Der Linie treu geblieben

Der Linie treu geblieben

von Ute Schroeter

Mit Hingabe konstruierte Walter Muck als kleiner Junge Windmühlen aus Lego. Schon damals wusste er: „Bauen, das ist was für mich.“ Heute führt er ein erfolgreiches Ingenieurbüro in Ingolstadt und zählt zu den wenigen Tragwerksplanern in Deutschland, die das Building Information Modeling (BIM) in seiner eigentlichen Funktion anwenden. Wir sprachen mit ihm über intelligente Linien sowie über die Freuden und Tücken des Planer-Alltags.


Bauingenieur aus Leidenschaft: Walter Muck vor einem seiner Projekte – dem Verwaltungsgebäude des E.on-Kraftwerkes Zolling.

Foto: Muckingenieure

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Herr Muck, als die Welt 1989 noch im Internet-Dornröschenschlaf lag, schrieben Sie an einem C64 das Konzept für Ihr Büro 2000. Wovon träumten Sie damals?

Walter Muck: Nach meinem Bauingenieurstudium an der FH München arbeitete ich zwei Jahre lang bei Professor Nemetschek und entdeckte dort meine Neigung zur Software. Planen hieß in den 80er Jahren Zeichnen am Zeichenbrett und Schreiben mit der Schreibmaschine. Meine Vision damals, die ich Büro 2000 nannte, war es, Informationen, die wir für das Planen brauchen, schnell abrufbar zu machen und Planungsschritte miteinander zu verknüpfen. Ich wollte mich in der Zukunft auf das eigentliche Planen und auf die Wünsche meiner Kunden konzentrieren, statt mich mit der Datenverwaltung herumzuplagen. Das sollte Sache der Software sein. In den Achtzigern kam gerade der Commodore C64 auf den Markt, den mir ein Kollege auslieh und an dem ich meine handschriftlichen Notizen zum Konzept niederschrieb. Der Papierstapel war 15 Zentimeter hoch.

Was wurde aus Ihrer Vision?

Walter Muck: Erst einmal nichts. Nach meiner Zeit bei Nemetschek fing ich in einem Ingenieurbüro an und trug als Filialleiter sehr schnell Verantwortung. Schließlich wurde mir eine Partnerschaft angeboten, was mich sehr beflügelt hat und für die ich auch das Konzept Büro 2000 schrieb. Doch irgendwie ging es damit nicht richtig weiter, und nachdem ich privat auch in einer schwierigen Phase steckte, wollte ich neu anfangen und machte mich mit einem Kollegen selbständig. Als ich aber ein Netzwerk einrichten wollte – aus heutiger Sicht eine Banalität –, kam es zur Trennung. Mein Kollege und ich waren einfach nicht auf einer Linie, was Softwarelösungen betraf. 1996 habe ich dann „Muckingenieure“ gegründet.

Wir schreiben das Jahr 2017, ist Büro 2000 überholt?

Walter Muck: Nein, noch lange nicht, wobei ich mittlerweile nicht mehr von Büro 2000, sondern von „Walter-Muck-Denke“ – kurz WMD – spreche. Ich glaube, der Weg, den wir gehen, wird nie zu Ende sein. Wir haben, was die Zeichnungen betrifft, einen Stand erreicht, der momentan kaum zu übertreffen ist. Jetzt arbeiten wir auch an der Statik aus einem Guss.
Wie erklären Sie einem Laien die Besonderheit des Building Information Modeling (BIM)?

Walter Muck: Wenn ich Vorträge halte über das Thema Tragwerksplanung 4.0, versuche ich die Unterschiede zwischen einem 2-D, 3-D- und einem BIM-Plan zu vermitteln. Ich zeige zuerst einen Film, in dem jemand einen Tuschestrich auf ein Blatt Papier zieht. Dann frage ich die Zuhörer, welche Intelligenz dieser Strich hat. Aufmerksame Beobachter, meist älteren Semesters, sagen dann: „Das war ein Tuschestrich mit der Strichstärke 0.7“, weil sie den blauen Ring am Stift erkennen. Und das ist es dann auch schon: Ein Tuschestrich hat die Intelligenz von „Ich bin ein Strich von 0.7 und gehe von A nach B“. Beim 3-D-Plan sind wir schon einen Schritt weiter. Hier sagt die Linie: „Ich bin ein Körper, so breit, so dick, so hoch.“ BIM kann noch viel mehr. Hier sagen mir die Linien: „Ich bin ein Körper, ich bin aus diesem Beton, ich habe jenen Stahlgehalt, ich bin so breit, so hoch, so tief und da oben ist eine Aussparung.“

Was nutzen mir solche Informationen?

Walter Muck: Um eine Stahlmassenschätzung aufzustellen, habe ich früher ellenlange Excel-Tabellen geschrieben. Die Maße haben wir mit dem Maßstab aus dem Plan gezogen. Wie man sich denken kann, hat das lange gedauert und war sehr fehlerträchtig. Heute reicht ein Klick am 3-D-Modell und das Programm rechnet die Massen aus. Manche Kunden haben uns schon gefragt, ob wir ihnen die Massen für das Rohbau-Leistungsverzeichnis zur Verfügung stellen können. Mit einer passenden Schnittstelle zum entsprechenden Ausschreibungsprogramm ist das für uns nun problemlos machbar, gehört für uns als Tragwerksplaner jedoch nicht zu unserem originären Leistungsspektrum. BIM hilft uns aber auch, Problempunkte zu klären. Wir hatten mal den Fall, dass ein technischer Gebäudeausrüster eine Aussparung direkt unter unserer Stütze vorgesehen hatte. Da er selbst nicht in 3-D geplant hatte, konnten wir ihm das Problem an unserem Modell zeigen, so dass er es gut nachvollziehen konnte. Wir sind dann dazu übergegangen, in unseren Plänen „No-go-Areas“ farbig zu markieren. So wissen alle Beteiligten, wo keinesfalls Aussparungen eingeplant werden dürfen. Über Farben vergeben wir jedem Bauteil einen gewissen Status, beispielsweise „freigegeben“ oder „in der Prüfung“. Das hat große Vorteile, wenn jemand aus dem Team krank ist und sich ein anderer einen Überblick über den Stand der Arbeiten verschaffen muss.

Macht BIM schönere Architektur?

Walter Muck: BIM ist ja nur ein Hilfsmittel, aber ein Tragwerk lässt sich tatsächlich besser visualisieren. Wie wirkt es denn, wenn der Unterzug da rausschaut, oder ist das wirklich so schön, wenn da keine Stütze ist? Darüber kann man sich mit dem Architekten viel besser und schneller abstimmen. Früher wurden Pläne mit der Post geschickt, heute per E-Mail oder man trifft sich zu einer Teamsitzung im Internet und schaut von verschiedenen Standorten aus gemeinsam auf das Modell. So lässt sich auch über Änderungen aus ästhetischen Gründen besser diskutieren.

Für Infrastrukturprojekte soll 2020 die Anwendung von BIM zur Pflicht werden. Ist das aus Ihrer Sicht zu schaffen?

Walter Muck: Der Weg ist richtig, aber das bis 2020 umzusetzen, ist schon sehr sportlich. In Deutschland ist BIM, anders als in Großbritannien oder in den Benelux-Ländern, kaum verbreitet. Viele deutsche Büros arbeiten mittlerweile in 3-D und sagen, es sei BIM. Es gibt aber noch große Unterschiede zwischen der Darstellung eines Tunnels in 3-D und der Modellierung mit BIM. Ich sehe für kleinere Büros gute Chancen, mit BIM ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern, denn zum einen spart man viel Zeit und zum anderen ist es ja ein gutes Hilfsmittel, um sich mit mehreren Büros zusammenzutun und gemeinsam an Projekten zu arbeiten.

Sie sagen selbst, dass Sie sich mit dem Ziel, Bauingenieur zu werden, einen Lebenstraum erfüllt haben. Was lieben Sie so an diesem Beruf?

Walter Muck: Ich mag die Vielfalt und die täglichen, neuen Herausforderungen. Kein Tag ist wie der andere. Natürlich gibt es auch bei uns


Das Dach der BMW-Welt in München: Die Werkstattplanung der Stahlkonstruktion stammt aus Muck’s Feder.

Foto: designerpoint/pixabay


Gruppenbild mit Chef: Walter Muck (Mitte) und sein Team.

Foto: Muckingenieure

Wiederholungen – Keller müssen geschalt, Wände müssen bewehrt werden. Und doch ist jedes Haus individuell und muss immer wieder neu erfunden werden. Wenn ich mit meiner Frau durch Eichstätt oder Ingolstadt fahre, wo wir viel mitgebaut haben, erinnere ich mich gern an die Besonderheiten eines jeden Bauwerkes. Das macht einen schon stolz, etwas entstehen zu sehen, was man selbst geplant hat.

Und was geht Ihnen auf die Nerven?

Walter Muck: Planungsänderungen.

Wirklich? Trotz BIM?

Walter Muck: Ja, selbst mit BIM bedeuten Änderungen Aufwand. Wir haben einmal mit einem Architekten zusammengearbeitet, der hat im hohen Alter angefangen, statt mit der Hand mit CAD zu zeichnen. Da er nicht mehr mit der Rasierklinge hantieren musste, meinte er nun, munter bis kurz vor der Betonage ändern zu können. Oder ich denke mit Schrecken an einen Bauträger zurück, der die Wohnungen nach dem Gusto der Käufer verkauft hat und noch während der Bauphase ständig die Wände, vor allem auch tragende Wände, verschob. Wenn Wände einfach mir nichts dir nichts versetzt werden, kann das riesige Konsequenzen für unser Tragwerk haben. Das willkürliche Ändern, das nervt schon. Manchmal fühle ich mich wie ein Schwamm: Auf der einen Seite der Bauherr und sein Architekt, wo noch kurz vor Ausführung geändert wird, auf der anderen Seite die Baufirma, die anfangen will. Und wir, die als Erste die Pläne liefern müssen, sitzen dazwischen. Der eine drückt von links, der andere von rechts und bei uns spritzt Blut … (lacht). Diesen Zustand kenne ich aber schon seit Beginn meines Berufslebens. Ich glaube, das ist das Los der Tragwerksplaner. Mit der modernen Technik wird der Termindruck, fürchte ich, sogar noch zunehmen, weil jeder meint, da geht doch schnell noch was. Ich habe oft große Mühe, das meinen Mitarbeitern zu vermitteln.

Welche Erinnerungen haben Sie an die Anfänge Ihres Berufslebens?

Walter Muck: Mir wurde schnell Verantwortung übertragen, darauf war ich stolz. Ich hatte ja nur zwei Jahre Erfahrung als Programmierer und durfte im Anschluss gleich ein Büro führen und Baustellen übernehmen. Allerdings wurde ich auch von Alpträumen heimgesucht …

Oh je, warum?

Walter Muck: Ich war einfach noch unsicher, weil mir die praktische Erfahrung fehlte. Ich habe einmal in meinem Heimatort eine Stahlhalle gebaut und war zu Besuch bei meiner Schwester. Als ich aus dem Auto ausstieg, vernahm ich plötzlich einen riesigen, dumpfen Schlag, und da dachte ich: Jetzt ist deine Halle eingefallen. Ich bin sofort zur Baustelle gefahren, da stand natürlich noch alles so da, wie es war. Oder als ich zum ersten Mal eine Decke nach der FEM-Methode berechnet habe, träumte ich, dass diese Decke wie nasse Waschlappen herunterhing. So wie eben ein FEM-Programm die Durchbiegung der Decke überhöht darstellen kann. Auch da war ich dann am nächsten Tag gleich auf der Baustelle und habe nachgeschaut, ob alles noch hält. Heute lächelt man darüber. Wo ich früher eine Garage noch ganz genau gezeichnet und berechnet habe und trotzdem nachts nicht schlafen konnte, sage ich heute einfach: Decke 20 Zentimeter dick, 5 Durchmesser 14 im Unterzug.

Welchen Tipp geben Sie jungen Tragwerksplanern für den Berufseinstieg?

Walter Muck: Die jungen Ingenieure wachsen ja bereits mit PC-Programmen und Internet auf und sind bei der Anwendung der Programme im Allgemeinen sehr stark. Nur beim Beurteilen der Ergebnisse haben sie am Anfang ihre Probleme. Die Herausforderung besteht darin, das Bauchgefühl zu trainieren und sich zu fragen: Kann das Ergebnis des Computers stimmen? Habe ich die richtigen Eingaben gemacht? Man muss lernen, die Technik sinnvoll einzusetzen und dabei den Kopf einzuschalten. Aber keine Sorge: Das ist alles nur eine Frage der Erfahrung.

Große Architektur im Kleinen

Große Architektur im Kleinen

von Özlem Özdemir

Selbständig – direkt nach dem Studium? Viele denken, das ginge nicht. Die junge Berliner Architektin Katharina Löser überzeugt vom Gegenteil. Özlem Özdemir hat mir ihr gesprochen – über Projekte, Wettbewerbe und die ganz normalen Alltagssorgen junger Planer.

Katharina Löser und Johannes Lott.

Foto: Löser Lott Architekten

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Villa Küssnacht am Rigi.

Foto: Löser Lott Architekten

Reihenhäuser in Dresden.

Foto: Löser Lott Architekten

Duett in Warnemünde.

Foto: Stefan Müller

Waldhaus.

Foto: Löser Lott Architekten

Frau Löser, im Oktober 2013 wurde Ihnen vom Bund Deutscher Architekten BDA Berlin der Hans-Schaefers-Preis an junge Architekten für vorbildliche planerische Leistungen verliehen. Ausgezeichnet wurde Ihr realisiertes Projekt Duett in Warnemünde. Warum haben Sie dieses Projekt eingereicht?

Katharina Löser: Das „Duett” in Warnemünde war eines der ersten Projekte direkt nach dem Studium, das ich planen konnte. Es war zu dem Zeitpunkt gerade fertig und das markanteste Projekt, an dem ich bisher gearbeitet hatte. Das Spannende daran ist: Zwei Häuser, ähnlich zweieiigen Zwillingen, bilden eine Symbiose innerhalb eines Warnemünder Straßenzuges. Durch eine schmale hohe Fuge erscheinen sie verbunden und getrennt zugleich. Der Grund dafür liegt in einem interessanten städtebaulichen Merkmal, der sogenannten „Tüsche”. Der Begriff kommt aus dem plattdeutschen Wort „tüschen” („zwischen”). In Warnemünde wird er verwendet, um die ortstypische schmale Fuge zwischen zwei Häusern zu beschreiben. Überlieferungen sprechen davon, dass eine Tüsche so breit sein musste, dass eine Kuh hindurch passte. (lacht) Diesen hohen schluchtartigen Raum haben wir inszeniert. Hier werden die beiden Baukörper über eingehängte Treppen und Podeste miteinander verwoben.

Sie haben sich schon im Jahr Ihres Diploms, also 2008, selbstständig gemacht – ein recht untypischer Weg.

Katharina Löser: Ja, ich habe damals in Berlin begonnen, an dem Entwurf für die Häuser in Warnemünde zu arbeiten. Das Projekt ist in Zusammenarbeit mit dem im Erzgebirge ansässigen Büro und der Baufirma meines Vaters entstanden. Ohne diese Zusammenarbeit wäre eine Umsetzung der ersten Projekte natürlich nicht möglich gewesen.

Und dann entstand 2011 „Löser Lott Architekten“.

Katharina Löser: Ich kenne meinen Partner Johannes Lott seit unserem gemeinsamen Studium in Dresden. Damals hat man schon immer davon geträumt, später einmal ein eigenes Büro zu haben. Herr Lott hat einige Jahre in dem Berliner Büro Müller Reimann Architekten gearbeitet und dort viele Erfahrungen im Umgang mit Wettbewerben gesammelt. Im Sommer 2011 bei einem Bier haben wir dann unser gemeinsames Büro Löser Lott Architekten in Berlin gegründet. Seitdem entwickeln wir unsere Projekte im Dialog und versuchen auch verstärkt an Wettbewerben teilzunehmen.

Ihr Vater ist aber immer noch mit dabei, oder?

Katharina Löser: Viele unserer gebauten Projekte entstehen in enger Zusammenarbeit mit der Baufirma meines Vaters. Auf diese Weise haben wir die Möglichkeit, starke architektonische Ideen in die Realität umzusetzen. Im Studium entwickelt man abstrakte „radikale“ Ideen für fiktive Aufgaben. In der Realität muss man diese mit Bauherrenwünschen, Budget und technischer Machbarkeit in Einklang bringen. Architektur zu denken und zu bauen ist ein komplexer Prozess. In unserer Zusammenarbeit verbinden sich „junge“ Ideen mit einem langjährigen praktischen Erfahrungsschatz.

Gibt es in Berlin für junge Architekten, die sich selbstständig machen wollen, nicht viel zu viel Konkurrenz?

Katharina Löser: Die Konkurrenz ist recht groß, und wir würden uns natürlich freuen weitere Projekte in Berlin zu realisieren. Aber zum Glück sind unsere Auftraggeber deutschlandweit verstreut. Wir bauen viel im sächsischen Raum, ein Projekt in der Schweiz und zwei Projekte oben an der Ostsee. Direkt in Berlin haben wir bisher eine Doppelhaushälfte aus dem Jahr 1926 denkmalgerecht saniert. In der gleichen Siedlung am Grunewald planen wir aktuell eine kleine Hauserweiterung.

Wie sind Sie zu dem Projekt „Duett in Warnemünde“ überhaupt gekommen?

Katharina Löser: Viele unserer bisherigen Aufträge entspringen unserem Freundes-, Familien- und Bekanntenkreis. Beim „Duett“ handelt es sich um ein selbstentwickeltes Projekt. Wir waren auf Besuch bei einem befreundeten Architekten in Warnemünde und haben diese letzte klaffende Lücke in der Friedrich-Franz-Straße entdeckt. (lacht) Das Grundstück lag schon einige Jahrzehnte brach und wurde als „Blechwiese“, also als Parkplatz, genutzt. Was als „Spinnerei” begann, wurde zu einem Projekt. Meine Familie konnte das Grundstück erwerben und ich hatte einen Auftrag.

Beim Hans-Schaefers-Preis beschäftigen sich die meisten eingereichten Projekte mit dem Wohnungsbau und dem Bauen im Bestand. Gibt es keine anderen Bereiche für junge Architekten?

Katharina Löser: Ich glaube, dass Wohnungsbauten, Sanierungen und Umbauten bis zu einer gewissen Größe, aber auch Projekte aus dem Bereich des Innenausbaus häufig von privaten Auftraggebern kommen.

Vermutlich bekommen so einige junge Architekten ihren ersten Auftrag von einem privaten Bauherrn aus dem Familien-, Freundes- oder Bekanntenkreis. Klassische Beispiele sind die Planung des Eigenheims der Schwester oder die Sanierung einer Altbauwohnung für einen Freund. Bei größeren Wohnungsbauprojekten oder bei öffentlichen Gebäuden, wie Schulen, Museen, Bürogebäuden handelt es sich meist um öffentliche Auftraggeber oder Investorenprojekte, die über Wettbewerbe vergeben werden. Es gibt es relativ wenige offene Wettbewerbsverfahren, hier aber ist die Teilnehmerzahl entsprechend hoch und die Konkurrenz extrem groß. Viele Wettbewerbe sind jedoch beschränkte Verfahren. Dabei werden erfahrene oder lokale Büros gesetzt und die restlichen Teilnehmer direkt oder über ein Losverfahren ausgewählt. Die Wettbewerbsteilnehmer stellen meist ein Portfolio mit gebauten Projekten, anderen Wettbewerbserfolgen oder erlangten Preisen zusammen. Die meisten jungen Büros können natürlich keine entsprechenden Referenzbauten nachweisen. Wer hat in dem Alter schon einen Campus oder ein Museum gebaut? (lacht) Leider werden bei diesen Auslobungen nur wenige junge Büros zugelassen oder zugelost. Es gibt Wettbewerbe, bei denen von zwanzig Teilnehmern nur ein einziges junges Büro teilnehmen darf. Es ist ein Glücksspiel, und es erschwert jungen und kleinen Büros, an öffentliche Aufträge zu kommen.

Ganz zu Anfang arbeiten viele selbständige Architekten noch von zu Hause aus, aber zu dritt oder zu viert braucht man größere Räume. Wie klappt die Finanzierung?

Katharina Löser: Dank Internet und Notebook kann man tatsächlich von überall, auch von zu Hause aus arbeiten. In Berlin gibt es durch die zahlreichen Bürogemeinschaften und Coworking spaces (z.B. „coworking“ bei www.raumstation-berlin.net, Anm.d.A.) viele Möglichkeiten, für relativ wenig Geld einen guten Arbeitsplatz, einen Schreibtisch mit einem Regal, zu mieten. Viele Freiberufler, z.B. auch Grafiker und Designer, nutzen diese flexible Struktur, die es hier gibt. Je nach Größe, Ausstattung, vorhandenem Besprechungsraum und so weiter kostet ein guter Arbeitsplatz schätzungsweise um die 200 Euro monatlich. In unserem Fall war es so, dass ich irgendwann diese schön sanierte Remise im zweiten Hinterhof gefunden hatte. Auch wir teilen uns die Räumlichkeiten mit anderen Architekten und Grafikern, so entstehen Möglichkeiten der Zusammenarbeit und wir finanzieren die Räume gemeinsam.

Wie sieht die Arbeitsteilung bei Ihnen aus?

Katharina Löser: Im Prinzip macht bei uns jeder alles. Meist arbeiten wir an zwei drei Projekte parallel. Pro Projekt gibt es jeweils einen Projektverantwortlichen, der die Fäden zusammenhält. Grundlegende Entscheidungen, was die Entwürfe und allgemeine Bürofragen betrifft, werden zusammen getroffen. Wir sind viel am Probieren, wie wir eine kreative und gleichzeitig effektive Bürostruktur entwickeln können. Wir sind in einem permanenten Prozess. Gute Architektur zu entwickeln ist das eine, ein Büro am Laufen zu halten das andere. Dinge, mit denen man im Studium wenig Berührung hatte, wie Akquise, Wirtschaftlichkeit, Effektivität, Buchhaltung, Kommunikation nehmen viel Raum im Büroalltag ein, ohne dass man auch nur einen Strich gemacht hat. Für mich persönlich ist das eine der größten Herausforderungen, kreativ und gleichzeitig effektiv und wirtschaftlich zu sein.

Peter Zumthor sagte einmal: „Derzeit arbeiten rund 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an 15 Projekten parallel. Wir wollen das Büro aber nicht aufblasen, wir wollen kein Dienstleistungsbüro werden, denn wir könnten darin unsere hohen Qualitätsansprüche nicht mehr erfüllen.“ Was sagen Sie dazu?

Katharina Löser: Das kann ich sehr gut nachvollziehen. 15 Projekte und 30 Mitarbeiter sind für uns momentan eine andere Dimension. Im Vergleich zu Büros, die weit mehr als 100 Leute haben, ist dieses natürlich immer noch relativ klein. Für mich ist es auch so, dass ich eher in einer kleinen Bürostruktur arbeiten mag, wo eine gewisse Atelieratmosphäre erhalten bleibt. Ich träume perspektivisch nicht von einer riesigen Büromaschine, aber klar, hätte man ein größeres Projekt, würde man an der Aufgabe wachsen. Das Büro Studio Mumbai aus Indien finde ich faszinierend. Das gesamte Team, ob Zeichner, Modellbauer oder Handwerker, arbeitet in einem werkstattartigen Umfeld halb im Freien, umgeben von unzähligen Materialproben und Modellen. Jedes Detail scheint handgefertigt, bis zum Fenstergriff gefeilt und geschnitzt. In dieser Form ist das hier kaum möglich. Handwerk und „echte“ Materialien sind rar und teuer geworden. Die enge und direkte Zusammenarbeit mit den Handwerkern spielt bei Löser Lott eine wichtige Rolle. Beispielsweise haben wir mehrere Details beim „Duett“ wie Fensterläden und Balkongeländer gemeinsam mit den Handwerkern in Form von 1:1 Modellen in der Werkstatt entwickelt.

Frau Löser, ich wünsche Ihnen weiterhin ganz viel Glück und bedanke mich für dieses Interview!

Ich danke Ihnen.

Der Architekt Ben van Berkel

Der Architekt Ben van Berkel

von Dr. Irving Wolther

Ben van Berkel ist einer der führenden Köpfe der zeitgenössischen niederländischen Architektur. Seit 1988 leitet er gemeinsam mit der Kunsthistorikerin Caroline Bos ein Architekturbüro in Amsterdam. Die einzigartige Verbindung von digitalem Design mit ausgefallenen Formen und Materialien haben „UNStudio“ mittlerweile zu internationalem Ansehen verholfen. Fließende Formen und flexible Konzepte sind das Markenzeichen des Büros, wie zum Beispiel im Möbius-Haus im niederländischen Het Gooi: Die gesamte Infrastruktur beruht auf der endlosen Form eines Möbius-Bandes.

Ben van Berkel, Architekt, Amsterdam

Foto: Inga Powilleit (Main)

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UNSTudio Tower, ein von UNStudio entworfenes Bürogebäude in Amsterdam, Niederlande

Foto: Christian Richters

Innenaufnahmen Mercedes Benz Museum, Stuttgart.

Foto: UNStudio

Herr van Berkel, Sie haben Ihr Büro 1998 in „UNStudio“ umbenannt. Der Name steht einerseits als Abkürzung für United Networks, impliziert aber andererseits eine Negation von Studio. Was ist so „UN“-typisch an Ihrem Büro?

Ben van Berkel: Dass sich unsere Arbeit nicht länger ausschließlich im Büro abspielt. Wir verfügen über ein weltumspannendes Netzwerk von befreundeten Architekten, Modeschöpfern, Fotografen und Künstlern. Oder denken Sie an die verschiedenen Hochschulen, an denen ich unterrichte: Harvard, die Städelschule in Frankfurt … Die kommunikativen Abläufe sind nicht länger auf das Büro beschränkt, der eigentliche Mehrwert des Netzwerks liegt außerhalb. Das wollten wir mit dem Namen UNStudio ausdrücken.

Viele Architekturbüros vor allem in Nordeuropa haben sich von traditionellen hierarchischen Strukturen und Denkweisen frei gemacht. Gilt das auch für UNStudio?

Ben van Berkel: Absolut. Wir haben uns vor allem von der Auffassung gelöst, dass ein Architekt sich nur auf die Gestaltung von Gebäuden zu spezialisieren hat. Wir möchten kulturelle Innovationen, in gewisser Weise kulturelle Errungenschaften hervorbringen. Das geht weit über das allgemeine Verständnis von Architektur hinaus.

Welche Rolle spielt dabei der Netzwerkgedanke?

Ben van Berkel: Netzwerke sind mittlerweile in aller Munde, doch als wir die Netzwerk-idee 1999 umsetzten, waren wir Vorreiter. Kaum jemand beschäftigte sich damals mit Netzwerken, vielleicht mit Ausnahme des französischen Soziologen Bruno Latour. Im Architekturbereich war das eine absolute Neuerung. Man muss sich klarmachen, wer die Akteure innerhalb eines Netzwerks sind, zwischen welchen Personen die wichtigen Informationen ausgetauscht werden. Das ist beim Design nicht anders. Wir haben begriffen, dass die Ideen, die beispielsweise in die Gestaltung eines Möbelstücks einfließen, Auslöser für eine Reihe weiterer Ideen für ganz andere Projekte sein können. Nehmen wir einmal den Sessel, den ich für Walter Knorr, den Vizepräsidenten der Universität von Illinois, designt habe. Er basiert auf dem Thema Reflexion und wie die Vorstellungen von Reflexion und Zurücklehnen miteinander in Verbindung treten, wenn man auf diesem Sessel sitzt. Diese gedankliche Verbindung fließt dann unter Umständen auch in andere Projekte des Büros ein.

Der Trend geht in der Architektur also zum Netzwerk?

Ben van Berkel: Das kann ich nicht beurteilen, das Netzwerk entspricht auf jeden Fall meinen Vorstellungen. Es gibt viele verschiedene Arten von Architekten, und ich gehöre zu denjenigen, die sich von diesem Netzwerkgedanken inspirieren lassen, um kulturelle Errungenschaften zu entwerfen. Manchmal sehe ich Architekten ein wenig wie Modeschöpfer – wir entwerfen die Kleidung für die Zukunft der Welt.

Nun, die Kreationen der großen Modeschöpfer auf den internationalen Fashion Shows sind zwar schön anzusehen, aber nur für einen sehr kleinen Teil der Bevölkerung erschwinglich …

Ben van Berkel: Unsere Architektur ist nicht unerschwinglich, auch wenn wir ab und zu tatsächlich für die „Fashion Shows“ arbeiten. Manche Entwürfe erweisen sich als schwer realisierbar, doch wenn man sein Handwerk versteht, kann man mit den Ausführungstechniken spielen. Letztlich ist das genau wie bei der Haute Couture: Die Kleider auf den Laufstegen sind in erster Linie als Prototypen zu verstehen. Erst später werden die Design-ideen in vereinfachter Form für den täglichen Gebrauch nutzbar gemacht.

Dank Ihrer internationalen Erfahrungen hätten Sie Ihr Büro an jedem Ort der Welt eröffnen können. Warum sind Sie nach Amsterdam gegangen? Bieten die Niederlande besondere Vorteile für die Arbeit als Architekt?

Ben van Berkel: Nun, zunächst einmal lebt es sich in Amsterdam sehr gut. Die Verkehrsanbindung ist durch den Flughafen hervorragend. Ich bin in der Nähe meiner Freunde, der Designer Victor & Rolf, Marcel Wanders … Es gibt in der Stadt viele Kreative, die international tätig sind. Das ist das Schöne an den Niederlanden: Wir besitzen viel Kultur auf kleinstem Raum, genießen eine hohe Lebensqualität und sind dabei sehr kosmopolitisch. Nicht zuletzt können wir hier auch auf eine großartige Architekturtradition zurückblicken. Davon können wir noch eine Menge lernen. Ich wohne gerne hier, es ist ein schönes Land.

Niederländische Architekten haben für die Entstehung der modernen Architektur im 20. Jahrhundert eine bedeutende Rolle gespielt. Sehen Sie sich in dieser Tradition?

Ben van Berkel: Schon, doch eher in einer Art Pionierrolle. Natürlich bin ich hier auf-gewachsen und zur Schule gegangen, meine Architekturausbildung habe ich aber vor allem in London bei der Architectural Asso-
ciation absolviert. Das war eine schöne Zeit und meine Arbeit wurde durch die vielen internationalen Einflüsse nachhaltig geprägt. Auch die Studien befreundeter Kollegen in den USA haben mich sehr beeinflusst, so dass ich mich heute irgendwo zwischen dem europäischen und angelsächsischen Raum situiere.

Sie haben in den Büros von Zaha Hadid und Santiago Calatrava gearbeitet. Welche Einflüsse hatte dies auf Ihre Arbeit? War es schwierig, sich von diesen „Göttern“ der internationalen Architekturszene zu emanzipieren?

Ben van Berkel: Damals waren sie ja noch keine Götter. Ich habe 1987 für Santiago Calatrava gearbeitet. Damals wurde gerade der Bahnhof Stadelhofen in Zürich fertig gestellt. Es war eine großartige Erfahrung, bei diesem Projekt dabei zu sein, auch wenn ich nur an ein paar Brücken mitarbeiten durfte. Aber ich liebte das Büro, wir waren gerade einmal zwölf Leute und in einer Art Selbstfindungsphase. Die Bekanntheit kam erst später, das war auch bei Zaha so. Als ich für sie arbeitete, war sie meine Lehrerin an der Architectural Association. Sie arbeitete damals an dem Entwurf des Freizeit- und Erholungsparks „The Peak Leisure Club“, eines ihrer ersten Projekte. Ich habe von beiden eine Menge gelernt, auch wenn ich hinterher meinen ganz eigenen Arbeitsstil, meine eigenen Ideen entwickelt habe. Mein Credo war immer, so viel zu bauen wie möglich, denn Architektur zu entwerfen ist wie ein Instrument zu spielen: Entweder man praktiziert es vier bis fünf Stunden täglich oder man bringt es nie zum Erfolg. Ich versuche immer, mein Bestes zu geben – das ist alles, worauf es für mich ankommt.

Nun gehören Sie selbst zu den Superstars der internationalen Architekturszene. Wie ergeht es den jungen Architekten, die bei UNStudio für Sie arbeiten?

Ben van Berkel: Ich glaube, die jungen Architekten lernen bei uns eine Menge. Ich versuche sie darauf vorzubereiten, wie schwierig es heutzutage ist, sich als selbständiger Architekt über Wasser zu halten. Das liegt nicht nur an der Wirtschaftslage, sondern auch an dem enormen Konkurrenzdruck, der überall herrscht und ständig weiter zunimmt. Gleichzeitig ermutige ich sie, sich eine passende Nische zu suchen. Es gibt viele Marktnischen, die meisten Architekten sind nur nicht besonders innovativ. Die Zukunft eröffnet Architekten eine unglaubliche Vielfalt von Möglichkeiten, sie müssen sie nur erkennen und ergreifen.

Sie arbeiten ausgesprochen experimentell und viele Ihrer Entwürfe wirken sehr komplex. Wie schaffen es die Bauingenieure, mit Ihrer Kreativität Schritt zu halten?

Ben van Berkel: Meine Entwürfe sind gar nicht so schwer zu realisieren, wie viele glauben. Das Geheimnis liegt darin, mit den richtigen Leuten zu arbeiten, die sich mit den Geometrien auskennen, die wir zugrunde legen. Zugegeben, die Entwürfe wirken auf den ersten Blick äußerst komplex, doch nehmen wir einmal das Mercedes-Benz Museum in Stuttgart: Wir haben dort mit sehr vielen Wiederholungen größerer Details und Konstruktionselemente gearbeitet, um das Projekt möglichst effizient zu gestalten. Es mag also sehr komplex aussehen, ist aber in Wirklichkeit sehr rationell.

Viele Kunden sind erstaunt, wenn sie erfahren, dass unsere Entwürfe in der Umsetzung nur zwischen drei Prozent und zehn Prozent mehr kosten als eine herkömmliche Konstruktion. Die meisten rechnen mit dem Doppelten. Wir haben die Kosten dank neuer Konstruktions- und Designtechniken gut unter Kontrolle. Man darf diese externen Faktoren nicht außer Acht lassen und nicht nur daran denken, der Nachwelt ein spektakuläres Bauwerk zu hinterlassen. Unser Ziel ist ein anderes: Wir wollen die Qualität des Architektenhandwerks ständig weiter verbessern.

Möbel zu entwerfen gehört ebenfalls zu Ihrer kreativen Arbeit. Ist die Möblierung für Sie Teil des Gebäudes?

Ben van Berkel: Nein, nicht wirklich. Aber ich entwerfe gerne Möbel, und ich arbeite auch gerne in verschiedenen Bereichen. Mich reizt die Vorstellung, dass durch die Nicht-Spezialisierung vielleicht ein Stück zeitgenössischer Architektur auf andere Disziplinen abfärbt, wie auch die Herangehensweise an Architektur sehr unterschiedlich sein kann, je nachdem, aus welcher Disziplin man kommt.

„Entre les deux portes“ ist ein Wohnungsbauprojekt in Brüssel. Der Entwurf weist ausgesprochen organische Formen auf. Ist dies eine Verneigung vor der Jugendstilarchitektur, für die die belgische Hauptstadt berühmt ist?

Ben van Berkel: Das hat mich tatsächlich sehr beeinflusst. Ich habe mich lange mit der Geschichte des Jugendstils beschäftigt und mir gefällt diese kleine Anspielung.

Fühlten Sie so etwas wie Verantwortung für die altehrwürdigen Gebäude im unmittelbaren Umfeld des Projekts?

Ben van Berkel: Das nicht, aber ich probiere gerne Neues aus. Natürlich achte ich auf das architektonische Umfeld und dass die Maßstäbe stimmen. Inmitten einer städtischen Bebauung kann man die Maßstäbe nicht einfach so über den Haufen werfen. Das macht es für mich so schwierig, im städtischen Raum zu arbeiten. Der andere Aspekt ist, dass ein Bezug zum Ort und seiner Geschichte geschaffen werden muss. Das kann auf die unterschiedlichste Weise erfolgen. Bei der Erasmusbrücke gibt es beispielsweise eine gedankliche Verbindung zu den Lastkrä-
nen im Hafen von Rotterdam und ihrer Bedeutung für die industrielle Entwicklung der Stadt. Genau so habe ich auch in Brüssel gearbeitet.

In Deutschland gibt es immer wieder heftige Diskussionen um den Wiederaufbau im Krieg zerstörter Baudenkmäler. In der Bevölkerung gibt es offenbar eine Vorliebe für historisierende architektonische Lösungen. Wie stehen Sie dazu?

Ben van Berkel: Das ist gar nicht mein Fall. Geschichte zu kopieren finde ich nicht besonders spannend. Ich bin der Überzeugung, dass die Architektur nach vorne schauen muss. Natürlich darf man auch mal Inspiration aus der Vergangenheit schöpfen, aber nur um sie weiterzuentwickeln, zu verändern, zu etwas Zeitgenössischem zu machen. Ich glaube an das Morgen, nicht an das Gestern.

Wie schafft man es, den Wunsch nach neuer, außergewöhnlicher Architektur mit den oft konservativen Vorstellungen der Bauherrn zu vereinbaren?

Ben van Berkel: Das ist eine Frage der
 Kommunikation. Wir haben gelernt, die Dinge, die uns wichtig sind, unseren Kunden
so nahe zu bringen, dass sie sie mit uns tei-len. Wenn sie das nicht tun, ist das natürlich ein Problem. Aber man muss dem Kunden auch zuhören können. Manchmal äußert der Kunde seine ganz eigene Sicht auf einen bestimmten Ort, und dann treten wir miteinander in einen Dialog. Und selbst wenn ich meine eigenen Vorstellungen dann nicht durchsetzen kann, begleite ich den Entstehungsprozess.
Übernehmen die Bauherrn eine aktive Rolle in diesem Prozess?

Ben van Berkel: Eine entscheidende, schon rein finanziell … (lacht)

Gibt es Situationen, wo direkter Einfluss auf Ihre Arbeit als Architekt genommen wird?

Ben van Berkel: Das nicht, aber manchmal ist es nicht ganz einfach. Die meisten Kunden sind sehr umgänglich und haben Vertrauen in meine Arbeit. Manche jedoch – vor allem jetzt in der Wirtschaftskrise – reagieren nervös, dann wird aus jedem Cent eine große Sache gemacht. Man muss heutzutage ein wenig mehr auf die Kunden eingehen als früher.

Mit welchen Fragen werden sich Architekten in der Zukunft vermehrt beschäftigen?

Ben van Berkel: Wir werden verstärkt auf Klimaschutzfragen eingehen müssen. Das ist ausgesprochen wichtig, denn die Wärmeeffizienz vieler Gebäude könnte deutlich höher liegen. Auch sollten Architekten häufiger versuchen, etwas mit ihrer Arbeit auszudrücken. Wenn ein Gebäude keine unterschiedlichen Lesarten zulässt oder nicht zum Nachdenken anregt, weil es keinen bleibenden Eindruck hinterlässt, ist es uninteressant. Architektur muss kommunizieren.

Sie unterrichten die Architekturklasse der Städelschule in Frankfurt. Sehen Sie Unterschiede zwischen dem Architekturstudium in Deutschland und den Niederlanden?

Ben van Berkel: Nein, überhaupt nicht. Auffällig ist allerdings der Trend bei deutschen Studenten, nach dem Abschluss ein Postgraduiertenstudium aufzunehmen. Das ist eine neuere Entwicklung. Ansonsten sehe ich keinerlei Unterschiede zwischen den Studierenden. Bei UNStudio arbeiten auch sehr viele deutsche Absolventen.
Was vermitteln Sie in Ihrem Unterricht?

Ben van Berkel: Ich bringe den Studierenden bei, ehrlich zu sich zu sein und ihr Talent realistisch einzuschätzen. Und ich bringe ihnen bei, dieses Talent mit Hilfe der neuesten technischen Mittel richtig zur Geltung zu bringen. Dazu gehören Entwurfstechniken ebenso wie Überlegungen zur Verwendung der richtigen Geometrien, Materialien und Konstruktionstechniken. Ich versuche in der Ausbildung stets innovativ zu sein, damit die Studierenden jetzt schon lernen, was sie in vielleicht sechs Jahren wirklich brauchen werden. Dafür fordere ich auch viel von ihnen.

Glauben Sie, dass ein Auslandsaufenthalt für Architekten erforderlich ist?

Ben van Berkel: Nicht unbedingt, aber internationale Erfahrungen sind immer von Vorteil. Es gibt in England einige hervorragende Universitäten, aber auch in Europa, zum Beispiel das Berlage Institute in Rotterdam. In Asien gibt es ebenfalls interessante Einrichtungen für ein Postgraduiertenstudium, zum Beispiel in Hongkong.

Sie können auf eine langjährige Erfahrung zurückblicken. Was würden Sie mit dem Wissen von heute anders machen, wenn Sie wieder am Anfang Ihrer Karriere stünden?

Ben van Berkel: Vermutlich würde ich mein Büro mit mehreren Partnern gründen. Heutzutage ist das die beste Möglichkeit, um sich über Wasser zu halten, mit vier, fünf Mann zu starten, um auf sichereren Beinen zu stehen. Selbständigkeit ist ein ziemlich hartes Brot, und der Trend geht wohl insgesamt in diese Richtung. Immer öfter sieht man auch Architektinnen, die sich zusammenschließen. Das finde ich eine interessante Entwicklung.

Welchen guten Rat möchten Sie den TALIS-Lesern noch mit auf den Weg geben?

Ben van Berkel: Lesen Sie auch weiterhin TALIS, dann sind Sie bestens informiert.

Möbius-Haus im niederländischen Het Gooi (Innenansicht)

Foto: UNStudio

Innenaufnahmen Mercedes Benz Museum, Stuttgart

Foto: UNStudio

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