Große Architektur im Kleinen

Große Architektur im Kleinen

von Özlem Özdemir

Selbständig – direkt nach dem Studium? Viele denken, das ginge nicht. Die junge Berliner Architektin Katharina Löser überzeugt vom Gegenteil. Özlem Özdemir hat mir ihr gesprochen – über Projekte, Wettbewerbe und die ganz normalen Alltagssorgen junger Planer.

Katharina Löser und Johannes Lott.

Foto: Löser Lott Architekten

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Villa Küssnacht am Rigi.

Foto: Löser Lott Architekten

Reihenhäuser in Dresden.

Foto: Löser Lott Architekten

Duett in Warnemünde.

Foto: Stefan Müller

Waldhaus.

Foto: Löser Lott Architekten

Frau Löser, im Oktober 2013 wurde Ihnen vom Bund Deutscher Architekten BDA Berlin der Hans-Schaefers-Preis an junge Architekten für vorbildliche planerische Leistungen verliehen. Ausgezeichnet wurde Ihr realisiertes Projekt Duett in Warnemünde. Warum haben Sie dieses Projekt eingereicht?

Katharina Löser: Das „Duett” in Warnemünde war eines der ersten Projekte direkt nach dem Studium, das ich planen konnte. Es war zu dem Zeitpunkt gerade fertig und das markanteste Projekt, an dem ich bisher gearbeitet hatte. Das Spannende daran ist: Zwei Häuser, ähnlich zweieiigen Zwillingen, bilden eine Symbiose innerhalb eines Warnemünder Straßenzuges. Durch eine schmale hohe Fuge erscheinen sie verbunden und getrennt zugleich. Der Grund dafür liegt in einem interessanten städtebaulichen Merkmal, der sogenannten „Tüsche”. Der Begriff kommt aus dem plattdeutschen Wort „tüschen” („zwischen”). In Warnemünde wird er verwendet, um die ortstypische schmale Fuge zwischen zwei Häusern zu beschreiben. Überlieferungen sprechen davon, dass eine Tüsche so breit sein musste, dass eine Kuh hindurch passte. (lacht) Diesen hohen schluchtartigen Raum haben wir inszeniert. Hier werden die beiden Baukörper über eingehängte Treppen und Podeste miteinander verwoben.

Sie haben sich schon im Jahr Ihres Diploms, also 2008, selbstständig gemacht – ein recht untypischer Weg.

Katharina Löser: Ja, ich habe damals in Berlin begonnen, an dem Entwurf für die Häuser in Warnemünde zu arbeiten. Das Projekt ist in Zusammenarbeit mit dem im Erzgebirge ansässigen Büro und der Baufirma meines Vaters entstanden. Ohne diese Zusammenarbeit wäre eine Umsetzung der ersten Projekte natürlich nicht möglich gewesen.

Und dann entstand 2011 „Löser Lott Architekten“.

Katharina Löser: Ich kenne meinen Partner Johannes Lott seit unserem gemeinsamen Studium in Dresden. Damals hat man schon immer davon geträumt, später einmal ein eigenes Büro zu haben. Herr Lott hat einige Jahre in dem Berliner Büro Müller Reimann Architekten gearbeitet und dort viele Erfahrungen im Umgang mit Wettbewerben gesammelt. Im Sommer 2011 bei einem Bier haben wir dann unser gemeinsames Büro Löser Lott Architekten in Berlin gegründet. Seitdem entwickeln wir unsere Projekte im Dialog und versuchen auch verstärkt an Wettbewerben teilzunehmen.

Ihr Vater ist aber immer noch mit dabei, oder?

Katharina Löser: Viele unserer gebauten Projekte entstehen in enger Zusammenarbeit mit der Baufirma meines Vaters. Auf diese Weise haben wir die Möglichkeit, starke architektonische Ideen in die Realität umzusetzen. Im Studium entwickelt man abstrakte „radikale“ Ideen für fiktive Aufgaben. In der Realität muss man diese mit Bauherrenwünschen, Budget und technischer Machbarkeit in Einklang bringen. Architektur zu denken und zu bauen ist ein komplexer Prozess. In unserer Zusammenarbeit verbinden sich „junge“ Ideen mit einem langjährigen praktischen Erfahrungsschatz.

Gibt es in Berlin für junge Architekten, die sich selbstständig machen wollen, nicht viel zu viel Konkurrenz?

Katharina Löser: Die Konkurrenz ist recht groß, und wir würden uns natürlich freuen weitere Projekte in Berlin zu realisieren. Aber zum Glück sind unsere Auftraggeber deutschlandweit verstreut. Wir bauen viel im sächsischen Raum, ein Projekt in der Schweiz und zwei Projekte oben an der Ostsee. Direkt in Berlin haben wir bisher eine Doppelhaushälfte aus dem Jahr 1926 denkmalgerecht saniert. In der gleichen Siedlung am Grunewald planen wir aktuell eine kleine Hauserweiterung.

Wie sind Sie zu dem Projekt „Duett in Warnemünde“ überhaupt gekommen?

Katharina Löser: Viele unserer bisherigen Aufträge entspringen unserem Freundes-, Familien- und Bekanntenkreis. Beim „Duett“ handelt es sich um ein selbstentwickeltes Projekt. Wir waren auf Besuch bei einem befreundeten Architekten in Warnemünde und haben diese letzte klaffende Lücke in der Friedrich-Franz-Straße entdeckt. (lacht) Das Grundstück lag schon einige Jahrzehnte brach und wurde als „Blechwiese“, also als Parkplatz, genutzt. Was als „Spinnerei” begann, wurde zu einem Projekt. Meine Familie konnte das Grundstück erwerben und ich hatte einen Auftrag.

Beim Hans-Schaefers-Preis beschäftigen sich die meisten eingereichten Projekte mit dem Wohnungsbau und dem Bauen im Bestand. Gibt es keine anderen Bereiche für junge Architekten?

Katharina Löser: Ich glaube, dass Wohnungsbauten, Sanierungen und Umbauten bis zu einer gewissen Größe, aber auch Projekte aus dem Bereich des Innenausbaus häufig von privaten Auftraggebern kommen.

Vermutlich bekommen so einige junge Architekten ihren ersten Auftrag von einem privaten Bauherrn aus dem Familien-, Freundes- oder Bekanntenkreis. Klassische Beispiele sind die Planung des Eigenheims der Schwester oder die Sanierung einer Altbauwohnung für einen Freund. Bei größeren Wohnungsbauprojekten oder bei öffentlichen Gebäuden, wie Schulen, Museen, Bürogebäuden handelt es sich meist um öffentliche Auftraggeber oder Investorenprojekte, die über Wettbewerbe vergeben werden. Es gibt es relativ wenige offene Wettbewerbsverfahren, hier aber ist die Teilnehmerzahl entsprechend hoch und die Konkurrenz extrem groß. Viele Wettbewerbe sind jedoch beschränkte Verfahren. Dabei werden erfahrene oder lokale Büros gesetzt und die restlichen Teilnehmer direkt oder über ein Losverfahren ausgewählt. Die Wettbewerbsteilnehmer stellen meist ein Portfolio mit gebauten Projekten, anderen Wettbewerbserfolgen oder erlangten Preisen zusammen. Die meisten jungen Büros können natürlich keine entsprechenden Referenzbauten nachweisen. Wer hat in dem Alter schon einen Campus oder ein Museum gebaut? (lacht) Leider werden bei diesen Auslobungen nur wenige junge Büros zugelassen oder zugelost. Es gibt Wettbewerbe, bei denen von zwanzig Teilnehmern nur ein einziges junges Büro teilnehmen darf. Es ist ein Glücksspiel, und es erschwert jungen und kleinen Büros, an öffentliche Aufträge zu kommen.

Ganz zu Anfang arbeiten viele selbständige Architekten noch von zu Hause aus, aber zu dritt oder zu viert braucht man größere Räume. Wie klappt die Finanzierung?

Katharina Löser: Dank Internet und Notebook kann man tatsächlich von überall, auch von zu Hause aus arbeiten. In Berlin gibt es durch die zahlreichen Bürogemeinschaften und Coworking spaces (z.B. „coworking“ bei www.raumstation-berlin.net, Anm.d.A.) viele Möglichkeiten, für relativ wenig Geld einen guten Arbeitsplatz, einen Schreibtisch mit einem Regal, zu mieten. Viele Freiberufler, z.B. auch Grafiker und Designer, nutzen diese flexible Struktur, die es hier gibt. Je nach Größe, Ausstattung, vorhandenem Besprechungsraum und so weiter kostet ein guter Arbeitsplatz schätzungsweise um die 200 Euro monatlich. In unserem Fall war es so, dass ich irgendwann diese schön sanierte Remise im zweiten Hinterhof gefunden hatte. Auch wir teilen uns die Räumlichkeiten mit anderen Architekten und Grafikern, so entstehen Möglichkeiten der Zusammenarbeit und wir finanzieren die Räume gemeinsam.

Wie sieht die Arbeitsteilung bei Ihnen aus?

Katharina Löser: Im Prinzip macht bei uns jeder alles. Meist arbeiten wir an zwei drei Projekte parallel. Pro Projekt gibt es jeweils einen Projektverantwortlichen, der die Fäden zusammenhält. Grundlegende Entscheidungen, was die Entwürfe und allgemeine Bürofragen betrifft, werden zusammen getroffen. Wir sind viel am Probieren, wie wir eine kreative und gleichzeitig effektive Bürostruktur entwickeln können. Wir sind in einem permanenten Prozess. Gute Architektur zu entwickeln ist das eine, ein Büro am Laufen zu halten das andere. Dinge, mit denen man im Studium wenig Berührung hatte, wie Akquise, Wirtschaftlichkeit, Effektivität, Buchhaltung, Kommunikation nehmen viel Raum im Büroalltag ein, ohne dass man auch nur einen Strich gemacht hat. Für mich persönlich ist das eine der größten Herausforderungen, kreativ und gleichzeitig effektiv und wirtschaftlich zu sein.

Peter Zumthor sagte einmal: „Derzeit arbeiten rund 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an 15 Projekten parallel. Wir wollen das Büro aber nicht aufblasen, wir wollen kein Dienstleistungsbüro werden, denn wir könnten darin unsere hohen Qualitätsansprüche nicht mehr erfüllen.“ Was sagen Sie dazu?

Katharina Löser: Das kann ich sehr gut nachvollziehen. 15 Projekte und 30 Mitarbeiter sind für uns momentan eine andere Dimension. Im Vergleich zu Büros, die weit mehr als 100 Leute haben, ist dieses natürlich immer noch relativ klein. Für mich ist es auch so, dass ich eher in einer kleinen Bürostruktur arbeiten mag, wo eine gewisse Atelieratmosphäre erhalten bleibt. Ich träume perspektivisch nicht von einer riesigen Büromaschine, aber klar, hätte man ein größeres Projekt, würde man an der Aufgabe wachsen. Das Büro Studio Mumbai aus Indien finde ich faszinierend. Das gesamte Team, ob Zeichner, Modellbauer oder Handwerker, arbeitet in einem werkstattartigen Umfeld halb im Freien, umgeben von unzähligen Materialproben und Modellen. Jedes Detail scheint handgefertigt, bis zum Fenstergriff gefeilt und geschnitzt. In dieser Form ist das hier kaum möglich. Handwerk und „echte“ Materialien sind rar und teuer geworden. Die enge und direkte Zusammenarbeit mit den Handwerkern spielt bei Löser Lott eine wichtige Rolle. Beispielsweise haben wir mehrere Details beim „Duett“ wie Fensterläden und Balkongeländer gemeinsam mit den Handwerkern in Form von 1:1 Modellen in der Werkstatt entwickelt.

Frau Löser, ich wünsche Ihnen weiterhin ganz viel Glück und bedanke mich für dieses Interview!

Ich danke Ihnen.

Der Architekt Ben van Berkel

Der Architekt Ben van Berkel

von Dr. Irving Wolther

Ben van Berkel ist einer der führenden Köpfe der zeitgenössischen niederländischen Architektur. Seit 1988 leitet er gemeinsam mit der Kunsthistorikerin Caroline Bos ein Architekturbüro in Amsterdam. Die einzigartige Verbindung von digitalem Design mit ausgefallenen Formen und Materialien haben „UNStudio“ mittlerweile zu internationalem Ansehen verholfen. Fließende Formen und flexible Konzepte sind das Markenzeichen des Büros, wie zum Beispiel im Möbius-Haus im niederländischen Het Gooi: Die gesamte Infrastruktur beruht auf der endlosen Form eines Möbius-Bandes.

Ben van Berkel, Architekt, Amsterdam

Foto: Inga Powilleit (Main)

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UNSTudio Tower, ein von UNStudio entworfenes Bürogebäude in Amsterdam, Niederlande

Foto: Christian Richters

Innenaufnahmen Mercedes Benz Museum, Stuttgart.

Foto: UNStudio

Herr van Berkel, Sie haben Ihr Büro 1998 in „UNStudio“ umbenannt. Der Name steht einerseits als Abkürzung für United Networks, impliziert aber andererseits eine Negation von Studio. Was ist so „UN“-typisch an Ihrem Büro?

Ben van Berkel: Dass sich unsere Arbeit nicht länger ausschließlich im Büro abspielt. Wir verfügen über ein weltumspannendes Netzwerk von befreundeten Architekten, Modeschöpfern, Fotografen und Künstlern. Oder denken Sie an die verschiedenen Hochschulen, an denen ich unterrichte: Harvard, die Städelschule in Frankfurt … Die kommunikativen Abläufe sind nicht länger auf das Büro beschränkt, der eigentliche Mehrwert des Netzwerks liegt außerhalb. Das wollten wir mit dem Namen UNStudio ausdrücken.

Viele Architekturbüros vor allem in Nordeuropa haben sich von traditionellen hierarchischen Strukturen und Denkweisen frei gemacht. Gilt das auch für UNStudio?

Ben van Berkel: Absolut. Wir haben uns vor allem von der Auffassung gelöst, dass ein Architekt sich nur auf die Gestaltung von Gebäuden zu spezialisieren hat. Wir möchten kulturelle Innovationen, in gewisser Weise kulturelle Errungenschaften hervorbringen. Das geht weit über das allgemeine Verständnis von Architektur hinaus.

Welche Rolle spielt dabei der Netzwerkgedanke?

Ben van Berkel: Netzwerke sind mittlerweile in aller Munde, doch als wir die Netzwerk-idee 1999 umsetzten, waren wir Vorreiter. Kaum jemand beschäftigte sich damals mit Netzwerken, vielleicht mit Ausnahme des französischen Soziologen Bruno Latour. Im Architekturbereich war das eine absolute Neuerung. Man muss sich klarmachen, wer die Akteure innerhalb eines Netzwerks sind, zwischen welchen Personen die wichtigen Informationen ausgetauscht werden. Das ist beim Design nicht anders. Wir haben begriffen, dass die Ideen, die beispielsweise in die Gestaltung eines Möbelstücks einfließen, Auslöser für eine Reihe weiterer Ideen für ganz andere Projekte sein können. Nehmen wir einmal den Sessel, den ich für Walter Knorr, den Vizepräsidenten der Universität von Illinois, designt habe. Er basiert auf dem Thema Reflexion und wie die Vorstellungen von Reflexion und Zurücklehnen miteinander in Verbindung treten, wenn man auf diesem Sessel sitzt. Diese gedankliche Verbindung fließt dann unter Umständen auch in andere Projekte des Büros ein.

Der Trend geht in der Architektur also zum Netzwerk?

Ben van Berkel: Das kann ich nicht beurteilen, das Netzwerk entspricht auf jeden Fall meinen Vorstellungen. Es gibt viele verschiedene Arten von Architekten, und ich gehöre zu denjenigen, die sich von diesem Netzwerkgedanken inspirieren lassen, um kulturelle Errungenschaften zu entwerfen. Manchmal sehe ich Architekten ein wenig wie Modeschöpfer – wir entwerfen die Kleidung für die Zukunft der Welt.

Nun, die Kreationen der großen Modeschöpfer auf den internationalen Fashion Shows sind zwar schön anzusehen, aber nur für einen sehr kleinen Teil der Bevölkerung erschwinglich …

Ben van Berkel: Unsere Architektur ist nicht unerschwinglich, auch wenn wir ab und zu tatsächlich für die „Fashion Shows“ arbeiten. Manche Entwürfe erweisen sich als schwer realisierbar, doch wenn man sein Handwerk versteht, kann man mit den Ausführungstechniken spielen. Letztlich ist das genau wie bei der Haute Couture: Die Kleider auf den Laufstegen sind in erster Linie als Prototypen zu verstehen. Erst später werden die Design-ideen in vereinfachter Form für den täglichen Gebrauch nutzbar gemacht.

Dank Ihrer internationalen Erfahrungen hätten Sie Ihr Büro an jedem Ort der Welt eröffnen können. Warum sind Sie nach Amsterdam gegangen? Bieten die Niederlande besondere Vorteile für die Arbeit als Architekt?

Ben van Berkel: Nun, zunächst einmal lebt es sich in Amsterdam sehr gut. Die Verkehrsanbindung ist durch den Flughafen hervorragend. Ich bin in der Nähe meiner Freunde, der Designer Victor & Rolf, Marcel Wanders … Es gibt in der Stadt viele Kreative, die international tätig sind. Das ist das Schöne an den Niederlanden: Wir besitzen viel Kultur auf kleinstem Raum, genießen eine hohe Lebensqualität und sind dabei sehr kosmopolitisch. Nicht zuletzt können wir hier auch auf eine großartige Architekturtradition zurückblicken. Davon können wir noch eine Menge lernen. Ich wohne gerne hier, es ist ein schönes Land.

Niederländische Architekten haben für die Entstehung der modernen Architektur im 20. Jahrhundert eine bedeutende Rolle gespielt. Sehen Sie sich in dieser Tradition?

Ben van Berkel: Schon, doch eher in einer Art Pionierrolle. Natürlich bin ich hier auf-gewachsen und zur Schule gegangen, meine Architekturausbildung habe ich aber vor allem in London bei der Architectural Asso-
ciation absolviert. Das war eine schöne Zeit und meine Arbeit wurde durch die vielen internationalen Einflüsse nachhaltig geprägt. Auch die Studien befreundeter Kollegen in den USA haben mich sehr beeinflusst, so dass ich mich heute irgendwo zwischen dem europäischen und angelsächsischen Raum situiere.

Sie haben in den Büros von Zaha Hadid und Santiago Calatrava gearbeitet. Welche Einflüsse hatte dies auf Ihre Arbeit? War es schwierig, sich von diesen „Göttern“ der internationalen Architekturszene zu emanzipieren?

Ben van Berkel: Damals waren sie ja noch keine Götter. Ich habe 1987 für Santiago Calatrava gearbeitet. Damals wurde gerade der Bahnhof Stadelhofen in Zürich fertig gestellt. Es war eine großartige Erfahrung, bei diesem Projekt dabei zu sein, auch wenn ich nur an ein paar Brücken mitarbeiten durfte. Aber ich liebte das Büro, wir waren gerade einmal zwölf Leute und in einer Art Selbstfindungsphase. Die Bekanntheit kam erst später, das war auch bei Zaha so. Als ich für sie arbeitete, war sie meine Lehrerin an der Architectural Association. Sie arbeitete damals an dem Entwurf des Freizeit- und Erholungsparks „The Peak Leisure Club“, eines ihrer ersten Projekte. Ich habe von beiden eine Menge gelernt, auch wenn ich hinterher meinen ganz eigenen Arbeitsstil, meine eigenen Ideen entwickelt habe. Mein Credo war immer, so viel zu bauen wie möglich, denn Architektur zu entwerfen ist wie ein Instrument zu spielen: Entweder man praktiziert es vier bis fünf Stunden täglich oder man bringt es nie zum Erfolg. Ich versuche immer, mein Bestes zu geben – das ist alles, worauf es für mich ankommt.

Nun gehören Sie selbst zu den Superstars der internationalen Architekturszene. Wie ergeht es den jungen Architekten, die bei UNStudio für Sie arbeiten?

Ben van Berkel: Ich glaube, die jungen Architekten lernen bei uns eine Menge. Ich versuche sie darauf vorzubereiten, wie schwierig es heutzutage ist, sich als selbständiger Architekt über Wasser zu halten. Das liegt nicht nur an der Wirtschaftslage, sondern auch an dem enormen Konkurrenzdruck, der überall herrscht und ständig weiter zunimmt. Gleichzeitig ermutige ich sie, sich eine passende Nische zu suchen. Es gibt viele Marktnischen, die meisten Architekten sind nur nicht besonders innovativ. Die Zukunft eröffnet Architekten eine unglaubliche Vielfalt von Möglichkeiten, sie müssen sie nur erkennen und ergreifen.

Sie arbeiten ausgesprochen experimentell und viele Ihrer Entwürfe wirken sehr komplex. Wie schaffen es die Bauingenieure, mit Ihrer Kreativität Schritt zu halten?

Ben van Berkel: Meine Entwürfe sind gar nicht so schwer zu realisieren, wie viele glauben. Das Geheimnis liegt darin, mit den richtigen Leuten zu arbeiten, die sich mit den Geometrien auskennen, die wir zugrunde legen. Zugegeben, die Entwürfe wirken auf den ersten Blick äußerst komplex, doch nehmen wir einmal das Mercedes-Benz Museum in Stuttgart: Wir haben dort mit sehr vielen Wiederholungen größerer Details und Konstruktionselemente gearbeitet, um das Projekt möglichst effizient zu gestalten. Es mag also sehr komplex aussehen, ist aber in Wirklichkeit sehr rationell.

Viele Kunden sind erstaunt, wenn sie erfahren, dass unsere Entwürfe in der Umsetzung nur zwischen drei Prozent und zehn Prozent mehr kosten als eine herkömmliche Konstruktion. Die meisten rechnen mit dem Doppelten. Wir haben die Kosten dank neuer Konstruktions- und Designtechniken gut unter Kontrolle. Man darf diese externen Faktoren nicht außer Acht lassen und nicht nur daran denken, der Nachwelt ein spektakuläres Bauwerk zu hinterlassen. Unser Ziel ist ein anderes: Wir wollen die Qualität des Architektenhandwerks ständig weiter verbessern.

Möbel zu entwerfen gehört ebenfalls zu Ihrer kreativen Arbeit. Ist die Möblierung für Sie Teil des Gebäudes?

Ben van Berkel: Nein, nicht wirklich. Aber ich entwerfe gerne Möbel, und ich arbeite auch gerne in verschiedenen Bereichen. Mich reizt die Vorstellung, dass durch die Nicht-Spezialisierung vielleicht ein Stück zeitgenössischer Architektur auf andere Disziplinen abfärbt, wie auch die Herangehensweise an Architektur sehr unterschiedlich sein kann, je nachdem, aus welcher Disziplin man kommt.

„Entre les deux portes“ ist ein Wohnungsbauprojekt in Brüssel. Der Entwurf weist ausgesprochen organische Formen auf. Ist dies eine Verneigung vor der Jugendstilarchitektur, für die die belgische Hauptstadt berühmt ist?

Ben van Berkel: Das hat mich tatsächlich sehr beeinflusst. Ich habe mich lange mit der Geschichte des Jugendstils beschäftigt und mir gefällt diese kleine Anspielung.

Fühlten Sie so etwas wie Verantwortung für die altehrwürdigen Gebäude im unmittelbaren Umfeld des Projekts?

Ben van Berkel: Das nicht, aber ich probiere gerne Neues aus. Natürlich achte ich auf das architektonische Umfeld und dass die Maßstäbe stimmen. Inmitten einer städtischen Bebauung kann man die Maßstäbe nicht einfach so über den Haufen werfen. Das macht es für mich so schwierig, im städtischen Raum zu arbeiten. Der andere Aspekt ist, dass ein Bezug zum Ort und seiner Geschichte geschaffen werden muss. Das kann auf die unterschiedlichste Weise erfolgen. Bei der Erasmusbrücke gibt es beispielsweise eine gedankliche Verbindung zu den Lastkrä-
nen im Hafen von Rotterdam und ihrer Bedeutung für die industrielle Entwicklung der Stadt. Genau so habe ich auch in Brüssel gearbeitet.

In Deutschland gibt es immer wieder heftige Diskussionen um den Wiederaufbau im Krieg zerstörter Baudenkmäler. In der Bevölkerung gibt es offenbar eine Vorliebe für historisierende architektonische Lösungen. Wie stehen Sie dazu?

Ben van Berkel: Das ist gar nicht mein Fall. Geschichte zu kopieren finde ich nicht besonders spannend. Ich bin der Überzeugung, dass die Architektur nach vorne schauen muss. Natürlich darf man auch mal Inspiration aus der Vergangenheit schöpfen, aber nur um sie weiterzuentwickeln, zu verändern, zu etwas Zeitgenössischem zu machen. Ich glaube an das Morgen, nicht an das Gestern.

Wie schafft man es, den Wunsch nach neuer, außergewöhnlicher Architektur mit den oft konservativen Vorstellungen der Bauherrn zu vereinbaren?

Ben van Berkel: Das ist eine Frage der
 Kommunikation. Wir haben gelernt, die Dinge, die uns wichtig sind, unseren Kunden
so nahe zu bringen, dass sie sie mit uns tei-len. Wenn sie das nicht tun, ist das natürlich ein Problem. Aber man muss dem Kunden auch zuhören können. Manchmal äußert der Kunde seine ganz eigene Sicht auf einen bestimmten Ort, und dann treten wir miteinander in einen Dialog. Und selbst wenn ich meine eigenen Vorstellungen dann nicht durchsetzen kann, begleite ich den Entstehungsprozess.
Übernehmen die Bauherrn eine aktive Rolle in diesem Prozess?

Ben van Berkel: Eine entscheidende, schon rein finanziell … (lacht)

Gibt es Situationen, wo direkter Einfluss auf Ihre Arbeit als Architekt genommen wird?

Ben van Berkel: Das nicht, aber manchmal ist es nicht ganz einfach. Die meisten Kunden sind sehr umgänglich und haben Vertrauen in meine Arbeit. Manche jedoch – vor allem jetzt in der Wirtschaftskrise – reagieren nervös, dann wird aus jedem Cent eine große Sache gemacht. Man muss heutzutage ein wenig mehr auf die Kunden eingehen als früher.

Mit welchen Fragen werden sich Architekten in der Zukunft vermehrt beschäftigen?

Ben van Berkel: Wir werden verstärkt auf Klimaschutzfragen eingehen müssen. Das ist ausgesprochen wichtig, denn die Wärmeeffizienz vieler Gebäude könnte deutlich höher liegen. Auch sollten Architekten häufiger versuchen, etwas mit ihrer Arbeit auszudrücken. Wenn ein Gebäude keine unterschiedlichen Lesarten zulässt oder nicht zum Nachdenken anregt, weil es keinen bleibenden Eindruck hinterlässt, ist es uninteressant. Architektur muss kommunizieren.

Sie unterrichten die Architekturklasse der Städelschule in Frankfurt. Sehen Sie Unterschiede zwischen dem Architekturstudium in Deutschland und den Niederlanden?

Ben van Berkel: Nein, überhaupt nicht. Auffällig ist allerdings der Trend bei deutschen Studenten, nach dem Abschluss ein Postgraduiertenstudium aufzunehmen. Das ist eine neuere Entwicklung. Ansonsten sehe ich keinerlei Unterschiede zwischen den Studierenden. Bei UNStudio arbeiten auch sehr viele deutsche Absolventen.
Was vermitteln Sie in Ihrem Unterricht?

Ben van Berkel: Ich bringe den Studierenden bei, ehrlich zu sich zu sein und ihr Talent realistisch einzuschätzen. Und ich bringe ihnen bei, dieses Talent mit Hilfe der neuesten technischen Mittel richtig zur Geltung zu bringen. Dazu gehören Entwurfstechniken ebenso wie Überlegungen zur Verwendung der richtigen Geometrien, Materialien und Konstruktionstechniken. Ich versuche in der Ausbildung stets innovativ zu sein, damit die Studierenden jetzt schon lernen, was sie in vielleicht sechs Jahren wirklich brauchen werden. Dafür fordere ich auch viel von ihnen.

Glauben Sie, dass ein Auslandsaufenthalt für Architekten erforderlich ist?

Ben van Berkel: Nicht unbedingt, aber internationale Erfahrungen sind immer von Vorteil. Es gibt in England einige hervorragende Universitäten, aber auch in Europa, zum Beispiel das Berlage Institute in Rotterdam. In Asien gibt es ebenfalls interessante Einrichtungen für ein Postgraduiertenstudium, zum Beispiel in Hongkong.

Sie können auf eine langjährige Erfahrung zurückblicken. Was würden Sie mit dem Wissen von heute anders machen, wenn Sie wieder am Anfang Ihrer Karriere stünden?

Ben van Berkel: Vermutlich würde ich mein Büro mit mehreren Partnern gründen. Heutzutage ist das die beste Möglichkeit, um sich über Wasser zu halten, mit vier, fünf Mann zu starten, um auf sichereren Beinen zu stehen. Selbständigkeit ist ein ziemlich hartes Brot, und der Trend geht wohl insgesamt in diese Richtung. Immer öfter sieht man auch Architektinnen, die sich zusammenschließen. Das finde ich eine interessante Entwicklung.

Welchen guten Rat möchten Sie den TALIS-Lesern noch mit auf den Weg geben?

Ben van Berkel: Lesen Sie auch weiterhin TALIS, dann sind Sie bestens informiert.

Möbius-Haus im niederländischen Het Gooi (Innenansicht)

Foto: UNStudio

Innenaufnahmen Mercedes Benz Museum, Stuttgart

Foto: UNStudio

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