraten will, muss bei der täglichen Arbeit auf der Hut vor Planungsfehlern oder missachteten Bauvorschriften sein. Welche rechtlichen Stolperfallen es gibt und wie man Rechtsstreitigkeiten vermeiden kann, erklärt Fachanwalt für Bau- und Architektenrecht Dr. Stefan Rude, WMRC Rechtsanwälte, Berlin.

Mit welchen Schwierigkeiten kommen Architekten und Bauingenieure am häufigsten zu Ihnen?

Dr. Stefan Rude: Meistens geht es um Haftungsfälle, viele kommen aber auch wegen Honorarstreitigkeiten oder in gesellschaftsrechtlichen Angelegenheiten zu uns, also wenn es um Formen der Zusammenarbeit zwischen Architekten geht. Außerdem beraten wir Architekten und Auftraggeber bei der Vergabe von Bauaufträgen und bei der Gestaltung von Verträgen. Dabei arbeiten wir eng mit Architekten und Ingenieuren zusammen.

Welche juristischen Fehler werden in der Praxis gemacht?

Dr. Stefan Rude: Rechtskenntnisse sind eigentlich in allen Leistungsphasen von Bedeutung, und zwar nicht nur bei der Planung oder Bauüberwachung. Bei der Vergabe von Planungs- und Bauaufträgen und deren Vollzug spielt das Vertragsrecht natürlich eine wichtige Rolle. Wichtig ist die Berücksichtigung der konkreten Verträge aller am Bauvor-haben Beteiligten. Aufgabe des vom Bauherrn beauftragten Planers ist es auch, darauf zu achten, dass die von ihm verwendeten Vertragsklauseln wirksam sind und später auch wirklich erfüllt werden. Fehler werden zum Beispiel häufig bei den Themen Vertragsstrafen und Sicherheitsleistungen gemacht. Darüber hinaus fällt auf, dass von einigen am Bau Beteiligten die Bedeutung der technischen Normen, insbesondere der DIN, nicht zutreffend eingeschätzt wird. Maßstab für die Mangelfreiheit eines Bauvorhabens sind nämlich die konkreten Verträge beziehungsweise die konkreten Baubeschreibungen. Diese sind vorrangig vor irgendwelchen technischen Normen. Dort wo im Vertrag Lücken sind, gelten regelmäßig die allgemein anerkannten Regeln der Technik als Maßstab für die Mangelfreiheit von Leistungen. Diese anerkannten Regeln der Technik müssen nicht mit Regeln einer DIN übereinstimmen. Wenn man also als Bauüberwacher nur auf die Einhaltung von DIN-Normen achtet, können Haftungsprobleme entstehen, denn der Bauherr kann erwarten, dass die Anforderungen aus seinem konkreten Bauvertrag eingehalten werden, zum Beispiel hinsichtlich eines hohen Schallschutzstandards.

Welche Möglichkeiten gibt es, um sich vor juristischen Fehlern zu schützen?

Dr. Stefan Rude: Die Anforderungen an die Architekten sind sehr hoch, derzeit vielleicht sogar überspannt. Ein Architekt als Bauleiter, der in der hitzigen Phase des Bauens juristische Dinge prüfen muss, hat es nicht gerade einfach. Trotzdem – es gibt ein paar Grundregeln, die auch im Eifer des Gefechts beachtet werden sollten. Dass man hinsichtlich der aktuellen Rechtslage immer auf dem Laufenden bleiben muss, versteht sich von selbst. Ein genereller Merksatz für den Planer lautet: Nicht selber Entscheidungen treffen, sondern den Bauherrn entscheiden lassen. Freilich muss der Architekt Entscheidungen vorbereiten, über Risiken aufklären und Empfehlungen aussprechen. In der Praxis läuft es aber oft anders. Der Druck ist häufig so groß, dass der Architekt selbst entscheiden muss. Wichtig ist dann aber, sich immer beim Bauherrn rückzuversichern, in grundlegenden Fragen auch schriftlich.

Noch etwas würde viel Ärger vermeiden: die vorsorgende Rechtsberatung. Leider werden wir immer erst zu Rate gezogen, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Es ist jedoch Aufgabe der Architekten, den Bauherrn auf rechtliche Risiken hinzuweisen und zu sagen: „Da weiß ich auch nicht weiter, hier brauchen wir juristische Beratung.“ Meist übernimmt der Auftraggeber dafür sogar die Kosten. Wenn es um Fragen der Statik geht, ziehen Architekten ja auch den Rat eines Tragwerksplaners hinzu. Das ist bei rechtlichen Fragen nicht anders.

Außerdem gilt: Wer schreibt, der bleibt, wer telefoniert, der verliert. Auch wenn das ein sehr bürokratischer Ansatz ist – man ist immer gut beraten, alles schriftlich zu machen, also auch jede Baubesprechung zu protokollieren und allen Teilnehmern zukommen zu lassen. Wenn Vorgänge nach fünf Jahren thematisiert werden – was durchaus sein kann, denn so lange dauern die Verjährungsfristen für Mängelansprüche – dann sind die mündlichen Absprachen schwer zu beweisen.

Müssen schriftliche Dokumente bestimmte Kriterien erfüllen, um vor Gericht Bestand zu haben?

Dr. Stefan Rude: Das hängt von den Regelungen in den Verträgen ab. Der Architekt sollte insoweit den Bauvertrag des Bauherrn mit dem Bauunternehmen kennen. Häufig sind Formvorschriften geregelt. Den Empfang wichtiger Dokumente, etwa von Vertragsänderungen, Fristsetzungen, Kündigungen, sollte man sich aus Beweisgründen am besten schriftlich bestätigen lassen. Selbst ein Faxprotokoll taugt im Konfliktfall nicht als Beweis, dass der Empfänger ein Dokument bekommen hat. E-Mails als Beweismittel sind ohnehin problematisch, weil sie leicht nachträglich konstruiert werden können. Trotzdem ist es klug, den E-Mail-Verkehr als Gedächtnisstütze beziehungsweise so eine Art Tagebuch zu sichern. Meist weiß man schon wenige Jahre später gar nicht mehr so genau, was man bei einer bestimmten Baumaßnahme gemacht hat.

Was genau ist ein Haftungsfall?

Dr. Stefan Rude, WMRC Rechtsanwälte Berlin

Dr. Stefan Rude, WMRC Rechtsanwälte Berlin

Dr. Stefan Rude: Ein Haftungsfall tritt ein, wenn die Verletzung einer vertraglichen Pflicht zu einem Schaden beim Bauherrn oder einem Dritten geführt hat. Architekten und Bauingenieure werden etwa für Schäden, die an einem oder durch ein von ihnen geplantes Bauwerk entstanden sind, in Haftung genommen, das heißt, sie müssen die Verantwortung zum Beispiel für Baumängel oder auch Personenschäden übernehmen. Meistens wird der Planer zusammen mit einem Bauunternehmen zur Rechenschaft gezogen. Das Problem ist, dass relativ viele Bauunternehmen nicht liquide sind. Da ist der Ingenieur als Anspruchsgegner immer willkommen, weil er eine Haftpflichtversicherung hat. Die ist auch notwendig, denn in jeder Leistungsphase stecken Haftungsrisiken; besonders kritisch ist die Bauüberwachung. Der Architekt als Bauleiter muss zum Beispiel vor der Abnahme Mängel erkennen, die vom Bauunternehmen verursacht wurden. Andernfalls kann es sein, dass er für die Mängel haftet und eben auch für die Schäden, die daraus entstehen. Ich habe Fälle gehabt, bei denen die Schadenssumme weit über der Versicherungssumme lag. Das ist für selbständige Architekten besonders bitter, die häufig mit ihrem Privatvermögen haften.

Die Honorare für Architekten und Ingenieure sind in der HOAI (Hono­rarordnung für Architekten und Ingenieure) festgelegt. Warum drehen sich die Konflikte trotzdem so häufig ums Geld?

Dr. Stefan Rude: Die HOAI ist ein Preisverzeichnis für Architektenleistungen und tatsächlich streitanfällig. Sie trägt den Realitäten bei einem Bauvorhaben teilweise nicht Rechnung, was allerdings keine Besonderheit der HOAI ist. Kein Gesetz kann alle Einzelfälle unmissverständlich regeln. Bei aller Undurchsichtigkeit ist die HOAI aber auch eine Absicherung nach unten. Sie regelt ja Mindesthonorarsätze, weniger darf ein Auftraggeber eigentlich nicht für planerische Leistungen bezahlen. Der Markt sieht natürlich anders aus, viele Ingenieure verdingen sich dann doch zu geringeren Sätzen.

Wie können sich Architekten um öffentliche Aufträge bewerben? Was ist zu beachten?

Dr. Stefan Rude: Der öffentliche Auftraggeber ist in seiner Entscheidung über freiberufliche Aufträge grundsätzlich freier als etwa bei der Vergabe von Bauaufträgen. Sobald ein Auftragswert von derzeit 200.000 Euro (netto) erreicht ist, muss der öffentliche Auftraggeber allerdings nach der Vergabeordnung für freiberufliche Leistungen (VOF) öffentlich und europaweit im EU-Amtsblatt ausschreiben. Er kann dann ein Verhandlungsverfahren oder einen Architektenwettbewerb durchführen. Der Auftraggeber muss vorher festlegen, nach welchen Kriterien er den Auftrag vergeben will. Häufig werden bestimmte Erfahrungen verlangt, was es jungen Architekten natürlich schwer macht, einen öffentlichen Auftrag zu erlangen. Dann bietet es sich an, eine Kooperation mit anderen Architekten oder Ingenieuren einzugehen, die die verlangten Erfahrungen aufweisen. So können unter Umständen eigene Defizite ausgeglichen werden. Darüber hinaus sollte größte Sorgfalt bei der Anfertigung der Angebote oder Bewerbungsunterlagen angewendet werden. Bereits kleinste Formfehler können zum Ausschluss des Angebots oder der Bewerbung führen. Der Architekt bewirbt sich ja regelmäßig darum, selbst Vergabeverfahren für den Bauherrn zu betreuen (Leistungsphasen 6 und 7). Es macht sich deshalb nicht gut, wenn die eigene Teilnahme am Vergabeverfahren nachlässig wirkt. Im Übrigen sollten keine Honorare unterhalb des HOAI-Mindestsatzes angeboten werden. Auch dies ist ein Ausschlussgrund, wenngleich der öffentliche Auftraggeber gehalten ist, den Architekten vor einem Ausschluss auf die Unterschreitung der Mindestsätze hinzuweisen. Es soll aber vorkommen, dass es öffentliche Auftraggeber mit der Unterschreitung der Mindestsätze nicht so genau nehmen und ein Angebot bevorzugen, das unterhalb der Mindestsätze liegt. In diesem Fall hätte der HOAI-treue Bieter einen Rechtsschutzanspruch gegen seinen Mitbewerber beziehungsweise den öffentlichen Auftraggeber, das unzulässige Angebot von der Vergabe auszuschließen. Dies gilt freilich nur bei Überschreitung des oben genannten Auftragswertes. Hierfür gibt es ein gesetzliches Nachprüfungsverfahren. Vergaben unterhalb des Auftragswertes sind rechtlich nur schwer angreifbar, wenngleich das in einzelnen Fällen auch gelungen ist. ■

Beitrag als Druck-pdf

S122_125 Dokumentation Recht_Page_1

Wie Sie den Papierkrieg gewinnen

Gut informiert, mit einer Geschäftsidee oder besser noch mit einem konkreten Auftrag im Gepäck, sind Sie bestens gewappnet für die Selbständigkeit. Als Nächstes müssen Sie einige Formalitäten erledigen. Der Gang durch verschiedene Behörden und die Auseinandersetzung mit Versicherungen mögen langweilig und zeitraubend sein, sind aber absolut notwendig.

Anmeldung beim Finanzamt

Mit diesen Steuern haben Freiberufler zu tun:

  • Einkommensteuer: Während Angestellte Lohnsteuer zahlen müssen, führen Selbständige Einkommensteuer ab. Alle Einnahmen, zum Beispiel Honorare, müssen im Rahmen der Einkommensteuererklärung versteuert werden. Betriebsausgaben, wie Papier, Bleistifte etc., können von der Steuer abgesetzt werden. Anhand Ihrer Angaben im „Fragebogen zur steuerlichen Erfassung“ schätzt das Finanzamt die Steuerschuld für die kommenden Jahre und verlangt meist Vorauszahlungen.
  • Kirchensteuer: Wenn Sie Mitglied der evangelischen oder katholischen Kirche sind, müssen Sie mit Ihrer Einkommensteuer auch Kirchensteuer abführen.
  • Umsatzsteuer: Jeder Unternehmer muss Umsatzsteuer zahlen. Es gibt jedoch Ausnahmen. Befreit sind alle Kleinunternehmer, deren Umsatz im Gründungsjahr nicht höher als 17.500 Euro war oder voraussichtlich sein wird und im laufenden Jahr 50.000 Euro voraussichtlich nicht überschreiten wird.
  • Lohnsteuer: Fällt nur an, wenn Sie Angestellte haben. Arbeitgeber und Arbeitnehmer teilen sich die Lohnsteuer und zahlen jeweils die Hälfte.

Die erste offizielle Stelle, der Sie die Aufnahme einer selbständigen Tätigkeit melden müssen, ist das Finanzamt. Dazu müssen Sie den „Fragebogen zur steuerlichen Erfassung“ ausfüllen. Der Fragebogen ist direkt beim örtlichen Finanzamt, meist aber auch als Download im Internet erhältlich. Hier sind zum Beispiel Angaben über Ihre geschätzten Einkünfte, die Art Ihrer Tätigkeit oder den Sitz Ihres Büros zu machen. Anschließend prüft das Finanzamt, ob Sie zur Gruppe der Freien Berufe oder der Gewerbetreibenden gehören. Das hängt davon ab, welche Leistungen Sie anbieten. Sofern es sich um Planungsleistungen handelt, die ja zu den klassischen Aufgabengebieten von Architekten und Bauingenieuren gehören, wird man Sie aller Voraussicht nach als Freiberufler eingruppieren. In diesem Fall brauchen Sie kein Gewerbe anzumelden. Das Finanzamt wird Ihnen eine Steuernummer mitteilen. Darüber sind alle im Betrieb anfallenden steuerrechtlichen Vorgänge abzuwickeln.

Die für die Steuer relevanten Unterlagen wie Quittungen und Honorarabrechnungen sollten Sie im eigenen Interesse sorgfältig aufbewahren und sich von Anfang an eine ordnungsgemäße Buchführung angewöhnen. Dafür gibt es zahlreiche, einfach bedienbare Softwareprogramme. Das Finanzamt führt in regelmäßigen Abständen Steuerprüfungen durch. Steuerprüfer kommen zu Ihnen nach Hause oder ins Büro und verlangen Einsichtnahme in Ihre Unterlagen, dazu sind sie berechtigt. Es ist nicht nur peinlich, sondern kann sogar mit einem Bußgeld belegt werden, wenn Ihre Buchführung nicht nachvollziehbar ist.

Namensrecht: Nicht alles ist erlaubt

Was haben Familienplanung und Existenzgründung gemeinsam? Ganz einfach: Das „Kind“ braucht einen Namen. Nicht nur das Finanzamt möchte wissen, mit wem es künftig zu tun hat, sondern auch Ihre Kunden oder Konkurrenten. Grundsätzlich dürfen Sie den Namen Ihres Unternehmens nicht frei wählen, sondern sind an bestimmte gesetzliche Vorschriften gebunden. Hintergrund ist folgender: Bei jedem Unternehmen muss eindeutig feststellbar sein, wer der oder die Inhaber sind. Bei Kaufleuten und Gewerbetreibenden ist das kein Problem. Sie sind im Handelsregister eingetragen und dürfen auch unter einem Phantasienamen auftreten.

_MG_6271_FormsachenDa die meisten Architekten und Bauingenieure keinen Handelsregistereintrag haben, weil sie Freiberufler sind, muss aus dem Namen ihres Unternehmens sofort erkennbar sein, wem die Firma gehört. Bei Freiberuflern reicht der Familienname aus, zum Beispiel „Architekturbüro Schäfer“. Zusätzlich zum Eigennamen dürfen Branchenbezeichnungen, Buchstabenkombinationen und Phantasiebegriffe verwendet werden. Falls Sie Ihrem Unternehmen zu Ihrem Familiennamen einen Phantasienamen geben wollen, prüfen Sie, ob die entsprechenden Bezeichnungen nicht bereits als Firma oder Marke eingetragen sind. Wenn Sie sich mit mehreren zusammentun und eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) gründen wollen, müssen mindestens zwei Gesellschafter im Namen der Gesellschaft geführt werden.

Steuerberatung

Versicherungen für Selbständige

Von Berufshaftpflicht bis Arbeitslosen-versicherung – alle wichtigen Versicherungen für Selbständige im Überblick

…Beitrag lesen

Der Gang zum Steuerberater ist immer mit Kosten verbunden. Bei bestimmten Fragestellungen empfiehlt es sich, einen fachlichen Rat einzuholen. An dieser Stelle aber nochmals der Tipp an alle Alleinunternehmer und Kleingründer: Versuchen Sie sich nicht alles aus der Hand nehmen zu lassen. Wenn es die Zeit zulässt, erledigen Sie Ihre Buchführung und möglichst auch Ihre Steuererklärung selbst. Mit etwas Geduld lernen Sie das sehr schnell. Für spezielle Fragen ist im Übrigen das Finanzamt eine gute Informationsquelle. Hier werden Sie zwar nicht beraten, aber Sie bekommen Auskunft. Dazu sind die Finanzbeamten verpflichtet. Je weniger Sie von anderen abhängig sind, desto besser. Damit sparen Sie bares Geld. Später, wenn „der Laden läuft“, ist es sinnvoll, den „Papierkram“ an ein Steuerberatungsbüro zu delegieren. Denn dann haben Sie anderes zu tun.

Eröffnung eines Geschäftskontos

Die Eröffnung eines Geschäftskontos ist sehr zu empfehlen, wird von Kleinunternehmern jedoch nicht ausdrücklich verlangt. Vorteilhaft ist, dass Überziehungszinsen gegenüber dem Finanzamt geltend gemacht werden können. Außerdem verliert man bei der Trennung von privatem und dienstlichem Geldverkehr nicht den Überblick. ■

So werden Sie Ihr eigener Chef

„Selbständig? Direkt nach dem Studium? Unmöglich!“ So lautet eine weitverbreitete Meinung. Zugegeben: Keinerlei Praxiserfahrungen vorweisen zu können, sind alles andere als gute Startbedingungen für den Aufbau einer Existenz. Aber vielleicht haben Sie schon während des Studiums eine Nische entdeckt, die Sie als Freiberufler durch besondere Kenntnisse und Fähigkeiten ausfüllen könnten? Oder Sie verlieren in naher Zukunft Ihren Arbeitsplatz, tun sich mit Kollegen zusammen und finden in der Selbständigkeit eine gute Alternative. Was vielen auch nicht bewusst ist: Freie Mitarbeiter in Architektur- und Ingenieurbüros sind ebenfalls selbständige Unternehmer. Es lohnt sich also, das Thema im Laufe des Berufslebens stets im Hinterkopf zu behalten.

_MG_6273_Existenzgru¦êndungEinen ganzen Rattenschwanz an Regeln, Gesetzen, Rechten und Pflichten ziehen die Begriffe „Existenzgründung“ und „Selbständigkeit“ nach sich. Das Thema füllt Bücherregale und Tausende von Internetseiten. Wer sich eine Existenz aufbauen möchte, dem sei vorab gesagt: Lassen Sie sich von der Vielzahl an Begriffen, die einem manchmal wie Fachchinesisch vorkommen mögen, nicht ins Bockshorn jagen. Sie brauchen Geduld und vor allem den Willen, sich nicht nur mit Ihrem vertrauten Fachgebiet zu beschäftigen. Als Unternehmer müssen Sie in juristischen, steuerlichen und kaufmännischen Dingen einen gewissen Durchblick haben, daran führt kein Weg vorbei. Auch hier gilt: Wissen ist Macht, selbst wenn Sie den Rat von Steuerberatern oder Juristen einholen. Es nützt Ihnen wenig, wenn man Ihnen zu einer „Haftungsbegrenzung“ rät, Ihnen aber gar nicht klar ist, wozu das eigentlich gut sein soll. Dieser Beitrag enthält keinen vollständigen Leitfaden für eine Existenzgründung und stellt keinen Ersatz für eine eingehende individuelle Beratung oder den Besuch eines Existenzgründungsseminares dar. Zu vielfältig sind die Gründungsideen, außerdem gelten in den verschiedenen Bundesländern unterschiedliche Regelungen. Sie finden hier jedoch wichtige Hinweise für eine Kleingründung und die Erklärung einiger Begriffe, die gründungswilligen Architekten und Bauingenieuren unter Garantie begegnen werden.

Sind Sie ein Unternehmertyp?

„Mein Chef, das bin ich.“ Schön, wenn man das von sich behaupten kann. Niemand kann einen vor die Tür setzen, keiner beschwert sich über zu lange Kaffeepausen. Wenn das Wetter schön ist, nimmt man sich frei und arbeitet einfach am Abend weiter. Mütter und Väter sind, was die Kinderbetreuung angeht, wesentlich flexibler als Angestellte. Die Selbständigkeit also ein Traumjob? „Ja, aber …“, sagen die Freiberufler, denn die Reihe an Nachteilen, die sie in Kauf nehmen müssen, ist lang: Arbeitszeiten von über sechzig Stunden in der Woche, Streitereien mit Kunden oder Versicherungen und am Ende des Monats immer die bange Frage, wie viel Geld eigentlich noch auf dem Konto ist. Überall sind die Mittel knapp, das wirkt sich auch auf die Zahlungsmoral aus, die im Planungssektor streckenweise stark zu wünschen übrig lässt. Unternehmer müssen sich zudem dessen bewusst sein, dass sie die volle Verantwortung für ihre Projekte tragen. „Menschen, die arbeiten, machen Fehler. Menschen, die nicht arbeiten, machen keine Fehler“, so lautet ein Spruch. Falls Sie diese Ausführungen nur ein müdes Lächeln kosten, dann sind Sie in jedem Fall ein geborener Unternehmertyp.

Geschäftsidee

Risikobereitschaft und das fleißige Gemüt eines Arbeitspferdes reichen jedoch nicht aus, um sich eine dauerhafte Existenz aufzubauen.Sie brauchen Aufträge, die Ihnen so viel Gewinn bringen, dass Sie zumindest im Laufe der Zeit davon leben können. Sehr gut wäre es, wenn Sie etwas anzubieten hätten, das Architektur- oder Ingenieurbüros, Baufirmen oder Städte und Gemeinden händeringend suchen, dafür aber niemanden finden beziehungsweise nicht bereit sind, jemanden einzustellen. Noch besser wäre es, wenn Sie mit einem Auftrag in die Selbständigkeit starten. Viele Freiberufler haben sich nie Gedanken über eine Geschäftsidee gemacht, sondern sind eher wie die „Jungfrau zum Kind“ an ein Projekt gekommen, sei es über einen Bekannten, einen befreundeten Architekten oder über das Ingenieurbüro, in dem sie als studentische Hilfskraft gearbeitet haben.

Mit Businessplan zur Geschäftsidee

Der Begriff „Businessplan“ hört sich schlimmer an, als er ist. Sie brauchen ihn, wenn Sie Fördergelder, Existenzgründungs- zuschüsse oder ein Darlehen beantragen. Es kann jedoch sehr hilfreich sein, auch ohne verpflichtenden Hintergrund einen Businessplan aufzustellen, allein um die eigenen Gedanken zu ordnen. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie hat dazu ein übersichtliches und leicht zu bedienendes Softwarepaket für Gründer und junge Unternehmer entwickelt. Das Programm „zwingt“ einen regelrecht dazu, sich mit wichtigen Fragestellungen auseinanderzusetzen. Bei der Eingabe des Businessplanes müssen die Benutzer Fragen zu Zielen und Risiken des Vorhabens beantworten. Den kostenlosen Download gibt es unter www.softwarepaket.de

Ein kluger Kopf fängt klein an

Vor unserem geistigen Auge erscheinen die Geschäftsführerin oder der Firmeninhaber meist als schillernde Figuren im schicken Ledersessel am Mahagoni-Schreibtisch mit eigenem Sekretariat. Lassen Sie sich im Falle einer Existenzgründung nicht von solchen Bildern leiten. Im Architektur- und Ingenieurbereich ist es gang und gäbe, ganz klein mit einer sparsamen Grundausstattung als Alleinunternehmer anzufangen. „Mein Notebook, mein Schreibtisch, mein Telefon und ich“ ist mit Sicherheit ein vielversprechenderes Gründungskonzept als hohe Investitionen in Designermöbel oder Hochglanzwerbekataloge. Sparsamkeit ist äußerst klug, allerdings sollten Sie an den richtigen Stellen sparen. Sorgen Sie dafür, dass Sie stets erreichbar sind. Ein Internetanschluss, E-Mail, ein Faxgerät und ein Mobiltelefon sollten dem Rotstift besser nicht zum Opfer fallen. _MG_6113_Existenzgru¦êndung_rechtWichtig sind zudem Visitenkarten und eine Homepage, die so gestaltet ist, dass sie einen guten Eindruck hinterlässt. Aber auch hier gilt: Gut und preisgünstig muss sie sein. Eine kostspielige Website führt selten zu einem Auftrag. Viele Existenzgründer arbeiten zunächst einmal von zu Hause aus und mieten sich, wenn es die finanzielle Situation zulässt, später erst ein externes Büro. Grundsätzlich gibt es keine Probleme, von zu Hause aus zu arbeiten. Wer zur Miete wohnt, darf jedoch ohne Zustimmung des Vermieters keine baulichen Veränderungen vornehmen und muss die Wohnung weiterhin überwiegend als Wohnraum nutzen. Es empfiehlt sich, eine berufliche Nutzung mit dem Vermieter zu besprechen und am besten im Mietvertrag zu fixieren.

Steht Ihre Familie hinter Ihnen?

Als Freiberufler führen Sie nicht gerade ein leichtes Leben, genauso wenig wie Ihre Familie und Ihre Freunde. Die werden zeitweise auf Sie verzichten müssen, auch am Wochenende oder abends im Biergarten. Die ständige finanzielle Berg- und Talfahrt kann einen Ehepartner zur Verzweiflung bringen und das Lamentieren über die „schlecht laufenden Geschäfte“ mögen Ihre Lieben irgendwann auch nicht mehr hören. Sprechen Sie also mit den Personen, die Ihnen nahestehen, über Ihr Vorhaben und welche Unannehmlichkeiten dies mit sich bringen wird. Ihre Angehörigen werden Ihnen eher den Rücken stärken, wenn Sie nicht alles allein mit sich ausmachen.

Holen Sie sich Rat

Wenn Sie sich selbständig machen wollen, lassen Sie sich eingehend beraten. Sie müssen nicht gleich zum Rechtsanwalt oder Notar gehen. Es gibt wesentlich kostengünstigere und vor allem auf Ihr Fachgebiet abgestimmte Beratungsangebote. Im Folgenden eine Auswahl:

Architekten- und Ingenieurkammern

Ihre ersten Ansprechpartner sollten die Architekten- beziehungsweise Ingenieurkammern sein. Die für Sie zuständige Kammer sitzt in dem jeweiligen Bundesland, in dem Sie wohnen oder in dem Sie zukünftig arbeiten wollen. Einige Kammern stellen Ihnen einen persönlichen Berater zur Verfügung, dem Sie Ihr Gründungsvorhaben direkt schildern können. Meist wird dafür eine geringe Gebühr erhoben. In der Regel werden hier auch Existenzgründungsseminare für Architekten und Bauingenieure angeboten. Im Anhang des Buches finden Sie die Adressen der einzelnen Kammern.

Berufsverbände

Nach dem Motto „Gemeinsam sind wir stark“ haben sich selbständige Architekten und Bauingenieure in mehreren Berufsverbänden zusammengeschlossen. Dazu zählen unter anderem:

  • Verband selbständiger Ingenieure und Architekten (VSIA), www.vsia.de
  • Bundesverband Freiberuflicher Ingenieure e.V. (BFI), www.ubi-d.de

Bundesagentur für Arbeit

Auch die Bundesagentur für Arbeit berät Sie bei Gründungsfragen, unabhängig davon, ob Sie nun frisch von der Uni kommen oder schon lange im Berufsleben stehen. Es gibt eigens eingerichtete Existenzgründungszentren, die ein spezielles Beratungsangebot für Akademiker bereithalten. Wenden Sie sich an Ihre zuständige Agentur an Ihrem Wohnort.

Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie

Sehr gute und einfach erklärte Informationen rund um die Selbständigkeit hält das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie auf seiner Homepage www.existenzgruender.de bereit.

Institut für Freie Berufe (IFB)

Das IFB mit Sitz in Nürnberg bietet in regelmäßigen Abständen Existenzgründungsseminare an. Auf der Homepage www.ifb-gruendung.de finden sich viele Anregungen und Hinweise rund um die Rechte und Pflichten eines Freiberuflers.

Mitgliedschaft in der Kammer: Kür oder Pflicht?

Niemand wird gezwungen, Mitglied in einer Architekten- oder Ingenieurkammer zu sein. Nichtmitgliedern bleiben allerdings einige Rechte verwehrt, ohne die sie ihren Beruf gar nicht oder nur eingeschränkt ausüben können. Das gilt im besonderen Maße für Selbständige. Die wesentlichen Vorteile einer Mitgliedschaft sind:

Das Recht, eine bestimmte Berufsbezeichnung führen zu können

Für Architekten gilt: Nur wer Mitglied in der für ihn zuständigen Architekten­kammer an seinem Arbeits- beziehungsweise Wohnort und damit in die Archi­tektenliste eingetragen ist, darf die Berufsbezeichnung „Architekt/-in“, „Garten- und Landschaftsarchitekt/-in“, „Innenarchitekt/-in“ oder „Stadtpla­ner/-in“ führen. Direkt nach dem Studium dürfen Sie sich noch nicht so nennen. Die Voraussetzung für eine Mitgliedschaft in der Kammer ist nämlich eine mindestens zweijährige Praxis­tätigkeit unter der Aufsicht eines Architekten. Einige Bundesländer, zum Beispiel Bayern, fordern sogar noch längere Praxiszeiten. Vielerorts müssen zudem regelmäßig fachbezogene Fort- und Weiterbildungsveranstaltungen besucht werden, um dieses Recht zu erwerben und später während der Berufstätigkeit zu behalten. Bei Bauingenieuren ist die Berufsbezeichnung „Beratende/-r Ingenieur/-in“ an die Mitgliedschaft sowie einen Eintrag in die „Entwurfsverfasserliste“ der zuständigen Ingenieurkammer gebunden. Auch hier werden nur diejenigen Kammermitglied, die mehrere Jahre lang praktisch tätig waren. In Niedersachsen werden beispielsweise fünf Jahre Berufserfahrung als Ingenieur gefordert. „Bauingenieur/-in“ dürfen Sie sich vorher auch schon nennen.

Bauvorlageberechtigung

Mit der Mitgliedschaft in der Kammer erhalten Sie die Bauvorlageberechtigung. Damit dürfen Sie beispielsweise Bauanträge unterschreiben und bei der zuständigen Behörde einreichen. Das ist wichtig, wenn Sie Planungsleistungen anbieten. _MG_6190_Existenzgru¦êndungEs nützt dem Bauherrn wenig, wenn Sie einen hervorragenden Entwurf ausgearbeitet haben, die Behörde ihn aber nicht anerkennt, weil Ihnen die Unterschriftsberechtigung fehlt. Viele werden sich jetzt fragen, ob die Selbständigkeit ohne Bauvorlageberechtigung und ohne Mitgliedschaft in der Kammer überhaupt möglich ist. Nun – Ihnen muss klar sein, dass Sie sich noch nicht „Architekt/-in“ oder „Beratende/-r Ingenieur/-in“ nennen dürfen, im Wettbewerb um bezahlte Aufträge beantwortet sich diese Frage also fast wie von selbst. Der sicherste Weg, um diese Berufsbezeichnung führen zu können, ist und bleibt ein mehrjähriges Angestelltenverhältnis, denn damit steht außer Frage, dass Sie Ihre Berufspraxis unter fachlicher Anleitung eines Architekten bzw. Bauingenieurs erworben haben – so fordern es die Kammern. Es gibt durchaus Freiberufler, die auch mit einer selbständigen Tätigkeit im Anschluss an ihr Studium die Bau-Vorlageberechtigung erworben haben, zum Beispiel als freie Mitarbeiter. Aber Vorsicht! Die Spielregeln lauten gleich: Im Rahmen einer freiberuflichen Tätigkeit müssen Sie ebenfalls unter fachlicher Anleitung einer befähigten – also bauvorlageberechtigten Person tätig gewesen sein. Wenn Sie das gegenüber den Kammern nicht nachweisen können, wird Ihnen die Mitgliedschaft verweigert. Auch muss sich die Person, unter deren Anleitung Sie arbeiten wollen, ihrer Verantwortung bewusst sein. Entwurfsverfasser müssen haftpflichtversichert sein, Bauvorlagen dürfen nur von demjenigen unterschrieben werden, der diese entweder selbst oder unter verantwortlicher Leitung verfasst hat, also so intensiv geprüft hat, dass Fehler offensichtlich wurden und korrigiert werden konnten. Es ist wichtig, dass sich Absolventen über die Voraussetzungen, die zur Eintragung in die Architekten- und Ingenieurkammern erforderlich sind, ausführlich informieren: In jedem Bundesland gibt es landesspezifische Unterschiede. Die Homepages der jeweiligen Landeskammern halten hierzu alle Informationen bereit.

Sonstige Vorteile

Selbst wenn Sie als Berufsanfänger noch nicht die geforderte Praxiserfahrung mitbringen und damit noch nicht Mitglied werden können, bieten Ihnen die meisten Kammern die Möglichkeit, zu günstigen Konditionen an Fortbildungsveranstaltungen teilzunehmen. In einigen Bundesländern, zum Beispiel in Niedersachsen, können junge Architekten bereits freiwilliges Mitglied beim Versorgungswerk der Kammer werden, auch wenn sie noch nicht in der Architektenliste eingetragen sind. Die Versorgungswerke der Kammern sind ein Ersatz für die gesetzliche Rentenversicherung.

Der Freie Beruf – was ist das?

Wussten Sie eigentlich, dass Sie einen „Freien Beruf“ gewählt haben? Architekten und Bauingenieure sitzen im gleichen Boot wie Ärzte, Rechtsanwälte, Notare, Journalisten, Dolmetscher oder Übersetzer. Sie gehören zu den so genannten Katalogberufen nach § 18 Abs. 1 Einkommensteuergesetz.

Angestellte interessiert diese Tatsache weniger. Aber Selbständigen bringt die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe erhebliche steuerliche Vorteile. Das Finanzamt behandelt einen freiberuflich Tätigen anders als einen Gewerbetreibenden, wie zum Beispiel einen Versicherungskaufmann oder eine Friseurmeisterin. Diese müssen nämlich Gewerbesteuer zahlen, ein Freiberufler muss das nicht. Doch Vorsicht: Es kommt auf die Art der Leistungen an, die Sie anbieten. Bei Planungsleistungen ist die Sachlage eindeutig. Ein Bauingenieur jedoch, der beispielsweise ausschließlich Bauleitungsaufgaben übernimmt, könnte eventuell als Gewerbetreibender eingestuft werden.

 

Stichwort: Der Freie Beruf

Eine eindeutige Definition für den Freien Beruf gibt es nicht. Der Gesetzgeber hat es im Partnerschaftsgesellschaftsgesetz von 1995 folgendermaßen formuliert: „Die Freien Berufe haben im Allgemeinen auf der Grundlage besonderer beruflicher Qualifikation oder schöpferischer Begabung die persönliche, eigenverantwortliche und fachlich unabhängige Erbringung von Dienstleistungen höherer Art im Interesse der Auftraggeber und der Allgemeinheit zum Inhalt.“

Freie Mitarbeiter: Selbständig oder nicht?

„Freiberufler“ sind nicht zu verwechseln mit „Freien Mitarbeitern“, auf die im Architekturbereich sehr oft zurückgegriffen wird. Bei den Letztgenannten stellt sich häufig die Frage, ob sie überhaupt selbständig sind. Die Beurteilung hat schon so manchem Gericht Kopfzerbrechen bereitet. Die Entscheidung, ob selbständig oder nicht, hat vor allem sozialversicherungsrechtliche Konsequenzen. Per Definition sind diejenigen selbständig, die zum Beispiel ein eigenes _MG_5961_Existenzgru¦êndungunternehmerisches Risiko tragen, für mehrere Kunden arbeiten und nicht weisungsgebunden bezüglich Art, Dauer, Zeitpunkt, Ort und Durchführung der Arbeitstätigkeit sind. Das ist oft der Fall, wenn zwischen dem Büro und dem freien Mitarbeiter ein Werkvertrag geschlossen wird. Wie und wann das Werk vollbracht wird, bleibt dem Mitarbeiter überlassen. Dabei hat der jedoch alle Rechte und Pflichten eines Unternehmers – nicht alle „Freien“ sind sich dessen bewusst. Für die Richtigkeit ihrer Arbeit sind sie selbst verantwortlich und können sogar dafür haftbar gemacht werden.

Oft wird aber auch ein Dienstvertrag geschlossen. Dann schulden freie Mitarbeiter dem Büro ihre Arbeitskraft, die pauschal oder auf Stundenbasis honoriert wird. Wenn sie dazu nur für ein einziges Büro tätig sind und die Arbeitszeit vorgeschrieben ist, beispielsweise jeden Tag von 8 Uhr bis 12 Uhr, geht der Status der Selbständigkeit verloren. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von „Scheinselbständigkeit“. Dann stehen freien Mitarbeitern die gleichen Rechte wie einem Angestellten zu, das heißt, im Zweifelsfall haften sie nicht für die Qualität ihrer Arbeit, haben Anspruch auf Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und es müssen Lohnsteuern und Sozialversicherungen für sie abgeführt werden. Für das Büro ist es natürlich lukrativer, mit einem Selbständigen zusammenzuarbeiten, denn dann fallen sämtliche sozialen Leistungen sowie der Kündigungsschutz weg. Wenn Sie als freier Mitarbeiter anfangen, sollten Sie diese Fragen offen ansprechen und mit Ihrem Chef eine für beide Seiten saubere Lösung finden.

Verbindliche Auskunft über den sozialversicherungsrechtlichen Status erteilt die Deutsche Rentenversicherung (drv): 10704 Berlin, Telefon: 030 865-1, Telefax: 030 865-27240, E-Mail: drv@drv-bund.de, Internet: www.deutsche-rentenversicherung-bund.de.

Einstieg in ein bestehendes Büro

Existenzgründung heißt nicht unbedingt, dass man ganz von vorne anfangen muss. Architekten und Bauingenieure haben auch die Möglichkeit, in ein bestehendes Büro als Mitinhaber einzusteigen oder die Nachfolge des Inhabers anzutreten. Das geht auch ohne verwandtschaftliche Beziehungen. Laut einer Studie des In­stituts für Mittelstandsforschung in Bonn wurden im Jahr 2005 von insgesamt 71.000 kleinen und mittelständischen Unternehmen, bei denen ein altersbedingter Führungswechsel anstand, 5.900 Betriebe stillgelegt, weil sich kein geeigneter Nachfolger fand. Der Einstieg in ein bestehendes Büro hat einige Vorteile: Neben einer vorhandenen Infrastruktur kann ein Nachfolger meist auch die Mitarbeiter und den Kundenstamm übernehmen. Das heißt jedoch nicht, dass der neue Betriebsinhaber die Hände in den Schoß legen kann. Die Entscheidung, ob die Kunden dem Büro treu bleiben oder aufgrund des Führungswechsels doch lieber das Weite suchen, ist stark vom Engagement des oder der „Neuen“ abhängig. Bei der Übernahme eines Büros sollte ein Steuerberater oder ein Rechtsanwalt hinzugezogen werden. ■

Beitrag als Druck-pdf

S100_105 eigener Chef_Page_1