Ordnung ist das halbe Berufsleben

Ordnung ist das halbe Berufsleben

von Ute Schroeter und Nicole Puscz

Die meisten Architekten und Bauingenieure starten als Angestellte ins Berufsleben. Damit bleibt ihnen – anders als bei Selbständigen – ziemlich viel Bürokratie erspart. Dennoch müssen auch Angestellte den einen oder anderen „Papierkram“ meistern.

Aufräumen!

Foto: Marisa_Sias/pixabay.com

ORDNUNG

Die Verzettelungsgefahr ist groß, denn das Finanzamt, die Bundesagentur für Arbeit oder die Versicherungen schicken wichtige Unterlagen immer noch auf Papier per Post. Auch die monatlichen Gehaltsabrechnungen, die man unbedingt aufbewahren sollte, um beispielsweise Rentenansprüche nachweisen zu können, werden in Papierform an Angestellte und Mitarbeiter ausgehändigt. Anfangs mögen die Stapel an unsortierten Bescheiden und Policen noch wenig Eindruck erwecken, können aber spätestens beim Erstellen der ersten Einkommensteuererklärung zum unbezwingbaren Gegner werden. Wo ist der Versicherungsschein für die Berufsunfähigkeit und wo verflixt der letzte Bescheid vom Finanzamt, aus dem die Steuernummer hervorgeht? Deshalb: Halten Sie Ordnung, und zwar konsequent von Anfang an. Ordnung halten ist eigentlich ganz einfach und fällt vielen von uns dennoch schwer: Jeder Zettel, jedes Dokument braucht seinen Platz. Die erste Herausforderung besteht darin, jedem Stück Papier einen solchen Platz zuzuweisen, und zwar so, dass man alle Dokumente später schnell wiederfindet. Bewährt haben sich ordnende Systeme, wie Aktenordner mit Trennblättern. Im Ordner „Versicherungen“ können Sie beispielsweise sämtliche Versicherungsunterlagen abheften. Da Sie es mit ziemlich vielen Versicherungen zu tun bekommen werden, sollten Sie jeden Vorgang mit beschrifteten Trennblättern unterteilen, auch dann, wenn Sie bei einem Anbieter mehrere Verträge haben. Achten Sie auf einen übersichtlich beschrifteten Ordnerrücken mit Angaben zu Inhalt und Jahreszahl. Beschriften Sie ruhig mit der Hand – das geht schneller als gedruckt. Wer dazu immer denselben Stift verwendet und die Beschriftung immer gleich anordnet, schafft auch rein äußerlich einen ordentlichen Eindruck im heimischen Regal.

Die zweite Herausforderung liegt darin, sich die Zeit zum Aufräumen zu nehmen. Nach der Arbeit hat man verständlicherweise wenig Lust, Papierberge zu bändigen. Am besten lassen sich diese zähmen, wenn man sie erst gar nicht wachsen lässt. Briefe also immer sofort öffnen, gegebenenfalls den Vorgang erledigen und danach gleich abheften.

VERSICHERUNGEN

Krankenversicherung

In Deutschland gilt Krankenversicherungspflicht, das heißt, jeder – egal ob abhängig beschäftigt oder selbständig – muss sich selbst ausreichend krankenversichern. Das ist gesetzlich
vorgeschrieben. Die studentische Krankenversicherung endet mit dem Ende des Semesters, in dem man exmatrikuliert wurde. Dann meldet sich normalerweise die Krankenversicherung und bietet eine „freiwillige Versicherung“ an. Der Beitrag errechnet sich grundsätzlich aus den aktuellen Einnahmen. Hat der Betroffene keine oder nur geringe Einnahmen, wird der Beitrag nach der sogenannten Mindestbemessungsgrenze berechnet, die jedes Jahr vom Gesetzgeber einheitlich für alle Krankenkassen festgesetzt wird.

Wer in einem Anstellungsverhältnis steht, wird normalerweise gesetzlich versichert. Die Wahl zwischen gesetzlicher und privater Krankenversicherung haben nur Beamte, Selbständige – Freiberufler oder Gewerbetreibende – und Angestellte, deren Einkommen über der „Versicherungspflichtgrenze“ von 52.200 Euro im Jahr liegt. Für die anderen, die „Pflichtversicherten“, ist grundsätzlich die gesetzliche Krankenkasse zuständig. Den Anbieter darf man selbst auswählen, Sie müssen nur Ihren Arbeitgeber über Ihre Wahl in Kenntnis setzen. Den Beitrag teilen sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Die Höhe richtet sich nach Ihrem Bruttogehalt, momentan liegt der Arbeitnehmeranteil zur Krankenversicherung bei 7,3 Prozent.

Da die gesetzlichen Krankenversicherungen in der Gestaltung der Leistungen an das Sozialgesetzbuch gebunden sind, fallen rund 95 Prozent der Leistungen bei allen Kassen gleich aus, dazu zählen unter anderem Behandlungen im Krankenhaus, Behandlungen beim Zahnarzt, Leistungen für Kinder sowie Heilmittel und Hilfsmittel. Seit 2015 erheben die Krankenkassen einen Zusatzbeitrag zwischen 0 und 1,3 Prozent. Die Höhe darf jede Kasse selbst festlegen. An dieser Stelle stehen die Kassen also im Wettbewerb, daher lohnt sich ein Vergleich auch bei der gesetzlichen Versicherung. Denn der Arbeitgeber muss sich lediglich am gesetzlichen Krankenkassenbeitrag von 14,6 Prozent zur Hälfte beteiligen. Für den Zusatzbeitrag kommt der Versicherte selbst auf.

Haftpflichtversicherung

Bei der Haftpflichtversicherung muss man unterscheiden zwischen der privaten und der Berufshaftpflichtversicherung. Die private Haftpflichtversicherung zahlt, wenn der Versicherte einen anderen schädigt. Fachleute halten sie für absolut notwendig, weil beispielsweise die Kosten eines Personenschadens den Verursacher finanziell ruinieren können: Schmerzensgeld, Behandlungs- und Pflegekosten sowie der behindertengerechte Umbau einer Wohnung können sich auf Millionen summieren. Die Stiftung Warentest rät dringend zur privaten Haftpflichtversicherung mit einer Versicherungssumme von mindestens drei Millionen Euro pauschal für Personen- und Sachschäden. Die Berufshaftpflichtversicherung für Architekten und Ingenieure ist nur für Selbständige relevant. Angestellte sind automatisch über ihren Arbeitgeber mitversichert, müssen sich also darum nicht kümmern. Ein Sonderthema, das für viele Absolventen eine Rolle spielen kann, ist die „freie Mitarbeit“. Sonderklauseln, dass freie Mitarbeiter unter die Versicherung des Büros „unterschlüpfen“ können, existieren zwar, bergen aber auch Gefahren. Wenn Sie eine freie Mitarbeit planen, lesen Sie dazu unbedingt unser Kapitel „Existenzgründung“.

Unfallschutz

Ein Teil des deutschen Sozialversicherungssystems ist die gesetzliche Unfallversicherung – getragen durch die verschiedenen Berufsgenossenschaften. Angestellte sind über ihren Betrieb automatisch in der Berufsgenossenschaft pflichtversichert. Sie sind dann bei allen betrieblichen Tätigkeiten gegen die Folgen von Arbeitsunfällen, Wegeunfällen (auf dem Weg von und zur Arbeit) und Berufskrankheiten abgesichert. Behandlungskosten nach einem Unfall werden von der Krankenversicherung bezahlt, aber nicht alle Maßnahmen übernehmen die Krankenkassen, im Gegensatz zu den Berufsgenossenschaften, die normalerweise alle medizinisch nötigen Behandlungen und Rehabilitationsmaßnahmen tragen. Im schlimmsten Fall zahlen die Berufsgenossenschaften auch Invaliditäts- bzw. Hinterbliebenenrente. Sie decken allerdings ausschließlich Unfälle und Erkrankungen ab, die direkt mit der Arbeit zusammenhängen – Freizeitunfälle natürlich nicht.

Berufsunfähigkeitsversicherung

Wer aufgrund einer beruflich bedingten Krankheit oder eines Unfalls berufsunfähig wird und in der Berufsgenossenschaft (freiwillig) versichert ist, bekommt eine Invaliditätsrente. Die Erwerbsminderungsrente aus der gesetzlichen Rentenversicherung kommt nur in ganz seltenen Fällen zum Tragen und reicht meistens kaum aus, um den Lebensstandard zu halten. Berufsunfähigkeit ist über die gesetzliche Rentenversicherung seit 2001 gar nicht mehr abgedeckt. Private Versicherungsunternehmen bieten Berufsunfähigkeitsversicherungen an, die unabhängig vom Grund der Berufsunfähigkeit, also beispielsweise auch nach Freizeitunfällen, zahlen. Sie sind für Angestellte wie für Selbständige interessant. Eine Berufsunfähigkeitsversicherung greift, wenn man nicht mehr im erlernten oder vorwiegend ausgeübten Beruf arbeiten kann, und das unabhängig davon, ob in einem anderen Beruf gearbeitet wird – es sei denn, im Vertrag gibt es eine Klausel über die „abstrakte Verweisung“, denn das würde bedeuten, dass die Versicherung die Leistungen verweigern kann, wenn man in einem anderen Beruf arbeitet. Nur noch wenige Versicherungen haben diese – für den Versicherungsnehmer ungünstige – Klausel, die Vertragsbedingungen sollten also genau gelesen werden. Die Höhe der Leistungen kann individuell festgelegt werden, hat aber Auswirkungen auf die Beitragshöhe, die auch risiko- und altersabhängig ist. Weil die Beitragshöhe sich auch nach dem Eintrittsalter richtet, ist es besonders für junge Menschen sinnvoll, eine Berufsunfähigkeitsversicherung abzuschließen. Sie sollte so abgeschlossen werden, dass im Schadensfall die Rente bis zum Eintritt in das Rentenalter gezahlt wird. Auch hier ist es sinnvoll, vergleichbare Angebote verschiedener Versicherungsunternehmen einzuholen und zu vergleichen.

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Die Berufshaftpflichtversicherung ist ein wichtiger Baustein für Ihre Karriere. Wir unterstützen Sie von Beginn an mit dem höchsten Berufseinsteiger-Bonus und langsam anpassenden Beiträgen. Wir geben Ihnen aber noch weitere wichtige Hilfestellungen.

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DIE ERSTE STEUERERKLÄRUNG

Müssen Arbeitnehmer eine Steuererklärung abgeben? In vielen Fällen sind sie nicht dazu verpflichtet, es sei denn, sie gehören beispielsweise einer bestimmten Steuerklasse an oder beziehen Nebeneinkünfte wie Mieten oder Honorare. Selbständige müssen grundsätzlich eine Steuererklärung abgeben. Aber auch Arbeitnehmer, Studenten oder Jobsuchende sollten sich freiwillig die Mühe machen, denn häufig winkt eine Rückerstattung vom Finanzamt, natürlich nur, wenn man bereits Steuern gezahlt hat. Wer Einkünfte unter dem gesetzlichen Freibetrag erzielt hat (2017: 8.820 EUR), bekommt bereits gezahlte Steuern auf jeden Fall zurück. Höhere Einkünfte können durch Abzug von beispielsweise Werbungskosten gesenkt werden. Wichtig: Sie müssen dem Finanzamt gegenüber belegen können, dass Ihnen die Rückerstattung zusteht. Deshalb gewöhnen Sie sich gleich zu Anfang des Berufslebens an, relevante Belege zu sammeln, um sie beim Finanzamt einreichen zu können.

Über „Elster“ (www.elster.de), das offizielle Programm der Finanzverwaltung von Bund und Ländern, erhalten Sie sämtliche Formulare. Sie können Ihre Steuererklärung nach Registrierung bei Elster auch elektronisch abgeben, meist wird diese sogar schneller bearbeitet. Mittlerweile gibt es auch vereinfachte Steuererklärungsbögen für Arbeitnehmer. Bei der ersten Steuererklärung das Feld „Steuernummer“ freilassen. Die Steueridentifikationsnummer finden Sie später auf dem Lohnsteuerbescheid. Zur Erstellung Ihrer Steuererklärung brauchen Sie:

  • Persönliche Daten: Name, Adresse, Geburtsort,
  • Steuernummer, Steueridentifikationsnummer etc.
  • Einkommensnachweise (Lohnsteuerbescheinigung,
  • Bescheinigung über Arbeitslosengeld, Kindergeld,
  • Elterngeld, Abfindungen, Insolvenzausfallgeld etc.)
  • Eventuell Bescheinigungen für Anlage Kind (Schulgeld,
  • Kinderbetreuungskosten, Kranken- und Pflegeversicherungs- beiträge, Ausbildungsbescheinigung, BAföG-Bescheid etc.)
  • Belege für Werbungskosten (Fortbildung, Arbeitsmaterial,
  • Reise- und Umzugskosten, Bewerbungskosten etc.)
  • Belege für Sonderausgaben (Unfall-, Haftpflicht-, Lebens- und Rentenversicherungsbeiträge, Kranken- und
  • Pflegeversicherung, Spenden etc.)
  • Belege für außergewöhnliche Belastungen
  • (Krankheitskosten, Haushaltshilfe etc.)

Diese Kosten lassen sich absetzen:

Werbungskosten:

Alle Kosten, die mit dem Beruf oder der Ausbildung zusammenhängen, von Kosten für Bewerbung über Fahrtkosten und Umzugskosten bis hin zu Fortbildungen. Vom Finanzamt werden jährlich 1.000 Euro automatisch als Arbeitnehmerpauschbetrag berücksichtigt. Bei höheren Kosten lohnt es sich, die entsprechenden Belege zu sammeln und einzureichen.

Sonderausgaben:

Dazu zählen Beiträge für die Altersvorsorge, Beiträge zu der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung, zur Rentenversicherung, aber auch Spenden. Wenn Sie keine genauen Angaben zu der Höhe der Ausgaben machen, rechnet das Finanzamt pauschal 36 Euro an.

Außergewöhnliche Belastung:

Krankheitskosten (Arztkosten, Zuzahlung für Medikamente, Brille etc.), Unterhaltskosten und Katastrophenschäden fallen unter den Begriff der außergewöhnlichen Belastung. Wie viel davon angerechnet wird, hängt von der Höhe des Einkommens, dem Familienstand und der Anzahl der Kinder ab.

Steuerermäßigungen:

bekommen Sie für alle Handwerksarbeiten und Dienstleistungen, die rund um den Haushalt anfallen. Dazu gehören beispielsweise Kosten für Maler, Heizungswartung, aber auch Kosten für Haushaltshilfen. Bei einem Umzug summieren sich die Kosten für Handwerker und Dienstleistungen enorm. Hier also unbedingt die entsprechenden Nachweise sammeln.

Ausritt in die Architektur des Geldes

Der DAX ein Tier? Der Immobilienfonds eine hausgemachte Bratensoße? Die meisten Menschen verstehen von der Finanzwelt so wenig wie ein Bär von der Baisse. Trotzdem sollen wir fürs Alter sparen, sagen die Politiker. Als TALIS-Autorin Ute Schroeter vor 15 Jahren in den Beruf einstieg, fühlte sie sich verloren zwischen Riester, Rürup und Rendite. Ein Beitrag für alle, denen es genauso geht.

Auf einen Blick: Finanztipps für Berufsanfänger

  • Reihenfolge beachten: Erst versichern, dann vorsorgen
  • Strikte Trennung: Versichern bei der Versicherung, Sparen bei der Bank
  • Schlau machen: Unabhängigen Berater suchen (zu finden bei den Verbraucherzentralen und bei Stiftung Warentest)
  • Kostenlose Beratung gibt es nicht: Wachsamkeit bei Bank- und Versicherungsberatern
  • Einfache Faustregeln: Je höher die Rendite, umso riskanter ist ein Produkt
  • Niemals nur auf ein Pferd setzen: Wer sichere und renditeträchtige Produkte mischt, mindert das Risiko und erhöht die Chancen auf eine gute Rendite
  • Pläne schmieden: Was will ich? Wie risikobereit bin ich?
  • Als verbraucherfreundliche Finanzprodukte für die Altersvorsorge gelten Riesterbanksparpläne und ETFs

Schon damals, als ich mit 24 in einem Ingenieurbüro anfing, flötete es von allen Seiten: „Fürs Alter sparen. Versichern. Riester. Rürup. Fondsparen. Altersarmut…“ Ein Leben ohne Bausparvertrag muss böse enden, sagte mir mein Gefühl. Da sich mein Finanzwissen auf die Funktion eines Sparbuchs beschränkte, ließ ich sie eintreten in meine Kleinsparerwelt: die Finanz- und Versicherungsberater. Die meinen es gut mit dir, glaubte ich. Schließlich gehöre ich als Bauschaffende selbst einem Beruf an, der anderen Ratschläge gibt, von denen sie – wenn wir unseren Job gut machen – profitieren. Also vertraute ich jenen, die mir immer freundlich lächelnd Fragen zu Kontostand und Vermögen stellten, die meine Akten mit bereits geschlossenen Lebens-, Riester- und Haftpflichtversicherungen durchwühlten, um mir mit sorgenvoller Miene zu eröffnen, dass noch diese oder jene Lücke geschlossen werden muss, sonst..! Lange spielte ich mit beim Spiel mit der Angst um meine Zukunft. Ich unterschrieb und zahlte, Monat für Monat und trotzdem blieb eine bange Frage: Was passiert da eigentlich mit meinem Geld? Ich wusste es nicht. Auf Nachfragen bekam ich Antworten wie diese: „Derivate sind von der Wertentwicklung von Futures, Optionen oder Swaps abhängig.“ Aha…

Heute, mit 41, bin ich wieder Alleinherrscherin über mein Geld. Meine Macht speist sich aus Wissen. Mittlerweile landet der Wirtschaftsteil der Süddeutschen Zeitung nicht mehr ungelesen im Papierkorb, hier habe ich schon so manchen guten Geldtipp gefunden. Ich kaufe nur noch Produkte, die ich verstehe. Rat hole ich mir von denen, die den Titel Berater tatsächlich verdienen, ich habe sie bei Stiftung Warentest und bei der Verbraucherzentrale gefunden. Finanzberater von Versicherungen und Banken zähle ich nicht dazu, die nennt man in Wirklichkeit Verkäufer. Mein Tipp: Kümmern Sie sich – und nur Sie – um Ihr Geld! Dafür brauchen Sie kein BWL-Studium, sondern Wissen!

Die Finanzwelt auf Pferdisch

Der Markt bietet eine Fülle von Finanzprodukten für die Altersvorsorge – von der Riester- über die Rüruprente, von Investmentfonds bis zu Staatsanleihen, Zertifikaten und Aktien. Es gibt riskante und sichere, renditestarke und -schwache, teure und kostenlose Produkte. Wie soll man sich in diesem Wust zurechtfinden?

Im ersten Schritt müssen Sie die Wesenszüge der einzelnen Finanzprodukte verstehen. Stellen Sie sich eine Herde Pferde vor, ein jedes läuft mit einem Bündel Geld auf dem Rücken einen Berg hinauf und steigert damit den Wert Ihres Vermögens. Jedes Pferd hat ein eigenes Temperament und Tempo. Die Sparbücher, Tagesgeldkonten, Sparbriefe und Festgelder sind die gemütlichen Brauereipferde, die so gut wie nichts umhauen kann. Allen Turbulenzen an den Börsen zum Trotz trotten sie nach oben.

Langsam aber stabil: Die gemütlichen Ackergäule verhalten sich wie Sparbücher, Festgeld- oder Tagesgeldkonten.  Foto: Pixabay

Langsam aber stabil: Die gemütlichen Ackergäule verhalten sich wie Sparbücher, Festgeld- oder Tagesgeldkonten.
Foto: Pixabay

Da wir uns derzeit in einer Niedrigzinsphase befinden, laufen die Sparbuchpferde allerdings extrem langsam, mehr als ein Prozent Zinsen pro Jahr für Tagesgeldkonten ist im Moment nicht drin, für Festgelder, die wie der Name schon sagt, mehrere Jahre festgelegt sind, gibt es im besten Fall zwei Prozent. Es kann sogar zu einer Rückwärtsbewegung kommen. Allen Pferdchen bläst stets ein mehr oder weniger kräftiger Gegenwind ins Gesicht und der heißt Inflation. Die Inflationsrate, die den Kaufkraftverlust widerspiegelt, liegt in Deutschland derzeit bei 1,3 Prozent. Es gab Zeiten, da lag sie bei vier Prozent. Wenn nun die Inflationsrate die Sparzinsen übersteigt, sinkt der Wert des Geldes und das Pferd geht rückwärts. In der Vergangenheit wechselten Niedrig- und Hochzinsphasen einander ab, es ist also sehr wahrscheinlich, dass die Sparbuchpferde schon bald wieder schneller laufen. Ihre Stärke ist eindeutig ihre Stabilität und Sicherheit, außerdem ist ihre Anschaffung in der Regel kostenlos. Deutsche Spareinlagen sind gesetzlich geschützt, im Falle einer Bankenpleite bekämen Sparer 100.000 Euro über den Einlagensicherungsfonds zurück. Viele Banken in der Eurozone haben Sicherungssysteme über noch höhere Beträge.

Tipp
Es gibt eine einfache Methode, um das Risiko der verschiedenen Fi­nanz­pro­dukte mit einem Blick ab­zu­schätzen: Je mehr Ren­dite, umso höher ist in der Re­gel das Ri­siko. Bei Zins­ver­spre­chen von mehr als drei Prozent soll­ten Sie die Zü­gel anziehen, in der der­zei­tigen Nie­drig­zinsphase ste­cken da­hinter mit großer Wahr­schein­lich­keit riskante Wendemanöver.

Die kapitalbildenden Lebensversicherungen, Riester- und Rüruprenten gehören ebenfalls der Gattung der Brauereipferde an. Sie heißen Versicherung, weil sie Ihnen einen bestimmten Betrag im Alter garantieren, wie hoch dieser Betrag ausfällt, aber ist ungewiss. Abgesehen von der Sicherheit, dass in der Zukunft ein Betrag x ausgezahlt wird, sind Lebensversicherungen nichts weiter als Sparprodukte mit bestimmtem Zinssatz. Die Riesterrente wird durch staatliche Zuschüsse gefördert, bei der Rüruprente winken Steuervorteile. Die Lebensversicherer haben aufgrund der niedrigen Zinsen momentan enorme Probleme, den Versicherten die Garantie-Summen auszuzahlen. Großes Manko der Versicherungspferde: Sie sind unberechenbar, die meisten von ihnen teuer. Neben der Inflation rauben Gebühren und Abschlussprovisionen dem Pferdchen die Kraft.

Fonds: Die Wertpapier-Fertigmischung der Börse

Zu den Renn- und Springpferden zählen Wertpapiere, die dem Auf- und Ab der Börse unterliegen, zum Beispiel Aktien und alle Arten von Investmentfonds. Sie können, wenn es an der Börse gut läuft, hohe Sprünge machen und damit eine hübsche Rendite erwirtschaften, doch es besteht immer die Gefahr, dass sie stolpern oder sich sogar die Beine brechen. Allerdings gibt es auch unter den Rennpferden solche und solche. Aktien können an einem Tag zehn Prozent steigen oder fallen. Es geht auch noch schlimmer: Die einst so vielbeworbene Telekom-Aktie verlor zwei Drittel ihres ursprünglichen Wertes. Bei Investmentfonds sind die Schwankungen geringer, auch ein Total-Absturz ist sehr unwahrscheinlich. Das Risiko ist begrenzt, weil Investmentfonds Fertigmischungen aus Brauerei-, Renn- und Springpferden sind. Die Brauereipferde, beispielsweise in Form von sicheren Staatsanleihen, stabilisieren die Herde, sie mildern den Sturz von gestrauchelten Kandidaten. Die Renn- und Springpferde wiederum treiben die Gruppe zur Eile.

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Springpferde machen hohe Sprünge, können sich dabei aber die Beine brechen. Ähnlich verhalten sich Aktien oder Fonds, die zwar mehr Rendite, dafür aber auch Verluste einfahren können.
Foto: Pixabay


Man unterscheidet zwischen aktiv und passiv gemanagten Fonds. Aktiv bedeutet, dass ein Fondsmanager die Herde zusammen stellt und wie ein Dompteur regelmäßig schwache gegen stärkere Pferde austauscht. Der Fondsmanager lässt sich seine Dienste bezahlen, für aktiv gemanagte Fonds fallen meist fünf Prozent des Kaufpreises als Ausgabeaufschlag an, darüber hinaus sind jährliche Gebühren zu zahlen, manchmal auch Erfolgsprämien. Beim passiv gemanagten Fonds, auch ETF (Exchange Trades Funds) genannt, kann sich die Fondsgesellschaft, die den ETF herausgibt, den Dompteur sparen, sie muss sich nämlich nur hinsetzen und abschreiben.

Tipp
Die große Stärke von Fonds ist na­tür­lich die Si­cher­heit. Ein Einzel­fonds kann über 50 An­tei­le verschiedener Unternehmen oder Branchen in sich vereinen. Nach­teil da­bei ist: Sie wissen nicht, was mit Ih­rem Geld passiert. Wer­den damit Waf­fen fi­nan­ziert oder Roh­stof­fe unter men­schen­un­wür­digen Be­din­gungen ge­wonnen? Das lässt sich bei Fonds kaum kon­trol­lieren. Eine Ein­zel­aktie kann zwar in negativer als auch positiver Rich­tung stark schwan­ken, je­doch: Ak­tio­näre sind im Bil­de, wo ihr Geld liegt und sie können es ihren persönlichen Wert­vor­stel­lungen entsprechend steuern. Allerdings muss man sich Aktien leisten können. Fi­nanz­ex­perten raten, min­des­tens 2.500 Euro pro Ein­zel­aktie zu investieren.

Ein ETF ist die Kopie einer bereits existierenden Herde, das kann zum Beispiel der Deutsche Aktien Index DAX sein. Zur 30 PS starken DAX-Herde gehören Zugpferde wie Siemens, Telekom oder HeidelbergCement. Ein ETF, der sich am DAX orientiert, kopiert die Herde, indem er mit dem Geld der Anleger gleichmäßig Anteile aller 30 im DAX vertretenen Unternehmen kauft. Ein ETF reitet auf der Welle seiner Kopiervorlage mit. Er steigt, wenn der DAX steigt und umgekehrt. Wegen des geringen Aufwands für die Fondsgesellschaft sind ETFs günstig zu haben. Die Stiftung Warentest hält sie für ein sehr verbraucherfreundliches Produkt, wegen der niedrigen Kosten schneiden sie oft sogar besser ab als aktiv gemanagte Fonds. Weiterer Vorteil: Alle Arten von Investmentfonds unterliegen zwar den Schwankungen der Börse, aber das Geld der Anleger ist als Sondervermögen bei der Bank geschützt, es ist im Falle einer Bankenpleite also nicht komplett weg. Bei Zertifikaten und Anleihen ist das anders. Beim Crash der Lehman-Brother-Bank hatten einige deutsche Sparer ihre komplette Altersvorsorge in Zertifikate gesteckt, viele sahen davon nichts wieder.

Wollen Sie Miteigentümer oder Gläubiger sein?

Sparer können entscheiden, ob sie ihr Geld verleihen oder investieren wollen. Auf „Pferdisch“ übersetzt heißt das: Bei Aktien oder Investmentfonds kaufen Sie Anteile von Unternehmen. Ihnen gehört sozusagen ein Teil vom Ohr oder vom Schwanz des Pferdes. Neben einer möglichen Wertsteigerung Ihrer Anteile werden Sie am Gewinn des Unternehmens beteiligt und zwar in Form von so genannten Dividenden, die mal mehr oder weniger hoch ausfallen, in schlechten Jahren auch gar nicht gezahlt werden.
Bei Sparbüchern, Anleihen oder Zertifikaten spielen Sie die Rolle des Gläubigers: Sie leihen dem Pferdebesitzer Geld – das kann eine Bank, ein Unternehmen oder ein Staat sein. Als Gegenleistung erhalten Sie Zinsen. Im Fall einer Pleite sehen Sie Ihr Geld meist nicht wieder, Ausnahmen bilden natürlich Festgelder oder Sparbücher. Daher müssen Sie sich gut überlegen, wem Sie Geld leihen. Es ist recht unwahrscheinlich, dass der deutsche Staat Pleite geht, bei griechischen Anleihen sollte man sich da nicht so sicher sein.

Eine starke Herde besteht aus langsamen und sicheren und schnellen sprunghaften Pferden. Gleiche Regel gilt bei der Altersvorsorge. Foto: Pixabay

Eine starke Herde besteht aus langsamen und sicheren und schnellen sprunghaften Pferden. Gleiche Regel gilt für´s Geld.
Foto: Pixabay

Reihenfolge beachten: Erst versichern, dann sparen

Experten sind sich einig, dass die gesetzliche Altersvorsorge nicht reichen wird, um im Alter sorgenfrei leben zu können. Das ist sicherlich richtig, für Berufseinsteiger aber gilt: Erst versichern, dann vorsorgen. Investieren Sie Ihr erstes selbst verdientes Geld also nicht in einen Riestervertrag, sondern in Versicherungen, die Ihre Existenz, die Ihres Ehepartners und Ihrer Kinder schützen, dazu gehört die Berufsunfähigkeits- und die Haftpflichtversicherung. Im zweiten Schritt sollten Sie sparen, zunächst bis zu drei Nettomonatsgehälter, um flüssig zu sein, wenn das Auto oder die Waschmaschine kaputt geht. Als Verwahrort unbedingt ein sicheres Produkt wählen, zum Beispiel ein Tagesgeldkonto, das die meisten Banken kostenlos anbieten und für das es im Gegensatz zum Girokonto Zinsen gibt. Ist dann noch ein Hunderter übrig, kann die Altersvorsorge dran kommen. Wenn nicht, bloß nicht drängeln lassen. Sie haben Zeit.

Guter Rat ist nicht teuer – schlechter aber schon

Lassen Sie sich nicht blenden von den „kostenfreien“ Beratungsangeboten bei Banken und Versicherungen, die sind alles andere als umsonst. Wenn Sie Pech haben, fressen Ihnen die Abschlussgebühren die Förderbeiträge aus einer Riester-Förderung und Renditen der ersten Jahre komplett weg, das kann locker ein vierstelliger Betrag sein. Besser ist es, sich unabhängigen Rat zu holen. Bei den Verbraucherzentralen nimmt sich ein Finanzexperte eine bis anderthalb Stunden Zeit, um Ihre Situation zu beleuchten und Ihnen passende Produkte zu empfehlen. Ob Sie diese dann kaufen oder nicht, macht für einen unabhängigen Berater keinen Unterschied, daher wird er Sie nicht zu einer Entscheidung drängen. Dass eine unabhängige Beratung Geld kostet, werden Architekten und Bauingenieure gut nachvollziehen können, ihr Know-how ist ja schließlich auch nicht zum Nulltarif zu haben. Die Verbraucherzentralen nehmen um die 100 Euro pro Gespräch. Ein guter Ratgeber ist auch die Stiftung Warentest, die anhand ihrer Vergleichstests überteuerte Finanzprodukte und Versicherungen gnadenlos entlarvt.

Altersvorsorge: Sparen ist oft besser

Sparen und Versichern wird oft mit einander verquickt, in Form von kapitalbildenden Lebensversicherungen zum Beispiel. Mischprodukte sind meistens teuer. Deshalb: Wenn Sie sparen wollen, wählen Sie ein Sparprodukt, wenn Sie Risiken absichern wollen, schließen Sie eine Versicherung ab. So einfach ist das.
Wer fürs Alter vorsorgen will, sollte lieber Sparen anstatt sich zu versichern, raten Verbraucherschützer, denn mit einer Rentenversicherung gehen Sie die Wette auf ein langes Leben ein. Die Rentenversicherung garantiert zwar einen bestimmten monatlichen Betrag im Alter, gewonnen haben Sie aber nur, wenn Sie mindestens Neunzig werden. Wenn nicht, bekommt bestenfalls Ihr Ehepartner ein Teil als Rente – Ihre Kinder gehen leer aus. Schlägt das Schicksal böse zu, können Sie das Vermögen, das in Wertpapieren angelegt ist, beliebig verwenden – auch für eine Weltreise. Viele wissen nicht, dass sie die Entscheidung für eine lebenslange Rente auch erst in der Zukunft treffen können. Wenn Sie mit 65 die Gene einer Galapagos-Schildkröte in sich spüren, können Sie Ihr bis dahin angespartes Vermögen bei einer Versicherung in eine Sofortrente investieren. Das sagt Ihnen nur keiner…

Pferde brauchen Futter und Pflege. Bei der Geldanlage sollten Sie sich Wissen anfuttern - damit Sie die Zügel in der Hand behalten. Foto: Pixabay

Pferde brauchen Futter und Pflege. Bei der Geldanlage sollten Sie sich Wissen anfuttern – damit Sie die Zügel in der Hand behalten.
Foto: Pixabay

Geheimtipps: Riesterbanksparplan und ETFs

Viele Angestellte „riestern“ heutzutage, die meisten über eine Riester-Rentenversicherung. Auch ich schloss eine Förderrente ab, im festen Glauben, dass es gar keine Alternativen dazu gibt. Irrtum. Es gibt Riesterbanksparpläne, die so gut wie kostenlos und äußerst flexibel sind. Kein Wunder, dass ich davon nichts wusste, denn das Produkt ist so verbraucherfreundlich, dass die Banken dafür keine Werbung machen. Da sich kaum etwas mit Riesterbanksparplänen verdienen lässt, werden sie nur von sehr wenigen Geldinstituten angeboten. Welche das sind, erfahren Sie bei der Stiftung Warentest (www.test.de). Den Einwand, es gäbe darauf ja nur mickrige Zinsen, können Sie getrost vergessen. Gute Riesterbanksparpläne passen sich dem aktuellen Zinsniveau an. Ihre Einzahlungen sowie die Förderbeiträge von bis zu 154 Euro pro Jahr für Kinderlose (pro Kind gibt es 300 Euro pro Jahr dazu) werden auf einem Sparbuch gut geschrieben. Ihr Geld ist sicher angelegt, trotzdem können Sie es jederzeit abrufen, für eine Immobilie verwenden oder in ein lukrativeres Produkt investieren. Wenn Sie das Vermögen nicht für die Altersvorsorge verwenden, müssen Sie allerdings die Förderbeiträge zurückbezahlen.
Finanzexperten sind sich einig, dass gerade junge Menschen bei der Altersvorsorge risikoreichere Produkte einkalkulieren sollten, da sie über lange Sicht eine bessere Rendite bringen. Eines aber darf man niemals tun: Sein Geld nur auf ein Pferd setzen. Die oben beschriebenen ETFs halten Verbraucherschützer für eine gute Möglichkeit, auch als Kleinanleger vom Börsenaufwind zu profitieren. Bei Direktbanken, die ihr Geschäft größtenteils online abwickeln, sind ETF-Sparpläne mit monatlichen Sparraten von 25 Euro aufwärts erhältlich. Über geeignete ETFs informiert die Stiftung Warentest. Wichtig bei allem aber ist und bleibt: Sie entscheiden. Mit solidem Wissen über die fremde Welt der Finanzen können Sie darauf vertrauen, das Richtige zu tun. ■

Schutzschild vom Boss mit Pferdefüßen

Die Berufsunfähigkeitsversicherung gilt als eine der wichtigsten Versicherungen für Arbeitnehmer, denn sie schützen vor dem Risiko, nicht mehr arbeitsfähig zu sein. Auch Architekten und Bauingenieure, die den Gefahren auf Baustellen ausgeliefert sind, sollten eine solche Police abschließen. Bei Vorerkrankungen ist das jedoch schwierig – entweder die Versicherungen schließen bestimmte Erkrankungen aus oder die Beiträge steigen in schwindelerregende Höhen. Nun soll ein von der Zurich Versicherung vorgestelltes Modell diese Lücke schließen. Ohne Gesundheitsprüfung könnten Arbeitnehmer gegen Berufsunfähigkeit versichert werden – und zwar vom eigenen Arbeitgeber. Für den sind die Konditionen recht günstig. Die Beiträge sollen 25 bis 50 Prozent unterhalb privat abgeschlossener Verträge liegen, die Versicherung kann jährlich gekündigt werden. Kling alles recht gut, ist es aber nach Angaben von Timo Voss, Bund deutscher Versicherungen, nicht. Seiner Meinung nach sei der Verzicht auf eine Gesundheitsprüfung zwar gut, aber der Arbeitnehmer müsse im Falle eines Firmenwechsels eine Rentenversicherung abschließen, wenn er den Berufsunfähigkeitsschutz privat weiterführen möchte. Außerdem versichert die Zurich keine Selbständigen und nur Belegschaften ab 100 Mitarbeitern, womit Handwerksbetriebe oder Architektur- und Ingenieurbüros wieder ohne den wichtigen Versicherungsschutz dastehen.

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