Eine Betonkuppel zum Aufblasen

Große Schalenbauten aus Beton oder Stein werden heute kaum noch errichtet. Das liegt daran, dass für den Bau von Kuppeln normalerweise aufwändige, teure Stützkonstruktionen aus Holz benötigt werden. An der TU Wien wurde nun allerdings ein neues Bauverfahren entwickelt, das ganz ohne Holzgerüst und auskommt.

Die Betonplatte wird flach am Boden ausgehärtet.	Foto: TU Wien

Die Betonplatte wird flach am Boden ausgehärtet. Foto: TU Wien

Eine Betonplatte wird flach am Boden ausgehärtet, danach wird ein Luftpolster unter der Betonplatte aufgeblasen, der Beton krümmt sich in kurzer Zeit zu einer belastbaren, stabilen Schale. Dank dieses Verfahrens lassen sich ganze Veranstaltungshallen bauen. Auf den Aspanggründen, einem Stadtentwicklungsgebiet in Wien, wurde kürzlich ein Kuppelgebäude mit dieser neuen Technik errichtet.
„Man kann sich das so ähnlich vorstellen wie eine Orangenschale, die man regelmäßig einschneidet, und dann flach auf dem Tisch ausbreitet“, erläuterte Prof. Johann Kollegger. „Wir machen es eben umgekehrt, wir beginnen in der Ebene und stellen daraus eine gekrümmte Schale her.“ Johann Kollegger und Benjamin Kromoser vom Institut für Tragkonstruktionen der TU Wien entwickelten die neue Schalenbautechnik, die in den Aspanggründen mit großem Erfolg getestet wurde.
Das Prinzip beruht auf der „Pneumatic Wedge Methode“. Zunächst wird mit gewöhnlichem Beton eine ebene Betonfläche gegossen. Dabei muss die geometrische Form genau stimmen: Die Platte ist in mehrere Segmente unterteilt. Abhängig von der Form, die letztendlich entstehen soll, müssen bei der Herstellung der Betonfläche genau passende keilförmige Stücke ausgespart werden.

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Der Kunststoff-Pneu unter dem Beton wird aufgeblasen – die Kuppel hebt sich. Foto: TU Wien

Wenn die Betonplatte ausgehärtet ist, wird ein darunterliegender Pneu aus zwei miteinander verschweißten Kunststoff-Folien aufgepumpt. Gleichzeitig wird ein außen um die Betonplatte verlaufendes Stahlseil zusammengezogen, sodass der Beton innen gehoben und außen zusammengedrückt wird. Um sicherzustellen, dass sich alle Teile der Betonplatte gleichmäßig heben, sind die Segmente der Betonplatte mit Metallschienen verbunden. Im Experiment an der TU Wien war dieser Arbeitsschritt nach etwa zwei Stunden abgeschlossen, die Betonschale hatte dann eine Innenhöhe von 2.90 m.

Während sich der Beton verbiegt, entstehen unzählige kleine Risse – doch für die Stabilität der Schale ist das kein Problem. „Man kennt das ja von alten Steinbögen“, erklärt Johann Kollegger. „Wenn die Form stimmt, hält jeder Stein den anderen fest und die Konstruktion hält.“ Am Ende wird das Bauwerk noch verputzt, danach hält es genauso großen Belastungen stand wie eine auf herkömmliche Weise errichtete Kuppel.„Wir haben uns ganz bewusst dafür entschieden, nicht bloß eine einfache, rotationssymmetrische Halbkugel zu bauen“, erklärt Benjamin Kromoser. „Unser Bauwerk ist langgezogen, sie lässt sich geometrisch gar nicht so leicht beschreiben. Damit wollten wir beweisen, dass sich mit unserer Technik auch komplexere Freiformen herstellen lassen.“ In der Architektur spielen spielerische freie Formen heute eine wichtige Rolle. Durch eine sorgsame Planung der Betonplatte und des aufblasbaren Pneus ist bei der „Pneumatic Wedge Methode“ eine große Vielfalt von Formen mög-
lich.

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Im Inneren hat die Kuppel eine komfortable Raumhöhe von 2,90 m. Foto: TU Wien

„Kuppeln mit 50 m Durchmesser wären auf diese Weise problemlos machbar“, sagt Johann Kollegger. Die wahre Herausforderung liegt eher bei komplizierten Formen mit engen Krümmungsradien. Im Versuchslabor an der TU Wien wurde getestet, wie sehr sich Beton im Extremfall mit dieser Methode verformen lässt – lokale Krümmungsradien von nur 3 m lassen sich realisieren.

Das Team hofft, dass sich die neue Betonbaumethode bald durchsetzt – mit Unterstützung des Forschungs- und Transfersupports der TU Wien wurde die Technik bereits patentiert. Wenn für den Schalenbau keine Holzgerüste mehr notwendig sind, spart das nicht nur viel Zeit und Ressourcen, sondern auch eine Menge Geld: Benjamin Kromoser schätzt, dass durch die Luftpolstertechnik etwa die Hälfte der Baukosten eingespart werden können – bei besonders großen Bauten sogar noch mehr. Unter www.youtube.com findet sich ein Video zur Entstehung der Kuppel. Benjamin Kromoser geht darin auch auf die vielfältigen Anwendungs-Möglichkeiten der neuen Methode ein. (Quelle: idw) ■

Architektur im Einklang

Akustik und Ästhetik miteinander in Einklang zu bringen war schon immer eine architektonische Herausforderung. Allerdings sind die Gelegenheiten, einen aus klanglicher wie baulicher Sicht gleichermaßen befriedigenden Konzertsaal zu entwerfen, rar gesät. Am Rensselaer Polytechnic Institute ist es einem Team aus Architekten, Ingenieuren, Theaterdesignern und Akustikern gelungen, ein bis ins letzte Detail auf die klanglichen Anforderungen ausgerichtetes Forschungs- und Aufführungsgebäude zu errichten, das auch in ästhetischer Hinsicht Maßstäbe setzt. Eine Annäherung an die Quadratur des Kreises.

Man merkt Johannes Goebel eine gewisse Befriedigung an, wenn er über die Schwierigkeiten spricht, die bei der Konstruktion des Curtis R. Priem Experimental Media and Performance Arts Center (kurz: EMPAC) zu meistern waren. Der gebürtige Niedersachse ist Direktor des Zentrums und hat dessen Entstehung in der gesamten Planungs- und Bauphase begleitet. Natürlich sind bei jedem Großprojekt dieser Art Hürden zu überwinden, doch der Bau, der den Campus des Rensselaer Polytechnic Institute in Troy im US-Bundesstaat New York dominiert, stellte die Verantwortlichen vor ganz besondere und zum Teil ungeahnte Herausforderungen. Das EMPAC ist mehr als ein universitäres Forschungs- und Aufführungsgebäude. Und es ist mehr als ein architektonischer Meilenstein. Es ist aus dem Zusammenwirken von Kunst, Wissenschaft und Architektur entstanden, und das mit einer Liebe zum Detail, die in Zeiten knapper Kassen nur noch selten durchgesetzt werden kann.

Foto: EMPAC Rensselaer/Kris Qua

Foto: EMPAC Rensselaer/Kris Qua

Die Geschichte des Baus ist nicht zuletzt Goebels Geschichte, denn ohne den gelernten Musiker und seine ganzheitliche Sichtweise auf das Projekt wäre das EMPAC vermutlich nicht der Kunst, Technologie und Forschung vereinende Komplex geworden, der heute zu bestaunen ist. Dass es trotz eines nur um ca. 30 % überschrittenen Budgets – bei einem derartigen Projekt und acht Jahren Planungs- und Bauzeit sehr erstaunlich – und einer um zwei Jahre längeren Bauzeit in seiner jetzigen Form umgesetzt werden konnte, ist der Hochschulpräsidentin Dr. Shirley Ann Jackson zu verdanken. Als es darum ging, wie eine anonyme Geldspende an das Rensselaer Polytechnic Institute sinnvoll zu verwenden sei, trieb sie den Bau als Schnittstelle zwischen Kunst, Wissenschaft, Technologie und Design in der nun vorliegenden Form voran. Mit Goebel holte sie sich einen erfahrenen Mann an die Seite, der bereits in die Planungen für den Bau des Zentrums für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe involviert gewesen war. Auf einer Informationsreise durch Europa warb sie ihn kurzerhand ab.

Ein Zentrum für Medien und Darstellende Kunst war für die amerikanische Hochschule keinesfalls selbstverständlich, denn Rensselaer gilt als die älteste technische Hochschule der USA, an der so berühmte Ingenieure wie Washington Roebling, der Erbauer der Brooklyn-Bridge in New York, oder Ray Tomlinson, der Erfinder der E-Mail, studiert haben. Kunst und Geisteswissenschaften spielen dort traditionell nur eine untergeordnete Rolle. Dass das Projekt dennoch in diesem Umfang umgesetzt wurde, ist gewiss eine Prestigefrage, nicht zuletzt aber auch eine Frage des Selbstverständnisses der Hochschule als Ort, an dem höchste Ingenieurskunst gelehrt und umgesetzt wird.

Akustik, digitale Medien und Bühne im Gleichklang

Foto: EMPAC Rensselaer/Brian Chitester

Foto: EMPAC Rensselaer/Brian Chitester

Bei der Ausschreibung für das EMPAC 2001 ließ das Londoner Architekturbüro Grimshaw so renommierte Konkurrenz wie Bernard Tschumi, Davis Brody Bond Aedas oder Morphosis hinter sich – auch weil Firmengründer und Klassik-Fan Sir Nicholas Grimshaw den Konzertsaal als Kronjuwel ganz in den Vordergrund rückte. Grimshaw soll die Präsidentin gefragt haben, ob sie einen Multifunktionssaal haben wolle, wo man sowohl Basketball spielen als auch Diplomverleihungen und die jährliche Weihnachtsfeier abhalten könne, oder ob es doch lieber ein Ort von so hoher Qualität sein solle, dass sich Musiker aus der ganzen Welt darum reißen würden, dort zu spielen. Die Antwort der Präsidentin fiel eindeutig aus. Und sie sollte Grimshaw und ein ganzes Team von Architekten, Ingenieuren, Technikern, Theaterdesignern und Akustikern über acht Jahre lang beschäftigen. Da keiner der Beteiligten eine Vorstellung davon hatte, welche Anforderungen der finale Bau an der Schnittstelle zwischen Kunst, Forschung und Technologie erfüllen musste (weder Architekten noch Akustiker oder Theaterplaner waren mit den spezifischen Erfordernissen von Avantgarde-Musik, digitalen Medienkünsten oder modernem Tanztheater beziehungsweise deren Überschneidungen mit Wissenschaft und Forschung vertraut), liefen die Fäden bei Goebel zusammen, der das Projekt mit dem Blick des Künstlers und seiner Erfahrung im Bereich digitaler Medien begleitete und selbst auf solche Details achtete, dass bei Konzerten die Füße der Musiker zu sehen sind. Hören, Sehen, räumliche Wahrnehmung – alle Sinne sollten gleichberechtigt angesprochen werden. Und das auf höchstem Niveau.

Doch nicht alleine die künstlerischen Erfordernisse stellten das Team auf die Probe. Schon das Grundstück, auf dem der spätere Bau errichtet werden sollte, war eine echte Herausforderung: Der Hang aus lockerem Sand und Lehmschichten drohte langfristig jedes Gebäude mit sich zu reißen. Die ursprünglich geplante Variante, ihn durch eine 21 Meter hohe Flüssigbetonwand zu sichern und den Großteil der Räumlichkeiten unterirdisch unterzubringen, wurde vom ursprünglichen Generalunternehmer zugunsten eines abgestuften Fundaments verworfen. Über 60 Meter lange Felsanker mussten in tiefere Gesteinsschichten versenkt werden, um die Wände gegen den Druck des Hangs an ihrem Platz zu halten. Aus diesem Grund, aber auch aufgrund der immer verfeinerten Definition der funktionalen und programmatischen Anforderungen musste die gesamte Raumplanung neu überdacht und das Gebäude noch in der Planungsphase von Grund auf neu entworfen werden. Mehrmals wurden Spezialunternehmen gegen andere ausgetauscht, wenn die baulichen Gegebenheiten alternative Lösungsansätze erforderten. Hochschulpräsidentin Jackson setzte mit unerbittlichem Qualitätsanspruch durch, dass sowohl ursprüngliche architektonische Merkmale wie der hölzerne Korpus des Konzertsaals als auch qualitative und funktionale Details realisiert wurden und nicht dem Rotstift zum Opfer fielen. Ihre Forderung, ein Gebäude zu bauen, das 100 Jahre halten würde, war in der amerikanischen Bauwelt „unerhört“.

Foto: EMPAC Rensselaer/Natt Phenjati

Foto: EMPAC Rensselaer/Natt Phenjati

Der Konzertsaal ist das Herzstück des EMPAC und erforderte besonders großen Einfallsreichtum, um die bedingungslose Unterwerfung unter die akustischen Prioritäten bei maximaler technischer Flexibilität praktisch umzusetzen, ohne dabei die Ästhetik zu vernachlässigen. Wie der Korpus eines bauchigen Saiteninstruments legt sich eine aus Zedernholz gefertigte Außenhaut um den Saal und verleiht ihm auch optisch die Anmutung eines Resonanzkörpers. Damit der Klang an jeder Stelle des Raums von gleichermaßen hoher Qualität ist, haben sich die Akustiker von Kierkegaard Associates eine Menge einfallen lassen, von leicht konvexen Seitenwänden, die eine optimale Klangverteilung gewährleisten, bis zu elektrischen Akustikrollos, die je nach Bedarf hoch- und runtergefahren werden können, um die Nachhallzeit zu variieren. Dort, wo das Auge sonst nur auf die unschönen, aber unerlässlichen Catwalks und Traversen fällt, spannt sich in 12 Metern Höhe ein Spezialstoff über den Zuschauerraum, der so fein gewebt ist, dass er hoch- und mittelfrequente Töne zu reflektieren vermag. Alleine die Entwicklung dieses Gewebes, das selbstverständlich auch den strengen Brandschutzbestimmungen genügen musste, nahm fast vier Jahre in Anspruch.

Auch sonst wurde auf jedes Detail geachtet, das die Akustik in irgendeiner Weise beeinträchtigen könnte, zum Beispiel auf sirrfreie Dimmer für die Theaterbeleuchtung und eine fast lautlose Lüftung (der Grundgeräuschpegel des Raums liegt bei maximal 8 dB). Doch auch das Theater und die beiden Studios für Tonaufnahmen, Videoproduktionen, Medienproduktionen und Forschung, die in dem Komplex untergebracht sind, haben es in sich. Damit in allen Räumen gearbeitet werden kann, ohne dass der Schall des einen die Arbeit in dem anderen beeinträchtigt, wurden sie mit großem baulichem Aufwand durch separate Fundamente akustisch voneinander getrennt oder schweben als „Raum im Raum“ auf Federn, die auf exakt 6 Hz gestimmt sind. Nicht der geringste Ton dringt von innen nach außen oder von außen nach innen. Selbst die Glasfassade des Gebäudes ist mit Neopren-Puffern an dem Bau aufgehängt, damit bei stürmischem Wetter die Windlast nicht auf die Räume übertragen wird. Dass durch die Glasrahmen der großen gläsernen Nordfassade warme Flüssigkeit gepumpt wird, damit die Fenster bei schlechtem Wetter nicht beschlagen und stets den Blick auf die reizvolle Landschaft freigeben, mutet dagegen schon fast trivial an. Hierbei handelt es sich übrigens um ein deutsches Produkt – sowohl Planung und Bau als auch das im Anschluss entstandene Programm des EMPAC sind international.

Foto: EMPAC Rensselaer/Brian Chitester

Foto: EMPAC Rensselaer/Brian Chitester

Ein kleiner Kern des Mitarbeiterstabs rund um Goebel übernahm die Integration der komplexen Audio-, Video- und IT-Infrastruktur, da es in den USA kein Planungsbüro gab, das die definierten Anforderungen qualitativ erfüllen konnte. Auch nach der Fertigstellung tüfteln die Experten an Problemlösungen, die mit der besonderen Aufgabe des EMPAC als Forschungs- und Aufführungsort zu tun haben. So musste beispielsweise eine Steuerung entwickelt werden, die für eine optimale Luftfeuchtigkeit für die Klaviere sorgt. Und erst 2012 konnten die Türen des Konzertsaals wie geplant fertig gestellt werden. Doch das sind für Goebel nur noch Kleinigkeiten. Er kann stolz von sich behaupten, Direktor eines weltweit einmaligen Universitätsgebäudes zu sein, das in akustischer wie ästhetischer Hinsicht Maßstäbe setzt. Ein besonderer Raum, der nur durch das Zusammenwirken verschiedenster Disziplinen entstehen konnte. Und durch den visionären Geist seiner Initiatoren. ■

Nachverdichtung der besonderen Art

In den Ballungszentren herrscht Wohnungsnotstand. Während Deutschlands Bevölkerung weiter schrumpft, nimmt der Grad der Verstädterung immer weiter zu. Durch das organische Wachsen dieser Zentren über die Jahrhunderte hinweg sind eigentlich überall kleine Baulücken vorhanden. Die Frage ist nur: Kann man dort auch Wohnraum schaffen?

Frankfurt am Main ist mit knapp 700.000 Einwohnern die größte Stadt Hessens und die fünftgrößte der Bundesrepublik. Sie ist ebenso eines der wichtigsten Finanzzentren weltweit und beheimatet wie kaum eine andere Stadt eine Vielzahl an internationalen, führenden Unternehmen aus den unterschiedlichsten Branchen. Damit hat Frankfurt die höchste Arbeitsplatzdichte in Deutschland – doch leider nicht genügend Wohnraum. Weit über 300.000 Menschen pendeln täglich aus dem Umland oder den benachbarten Städten in die Metropole. Um dem infrastrukturellen und klimatischen Dauerstress langfristig begegnen zu können, muss dringend Wohnraum geschaffen werden. Nur wo?

Das Raum- und Energiewunder:

Das Raum- und Energiewunder:

Nachverdichtung heißt hier der Lösungsansatz. Überall in der Stadt gibt es eine Vielzahl an Baulücken, die mit herkömmlichen Bauprojekten für Mehrfamilienhäuser nicht geschlossen werden können. Eine Herausforderung, der sich immer mehr Architekten und Bauherren stellen.

Minihaus 2

Minimum Impact House.
Fotos: Drexler Guinand Jauslin

Einer von ihnen ist Hans Drexler. Auf einer Grundstücksfläche von nur 29 m2 baute er sein Minimum Impact House direkt an die Brandwand eines bereits bestehenden, älteren Gebäudes. Aufgrund der geringen Grundfläche entwickelt der Prototyp des Minihauses seine Qualitäten durch die vertikale Entfaltung neuer Räume. Was im Geschosswohnungsbau in der Ebene angeordnet ist, ist im Minihaus in die Höhe entwickelt. So gelang es den Drexler Guinand Jauslin Architekten, eine Nutzungsfläche von 145 m2 plus 10 m2 Dachterrasse zu erschaffen. Das Haus ist ein schmaler, viergeschossiger Holztafelbau mit massivem Sockelgeschoss und kleiner Dachterrasse mit eigenem Garten. Durch großzügige Fensterfronten und teils verglaste Decken- und Wanddurchbrüche auf allen Geschossen entsteht trotz geringer Maße ein Gefühl für Weite. Hier wird der Stadtraum mitbewohnt. Der mehrstöckige Bau eines Großstadthauses mit Holz stellt hier ein besonderes Novum dar. Holz ist aus ökologischer Sicht ein idealer Baustoff: nachwachsend, dämmend, wärmespeichernd und recyclebar. Zudem verkürzt der Aufbau als Holzkonstruktion die Bauzeit enorm. Das verringert die Lärmbelästigung für die Anwohner – ein wichtiger Aspekt beim Thema Nachverdichtung. Ein weiteres Anliegen des Architektenteams um Drexler aus Frankfurt am Main war es aber, ebenso ein energiesparendes Wohnen zu ermöglichen. Das Minimum Impact House entspricht dem Standard eines Passivhauses. Alle Glasflächen des Hauses sind optimal auf die Wärme- und Lichteinstrahlung ausgerichtet. Zwei Sonnenkollektoren beheizen das Wasser und die Wärmerückgewinnung der Lüftungsanlage gewährleistet ein angenehmes Raumklima.

Das Schmalste: Auf dem Restgrundstück stehen nun...

Das Schmalste: Auf dem Restgrundstück stehen nun…

Nutzbare Baulücken existieren aber nicht nur an Brandwänden. Auch freiliegende Grundstücke mit sonderbaren Maßen können mit Kreativität sinnvoll bebaut werden. Das konnte sich aber bei einem Restgrundstück von 9 x 67 m keiner vorstellen. Erschwerend kam hinzu, dass aufgrund der Abstandsflächen und Stellplatznachweise die nutzbare Fläche auf 3,20 m x 45 m schrumpfte. Und so blieb es ungenutzt, bis Josef Kruljac, Geschäftsführer des Eismann & Partner Planungs- und Bauleitungsbüros, den Hinweis eines Bekannten bekam. Entstanden sind hier die neuen Büroräume für Eismann & Partner sowie zwei Wohnungen im Obergeschoss. Der im Untergeschoss fast vollständig verglaste Kernbau kaschiert die schlauchigen Ausmaße. Der Aufbau des Obergeschosses auf Säulen über das Untergeschoss hi­naus lässt den Eindruck von Leichtigkeit entstehen und gibt den unteren Räumen mehr Licht und Weite.

…Wohnungen und Büroräume.
Fotos: Eismann & Partner

Ein weiteres architektonisches Highlight begrüßt seit 2009 Spaziergänger und Touristen am Mainkai mit seinen buntbeleuchteten Glasfronten. Bei einer Grundstücksgröße von gerade mal 4 x 11 m entstand hier ein Multifunktionshaus, das sowohl Wohnungen, ein Restaurant, einen Club als auch ein Büro beherbergt. Der Bauherr Steen Rothenberger erfüllte sich damit einen lange gehegten Traum: „Das Leben in der Vertikalen fasziniert mich.“ Durch die durchgängige Glasfront wird nicht nur das städtische Leben nach innen geholt, ebenso stülpt sich das private Leben nach außen, macht es zur Kunst, die jeden Passanten wie in einem Museum zum Verweilen und Bestaunen einlädt.

Ein wirklich klassischer Fall eines „Tortengrundstückes“ stellt das nächste Wohnobjekt da. Ursprünglich sollten hier Garagen entstehen, doch bei Grundstücksmaßen von max. 5,50 m x 12,60 m war dafür einfach nicht genügend Platz. Also schlug der damit beauftragte Architekt Kyriazis Papayannis der Bauherrin ein Wohnhaus vor. Angesichts der Wohnraumknappheit war diese sofort begeistert. Entstanden ist hier ein großzügiger Wohnbereich mit Terrasse und genügend Platz für Kind und Kegel. Im offen gehaltenen Erdgeschoss kann geparkt werden. Trotz dieser sehr knappen Grundstücksfläche konnte so ein Wohnraum von 169 m2 realisiert werden. Intuitiv scheint es also genügend freie Flächen zu geben und ebenso gibt es eine Reihe an kreativen und klugen Architekten, die mit ihren kompetenten Teams diese Brachflächen in Wohnraum verwandeln können. Und tatsächlich: Hans Drexler hat sich mit seinem Team auf die Spur nach ungenutzten Bauflächen in Frankfurt am Main begeben und dabei Erstaunliches ermittelt: Würde man auf alle diese Flächen Minihäuser, Dachaufstockungen oder Hofhäuser zubauen, könnte man laut dieser Studie 1/3 des für die nächsten 10 Jahre prognostizierten Bedarfs an Wohnraum decken. Die Frage ist, warum die vorgestellten Häuser bisher noch die Ausnahme bilden.

Was für Autos zu klein war...

Was für Autos zu klein war…

Zum einen ist der Bau eines Minihauses wesentlich teurer, dafür sind aber die Grundstücke kostengünstiger. Hier ist ein strategisches Umdenken erforderlich. Ebenso scheint der Erwerb solcher Restflächen schwieriger als bei „normalen“ Grundstücken. Die Eigentümer würden sich scheuen, die Grundstücke zu verkaufen oder eigene Initiativen zu entwickeln. Hier muss die Stadt zusätzliche Anreize schaffen.

...bietet nun genügend Wohnraum für eine ganze Familie. Fotos © Atelier Steiner, Darmstadt

…bietet nun genügend Wohnraum für eine ganze Familie. Fotos © Atelier Steiner, Darmstadt

Ebenso gilt es seitens der Bauherren und Architekten, Strategien zu entwickeln, die den Lärm und die Verschmutzungen durch eine Baustelle gerade in dicht besiedelten Gebieten auf ein Minimum reduzieren. Der modulare Aufbau mit vorgefertigten Holzkonstruktionen wie beim Minimum Impact House scheint da ein richtiger Ansatz zu sein. ■

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Neue Wege – gleiche Richtung

Schon bei der Berufswahl muss man sich für eine bestimmte Richtung entscheiden, das hört im Studium nicht auf und setzt sich im Berufsleben fort. Mit einem Architektur- oder Bau­ingenieurstudium im Gepäck eröffnen sich unzählige Wege – manche sind naheliegend, manche scheinen vom Kurs abzuweichen. Und trotzdem zeigt der Kompass immer in die gleiche Richtung. In diesem Kapitel zeigen wir verschiedene Wege für Architekten und Bau­ingenieure auf.

Aufbaustudium

Zahlreiche Fachhochschulen und Universitäten bieten Aufbaustudiengänge für Architekten und Bauingenieure an. Dabei handelt es sich um Fernstudiengänge mit drei bis fünf Semestern Studiendauer. Die Teilnehmer erhalten dazu umfangreiches Studienmaterial sowie Übungsaufgaben, die nach Bearbeitung zurückgeschickt werden müssen. Das Studium endet im Allgemeinen mit einer Abschlussarbeit, mehreren Präsenzseminaren am Hochschulort und einer Abschlussklausur. In Einzelfällen kann man auf diese Weise sogar promovieren. Das Angebot an Aufbaustudiengängen ist breit gefächert, es reicht von „Bauen im Bestand“ bis hin zu „Europäische Urbanistik“.

Baureferendariat: Praxisnahe Zusatzausbildung

Ähnlich wie Juristen oder Pädagogen können Architekten und Bauingenieure ein Referendariat machen und damit eine Beamtenlaufbahn im höheren technischen Verwaltungsdienst einschlagen. In Zeiten des Wirtschaftswunders nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die Bundesländer noch ihre liebe Not, Referendare zu gewinnen. Damals konnten Akademiker in der freien Wirtschaft wesentlich mehr Geld verdienen. An einem krisensicheren Job bei „Vater Staat“ hatte kaum jemand Interesse. Das hat sich grundlegend geändert. Referendariatsplätze, um die man sich bewerben muss, sind mittlerweile sehr begehrt. Freie Stellen für den Vorbereitungsdienst als Referendar oder Referendarin bieten der Bund, die Länder, Kommunen oder Landkreise an. Voraussetzung ist ein abgeschlossenes wissenschaftliches Hochschulstudium, auch Master-Abschlüsse werden anerkannt. Ein Fachhochschul-Abschluss reicht nicht aus. Angeboten werden die

Foto: Sergej Seemann - Fotolia.com

Foto: Sergej Seemann – Fotolia.com

Fachrichtungen: Hochbau, Städtebau, Bauingenieurwesen (Wasser-, Straßen- und Stadtbauwesen) und Umwelttechnik (Umweltschutz). Die Ausbildung hat das Ziel, Führungskräfte für leitende Tätigkeiten in der öffentlichen Verwaltung heranzubilden. In der Ausbildung lernen Referendare Aufgaben, Organisation und Arbeitsweise der Verwaltung kennen, außerdem werden ihnen die Anwendung der Rechts- und Verwaltungsvorschriften, die Methoden zur Sicherstellung einer effektiven und wirtschaftlichen Verwaltung sowie die Führung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vermittelt. Das Referendariat dauert mindestens zwei Jahre. Vorherige berufsbezogene Tätigkeiten können unter Umständen angerechnet werden und die Ausbildungszeit verkürzen. Referendare sind „Beamte auf Widerruf“. Ihre Bezüge während des Vorbereitungsdienstes betragen zurzeit rund 1.000 Euro und rund 100 Euro Familienzuschlag monatlich zuzüglich Kindergeld. Da Beamte keine Arbeitslosen- und Rentenversicherung abführen müssen, bleibt unterm Strich ein höherer Nettolohn übrig als in einem Angestelltenverhältnis bei gleichem Bruttolohn.
Der Vorbereitungsdienst schließt mit der „Großen Staatsprüfung“, bestehend aus einer häuslichen Prüfungsarbeit, vier schriftlichen Klausuren und einer mündlichen Prüfung, beim Oberprüfungsamt in Bonn ab. Nach bestandener Prüfung darf man die Berufsbezeichnung „Bauassessor/-in“ führen. Damit besteht die Möglichkeit, sich im gesamten Bundesgebiet um eine Anstellung im höheren technischen Verwaltungsdienst oder in der freien Wirtschaft zu bewerben. Nähere Infos zum Baureferendariat erteilt das Oberprüfungsamt für den höheren technischen Verwaltungsdienst unter www.Oberpruefungsamt.de. Einzelne Bundesländer wie Bayern oder Baden-Württemberg haben eigene Prüfungsämter. (Lesetipp: Bewerbung im Öffentlichen Dienst)

Bauinspektorenlaufbahn

Fachhochschulabsolventen ohne Masterabschluss haben die Möglichkeit, eine Beamtenlaufbahn im gehobenen bautechnischen Dienst einzuschlagen und damit Bauoberinspektor/-in zu werden. Der Vorbereitungsdienst dauert in der Regel 18 Monate. Die Ausbildung erfolgt bei Baubehörden und an Bildungseinrichtungen der öffentlichen Verwaltung, zum Beispiel bei Bauaufsichtsbehörden, Hoch- und Tiefbauämtern, Straßenbauämtern oder Landratsämtern. Um einen Ausbildungsplatz kann man sich bei Bundes- oder Landesministerien bewerben. Angeboten werden die Fachrichtungen Hochbau und Städtebau, Bauingenieurwesen mit dem Schwerpunkt Straßenwesen oder Wasser- und Abfallwirtschaft sowie Baubetrieb. Die Ausbildung endet mit der „Staatsprüfung“, bestehend aus einem schriftlichen und einem mündlichen Teil. Beamte des gehobenen bautechnischen Dienstes arbeiten später als Sachbearbeiter in den staatlichen und kommunalen Bauverwaltungen, bei Straßenbauverwaltungen, Wasserwirtschaftsbehörden und der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung.

Wissenschaftliche Laufbahn

Die Zahl der Stellen für Professoren an Universitäten und Fachhochschulen ist eher rückläufig oder es werden Stifterprofessuren nur für eine begrenzte Zeit, zum Beispiel für fünf Jahre, besetzt. Voraussetzung ist die Promotion mit mindestens „sehr gut“, außerdem werden fünf Jahre Berufspraxis außerhalb der Hochschule vorausgesetzt. Architekten müssen herausragende Entwurfsleistungen vorweisen können. Wichtig ist, nach der Promotion Kontakt zur Universität zu pflegen, zum Beispiel durch Lehraufträge. Vorteilhaft sind Veröffentlichungen in Fachzeitschriften sowie die Mitarbeit in Fachausschüssen. Voraussetzung für eine erfolgreiche wissenschaftliche Karriere sind außerdem Fleiß und Ausdauer. Im Übrigen muss man vieles dem Zufall überlassen und auf das „Quäntchen Glück“ hoffen. Planbar ist eine Hochschulkarriere nicht. Die Habilitation, das heißt eine weitere wissenschaftliche Prüfung, ist bei Architekten und Bauingenieuren eher selten. Die Hochschulen bieten in ihren Instituten auch Planstellen als wissenschaftliche Mitarbeiter, Oberingenieure, akademische Räte sowie zeitlich begrenzte Stellen für Forschungsvorhaben an. Hierüber ergibt sich häufig die Möglichkeit einer Promotion. In einzelnen Bundesländern ist es möglich, an den Universitäten Promotionsstipendien nach dem „Graduiertenförderungsgesetz“ zu beantragen. Voraussetzung ist ein sehr guter Diplom- beziehungsweise Masterabschluss. Das Promotionsthema muss von zwei Professoren der betreffenden Fachrichtung befürwortet werden. Die Promotionsstipendien werden im Allgemeinen für die Dauer von zwei Jahren vergeben, soweit Mittel bereitstehen. Darüber hinaus gibt es politische, gewerkschaftliche, kirchliche und Umweltstiftungen, die Promotionsstipendien vergeben. Einige Adressen sind im Anhang des Buches zu finden.

vorstellungsgespräch architekt bauingenieur1Rhetorik

Die Fähigkeit, Ideen interessant und mitreißend zu präsentieren, ist eine Begabung, die Ihnen in allen Bereichen des Berufslebens nur Vorteile bringt, ganz egal ob Sie nun im Öffentlichen Dienst oder in der freien Wirtschaft arbeiten werden. Das gilt für Architekten und Bauingenieure gleichermaßen. Architekten müssen in der Lage sein, ihre Entwürfe nicht nur perfekt auszuarbeiten, sondern alle am Projekt Beteiligten davon zu überzeugen. Auch Bauingenieure brauchen gute Kommunikationsfähigkeiten beim Umgang mit Bauherren, Mitarbeitern und Vorgesetzten. Den wenigsten Menschen ist dieses Talent in die Wiege gelegt, was keinen Anlass zur Resignation geben soll. Stimm- und Präsentationstechniken lassen sich erlernen, jeder gute Schauspieler arbeitet jahrelang daran. Wer noch keinen Arbeitsplatz hat und seine Zeit sinnvoll nutzen möchte, ist gut beraten, seine rhetorischen Fähigkeiten zu trainieren. Das sollte sich nicht nur auf den Besuch von Rhetorik-Kursen beschränken. Nutzen Sie jede Gelegenheit im privaten oder besser noch im beruflichen Bereich, Vorträge zu halten. Eine Ansprache auf der Hochzeit der besten Freundin ist ein guter Anfang.

Fach-Journalismus

Journalisten brauchen nicht nur ein gutes Gespür für Themen und eine gute Schreibe. Durchhaltevermögen und Spaß an der Sache sind ebenso wichtig. Wer in den Journalismus wechselt, kann durchaus vom Regen in die Traufe geraten, denn der Arbeitsmarkt für die schreibende Zunft ist übersättigt. Immerhin haben architektonisch oder bautechnisch vorgebildete Journalisten anderen gegenüber etwas Entscheidendes voraus: Sie können mit Sachverstand und Fachwissen über Bau- und Architekturthemen berichten. Einen gesetzlich vorgeschriebenen Weg in den Journalismus gibt es nicht. Die Berufsbezeichnung „Journalist“ ist, anders als bei Architekten, nicht geschützt. Jeder darf sich so nennen, doch nicht jeder wird von den Zeitungs-, Hörfunk- oder Fernsehredaktionen beschäftigt. Oft wird ein Volontariat erwartet. Dabei handelt es sich um eine meist zweijährige Ausbildung in einer Redaktion, in der man das journalistische Handwerk erlernt. Für Architekten und Bauingenieure würde sich beispielsweise ein Volontariat bei einer Baufachzeitschrift oder in der Wissenschaftsredaktion eines Hörfunk- oder Fernsehsenders anbieten. Während der Ausbildung erhält man ein Ausbildungsgehalt. Volontariatsplätze sind rar. Zu den Einstellungsvoraussetzungen zählen erste journalistische Erfahrungen in Form von Praktika oder freier Mitarbeit im journalistischen Bereich. Beim Hörfunk und beim Fernsehen wird außerdem eine rundfunktaugliche Stimme erwartet.

Technische/-R Redakteur/-In

Gute Berufsaussichten haben technische Redakteure. Sie schreiben überwiegend technische Dokumentationen von Produkten wie Bedienungs-, Reparatur- und Wartungsanleitungen, entwickeln aber auch Schulungs-, Messe- und Vertriebsunterlagen, beispielsweise für die PR-Abteilungen großer Konzerne. Ähnlich wie beim Journalisten gibt es keine gesetzlichen Vorschriften, um technischer Redakteur zu werden. Die notwendige Qualifikation können Architekten und Bauingenieure durch Fortbildungskurse, durch ein Volontariat oder ein Zusatzstudium erlangen. Es gibt in diesem Bereich aber auch viele Quereinsteiger ohne besondere Zusatzausbildung. Nähere Auskünfte zu diesem Beruf gibt es beim Deutschen Fachverband für Technische Kommunikation und Informationsentwicklung (tekom) unter www.tekom.de.

Energieberatung

Manchmal eröffnen neue Gesetze neue Betätigungsfelder für Architekten und Bauingenieure. Die Novellierung der Energieeinsparverordnung (EnEV) ist dafür ein gutes Beispiel. Sie ist am 1. Oktober 2007 in Kraft getreten. Das neue Gesetz erweitert den Anwendungsbereich von Gebäude-Energieausweisen. Bisher musste dieses Dokument nur für Neu- und Umbauten ausgestellt werden. Seit Juli 2008 ist der Energieausweis auch für bestehende Gebäude Pflicht, und zwar dann, wenn das Objekt verkauft oder vermietet werden soll. Das gilt für alle Arten von Gebäuden, auch für Büro- und Dienstleistungsimmobilien. Im Gebäude-Energieausweis wird die Energieeffizienz eines Gebäudes angegeben. Die Beurteilung nehmen häufig Architekten, teilweise auch Bauingenieure vor, die bei einer Architekten- oder Ingenieurkammer eine Zusatzausbildung zum Energieberater absolviert haben.

Facility Management (FM)

Der englische Begriff „facilities“ bedeutet auf Deutsch „Anlagen“. Mit Facilty Management ist das technische, kaufmännische und infrastrukturelle Management von Liegenschaften gemeint. Die Tätigkeit zielt auf einen langfristigen Erhalt und eine Erhöhung der Vermögenswerte in Form von Bausubstanz, Anlagen und Einrichtungen. Dies kann sowohl unternehmensintern über eine entsprechende Abteilung erfolgen als auch von externen Anbietern durchgeführt werden. Facility Management ist inzwischen als wissenschaftliches Fach etabliert und wird von verschiedenen Hochschulen als Studiengang angeboten. Zunehmend kommen Architekten und Bauingenieure in diesem Bereich zum Einsatz, besonders im Gebäudemanagement – einer Teildisziplin des Facility Managements. Zu ihren Aufgaben gehört es, den einwandfreien Ablauf von technischen Prozessen innerhalb des Gebäudes zu gewährleisten, zum Beispiel die Ver- und Entsorgung oder Energieversorgung. Sie sind außerdem für die Ausschreibung und Betreuung von Sanierungs- oder Anbaumaßnahmen in Bestandsgebäuden zuständig. Im Idealfall begleiten sie alle Lebenszyklen der Gebäude – von Planung bis Abriss. Facility Management ist nicht mit einer Hausmeistertätigkeit zu verwechseln. Es geht vielmehr um Organisation und Optimierung von Prozessen, die innerhalb einer Einrichtung passieren. Facility Manager sind in der Regel Generalisten, die in Unternehmen als Schnittstelle fungieren und die Kommunikation zwischen Fachbereichen und Teildisziplinen herstellen.  ■

Flexibel Bauen für die Jugend

Der demografische Wandel ist in aller Munde, natürlich auch im Bauwesen. Es wird darüber gesprochen und gestritten, wie eine alternde Gesellschaft barrierefrei wohnen soll, wie wandlungsfähig Immobilien zukünftig sein müssen oder inwieweit sich die zu erwartende Immobilität auf Städtebau und Verkehr auswirken wird. Doch was ist eigentlich mit der Jugend? Wie soll – und vor allen Dingen – wie will sie in zehn oder 20 Jahren leben?
Prof. Klaus Hurrelmann, einer der Autoren der renommierten Shell-Studien zur Einstellung und Lebenssituation der jungen Generation, forscht über „Lebensvorstellungen Jugendlicher 2025: Häuschen mit Garten oder Townhouses“. Dabei lässt der Dozent der Hertie School of Governance Ergebnisse der letzten Studie „Jugend 2010“ zu Lebensplanungen junger Leute zwischen 12 und 25 einfließen.
Die Studie kommt zu dem Schluss, dass es „die“ Jugend nicht gibt, vielmehr nehmen die Unterschiede in Bildungsverhalten und Lebensstil zu. Jugendliche mit bescheidenen Bildungsabschlüssen und Berufsperspektiven neigen dazu, den Stil ihrer Eltern zu reproduzieren, und bevorzugen das „Häuschen mit Garten“. Ihre kleinbürgerlichen Wohn-Vorstellungen sind laut der Studie fast „spießig“ zu nennen. Jugendliche mit guten Bildungsabschlüssen und Berufsperspektiven hingegen haben avantgardistische Wohnvorstellungen, hier liegt das „Trend Townhouse“ hoch im Kurs.
Zwar sind die Vorstellungen der Gruppen recht unterschiedlich, dennoch gibt es Gemeinsamkeiten. Alle Jugendlichen haben klare Vorstellungen von der sozialen Einbettung ihrer Wohnung und wollen ein kleines und überschaubares Netzwerk von Nachbarschaft, das ihnen einen hohen Freiheitsgrad an Individualität sichert. Sie erwarten ein gutes Serviceangebot im öffentlichen Raum mit haushaltsnahen Dienstleistungen sowie Sport- und Fitnessangeboten. Ausgeprägt ist auch der Wunsch nach modernster Technologie und Umweltfreundlichkeit. Generell wird die Wohnung als der private Raum betrachtet, den man voll und ganz für sich nutzen und allein nach individuellen Vorstellungen gestalten möchte. Trotz der heute geforderten beruflichen Mobilität wollen sowohl junge Männer als auch Frauen später möglichst Wohnungseigentum erwerben.

Wie will die Jugend wohnen - im luxuriösen Stadthaus...Foto: David Spoo

Wie will die Jugend wohnen – im luxuriösen Stadthaus…
Foto: David Spoo

...oder in spießiger Idylle?

…oder in spießiger Idylle?

Statt Standard- und Einheitswohnungen zu bauen, müsse auf die Vielfalt von Lebensstilen und die sich daraus ergebenden Wohnvorstellungen der Menschen eingegangen werden, bewertete Prof. Hurrelmann die Ergebnisse der Studie für den Wohnungsbau in Deutschland. Mit flexiblen Grundrissen innerhalb der Wohnungen könne auf die sich schnell ändernden Lebensweisen und Gestaltungsvorstellungen eingegangen werden. Darüber hinaus sollten kreative Angebote für die Bildung von Wohneigentum unterbreitet werden, um die Wünsche nach Individualität und Gestaltungsfreiheit zu befriedigen. Nötig sei, die Themen Wohneigentum und Alterssicherung stärker als bisher miteinander zu verbinden. Überaus wichtig ist nach Einschätzung des Experten, junge Leute frühzeitig an allen großen Trendplanungen und Detailplanungen im Wohnbau beteiligen, um nicht am Bedarf vorbeizugehen. ■

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Interview mit Prof. Timo Leukefeld

Werden Sie selbst in ein energieautarkes Haus ziehen, Herr Prof. Leukefeld?

Prof. Leukefeld: Ja, auch ich bin nun Bauherr. Nicht nur ich und meine Familie, sondern auch ein weiterer Mitarbeiter unserer Projekt­gruppe werden im August dieses Jahres in Freiberg mit dem Bau von zwei energieautarken Häusern beginnen. Die Fertigstellung ist für Dezember geplant. Das verdeutlicht, wie überzeugt wir von dieser Idee sind. Geeignete Grundstücke haben wir bereits gefunden, nun laufen noch Gespräche mit Kooperationspartnern und wir haben einen Förderantrag beim Bundesumweltministerium gestellt.

Das heißt, Sie wollen dort nicht nur wohnen, sondern auch Feldforschung betreiben?

Prof. Leukefeld: Die Messwerte des Musterhauses in Lehrte sind wissenschaftlich nicht verwertbar, denn es wohnt niemand darin. Das Haus wird zwar beheizt, aber es läuft niemals die Dusche und es wird auch nicht gekocht. Das Umweltministerium hat großes Interesse an verlässlichen Daten und möchte dazu ein Monitoring-Programm finanzieren. Auch die TU Bergakademie Freiberg wird mit im Boot sein und das Projekt drei Jahre lang begleiten.

Gibt es Bereiche im Haus, die Sie noch optimieren können?

Prof. Leukefeld: Als Forscher sieht man immer Optimierungsmöglichkeiten und es wäre auch ungewöhnlich, wenn der erste Prototyp vollständig zufriedenstellend wäre. Wir haben uns einige Problemstellungen erarbeitet und werden uns mit den Themen Kühlung und Lüftung beschäftigen. Wir wollen beispielsweise Lüftungssysteme testen, die die Wärme aus dem unteren Bereich des Pufferspeichers beziehen. Dies kühlt ihn extrem aus, der Sonnenkollektor schiebt mehr Wärme nach und der Ertrag erhöht sich. Außerdem wollen Kooperationspartner sich und ihre Produkte einbringen, da geht es etwa um den Ziegel- oder den Solarbereich.

Ist auch ein zu 100 Prozent autarkes Haus denkbar?

Prof. Leukefeld: Was Strom und Wärme angeht, haben wir es bis auf ein, zwei Festmeter Holz, die jährlich zum Heizen benötigt werden, geschafft. Zur vollständigen Eigenständigkeit müssten wir noch die Wasser-Eigenversorgung angehen, also Brunnen-, Regenwasser- und Grauwassernutzung. Da das auch für mich völlig neue Fachgebiete sind, ist Grundlagenforschung in einem Expertenteam mit Geologen und Chemikern erforderlich. Wir wollen dieses Thema definitiv angehen, allerdings noch nicht bei den nun entstehenden Häusern, sondern bei Nachfolgeprojekten.

Wir sprechen hier über Einfamilienhäuser. Sind energieautarke Häuser auch denkbar, wenn es um mehrere Wohneinheiten geht?

Nach einer Lehre als Instandhaltungsmechaniker erlangte Timo Leukefeld an der TU Bergakademie Freiberg den Abschluss als Diplom-Ingenieur im Studiengang Energetik. Dies ergänzte er mit der Ausbildung zum geprüften Solarfachberater. 1998 gründete er die Solarfachfirma Soli fer, 2011 das Nachfolgeunternehmen „Timo Leukefeld – Energie verbindet“. Er leitet die Projektgruppe „Das energieautarke Haus“ der Helma Eigenheimbau AG. Seit 2011 ist er als Honorarprofessor an der Berufsakademie Sachsen, Staatliche Studienakademie Glauchau, University of Cooperative Education, tätig und hat damit die erste Professur für Solarthermie in den neuen Bundesländern inne. Leukefeld, der sich selbst als „Überzeugungstäter“ bezeichnet, lebt in Freiberg, dem Ort, in dem der Begriff „Nachhaltigkeit“ 1713 von Hans Carl von Carlowitz erstmals verwendet wurde.

www.timoleukefeld.de

Prof. Leukefeld: Im Sonnenhausbereich gibt es inzwischen einige Gebäude mit bis zu 20 Wohneinheiten, die zu 100 Prozent mit Sonnenenergie beheizt werden. Die Dachflächen lassen dabei keinen Raum, um auch noch die Stromseite abzudecken, aber da wird sich im Laufe der Jahre einiges tun. Ich selbst werde mich zukünftig damit beschäftigen, die Konzepte in den Gebäudebestand zu übertragen. Im Neubau kann man praktisch alles richtig machen, die großen Herausforderungen liegen aber im Altbau. Einige unserer Erfahrungen werden wir einfließen lassen können, denn auch im Bestand lassen sich etwa die Waschmaschine oder der Geschirrspüler an das solare Warmwasser anschließen. In anderen Bereichen hingegen werden wir komplettes Neuland betreten. Da wartet viel Forschungsarbeit auf uns und auch für die TALIS-Leser wird noch viel Arbeit übrig bleiben.

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