Eine Betonkuppel zum Aufblasen

Große Schalenbauten aus Beton oder Stein werden heute kaum noch errichtet. Das liegt daran, dass für den Bau von Kuppeln normalerweise aufwändige, teure Stützkonstruktionen aus Holz benötigt werden. An der TU Wien wurde nun allerdings ein neues Bauverfahren entwickelt, das ganz ohne Holzgerüst und auskommt.

Die Betonplatte wird flach am Boden ausgehärtet.	Foto: TU Wien

Die Betonplatte wird flach am Boden ausgehärtet. Foto: TU Wien

Eine Betonplatte wird flach am Boden ausgehärtet, danach wird ein Luftpolster unter der Betonplatte aufgeblasen, der Beton krümmt sich in kurzer Zeit zu einer belastbaren, stabilen Schale. Dank dieses Verfahrens lassen sich ganze Veranstaltungshallen bauen. Auf den Aspanggründen, einem Stadtentwicklungsgebiet in Wien, wurde kürzlich ein Kuppelgebäude mit dieser neuen Technik errichtet.
„Man kann sich das so ähnlich vorstellen wie eine Orangenschale, die man regelmäßig einschneidet, und dann flach auf dem Tisch ausbreitet“, erläuterte Prof. Johann Kollegger. „Wir machen es eben umgekehrt, wir beginnen in der Ebene und stellen daraus eine gekrümmte Schale her.“ Johann Kollegger und Benjamin Kromoser vom Institut für Tragkonstruktionen der TU Wien entwickelten die neue Schalenbautechnik, die in den Aspanggründen mit großem Erfolg getestet wurde.
Das Prinzip beruht auf der „Pneumatic Wedge Methode“. Zunächst wird mit gewöhnlichem Beton eine ebene Betonfläche gegossen. Dabei muss die geometrische Form genau stimmen: Die Platte ist in mehrere Segmente unterteilt. Abhängig von der Form, die letztendlich entstehen soll, müssen bei der Herstellung der Betonfläche genau passende keilförmige Stücke ausgespart werden.

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Der Kunststoff-Pneu unter dem Beton wird aufgeblasen – die Kuppel hebt sich. Foto: TU Wien

Wenn die Betonplatte ausgehärtet ist, wird ein darunterliegender Pneu aus zwei miteinander verschweißten Kunststoff-Folien aufgepumpt. Gleichzeitig wird ein außen um die Betonplatte verlaufendes Stahlseil zusammengezogen, sodass der Beton innen gehoben und außen zusammengedrückt wird. Um sicherzustellen, dass sich alle Teile der Betonplatte gleichmäßig heben, sind die Segmente der Betonplatte mit Metallschienen verbunden. Im Experiment an der TU Wien war dieser Arbeitsschritt nach etwa zwei Stunden abgeschlossen, die Betonschale hatte dann eine Innenhöhe von 2.90 m.

Während sich der Beton verbiegt, entstehen unzählige kleine Risse – doch für die Stabilität der Schale ist das kein Problem. „Man kennt das ja von alten Steinbögen“, erklärt Johann Kollegger. „Wenn die Form stimmt, hält jeder Stein den anderen fest und die Konstruktion hält.“ Am Ende wird das Bauwerk noch verputzt, danach hält es genauso großen Belastungen stand wie eine auf herkömmliche Weise errichtete Kuppel.„Wir haben uns ganz bewusst dafür entschieden, nicht bloß eine einfache, rotationssymmetrische Halbkugel zu bauen“, erklärt Benjamin Kromoser. „Unser Bauwerk ist langgezogen, sie lässt sich geometrisch gar nicht so leicht beschreiben. Damit wollten wir beweisen, dass sich mit unserer Technik auch komplexere Freiformen herstellen lassen.“ In der Architektur spielen spielerische freie Formen heute eine wichtige Rolle. Durch eine sorgsame Planung der Betonplatte und des aufblasbaren Pneus ist bei der „Pneumatic Wedge Methode“ eine große Vielfalt von Formen mög-
lich.

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Im Inneren hat die Kuppel eine komfortable Raumhöhe von 2,90 m. Foto: TU Wien

„Kuppeln mit 50 m Durchmesser wären auf diese Weise problemlos machbar“, sagt Johann Kollegger. Die wahre Herausforderung liegt eher bei komplizierten Formen mit engen Krümmungsradien. Im Versuchslabor an der TU Wien wurde getestet, wie sehr sich Beton im Extremfall mit dieser Methode verformen lässt – lokale Krümmungsradien von nur 3 m lassen sich realisieren.

Das Team hofft, dass sich die neue Betonbaumethode bald durchsetzt – mit Unterstützung des Forschungs- und Transfersupports der TU Wien wurde die Technik bereits patentiert. Wenn für den Schalenbau keine Holzgerüste mehr notwendig sind, spart das nicht nur viel Zeit und Ressourcen, sondern auch eine Menge Geld: Benjamin Kromoser schätzt, dass durch die Luftpolstertechnik etwa die Hälfte der Baukosten eingespart werden können – bei besonders großen Bauten sogar noch mehr. Unter www.youtube.com findet sich ein Video zur Entstehung der Kuppel. Benjamin Kromoser geht darin auch auf die vielfältigen Anwendungs-Möglichkeiten der neuen Methode ein. (Quelle: idw) ■

Architektur im Einklang

Akustik und Ästhetik miteinander in Einklang zu bringen war schon immer eine architektonische Herausforderung. Allerdings sind die Gelegenheiten, einen aus klanglicher wie baulicher Sicht gleichermaßen befriedigenden Konzertsaal zu entwerfen, rar gesät. Am Rensselaer Polytechnic Institute ist es einem Team aus Architekten, Ingenieuren, Theaterdesignern und Akustikern gelungen, ein bis ins letzte Detail auf die klanglichen Anforderungen ausgerichtetes Forschungs- und Aufführungsgebäude zu errichten, das auch in ästhetischer Hinsicht Maßstäbe setzt. Eine Annäherung an die Quadratur des Kreises.

Man merkt Johannes Goebel eine gewisse Befriedigung an, wenn er über die Schwierigkeiten spricht, die bei der Konstruktion des Curtis R. Priem Experimental Media and Performance Arts Center (kurz: EMPAC) zu meistern waren. Der gebürtige Niedersachse ist Direktor des Zentrums und hat dessen Entstehung in der gesamten Planungs- und Bauphase begleitet. Natürlich sind bei jedem Großprojekt dieser Art Hürden zu überwinden, doch der Bau, der den Campus des Rensselaer Polytechnic Institute in Troy im US-Bundesstaat New York dominiert, stellte die Verantwortlichen vor ganz besondere und zum Teil ungeahnte Herausforderungen. Das EMPAC ist mehr als ein universitäres Forschungs- und Aufführungsgebäude. Und es ist mehr als ein architektonischer Meilenstein. Es ist aus dem Zusammenwirken von Kunst, Wissenschaft und Architektur entstanden, und das mit einer Liebe zum Detail, die in Zeiten knapper Kassen nur noch selten durchgesetzt werden kann.

Foto: EMPAC Rensselaer/Kris Qua

Foto: EMPAC Rensselaer/Kris Qua

Die Geschichte des Baus ist nicht zuletzt Goebels Geschichte, denn ohne den gelernten Musiker und seine ganzheitliche Sichtweise auf das Projekt wäre das EMPAC vermutlich nicht der Kunst, Technologie und Forschung vereinende Komplex geworden, der heute zu bestaunen ist. Dass es trotz eines nur um ca. 30 % überschrittenen Budgets – bei einem derartigen Projekt und acht Jahren Planungs- und Bauzeit sehr erstaunlich – und einer um zwei Jahre längeren Bauzeit in seiner jetzigen Form umgesetzt werden konnte, ist der Hochschulpräsidentin Dr. Shirley Ann Jackson zu verdanken. Als es darum ging, wie eine anonyme Geldspende an das Rensselaer Polytechnic Institute sinnvoll zu verwenden sei, trieb sie den Bau als Schnittstelle zwischen Kunst, Wissenschaft, Technologie und Design in der nun vorliegenden Form voran. Mit Goebel holte sie sich einen erfahrenen Mann an die Seite, der bereits in die Planungen für den Bau des Zentrums für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe involviert gewesen war. Auf einer Informationsreise durch Europa warb sie ihn kurzerhand ab.

Ein Zentrum für Medien und Darstellende Kunst war für die amerikanische Hochschule keinesfalls selbstverständlich, denn Rensselaer gilt als die älteste technische Hochschule der USA, an der so berühmte Ingenieure wie Washington Roebling, der Erbauer der Brooklyn-Bridge in New York, oder Ray Tomlinson, der Erfinder der E-Mail, studiert haben. Kunst und Geisteswissenschaften spielen dort traditionell nur eine untergeordnete Rolle. Dass das Projekt dennoch in diesem Umfang umgesetzt wurde, ist gewiss eine Prestigefrage, nicht zuletzt aber auch eine Frage des Selbstverständnisses der Hochschule als Ort, an dem höchste Ingenieurskunst gelehrt und umgesetzt wird.

Akustik, digitale Medien und Bühne im Gleichklang

Foto: EMPAC Rensselaer/Brian Chitester

Foto: EMPAC Rensselaer/Brian Chitester

Bei der Ausschreibung für das EMPAC 2001 ließ das Londoner Architekturbüro Grimshaw so renommierte Konkurrenz wie Bernard Tschumi, Davis Brody Bond Aedas oder Morphosis hinter sich – auch weil Firmengründer und Klassik-Fan Sir Nicholas Grimshaw den Konzertsaal als Kronjuwel ganz in den Vordergrund rückte. Grimshaw soll die Präsidentin gefragt haben, ob sie einen Multifunktionssaal haben wolle, wo man sowohl Basketball spielen als auch Diplomverleihungen und die jährliche Weihnachtsfeier abhalten könne, oder ob es doch lieber ein Ort von so hoher Qualität sein solle, dass sich Musiker aus der ganzen Welt darum reißen würden, dort zu spielen. Die Antwort der Präsidentin fiel eindeutig aus. Und sie sollte Grimshaw und ein ganzes Team von Architekten, Ingenieuren, Technikern, Theaterdesignern und Akustikern über acht Jahre lang beschäftigen. Da keiner der Beteiligten eine Vorstellung davon hatte, welche Anforderungen der finale Bau an der Schnittstelle zwischen Kunst, Forschung und Technologie erfüllen musste (weder Architekten noch Akustiker oder Theaterplaner waren mit den spezifischen Erfordernissen von Avantgarde-Musik, digitalen Medienkünsten oder modernem Tanztheater beziehungsweise deren Überschneidungen mit Wissenschaft und Forschung vertraut), liefen die Fäden bei Goebel zusammen, der das Projekt mit dem Blick des Künstlers und seiner Erfahrung im Bereich digitaler Medien begleitete und selbst auf solche Details achtete, dass bei Konzerten die Füße der Musiker zu sehen sind. Hören, Sehen, räumliche Wahrnehmung – alle Sinne sollten gleichberechtigt angesprochen werden. Und das auf höchstem Niveau.

Doch nicht alleine die künstlerischen Erfordernisse stellten das Team auf die Probe. Schon das Grundstück, auf dem der spätere Bau errichtet werden sollte, war eine echte Herausforderung: Der Hang aus lockerem Sand und Lehmschichten drohte langfristig jedes Gebäude mit sich zu reißen. Die ursprünglich geplante Variante, ihn durch eine 21 Meter hohe Flüssigbetonwand zu sichern und den Großteil der Räumlichkeiten unterirdisch unterzubringen, wurde vom ursprünglichen Generalunternehmer zugunsten eines abgestuften Fundaments verworfen. Über 60 Meter lange Felsanker mussten in tiefere Gesteinsschichten versenkt werden, um die Wände gegen den Druck des Hangs an ihrem Platz zu halten. Aus diesem Grund, aber auch aufgrund der immer verfeinerten Definition der funktionalen und programmatischen Anforderungen musste die gesamte Raumplanung neu überdacht und das Gebäude noch in der Planungsphase von Grund auf neu entworfen werden. Mehrmals wurden Spezialunternehmen gegen andere ausgetauscht, wenn die baulichen Gegebenheiten alternative Lösungsansätze erforderten. Hochschulpräsidentin Jackson setzte mit unerbittlichem Qualitätsanspruch durch, dass sowohl ursprüngliche architektonische Merkmale wie der hölzerne Korpus des Konzertsaals als auch qualitative und funktionale Details realisiert wurden und nicht dem Rotstift zum Opfer fielen. Ihre Forderung, ein Gebäude zu bauen, das 100 Jahre halten würde, war in der amerikanischen Bauwelt „unerhört“.

Foto: EMPAC Rensselaer/Natt Phenjati

Foto: EMPAC Rensselaer/Natt Phenjati

Der Konzertsaal ist das Herzstück des EMPAC und erforderte besonders großen Einfallsreichtum, um die bedingungslose Unterwerfung unter die akustischen Prioritäten bei maximaler technischer Flexibilität praktisch umzusetzen, ohne dabei die Ästhetik zu vernachlässigen. Wie der Korpus eines bauchigen Saiteninstruments legt sich eine aus Zedernholz gefertigte Außenhaut um den Saal und verleiht ihm auch optisch die Anmutung eines Resonanzkörpers. Damit der Klang an jeder Stelle des Raums von gleichermaßen hoher Qualität ist, haben sich die Akustiker von Kierkegaard Associates eine Menge einfallen lassen, von leicht konvexen Seitenwänden, die eine optimale Klangverteilung gewährleisten, bis zu elektrischen Akustikrollos, die je nach Bedarf hoch- und runtergefahren werden können, um die Nachhallzeit zu variieren. Dort, wo das Auge sonst nur auf die unschönen, aber unerlässlichen Catwalks und Traversen fällt, spannt sich in 12 Metern Höhe ein Spezialstoff über den Zuschauerraum, der so fein gewebt ist, dass er hoch- und mittelfrequente Töne zu reflektieren vermag. Alleine die Entwicklung dieses Gewebes, das selbstverständlich auch den strengen Brandschutzbestimmungen genügen musste, nahm fast vier Jahre in Anspruch.

Auch sonst wurde auf jedes Detail geachtet, das die Akustik in irgendeiner Weise beeinträchtigen könnte, zum Beispiel auf sirrfreie Dimmer für die Theaterbeleuchtung und eine fast lautlose Lüftung (der Grundgeräuschpegel des Raums liegt bei maximal 8 dB). Doch auch das Theater und die beiden Studios für Tonaufnahmen, Videoproduktionen, Medienproduktionen und Forschung, die in dem Komplex untergebracht sind, haben es in sich. Damit in allen Räumen gearbeitet werden kann, ohne dass der Schall des einen die Arbeit in dem anderen beeinträchtigt, wurden sie mit großem baulichem Aufwand durch separate Fundamente akustisch voneinander getrennt oder schweben als „Raum im Raum“ auf Federn, die auf exakt 6 Hz gestimmt sind. Nicht der geringste Ton dringt von innen nach außen oder von außen nach innen. Selbst die Glasfassade des Gebäudes ist mit Neopren-Puffern an dem Bau aufgehängt, damit bei stürmischem Wetter die Windlast nicht auf die Räume übertragen wird. Dass durch die Glasrahmen der großen gläsernen Nordfassade warme Flüssigkeit gepumpt wird, damit die Fenster bei schlechtem Wetter nicht beschlagen und stets den Blick auf die reizvolle Landschaft freigeben, mutet dagegen schon fast trivial an. Hierbei handelt es sich übrigens um ein deutsches Produkt – sowohl Planung und Bau als auch das im Anschluss entstandene Programm des EMPAC sind international.

Foto: EMPAC Rensselaer/Brian Chitester

Foto: EMPAC Rensselaer/Brian Chitester

Ein kleiner Kern des Mitarbeiterstabs rund um Goebel übernahm die Integration der komplexen Audio-, Video- und IT-Infrastruktur, da es in den USA kein Planungsbüro gab, das die definierten Anforderungen qualitativ erfüllen konnte. Auch nach der Fertigstellung tüfteln die Experten an Problemlösungen, die mit der besonderen Aufgabe des EMPAC als Forschungs- und Aufführungsort zu tun haben. So musste beispielsweise eine Steuerung entwickelt werden, die für eine optimale Luftfeuchtigkeit für die Klaviere sorgt. Und erst 2012 konnten die Türen des Konzertsaals wie geplant fertig gestellt werden. Doch das sind für Goebel nur noch Kleinigkeiten. Er kann stolz von sich behaupten, Direktor eines weltweit einmaligen Universitätsgebäudes zu sein, das in akustischer wie ästhetischer Hinsicht Maßstäbe setzt. Ein besonderer Raum, der nur durch das Zusammenwirken verschiedenster Disziplinen entstehen konnte. Und durch den visionären Geist seiner Initiatoren. ■

Nachverdichtung der besonderen Art

In den Ballungszentren herrscht Wohnungsnotstand. Während Deutschlands Bevölkerung weiter schrumpft, nimmt der Grad der Verstädterung immer weiter zu. Durch das organische Wachsen dieser Zentren über die Jahrhunderte hinweg sind eigentlich überall kleine Baulücken vorhanden. Die Frage ist nur: Kann man dort auch Wohnraum schaffen?

Frankfurt am Main ist mit knapp 700.000 Einwohnern die größte Stadt Hessens und die fünftgrößte der Bundesrepublik. Sie ist ebenso eines der wichtigsten Finanzzentren weltweit und beheimatet wie kaum eine andere Stadt eine Vielzahl an internationalen, führenden Unternehmen aus den unterschiedlichsten Branchen. Damit hat Frankfurt die höchste Arbeitsplatzdichte in Deutschland – doch leider nicht genügend Wohnraum. Weit über 300.000 Menschen pendeln täglich aus dem Umland oder den benachbarten Städten in die Metropole. Um dem infrastrukturellen und klimatischen Dauerstress langfristig begegnen zu können, muss dringend Wohnraum geschaffen werden. Nur wo?

Das Raum- und Energiewunder:

Das Raum- und Energiewunder:

Nachverdichtung heißt hier der Lösungsansatz. Überall in der Stadt gibt es eine Vielzahl an Baulücken, die mit herkömmlichen Bauprojekten für Mehrfamilienhäuser nicht geschlossen werden können. Eine Herausforderung, der sich immer mehr Architekten und Bauherren stellen.

Minihaus 2

Minimum Impact House.
Fotos: Drexler Guinand Jauslin

Einer von ihnen ist Hans Drexler. Auf einer Grundstücksfläche von nur 29 m2 baute er sein Minimum Impact House direkt an die Brandwand eines bereits bestehenden, älteren Gebäudes. Aufgrund der geringen Grundfläche entwickelt der Prototyp des Minihauses seine Qualitäten durch die vertikale Entfaltung neuer Räume. Was im Geschosswohnungsbau in der Ebene angeordnet ist, ist im Minihaus in die Höhe entwickelt. So gelang es den Drexler Guinand Jauslin Architekten, eine Nutzungsfläche von 145 m2 plus 10 m2 Dachterrasse zu erschaffen. Das Haus ist ein schmaler, viergeschossiger Holztafelbau mit massivem Sockelgeschoss und kleiner Dachterrasse mit eigenem Garten. Durch großzügige Fensterfronten und teils verglaste Decken- und Wanddurchbrüche auf allen Geschossen entsteht trotz geringer Maße ein Gefühl für Weite. Hier wird der Stadtraum mitbewohnt. Der mehrstöckige Bau eines Großstadthauses mit Holz stellt hier ein besonderes Novum dar. Holz ist aus ökologischer Sicht ein idealer Baustoff: nachwachsend, dämmend, wärmespeichernd und recyclebar. Zudem verkürzt der Aufbau als Holzkonstruktion die Bauzeit enorm. Das verringert die Lärmbelästigung für die Anwohner – ein wichtiger Aspekt beim Thema Nachverdichtung. Ein weiteres Anliegen des Architektenteams um Drexler aus Frankfurt am Main war es aber, ebenso ein energiesparendes Wohnen zu ermöglichen. Das Minimum Impact House entspricht dem Standard eines Passivhauses. Alle Glasflächen des Hauses sind optimal auf die Wärme- und Lichteinstrahlung ausgerichtet. Zwei Sonnenkollektoren beheizen das Wasser und die Wärmerückgewinnung der Lüftungsanlage gewährleistet ein angenehmes Raumklima.

Das Schmalste: Auf dem Restgrundstück stehen nun...

Das Schmalste: Auf dem Restgrundstück stehen nun…

Nutzbare Baulücken existieren aber nicht nur an Brandwänden. Auch freiliegende Grundstücke mit sonderbaren Maßen können mit Kreativität sinnvoll bebaut werden. Das konnte sich aber bei einem Restgrundstück von 9 x 67 m keiner vorstellen. Erschwerend kam hinzu, dass aufgrund der Abstandsflächen und Stellplatznachweise die nutzbare Fläche auf 3,20 m x 45 m schrumpfte. Und so blieb es ungenutzt, bis Josef Kruljac, Geschäftsführer des Eismann & Partner Planungs- und Bauleitungsbüros, den Hinweis eines Bekannten bekam. Entstanden sind hier die neuen Büroräume für Eismann & Partner sowie zwei Wohnungen im Obergeschoss. Der im Untergeschoss fast vollständig verglaste Kernbau kaschiert die schlauchigen Ausmaße. Der Aufbau des Obergeschosses auf Säulen über das Untergeschoss hi­naus lässt den Eindruck von Leichtigkeit entstehen und gibt den unteren Räumen mehr Licht und Weite.

…Wohnungen und Büroräume.
Fotos: Eismann & Partner

Ein weiteres architektonisches Highlight begrüßt seit 2009 Spaziergänger und Touristen am Mainkai mit seinen buntbeleuchteten Glasfronten. Bei einer Grundstücksgröße von gerade mal 4 x 11 m entstand hier ein Multifunktionshaus, das sowohl Wohnungen, ein Restaurant, einen Club als auch ein Büro beherbergt. Der Bauherr Steen Rothenberger erfüllte sich damit einen lange gehegten Traum: „Das Leben in der Vertikalen fasziniert mich.“ Durch die durchgängige Glasfront wird nicht nur das städtische Leben nach innen geholt, ebenso stülpt sich das private Leben nach außen, macht es zur Kunst, die jeden Passanten wie in einem Museum zum Verweilen und Bestaunen einlädt.

Ein wirklich klassischer Fall eines „Tortengrundstückes“ stellt das nächste Wohnobjekt da. Ursprünglich sollten hier Garagen entstehen, doch bei Grundstücksmaßen von max. 5,50 m x 12,60 m war dafür einfach nicht genügend Platz. Also schlug der damit beauftragte Architekt Kyriazis Papayannis der Bauherrin ein Wohnhaus vor. Angesichts der Wohnraumknappheit war diese sofort begeistert. Entstanden ist hier ein großzügiger Wohnbereich mit Terrasse und genügend Platz für Kind und Kegel. Im offen gehaltenen Erdgeschoss kann geparkt werden. Trotz dieser sehr knappen Grundstücksfläche konnte so ein Wohnraum von 169 m2 realisiert werden. Intuitiv scheint es also genügend freie Flächen zu geben und ebenso gibt es eine Reihe an kreativen und klugen Architekten, die mit ihren kompetenten Teams diese Brachflächen in Wohnraum verwandeln können. Und tatsächlich: Hans Drexler hat sich mit seinem Team auf die Spur nach ungenutzten Bauflächen in Frankfurt am Main begeben und dabei Erstaunliches ermittelt: Würde man auf alle diese Flächen Minihäuser, Dachaufstockungen oder Hofhäuser zubauen, könnte man laut dieser Studie 1/3 des für die nächsten 10 Jahre prognostizierten Bedarfs an Wohnraum decken. Die Frage ist, warum die vorgestellten Häuser bisher noch die Ausnahme bilden.

Was für Autos zu klein war...

Was für Autos zu klein war…

Zum einen ist der Bau eines Minihauses wesentlich teurer, dafür sind aber die Grundstücke kostengünstiger. Hier ist ein strategisches Umdenken erforderlich. Ebenso scheint der Erwerb solcher Restflächen schwieriger als bei „normalen“ Grundstücken. Die Eigentümer würden sich scheuen, die Grundstücke zu verkaufen oder eigene Initiativen zu entwickeln. Hier muss die Stadt zusätzliche Anreize schaffen.

...bietet nun genügend Wohnraum für eine ganze Familie. Fotos © Atelier Steiner, Darmstadt

…bietet nun genügend Wohnraum für eine ganze Familie. Fotos © Atelier Steiner, Darmstadt

Ebenso gilt es seitens der Bauherren und Architekten, Strategien zu entwickeln, die den Lärm und die Verschmutzungen durch eine Baustelle gerade in dicht besiedelten Gebieten auf ein Minimum reduzieren. Der modulare Aufbau mit vorgefertigten Holzkonstruktionen wie beim Minimum Impact House scheint da ein richtiger Ansatz zu sein. ■

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Flexibel Bauen für die Jugend

Der demografische Wandel ist in aller Munde, natürlich auch im Bauwesen. Es wird darüber gesprochen und gestritten, wie eine alternde Gesellschaft barrierefrei wohnen soll, wie wandlungsfähig Immobilien zukünftig sein müssen oder inwieweit sich die zu erwartende Immobilität auf Städtebau und Verkehr auswirken wird. Doch was ist eigentlich mit der Jugend? Wie soll – und vor allen Dingen – wie will sie in zehn oder 20 Jahren leben?
Prof. Klaus Hurrelmann, einer der Autoren der renommierten Shell-Studien zur Einstellung und Lebenssituation der jungen Generation, forscht über „Lebensvorstellungen Jugendlicher 2025: Häuschen mit Garten oder Townhouses“. Dabei lässt der Dozent der Hertie School of Governance Ergebnisse der letzten Studie „Jugend 2010“ zu Lebensplanungen junger Leute zwischen 12 und 25 einfließen.
Die Studie kommt zu dem Schluss, dass es „die“ Jugend nicht gibt, vielmehr nehmen die Unterschiede in Bildungsverhalten und Lebensstil zu. Jugendliche mit bescheidenen Bildungsabschlüssen und Berufsperspektiven neigen dazu, den Stil ihrer Eltern zu reproduzieren, und bevorzugen das „Häuschen mit Garten“. Ihre kleinbürgerlichen Wohn-Vorstellungen sind laut der Studie fast „spießig“ zu nennen. Jugendliche mit guten Bildungsabschlüssen und Berufsperspektiven hingegen haben avantgardistische Wohnvorstellungen, hier liegt das „Trend Townhouse“ hoch im Kurs.
Zwar sind die Vorstellungen der Gruppen recht unterschiedlich, dennoch gibt es Gemeinsamkeiten. Alle Jugendlichen haben klare Vorstellungen von der sozialen Einbettung ihrer Wohnung und wollen ein kleines und überschaubares Netzwerk von Nachbarschaft, das ihnen einen hohen Freiheitsgrad an Individualität sichert. Sie erwarten ein gutes Serviceangebot im öffentlichen Raum mit haushaltsnahen Dienstleistungen sowie Sport- und Fitnessangeboten. Ausgeprägt ist auch der Wunsch nach modernster Technologie und Umweltfreundlichkeit. Generell wird die Wohnung als der private Raum betrachtet, den man voll und ganz für sich nutzen und allein nach individuellen Vorstellungen gestalten möchte. Trotz der heute geforderten beruflichen Mobilität wollen sowohl junge Männer als auch Frauen später möglichst Wohnungseigentum erwerben.

Wie will die Jugend wohnen - im luxuriösen Stadthaus...Foto: David Spoo

Wie will die Jugend wohnen – im luxuriösen Stadthaus…
Foto: David Spoo

...oder in spießiger Idylle?

…oder in spießiger Idylle?

Statt Standard- und Einheitswohnungen zu bauen, müsse auf die Vielfalt von Lebensstilen und die sich daraus ergebenden Wohnvorstellungen der Menschen eingegangen werden, bewertete Prof. Hurrelmann die Ergebnisse der Studie für den Wohnungsbau in Deutschland. Mit flexiblen Grundrissen innerhalb der Wohnungen könne auf die sich schnell ändernden Lebensweisen und Gestaltungsvorstellungen eingegangen werden. Darüber hinaus sollten kreative Angebote für die Bildung von Wohneigentum unterbreitet werden, um die Wünsche nach Individualität und Gestaltungsfreiheit zu befriedigen. Nötig sei, die Themen Wohneigentum und Alterssicherung stärker als bisher miteinander zu verbinden. Überaus wichtig ist nach Einschätzung des Experten, junge Leute frühzeitig an allen großen Trendplanungen und Detailplanungen im Wohnbau beteiligen, um nicht am Bedarf vorbeizugehen. ■

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Berufsleben Zukünftiges Bauen für die JugendS63_Page_1

 

Interview mit Prof. Timo Leukefeld

Werden Sie selbst in ein energieautarkes Haus ziehen, Herr Prof. Leukefeld?

Prof. Leukefeld: Ja, auch ich bin nun Bauherr. Nicht nur ich und meine Familie, sondern auch ein weiterer Mitarbeiter unserer Projekt­gruppe werden im August dieses Jahres in Freiberg mit dem Bau von zwei energieautarken Häusern beginnen. Die Fertigstellung ist für Dezember geplant. Das verdeutlicht, wie überzeugt wir von dieser Idee sind. Geeignete Grundstücke haben wir bereits gefunden, nun laufen noch Gespräche mit Kooperationspartnern und wir haben einen Förderantrag beim Bundesumweltministerium gestellt.

Das heißt, Sie wollen dort nicht nur wohnen, sondern auch Feldforschung betreiben?

Prof. Leukefeld: Die Messwerte des Musterhauses in Lehrte sind wissenschaftlich nicht verwertbar, denn es wohnt niemand darin. Das Haus wird zwar beheizt, aber es läuft niemals die Dusche und es wird auch nicht gekocht. Das Umweltministerium hat großes Interesse an verlässlichen Daten und möchte dazu ein Monitoring-Programm finanzieren. Auch die TU Bergakademie Freiberg wird mit im Boot sein und das Projekt drei Jahre lang begleiten.

Gibt es Bereiche im Haus, die Sie noch optimieren können?

Prof. Leukefeld: Als Forscher sieht man immer Optimierungsmöglichkeiten und es wäre auch ungewöhnlich, wenn der erste Prototyp vollständig zufriedenstellend wäre. Wir haben uns einige Problemstellungen erarbeitet und werden uns mit den Themen Kühlung und Lüftung beschäftigen. Wir wollen beispielsweise Lüftungssysteme testen, die die Wärme aus dem unteren Bereich des Pufferspeichers beziehen. Dies kühlt ihn extrem aus, der Sonnenkollektor schiebt mehr Wärme nach und der Ertrag erhöht sich. Außerdem wollen Kooperationspartner sich und ihre Produkte einbringen, da geht es etwa um den Ziegel- oder den Solarbereich.

Ist auch ein zu 100 Prozent autarkes Haus denkbar?

Prof. Leukefeld: Was Strom und Wärme angeht, haben wir es bis auf ein, zwei Festmeter Holz, die jährlich zum Heizen benötigt werden, geschafft. Zur vollständigen Eigenständigkeit müssten wir noch die Wasser-Eigenversorgung angehen, also Brunnen-, Regenwasser- und Grauwassernutzung. Da das auch für mich völlig neue Fachgebiete sind, ist Grundlagenforschung in einem Expertenteam mit Geologen und Chemikern erforderlich. Wir wollen dieses Thema definitiv angehen, allerdings noch nicht bei den nun entstehenden Häusern, sondern bei Nachfolgeprojekten.

Wir sprechen hier über Einfamilienhäuser. Sind energieautarke Häuser auch denkbar, wenn es um mehrere Wohneinheiten geht?

Nach einer Lehre als Instandhaltungsmechaniker erlangte Timo Leukefeld an der TU Bergakademie Freiberg den Abschluss als Diplom-Ingenieur im Studiengang Energetik. Dies ergänzte er mit der Ausbildung zum geprüften Solarfachberater. 1998 gründete er die Solarfachfirma Soli fer, 2011 das Nachfolgeunternehmen „Timo Leukefeld – Energie verbindet“. Er leitet die Projektgruppe „Das energieautarke Haus“ der Helma Eigenheimbau AG. Seit 2011 ist er als Honorarprofessor an der Berufsakademie Sachsen, Staatliche Studienakademie Glauchau, University of Cooperative Education, tätig und hat damit die erste Professur für Solarthermie in den neuen Bundesländern inne. Leukefeld, der sich selbst als „Überzeugungstäter“ bezeichnet, lebt in Freiberg, dem Ort, in dem der Begriff „Nachhaltigkeit“ 1713 von Hans Carl von Carlowitz erstmals verwendet wurde.

www.timoleukefeld.de

Prof. Leukefeld: Im Sonnenhausbereich gibt es inzwischen einige Gebäude mit bis zu 20 Wohneinheiten, die zu 100 Prozent mit Sonnenenergie beheizt werden. Die Dachflächen lassen dabei keinen Raum, um auch noch die Stromseite abzudecken, aber da wird sich im Laufe der Jahre einiges tun. Ich selbst werde mich zukünftig damit beschäftigen, die Konzepte in den Gebäudebestand zu übertragen. Im Neubau kann man praktisch alles richtig machen, die großen Herausforderungen liegen aber im Altbau. Einige unserer Erfahrungen werden wir einfließen lassen können, denn auch im Bestand lassen sich etwa die Waschmaschine oder der Geschirrspüler an das solare Warmwasser anschließen. In anderen Bereichen hingegen werden wir komplettes Neuland betreten. Da wartet viel Forschungsarbeit auf uns und auch für die TALIS-Leser wird noch viel Arbeit übrig bleiben.

„Interview mit Prof. Leukefeld“ als pdf

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Energieautarkes Haus: Intelligent verschwenden

Fossile Energien sind endlich. Die Abnahmepreise für Strom und Gas steigen und werden sich auch in den kommenden Jahren und Jahrzehnten weiter verteuern. Kein Wunder also, dass verstärkt Wohnkonzepte entwickelt werden, bei denen möglichst wenig oder bestenfalls gar keine Energie verbraucht wird. Ehrgeizige Ziele gibt es viele, drei bayerische Landkreise streben etwa an, bis zum Jahr 2035 völlig energieautark zu werden. Häuslebauer müssen nicht so lange warten, denn seit einiger Zeit ist ein Einfamilienhaus auf dem Markt, das sich selbst versorgt, seine Bewohner somit unabhängig von Energielieferanten macht und dabei noch bezahlbar ist. TALIS sprach mit Entwicklern und Vermarktern über das Haus und seine Technik, die bisherigen Erfahrungen sowie zukünftige Entwicklungsmöglichkeiten.

Das erste energieautarke Haus Deutschlands ist für rund 380.000 Euro zur haben. Foto: David Spoo

Das erste energieautarke Haus Deutschlands ist für rund 380.000 Euro zur haben. Foto: David Spoo

Das Medieninteresse war riesig. Dabei wurde im Mai 2011 im Musterhauspark des Eigenheimbauers Helma in Lehrte zwischen Hannover und Braunschweig nur ein Einfamilienhaus vorgestellt. Dennoch kamen Vertreter wichtiger Tageszeitungen, auflagenstarker Wochenzeitschriften und großer Fernsehsender, um darüber zu berichten. „Natürlich waren und sind wir von unserem Projekt überzeugt, aber bei der Präsentation hat uns auch der Zufall in die Karten gespielt“, sagt Prof. Timo Leukefeld (Interview mit Prof. Leukefeld). Der Zufall, von dem der Diplom-Ingenieur und Solar-Tüftler aus Freiberg spricht, war die Nuklearkatastrophe im japanischen Fukushima, in deren Folge sich das energiepolitische Denken binnen kürzester Zeit vehement verändert hatte und nun bei Bevölkerung und Medien ein riesiger Bedarf an neuen Konzepten bestand. Das energieautarke Haus kam also zur rechten Zeit, dennoch aber völlig überraschend. Bei vergleichbaren Projekten ist es üblich, die Presse frühzeitig „anzufüttern“, sie zur Grundsteinlegung einzuladen oder über den Baufortschritt auf dem Laufenden zu halten. In diesem Fall wurden die Medien jedoch erst informiert, als das Ergebnis dastand. „Diese Arbeitsweise ermöglichte uns, ganz in Ruhe zu arbeiten und auch keine Mitbewerber aufmerksam zu machen“, erinnert sich Leukefeld, der seit Beginn der 1990er Jahre in der Energie- und Solarbranche tätig ist. Bis 2011 war er Geschäftsführer der Soli fer Solardach und gründete dann seine neue Firma „Timo Leukefeld – Energie verbindet“. Er gehört der Enquete-Kommission „Strategien für eine zukunftsorientierte Technologie- und Innovationspolitik im Freistaat Sachsen“ des Sächsischen Landtages an und ist Vorstandsmitglied des Sonnenhaus-Institutes.
Die Vorstufe des energieautarken Hauses entstand 2004. Leukefeld war damals Projektleiter des „Energetikhaus 100“, einem Gebäude, das sich ganzjährig mit Sonnenenergie beheizt. Nachdem 20 dieser Häuser gebaut wurden, entstand der Gedanke, „konsequenterweise auch die Stromseite zu integrieren“. Mit dieser Idee biss der Solaringenieur bei einigen Hausbauunternehmen, die er ansprach, allerdings auf Granit und bekam Antworten wie „Energieautark? Das brauchen wir in Deutschland nicht“ oder „Wozu? Strom ist doch billig“. Anders die Firma Helma Eigenheimbau. Deren Geschäftsführung bat ihn 2009 um Zusammenstellung eines Expertenteams. Der Projektgruppe unter Leitung von Leukefeld gehörten neben Helma schließlich die Firmen Sunstrom, Anbieter von Photovoltaik-Anlagen aus Dresden, und ACX, Experte für Steuerungstechnik aus Liechtenstein, an.
Das Haus sollte für eine vierköpfige, normal verdienende Familie konzipiert werden. Daher war ein Preis zu erreichen, der deutlich unter dem vergleichbarer Häuser liegt. Leukefeld erzählt von Plusenergiehäusern, deren Baukosten rund eine Million Euro betragen und die dennoch einen Netzanschluss benötigen, denn ihre Jahresbilanz fällt zwar positiv aus, doch in der stromfressenden Heizperiode muss Energie zugekauft werden. Einziger wirklicher Konkurrent im energieautarken Bereich ist das 1992 vom Fraunhofer-Institut entwickelte und in Freiburg gebaute Solarhaus, dessen Baukosten allerdings mit 1,4 Millionen Euro zu Buche schlagen. Aufgrund der beträchtlichen Kosten konnte bislang praktisch keines dieser Häuser verkauft werden.

Einbau des 9 m³ großen Wärmespeichers. Foto: Helma AG

Einbau des 9 m³ großen Wärmespeichers. Foto: Helma AG

„Enttechnisieren“ als Herausforderung

„Wenn viele kreative Köpfe zusammensitzen und all ihr Wissen und ihre Erfahrung einbringen wollen, dann landen wir ganz schnell bei einem für Otto Normalverbraucher unbezahlbaren Haus“, weiß der Projektleiter. Insofern sei das „Enttechnisieren“ eine große Herausforderung während der zweijährigen Forschungsphase gewesen. So wurde das zunächst angedachte kontrollierte Be- und Entlüftungssystem gestrichen und durch Sensoren ersetzt, die gleichzeitig als Brandmelder fungieren und den CO2-Gehalt messen. Wenn Bedarf besteht, wird das Fenster durch einen Motor ein wenig geöffnet und wieder geschlossen, sobald die Luftqualität wieder hergestellt ist.
Die Kernproblematik bestand darin, den Stromverbrauch, der bei einer vierköpfigen Durchschnittsfamilie bei 4.000 bis 5.000 kWh jährlich liegt, dramatisch zu drosseln, denn mit solch hohen Werten wäre eine Autarkie nicht möglich. Die zu erreichenden Einsparungen sollten aber keine negativen Auswirkungen auf die Bewohner und deren Wohlbefinden haben. Auch hier war „Enttechnisierung“ vonnöten, wie Leukefeld erklärt: „Die meisten Wettbewerber sind sicher gescheitert, weil sie die Technik auf diesen durchschnittlichen Verbrauch ausgelegt haben und zusätzlich intelligente Gebäudemanagement-Systeme eingefügt haben. Sie bewirken eine Einsparung von 200 kWh, haben aber einen Eigenverbrauch von bis zu 1.500 kWh. Das zerstört jede Möglichkeit der Eigenversorgung.“

Jahresverbrauch deutlich gesenkt

Am Ende einer einjährigen Experimentierphase gelang es dem Projektteam, den Jahresverbrauch des Versuchshaushalts mit zwei Kindern, die bekanntermaßen energetisch eher verschwenderisch agieren, auf 1.400 kWh zu bringen. Dies wurde dadurch erreicht, dass keine Wärmepumpen eingesetzt werden, die Strom zu Wärme wandeln, die Stromfresser Waschmaschine und Geschirrspüler an das Warmwassersystem angeschlossen wurden, der Standby-Verbrauch durch eine intelligente Regelung heruntergefahren werden konnte und ein sparsames LED-Lichtkonzept integriert wurde. Angesetzt wurde schließlich aber sogar ein Wert von 2.000 kWh. Dieser Puffer ist laut Leukefeld dem „Faktor Angst“ geschuldet. Niemand solle befürchten müssen, im Dunkeln zu sitzen.
Da die Dachflächen begrenzt sind und die Stromabdeckung durch die Photovoltaik 100 Prozent erreichen sollte, waren Abstriche bei der Solarthermie notwendig. Die solare Abdeckung beträgt beim Musterhaus in Lehrte nun 65 Prozent, den Restwärmebedarf im Winter decken höchstens zwei Festmeter Holz ab, die im Wohnzimmerkamin verfeuert werden. Frieren, sagt Leukefeld, müsse im energieautarken Haus niemand. Im Gegenteil. Im Normalfall würden die Menschen heute damit konfrontiert, dass sie sich einschränken und ihre Heizungen drosseln sollten, um Energie zu sparen und das Klima zu schonen. „Im energieautarken Haus habe ich die Energie in meinem Speicher. Kostenlos. Wenn ich es behaglich warm haben will, belaste ich weder mein Portemonnaie noch die Umwelt. Das nenne ich die Möglichkeit des intelligenten Verschwendens. Und da ich den Strom selbst produziere, kann ich nachts mein Elektroauto aufladen und dadurch wieder lustvoll und ohne ein schlechtes Gewissen Auto fahren“, fasst Leukefeld den hohen Komfort zusammen, den das Haus bietet. Die Selbstversorgung geht nämlich so weit, dass es möglich ist, auch die Elektromobilität in zehn Monaten des Jahres abzudecken. Damit sei das Haus auch ein wichtiger Teil der Altersvorsorge, denn sobald es abgezahlt ist, würden die Lebenshaltungskosten um die teuren Faktoren Wohnen, Energie und Kraftstoff entlastet.

Architektur und Vermarktung

Die Geschichte von Helma Eigenheimbau beginnt 1980, als Firmengründer Karl-Heinz Maerzke sich mit drei Mitarbeitern in Hannover der Altbausanierung widmet. Erst Mitte der 1980er Jahre steigt er in das stetig wachsende Eigenheimgeschäft ein. Heute ist die seit 2006 börsennotierte Helma Eigenheim AG mit Sitz in Lehrte im gesamten Bundesgebiet sowie in Luxemburg vertreten. 2011 wurden 170 Mitarbeiter beschäftigt, mehr als 500 Häuser verkauft und ein Umsatz von mehr als 100 Millionen Euro erreicht. Insgesamt hat das Unternehmen bislang mehr als 5 000 Häuser gebaut.
Bereits seit 2007 hat Helma Sonnenhäuser, also sonnenbeheizte Gebäude mit einer solaren Deckung von mindestens 50 Prozent, im Programm. Die Häuser entpuppten sich als Erfolgsmodell, denn innerhalb von fünf Jahren konnten mehr als 70 verkauft werden. Fast genau so viele Einheiten wurden bislang von den zwei Jahre später entwickelten EcoSolar-Häusern umgesetzt. Sie wurden für Bauherren mit einem etwas schmaleren Geldbeutel konzipiert und erreichen eine solare Deckung von mindestens 30 Prozent. Für die Installation der Solartechnik war die Firma Soli fer zuständig. Deren damaliger Geschäftsführer Timo Leukefeld hatte das Hausbauunternehmen auch im Marketing der Sonnenhäuser unterstützt. Als er seine Idee des energieautarken Hauses vorstellte, musste er daher keine große Überzeugungsarbeit bei der Geschäftsführung leisten.

Völlig energieautark: Nachts tanken Elektroautos oder Roller den Sprit zum Nulltarif. Foto: Helma AG

Völlig energieautark: Nachts tanken Elektroautos oder Roller den Sprit zum Nulltarif. Foto: Helma AG

Gerechte Verteilung der Solaranlagen

„Wir haben uns um das Haus und die Gebäudehülle gekümmert“, beschreibt Michael Oppermann die Aufgaben, die Helma in der Projektgruppe für das energieautarke Haus einnahm. Der Architekt ist seit zwölf Jahren im Unternehmen tätig und verantwortet den gesamten technischen Bereich. Er erläutert, dass zunächst die zur Verfügung stehende Dachfläche verteilt werden musste, die sowohl die Solarthermie für Warmwasserbereitung und Heizung als auch die Photovoltaikanlage für die Stromerzeugung beheimatet. Damit die Solarthermie auch die tiefstehende Wintersonne einfangen kann, wäre ein steiles Dach mit einem Neigungswinkel von 68° angebracht, für die Photovoltaik wiederum ist über das Jahr betrachtet ein flacheres Dach sinnvoller. Die Kompromisslösung der Hausbauer bestand schließlich in einer Variante mit zwei Pultdächern und einem Neigungswinkel von 45°. Aus baukonstruktiven Gründen wurde die Solarthermie im oberen und die Photovoltaik im unteren Teil angeordnet.
„Als die Dachfläche ausgerechnet war, mussten wir darunter ein Haus bauen, das heutigen Ansprüchen genügt“, beschreibt Innovationsingenieur Nicolas Rudolph die anschließende Herausforderung. Hierzu nennt er die Belichtung der oberen Räume, denn den Einbau von Dachfenstern ließen die auf der Südseite angebrachten Kollektoren nicht zu. Es galt also, einen Grundriss zu finden, der diese Problematik löst, bei der Raumaufteilung aber die Anforderungen einer vierköpfigen Familie erfüllt. „Ich denke, das ist uns gut gelungen“, sagt Rudolph, der für den Bau des Musterhauses zuständig war.
Immens wichtig ist bei einem auf Sparsamkeit angelegten Haus natürlich eine gute Dämmung. Eingesetzt wurde eine 42 Zentimeter dicke monolithische Wand mit einer Perlit-Füllung und einem U-Wert von 0,18 W/m²K. Damit konnte ein Wert von gut 30 Prozent unter der EnEV 2009, KfW 55 erreicht werden. Auch bei den Fenstern wurden keine halben Sachen gemacht und eine Dreifach-Verglasung inkludiert. Zu guter Letzt mussten auch noch der Langzeitwärmespeicher und die Akkus unterbracht werden. Die Blei-Akkus wurden nach verschiedenen Gedankenspielen neben dem Haus in einer Aluminiumkiste verstaut. Hier sind sie nicht zu warm gelagert, was sich positiv auf ihre Lebensdauer auswirkt. Den neun Kubikmeter großen Wärmespeicher sucht der Besucher des Hauses vergeblich, denn er wurde über beide Etagen hinter einer Halbsteinmauer in der Mitte des Hauses versteckt. Dadurch ist er auch im höchst unwahrscheinlichen Störungsfall relativ leicht zugänglich.

Das energieautarke Haus – Zahlen und Fakten:

Beheizte Wohnfläche: 162 m²
Gebäudenutzfläche nach EnEV: 239,60 m²
Beheiztes Gebäudevolumen: 748,82 m³
Jahresheizwärmebedarf: 38,77 kWh/m²a
Wärmebedarf für Heizung: 9 344 kWh/a
Wärmebedarf für Warmwasser:
3 500 kWh/a
Stromverbrauch: 2 000 kWh/a
Primärenergiebedarf: 5 kWh/m²a (90 % unter EnEV 2009, 80 % unter Passivhaus)
Kollektorfläche: 46 m² (dachintegriertes System)
Dachneigung: 45°
Langzeitwärmespeicher/Schichtspeicher:
9,3 m³
Solare Deckung am Standort Lehrte: 65 %
PV–Modulfläche: 8,19 kWp (58 m², dach­integriertes System)
Erzeugter Solarstrom: ca. 7 500 kWh/a
Stromspeicher: 58 kWh
Mauerwerk: 42 cm monolithische Ziegelwand ohne zusätzliche Dämmung, Perlitfüllung
U–Wert: 0,18 W/m²K
Kosten: 380 000 Euro (schlüsselfertig)

www.helma.de

Obertes Gebot ist die Bezahlbarkeit

Mit einem Preis von 380.000 Euro ist das energieautarke Haus mit 162 m2 Wohnfläche gut 100.000 Euro teurer als ein vergleichbares Standardhaus. Die Anbieter gehen davon aus, dass sich diese Mehrkosten je nach Energiepreisentwicklung innerhalb von dreizehn bis 17 Jahren amortisiert haben werden. Dass bislang erst zwei Häuser verkauft worden sind, beunruhigt die Verantwortlichen bei Helma nicht. Denn auch der gegenüber vergleichbaren Häusern niedrige Preis muss von der Zielgruppe, jungen Familien mit Kindern, erst einmal finanziert werden. Darüber hinaus kommen je nach Standort noch beträchtliche Kosten für ein Grundstück hinzu. Das muss zudem noch einige Anforderungen erfüllen, beispielsweise eine Mindestgröße von 500 m2 haben, verschattungsfrei und nach Süden ausgerichtet sein. „Eine Abweichung in Ost-West-Richtung von bis zu 30° ist möglich, wenn die in den Bebauungsplänen vorgegebenen Firstrichtungen aber darüber liegen, ist das Grundstück nicht geeignet“, erklärt Oppermann. Nachdem zahlreiche Interessenten das Musterhaus besichtigt haben, rechnet der Technische Leiter noch in diesem Jahr mit weiteren Verkäufen.
Darüber hinaus bezeichnet Oppermann das energieautarke Haus als Prestige-Objekt mit Signalwirkung: „Wenn Interessenten sehen, dass wir ein solch raffiniertes Projekt umsetzen können, dann müssen wir sie nicht mehr von der Qualität unserer Standard-Häuser überzeugen.“ (Titelfoto: Helma AG) ■

WEGWEISER: Interview mit Prof. Leukefeld

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