Interview: Als Architekt früh selbstständig

Bastian Sevilgen, Nikolas Savić und Maximilian Niggl sind ihr eigener Chef, doch bei der Gründung des Architekturbüros „dreigegeneinen“ hatten sie noch nicht einmal die Bauvorlageberechtigung von der Architektenkammer. Ihr Beispiel zeigt, dass es dennoch klappen kann mit der frühen Selbstständigkeit.

Sie haben sich bereits im Studium an der Bauhaus Universität, ein Jahr vor Ihrem Diplom (2010), selbstständig gemacht. War das schon immer Ihr Traum gewesen?

Bastian Sevilgen: Max und ich hatten sogar vorher schon unter einem anderen Label zusammengearbeitet, womit wir unsere Studentenentwürfe gekennzeichnet haben (Idealstand_ART, Anm. d. A.). An der Bauhaus Uni gibt es auch diese “Kultur”, dass recht viele Produkt- und Graphikdesigner ihre Firmen schon im Studium gründen. Es war dort also relativ normal, dass manche Studenten aus anderen Studiengängen im 8. oder 10. Semester oder zumindest nach dem Diplom eine Firma hatten. Bei den Architekten war und ist das aber eher die Ausnahme.

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Museum der bayerischen Geschichte | dreigegeneinen für wörner traxler richter, Frankfurt (Main) | Im Bau Abbildung: dreigegeneinen

Wie betrachten Sie den Standort Deutschland für die frühe Selbstständigkeit?

Bastian Sevilgen: Von der Gründung her ist es in Deutschland sehr gut. Es gibt Förderprogramme und man wird ernst genommen. Ich glaube nur in Österreich ist es noch einfacher.
Nikolas Savić: Dort hatten wir auch Praktika gemacht und einige Büros kennengelernt, die sich aus dem Studium heraus gegründet haben. Das war noch zusätzlich inspirierend.

Stichwort Förderprogramme, was haben Sie in der Richtung in Anspruch genommen?

Maximilian Niggl: Den Existenzgründungszusschuss z.B., das gibt es für jedes Bundesland. Dabei gab es zu unserer Zeit 7000 € für ein Jahr, wenn man eine Firma gegründet hat. Das war für die Anfangsbasis sehr wichtig. Wir konnten uns davon einen Rechner kaufen, eine Kreissäge für Modelle und weitere Büroausstattung.

Bastian Sevilgen: Außerdem bietet die IHK Beratungen für Gründer an und wir hatten von der GFAW, der Gesellschaft für Arbeits- und Wirtschaftsförderung des Freistaates Thüringen, zusätzlich einen Existenzgründerpass für Beratungen, z.B. im Bereich Webdesign. In Deutschland rennt man offene Türen ein, wenn man sagt, dass man eine Firma gründen will.

Eine Unterstützung ganz anderer Art sind ja Mentoren. Sie hatten schon während des Studiums eine solche Förderung genossen. Wie wichtig war das für Sie?

Nikolas Savić: Ja, bei uns war das damals ein Assistent an der Bauhaus Universität, Jürgen Hauck, der heute Professor an der FH in Giessen ist (auch Geschäftsführer bei hjp architekten, einer der Partnerbüros von 3G1, Anm. d. A.). Er hat uns den Start in die Selbstständigkeit ermöglicht. Ein weiterer Mentor ist unser Diplomprofessor Walter Stamm-Teske, mit dem wir auch heute noch in Kontakt stehen.

Würden Sie Studierenden dazu raten, solche unterstützenden Leute zu finden?

Maximilian Niggl: Absolut, das ist existentiell! Anders geht’s nicht.

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Besucherzentrum Römerforum in Waldgirmes | dreigegeneinen mit hjp-architekten, Grafenrheinfeld | In der Planung Abbildung: dreigegeneinen

Sie arbeiten oft für andere Büros. Wie entstehen eigentlich solche Kontakte?

Nikolas Savić: Wenn man es bis zum Ende zurückverfolgt, steht bei uns am Anfang immer irgendetwas mit Weimar. Auch den Kontakt zu wörner traxler richter fanden wir über Weimar und Jürgen Hauck.

In den letzten vier Jahren waren Sie bei etwa 50 Wettbewerben dabei und haben diverse 1. und 2. Preise und Anerkennungen bekommen. Trotzdem sagt man, dass Wettbewerbe gerade für junge Büros ein Leidensweg ist. Wie sehen Sie das?

Maximilian Niggl: Bei den Wettbewerben gibt es oftmals 20-40 Teilnehmer und da muss man erst einmal dazu gehören, was für ein junges Büro fast unmöglich ist, weil die Referenzen fehlen. Wenn man aber das Glück hat und trotzdem daran teilnehmen darf, arbeitet man zwei Monate zu dritt an einem Wettbewerb, der nicht bezahlt wird. Nur wenn man gewinnt bekommt man einen adäquaten Lohn. Aber genau deshalb haben wir noch nicht so viele Wettbewerbe unter eigenem Namen gemacht. Wir können uns das nicht leisten. Die Wettbewerbe in Partnerschaften hingegen werden ja vergütet, selbst wenn wir nicht gewinnen. Ansonsten hätten wir auch gar nicht so viele machen können.

Die Drei von dreigegeneinen: Bastian Sevilgen, Maximilian Niggl und Nikolas Savić (v.l.) Foto: dreigegeneinen

Die Drei von dreigegeneinen: Bastian Sevilgen,
Maximilian Niggl und Nikolas Savić (v.l.)
Foto: dreigegeneinen

Im Zusammenhang mit Ihrer Arbeitsweise stößt man auf den Begriff Subunternehmen. Identifizieren Sie sich damit?

Maximilian Niggl: Also grundsätzlich ist es schon ein Subunternehmen. Man ist gerade in den ersten Jahren abhängig davon, da man ja noch nicht einmal in der Architektenkammer ist und an Wettbewerben gar nicht erst teilnehmen kann. Was macht man also? Man muss im Endeffekt für jemanden arbeiten, der den Architektentitel hat.

Ist man dann nicht einfach eine Art von Freelance-Team für Architekturbüros?

Bastian Sevilgen: Es ist viel freier und autarker als bei Freelancern, die z.T. in den Büros sitzen, Anweisungen bekommen und den Stil des Büros treffen müssen …

Maximilian Niggl: Was wir eben nicht tun. Die Leute, die mit uns arbeiten, die wollen den Stil, den wir machen.

OS’Kitchen – moderne arabische Küche, ein arabisches Restaurant in Neukölln | dreigegeneinen mit Maximilian Schmahl, Fabian Schnippering + Christine Lange | Realisierung Foto: Maximilian Schmahl

OS’Kitchen – moderne arabische Küche, ein arabisches Restaurant in Neukölln | dreigegeneinen mit Maximilian Schmahl, Fabian Schnippering + Christine Lange | Realisierung
Foto: Maximilian Schmahl

 

Sammeln sich über diese Wettbewerbsarbeiten neben dem Entwurf auch Erfahrungen an, die Sie bei späteren Bewerbungen für Wettbewerbe als Referenzen angeben können?

Bastian Sevilgen: Die Partnerschaften gehen ja auch weiter. Die Projekte, die wir gewonnen haben, bei denen es – für den Auftraggeber – einen ersten Preis gab, die bearbeiten wir bis in die höheren Leistungsphasen. Wenn wir uns in einer ArGe für einen Wettbewerb bewerben und den gewinnen, dann bauen wir ihn natürlich in unserem Namen. Oder wir bearbeiten eigene kleine Sachen, solche Um- und Ausbauprojekte wie unser OS’ Kitchen . So bekommen wir auch eigene Referenzen.

Maximilian Niggl: Vor allem mit unserem Partner hjp architekten führen wir die Entwürfe weiter. Da kommt es vor, dass man Projektleiter ist und damit dieses Projekt die ganze Zeit betreut. Auch diese Projekte können wir in Zukunft als Referenz angeben.

Und woran arbeiten Sie zur Zeit? Gibt es bald Realisierungen?

Nikolas Savić: Es gibt zwei langwierige Universitäts-Projekte, die wir nach dem Wettbewerbsgewinn weiter bearbeiten. Dann gibt es z.B. das Römerforum, was wir in einer ArGe planen – ein Besucherzentrum für eine römische Ausgrabungsstätte. Da läuft der Bauantrag. Für einen Bauherrn machen wir gerade eine Genehmigungsplanung und für einen Investor einen Entwurf für den Umbau eines Bürgebäudes in Berlin, das er gekauft hat. Außerden haben wir noch Render-Aufträge und eine Sanierung.

Für Ihr Büro wünsche ich Ihnen noch viel Erfolg und bedanke mich für das Interview.

Architektur „in June“

Die junge Architektin Merle Zadeh hat nicht lange gefackelt. Nach kurzem Intermezzo bei Arbeitgebern in Hamburg und Frankfurt hat sie sich mit „june architects“ selbständig gemacht. TALIS-Autorin Özlem Özdemir sprach mit ihr über ihren Werdegang und ihre Erfahrungen mit Geschäftshasen älteren Kalibers.

Frau Zadeh, was steckt hinter dem Büronamen „june architects“?

Ich wollte von Anfang an ein zu Hause für ein Netzwerk schaffen, wo mehrere Namen unter einem Dach tätig sein können. Mein eigener Name sollte nicht im Vordergrund stehen. Ich mag den Klang und für mich steht der Monat Juni für eine Zeit, in der das Neue erblüht. Ich finde es aber auch nicht schlimm, wenn jeder seine eigenen Assoziationen dazu hat.

Vor dem Architekturstudium haben Sie ein Jahr lang Kulturwirtschaft studiert. Was macht man da eigentlich?

Es gab die unterschiedlichsten Fächer wie Geschichte und Soziologie, mehrere Sprachen, BWL, VWL, Controlling … Es hat Spaß gemacht, aber mein Herzblut war nicht darin. Archi­tektur und das Gestalten an sich, das hat mich schon immer interessiert, aber auch Menschen. Es ist vielleicht kein Zufall, dass in Passau mein Lieblingsfach Soziologie war. Diese Schnitt­stelle ist es auch, die mich heute noch am meisten interessiert. Also die Frage, wie wir unsere Umwelt gestalten und zwar sowohl in ästhetischer als auch in gesellschaftlicher Hinsicht.

Ist von Ihren damaligen wirtschaftlichen Fächern etwas hängen geblieben für die spätere Praxis?

Das, was ich jetzt weiß über Unternehmensführung, habe ich mir alles in den letzten anderthalb Jahren selbst beigebracht. Im Studium war das zu abstrakt und sehr allgemein. Nur an eine Sache im Fach Controlling erinnere ich mich noch gut. Da gab es neben den Konten für Geldeingänge und Ausgänge noch ein Konto für „Unvorhergesehene betriebliche Ausgaben“ … das habe ich mir gemerkt. Und das ist auch das, was ich tue, Geld zurücklegen für Unvorhergesehenes, was natürlich immer passieren kann.

Nach dem Studium hatten Sie nicht viele Bürostationen …

Nein, das ist richtig. Ich habe während des Studiums in Berlin ein Praktikum gemacht, bei Kersten Kopp Architekten und in Paris bei Dominique Perrault und ansonsten viel als Tutorin gearbeitet. Danach war ich zwei Jahre bei Turkali Architekten in Frankfurt und dann in Hamburg bei einem Projektentwickler.

Zu Ihrer Zeit als Angestellte berichten Sie in einem Interview über eine Versammlung, bei der einer der männlichen Teilnehmer Ihnen einen Mantel in die Hand gedrückt hat. Das ist eine vielsagende Geste …

Ich glaube, dass keine böse Absicht dahintersteckte, aber es zeigt einfach, was für eine Vorstellung manche älteren Geschäftshasen von jungen Architektinnen, und vielleicht auch Architekten, haben. Es geht dabei viel um Erwartungshaltungen, also darum was man denkt, wie jemand in diesem Beruf aussehen müsste. Ich habe oft erlebt, dass ich erst mal unterschätzt wurde und dass man dann im Gespräch total erstaunt war …

Darüber, dass Sie auch was zu sagen hatten …

Genau! Also das ist, glaube ich, ziemlich verbreitet.

Speziell gegenüber den Damen?

Ja … ich habe zwar nie erlebt, dass das jemand so offen gesagt hätte, aber ich glaube, da geht es tatsächlich um tiefsitzende Bilder. Das ändert sich erst dann, wenn es mehr Bilder gibt, die die alten ersetzen können. Ich kenne Leute, die Frauen nur im Backoffice oder am Empfang haben – da muss man erstmal diese alten Vorstellungen aufbrechen.

Wie haben Sie Ihren Übergang in die Selbstständigkeit erlebt?

Ich bin mitten hineingesprungen. Ich hatte das schon lange im Hinterkopf, ganz vage. Das war auch ein Grund dafür, dass ich in Hamburg in einem Büro für Projektentwicklung gearbeitet habe. Weil ich gerne sehen wollte, wie die auf der anderen Seite „ticken“, also auf der Bauherrenseite. Dort wurden Konzepte entworfen, die Finanzierung organisiert, Wettbewerbe ausgeschrieben und die Gewinnerentwürfe auch umgesetzt. In der Bauherrenvertretung habe ich gelernt, worauf man da so achtet. Aber als ich mich dann selbstständig gemacht habe, da war alles „drauflos und kopfüber“ und ganz ohne Strategie. Ich war aber auch nicht völlig blauäugig, sondern hatte etwas gespart die Jahre davor und wusste, es ist nicht schlimm, wenn das erste Projekt nicht sofort da ist. Dass ich mich selbstständig gemacht habe, lag aber auch an meiner Umgebung, ich habe damals schon im Hamburger Betahaus gearbeitet.

Noch während der Projektentwicklungssache?

Genau. Da habe ich reduziert gearbeitet. Nebenbei habe ich daheim angefangen zu promovieren, aber als mir dort irgendwann die Decke auf den Kopf gefallen ist, habe ich mich umgeguckt nach Orten, wo ich mit anderen Leuten zusammen in einem Raum arbeiten kann. So bin ich zum Betahaus gekommen und da liegt natürlich Gründergeist in der Luft. Da arbeiten Grafiker, Designer, Programmierer, Übersetzer und Journalisten, Start-Ups werden gegründet usw. Ein Ort also voller Energie, wo total viel passiert. Das hat mich inspiriert. Ich habe mir gesagt, ok, ich probiere das jetzt auch einfach mal!

Waren Sie ganz allein, als Sie Januar 2015 Ihr Büro im Betahaus gegründet haben?

Genau. Ich habe das Büro gegründet, und dann ergab es sich, dass ich relativ schnell ein Projekt hatte.

Wohnungsumbau in Hamburg. Entwurf und Abbildung: Merle Zadeh

Wohnungsumbau in Hamburg.
Entwurf und Abbildung: Merle Zadeh

Wie kam das?

Ja, da zeigt es sich, dass es sich manchmal lohnt, einfach Dinge zu tun … meine Selbstständigkeit blieb nämlich nicht unentdeckt – eine Bekannte hatte über einen Bekannten davon gehört. Sie hatte ehrenamtlich ein Projekt angestoßen, bei dem es um Unterkünfte für Flüchtlinge ging, und da sie in einem Vollzeitjob war, konnte sie das nicht weitermachen.  Also hat sie jemanden gesucht, der das weiterführen kann. Ich fand das ganz toll und sie hat mir dann vorgeschlagen, dass ich mich bei der Stadt vorstelle. Das habe ich getan und so wurde ich damit beauftragt. Im Betahaus habe ich dann etwa ein Jahr später meine Kollegin, Stephanie Monteiro Kisslinger, kennengelernt.

Dieses Projekt nennt sich ja „New Shores – Wohnhaus für Geflüchtete“ und wurde ausgestellt bei der Architektur-Biennale in Venedig. Erzählen Sie uns etwas mehr dazu?

Die Stadt brauchte Platz für geflüchtete Menschen und hatte zunächst überlegt, auf einem Grundstück, das sie sich ausgesucht hatten, Container hinzustellen. Doch im Rathaus gab es Leute, die meinten, lasst uns doch überlegen ob wir nicht vielleicht etwas Permanentes machen, weil das nachhaltiger ist und am Ende gar nicht mehr kostet, sondern vielleicht sogar weniger – die Mieten für diese Container sind nämlich sehr hoch. Am Ende wurde entschieden, dass doch ein dauerhaft städtischer Wohnraum entstehen soll, der auch umgenutzt werden kann für Studenten.  Und da wurde ich dazu angeregt – von dieser Bekannten meines Bekannten – mich mit meinen Referenzen und Ideen bei der Stadt vorzustellen.

Es gab da also keine Ausschreibung. Jemand kam zu Ihnen und hat vorgeschlagen, schlagen Sie doch mal was vor …

Richtig und weil das Projekt noch unter einem bestimmten Volumen lag, gab es keine Ausschreibungen. Nur so konnte ich direkt damit beauftragt werden.

Hätten Sie diese Person, die an Sie herangetreten ist, nicht gekannt wäre es also dazu nie gekommen?

Genau das meinte ich vorhin. Es kommt manchmal darauf an, einfach anzufangen mit etwas und von sich zu erzählen. Man muss irgendwie schaffen, sichtbar zu werden mit dem was man tut. Erst dann besteht die Möglichkeit, dass jemand das mitkriegt und einen anspricht. Glück gehört aber natürlich auch dazu.

Was ist Ihnen wichtig an „New Shores“?

Das Projekt ist ein städtischer Wohnungsbau in Holzmodulbauweise. Das Besondere an dem Projekt ist, dass es ein ganz reguläres Wohnhaus ist. Meistens denken die Leute, dass ich Übergangswohnheime planen würde, was nicht der Fall ist. Ich plane da einen Wohnraum für Menschen. Ich glaube, es gibt ganz universelle Bedürfnisse, was Wohnen und Leben angeht, und dass man darauf eingehen muss und das haben wir gemacht. Das sollte eigentlich selbst­verständlich sein, aber es ist tatsächlich das, was es unterscheidet von anderen Projekten, die mehr wie „irgendwelche“ Unterbringungsmöglichkeiten konzipiert sind.

Die Fertigstellung soll im Dezember 2016 sein?

Ja. Die Ausführungsplanung ist fertig und die Vergabe ist erfolgt. Jetzt beginnt das Bau­unternehmen, das Gebäude vor Ort zu errichten. Spannend an dieser Holzmodulbauweise ist ja, dass relativ viel im Werk vorgefertigt wird. Ganze Wandmodule werden dort erstellt und möglichst viel vormontiert. Dann werden die als Platten auf die Baustelle gefahren und – natürlich nachdem die Gründung erfolgt ist usw. – wird alles nur noch draufgesetzt und montiert. Die Bauphase vor Ort ist sehr kurz und das war das, was auch die Stadt gern wollte.

Haben Sie die Ausführungsplanung zu zweit gemacht?

Ich habe noch einen freien Mitarbeiter auf Honorarbasis dazu geholt. So haben wir das zu dritt fertiggemacht. Das war super knapp, weil es gab zwischendurch ein Bürgerbegehren gegen die Bebauung.

Wegen der Flüchtlingsthematik?

Ja… auch wenn es nicht so formuliert wurde. Stattdessen hieß es „für den Erhalt der Grün­fläche“. Und das, obwohl es sich bei dem Standort um keine öffentlich genutzte Grünfläche handelt. Dort stehen ein paar Bäume, und die bleiben ja in unserem Entwurf mit Innenhof erhalten.

Abschließend die Frage: Was ist Ihr Tipp, um an Projekte zu kommen?

Natürlich stimmt es, dass man über eine Website viele Leute erreicht und die wird jetzt gerade bei mir aufgebaut … aber was mir viel wichtiger ist – ich spreche gerne direkt mit den Leuten. Ich telefoniere auch viel lieber, als dass ich Emails schreibe. Ich glaube einfach ganz stark an persönliche Begegnungen.

Zur Webseite von june architects

Zum Titelbild: © Romy Geßner (www.romygessnerfotografie.de/)

Große Architektur im Kleinen

Selbständig – direkt nach dem Studium? Viele denken, das ginge nicht. Die junge Berliner Architektin Katharina Löser überzeugt vom Gegenteil. Özlem Özdemir hat mir ihr gesprochen – über Projekte, Wettbewerbe und die ganz normalen Alltagssorgen junger Planer.

Frau Löser, im Oktober 2013 wurde Ihnen vom Bund Deutscher Architekten BDA Berlin der Hans-Schaefers-Preis an junge Architekten für vorbildliche planerische Leistungen verliehen. Ausgezeichnet wurde Ihr realisiertes Projekt Duett in Warnemünde. Warum haben Sie dieses Projekt eingereicht?

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Duett in Warnemünde.
Foto: Stefan Müller

Das „Duett” in Warnemünde war eines der ersten Projekte direkt nach dem Studium, das ich planen konnte. Es war zu dem Zeitpunkt gerade fertig und das markanteste Projekt, an dem ich bisher gearbeitet hatte. Das Spannende daran ist: Zwei Häuser, ähnlich zweieiigen Zwillingen, bilden eine Symbiose innerhalb eines Warnemünder Straßenzuges. Durch eine schmale hohe Fuge erscheinen sie verbunden und getrennt zugleich. Der Grund dafür liegt in einem interessanten städtebaulichen Merkmal, der sogenannten „Tüsche”. Der Begriff kommt aus dem plattdeutschen Wort „tüschen” („zwischen”). In Warnemünde wird er verwendet, um die ortstypische schmale Fuge zwischen zwei Häusern zu beschreiben. Überlieferungen sprechen davon, dass eine Tüsche so breit sein musste, dass eine Kuh hindurch passte. (lacht) Diesen hohen schluchtartigen Raum haben wir inszeniert. Hier werden die beiden Baukörper über eingehängte Treppen und Podeste miteinander verwoben.

Sie haben sich schon im Jahr Ihres Diploms, also 2008, selbstständig gemacht – ein recht untypischer Weg.

Ja, ich habe damals in Berlin begonnen, an dem Entwurf für die Häuser in Warnemünde zu arbeiten. Das Projekt ist in Zusammenarbeit mit dem im Erzgebirge ansässigen Büro und der Baufirma meines Vaters entstanden. Ohne diese Zusammenarbeit wäre eine Umsetzung der ersten Projekte natürlich nicht möglich gewesen.

Und dann entstand 2011 „Löser Lott Architekten“.

Ich kenne meinen Partner Johannes Lott seit unserem gemeinsamen Studium in Dresden. Damals hat man schon immer davon geträumt, später einmal ein eigenes Büro zu haben. Herr Lott hat einige Jahre in dem Berliner Büro Müller Reimann Architekten gearbeitet und dort viele Erfahrungen im Umgang mit Wettbewerben gesammelt. Im Sommer 2011 bei einem Bier haben wir dann unser gemeinsames Büro Löser Lott Architekten in Berlin gegründet. Seitdem entwickeln wir unsere Projekte im Dialog und versuchen auch verstärkt an Wettbewerben teilzunehmen.

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Katharina Löser und Johannes Lott.
Foto: Löser Lott Architekten

Ihr Vater ist aber immer noch mit dabei, oder?

Viele unserer gebauten Projekte entstehen in enger Zusammenarbeit mit der Baufirma meines Vaters. Auf diese Weise haben wir die Möglichkeit, starke architektonische Ideen in die Realität umzusetzen. Im Studium entwickelt man abstrakte „radikale“ Ideen für fiktive Aufgaben. In der Realität muss man diese mit Bauherrenwünschen, Budget und technischer Machbarkeit in Einklang bringen. Architektur zu denken und zu bauen ist ein komplexer Prozess. In unserer Zusammenarbeit verbinden sich „junge“ Ideen mit einem langjährigen praktischen Erfahrungsschatz.

Waldhaus. Foto: Löser Lott Architekten

Waldhaus.
Foto: Löser Lott Architekten

Gibt es in Berlin für junge Architekten, die sich selbstständig machen wollen, nicht viel zu viel Konkurrenz?

Die Konkurrenz ist recht groß, und wir würden uns natürlich freuen weitere Projekte in Berlin zu realisieren. Aber zum Glück sind unsere Auftraggeber deutschlandweit verstreut. Wir bauen viel im sächsischen Raum, ein Projekt in der Schweiz und zwei Projekte oben an der Ostsee. Direkt in Berlin haben wir bisher eine Doppelhaushälfte aus dem Jahr 1926 denkmalgerecht saniert. In der gleichen Siedlung am Grunewald planen wir aktuell eine kleine Hauserweiterung.

Wie sind Sie zu dem Projekt „Duett in Warnemünde“ überhaupt gekommen?

Viele unserer bisherigen Aufträge entspringen unserem Freundes-, Familien- und Bekanntenkreis. Beim „Duett“ handelt es sich um ein selbstentwickeltes Projekt. Wir waren auf Besuch bei einem befreundeten Architekten in Warnemünde und haben diese letzte klaffende Lücke in der Friedrich-Franz-Straße entdeckt. (lacht) Das Grundstück lag schon einige Jahrzehnte brach und wurde als „Blechwiese“, also als Parkplatz, genutzt. Was als „Spinnerei” begann, wurde zu einem Projekt. Meine Familie konnte das Grundstück erwerben und ich hatte einen Auftrag.

Im Profil: Katharina Löser

Katharina Löser wollte ursprünglich Kunst studieren, da sie aber aus einer Familie kommt, die viel mit Bauen zu tun hat, begann sie 2001 ein Ar­chi­tek­tur­stu­dium an der TU in Dresden.

Während ihres Studiums in Dresden lernte sie Johannes Lott kennen, mit dem sie 2011 das Büro Löser Lott Architekten in Berlin gründete. Nach einer Zwischenstation in Barcelona und einem Praktikum bei Wiel Arets in Maas­tricht hat sie ihr Diplom an der UDK in Berlin abgelegt. Schon wäh­rend des Studiums plante sie zwei re­a­li­sierte Projekte – ein kleines Büro­gebäude und ein Wohnhausumbau.

www.loeserlott.de

Beim Hans-Schaefers-Preis beschäftigen sich die meisten eingereichten Projekte mit dem Wohnungsbau und dem Bauen im Bestand. Gibt es keine anderen Bereiche für junge Architekten?

Ich glaube, dass Wohnungsbauten, Sanierungen und Umbauten bis zu einer gewissen Größe, aber auch Projekte aus dem Bereich des Innenausbaus häufig von privaten Auftraggebern kommen. Vermutlich bekommen so einige junge Architekten ihren ersten Auftrag von einem privaten Bauherrn aus dem Familien-, Freundes- oder Bekanntenkreis. Klassische Beispiele sind die Planung des Eigenheims der Schwester oder die Sanierung einer Altbauwohnung für einen Freund. Bei größeren Wohnungsbauprojekten oder bei öffentlichen Gebäuden, wie Schulen, Museen, Bürogebäuden handelt es sich meist um öffentliche Auftraggeber oder Investorenprojekte, die über Wettbewerbe vergeben werden. Es gibt es relativ wenige offene Wettbewerbsverfahren, hier aber ist die Teilnehmerzahl entsprechend hoch und die Konkurrenz extrem groß. Viele Wettbewerbe sind jedoch beschränkte Verfahren. Dabei werden erfahrene oder lokale Büros gesetzt und die restlichen Teilnehmer direkt oder über ein Losverfahren ausgewählt. Die Wettbewerbsteilnehmer stellen meist ein Portfolio mit gebauten Projekten, anderen Wettbewerbserfolgen oder erlangten Preisen zusammen. Die meisten jungen Büros können natürlich keine entsprechenden Referenzbauten nachweisen. Wer hat in dem Alter schon einen Campus oder ein Museum gebaut? (lacht) Leider werden bei diesen Auslobungen nur wenige junge Büros zugelassen oder zugelost. Es gibt Wettbewerbe, bei denen von zwanzig Teilnehmern nur ein einziges junges Büro teilnehmen darf. Es ist ein Glücksspiel, und es erschwert jungen und kleinen Büros, an öffentliche Aufträge zu kommen.

Reihenhäuser in Dresden. Foto: Löser Lott Architekten

Reihenhäuser in Dresden.
Foto: Löser Lott Architekten

Ganz zu Anfang arbeiten viele selbständige Architekten noch von zu Hause aus, aber zu dritt oder zu viert braucht man größere Räume. Wie klappt die Finanzierung?

Dank Internet und Notebook kann man tatsächlich von überall, auch von zu Hause aus arbeiten. In Berlin gibt es durch die zahlreichen Bürogemeinschaften und Coworking spaces (z.B. „coworking“ bei www.raumstation-berlin.net, Anm.d.A.) viele Möglichkeiten, für relativ wenig Geld einen guten Arbeitsplatz, einen Schreibtisch mit einem Regal, zu mieten. Viele Freiberufler, z.B. auch Grafiker und Designer, nutzen diese flexible Struktur, die es hier gibt. Je nach Größe, Ausstattung, vorhandenem Besprechungsraum und so weiter kostet ein guter Arbeitsplatz schätzungsweise um die 200 Euro monatlich. In unserem Fall war es so, dass ich irgendwann diese schön sanierte Remise im zweiten Hinterhof gefunden hatte. Auch wir teilen uns die Räumlichkeiten mit anderen Architekten und Grafikern, so entstehen Möglichkeiten der Zusammenarbeit und wir finanzieren die Räume gemeinsam.

Wie sieht die Arbeitsteilung bei Ihnen aus?

Im Prinzip macht bei uns jeder alles. Meist arbeiten wir an zwei drei Projekte parallel. Pro Projekt gibt es jeweils einen Projektverantwortlichen, der die Fäden zusammenhält. Grundlegende Entscheidungen, was die Entwürfe und allgemeine Bürofragen betrifft, werden zusammen getroffen. Wir sind viel am Probieren, wie wir eine kreative und gleichzeitig effektive Bürostruktur entwickeln können. Wir sind in einem permanenten Prozess. Gute Architektur zu entwickeln ist das eine, ein Büro am Laufen zu halten das andere. Dinge, mit denen man im Studium wenig Berührung hatte, wie Akquise, Wirtschaftlichkeit, Effektivität, Buchhaltung, Kommunikation nehmen viel Raum im Büroalltag ein, ohne dass man auch nur einen Strich gemacht hat. Für mich persönlich ist das eine der größten Herausforderungen, kreativ und gleichzeitig effektiv und wirtschaftlich zu sein.

Villa Küssnacht am Rigi. Foto: Löser Lott Architekten

Villa Küssnacht am Rigi. Foto: Löser Lott Architekten

Peter Zumthor sagte einmal: „Derzeit arbeiten rund 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an 15 Projekten parallel. Wir wollen das Büro aber nicht aufblasen, wir wollen kein Dienstleistungsbüro werden, denn wir könnten darin unsere hohen Qualitätsansprüche nicht mehr erfüllen.“ Was sagen Sie dazu?

Das kann ich sehr gut nachvollziehen. 15 Projekte und 30 Mitarbeiter sind für uns momentan eine andere Dimension. Im Vergleich zu Büros, die weit mehr als 100 Leute haben, ist dieses natürlich immer noch relativ klein. Für mich ist es auch so, dass ich eher in einer kleinen Bürostruktur arbeiten mag, wo eine gewisse Atelieratmosphäre erhalten bleibt. Ich träume perspektivisch nicht von einer riesigen Büromaschine, aber klar, hätte man ein größeres Projekt, würde man an der Aufgabe wachsen. Das Büro Studio Mumbai aus Indien finde ich faszinierend. Das gesamte Team, ob Zeichner, Modellbauer oder Handwerker, arbeitet in einem werkstattartigen Umfeld halb im Freien, umgeben von unzähligen Materialproben und Modellen. Jedes Detail scheint handgefertigt, bis zum Fenstergriff gefeilt und geschnitzt. In dieser Form ist das hier kaum möglich. Handwerk und „echte“ Materialien sind rar und teuer geworden. Die enge und direkte Zusammenarbeit mit den Handwerkern spielt bei Löser Lott eine wichtige Rolle. Beispielsweise haben wir mehrere Details beim „Duett“ wie Fensterläden und Balkongeländer gemeinsam mit den Handwerkern in Form von 1:1 Modellen in der Werkstatt entwickelt.

Woran arbeiten Sie zurzeit?

Ich persönlich bin momentan in Elternzeit und kümmere mich in erster Linie um meinen kleinen Sohn. Neben dem Haus in der Schweiz befindet sich ein Ferienhaus auf dem Fischland Darß an der Ostsee gerade kurz vor der Fertigstellung, ebenso ein Einfamilienhaus im Erzgebirge. Ein Reihenhaus in Dresden wird gerade gebaut. Aktuell arbeiten wir wieder an einem kleinen Projekt in Berlin und an Wettbewerben, wo das Losglück auf unserer Seite war.

Ein letztes Wort zu Ihrer gerade fertiggestellten Villa in Küssnacht am Rigi?

Das war genaugenommen ein Umbau für eine fünfköpfige Familie. Da wir das alte Haus jedoch so stark transformiert haben, ist es fast ein Neubau geworden. Diesen Auftrag haben wir beispielsweise über einen Kontakt unseres Tischlers, mit dem wir häufig zusammen arbeiten, bekommen. Er hat einen Bekannten, der in der Schweiz lebt und für den er auch einmal Möbel gebaut hatte. Dieser Bekannte suchte nun also einen Architekten und so waren wir im Gespräch. So entstehen Aufträge.

Frau Löser, ich wünsche Ihnen weiterhin ganz viel Glück und bedanke mich für dieses Interview!

Ich danke Ihnen.■

„Ich bin 24 Stunden am Tag die Firma“

Schon als Berufsanfängerin wusste Tatjana Sabljo, dass sie eines Tages in ihrem eigenen 
Architekturbüro arbeiten würde. Im Gespräch mit TALIS erzählt sie von ihren Erfahrungen und Ängsten als Selbständige und vom Gegner Zeit.

Hannover piu bar Tatjana Sabljo Architektin Kieferstein

Piu Bar in Hannover. Foto: Kieferstein +Sabljo

Der Weg zu Keferstein+Sabljo Architekten führt durch kaum befahrene Straßen mit den für Hannover so typischen rotgeklinkerten Häuserzeilen aus den 20er Jahren. In diesem Wohnviertel soll tatsächlich ein Architekturbüro sein? Erleichtert entdecken wir schließlich das Klingelschild an dem unauffälligen Mehrfamilienhaus in der Nachtigalstraße. Weniger erleichtert sind wir über seine Position, die auf ausgiebiges Treppensteigen hindeutet. Schnaufend erreichen wir den fünften Stock, wo uns Irina Keferstein erwartet: „Meine Kollegin ist noch bei einem Aufmaßtermin“, informiert sie uns freundlich und bietet Kaffee an. Nur Augenblicke später kommt Tatjana Sabljo nicht minder schnaufend durch die Tür, unter dem Arm ein Baguette und andere Picknickzutaten. Doch das Frühstück muss warten, wir wollen nämlich gleich wissen, wie es zur Gründung des Büros in dieser kleinen Maisonette-Wohnung gekommen ist. „Am Anfang saßen wir mit unseren Rechnern zu zweit an einem Tisch – ansonsten stand hier alles leer“, erinnert sich Tatjana Sabljo lachend. Ursprünglich sollte der Dachboden des Mehrfamilienhauses als Wohnraum ausgebaut werden, doch als sich die Architektin 2008 entschloss, den Traum von der Selbständigkeit zu verwirklichen, wurden die Räumlichkeiten kurzerhand zum Büro umfunktioniert – mit schicker Dachterrasse und Blick über die Dächer der Südstadt.

Selbständigkeit auf Raten

... ist die Selbständigkeit auch mit Spaß verbunden.  Foto: Nicole Puscz

… ist die Selbständigkeit auch mit Spaß verbunden.
Foto: Nicole Puscz

Tatjana-Sabljo-Architektin-Kieferstein

Für die Architektin Tatjana Sabljo…
Foto: Nicole Puscz

Schon als Tatjana Sabljo in den Architektenberuf startete, hatte sie im Hinterkopf die Vorstellung, sich eines Tages selbständig zu machen: „Irgendwann dachte ich mir, jetzt habe ich genug Erfahrung, jetzt könnte ich es eigentlich wagen“, erzählt sie. Zumal auch der Wunsch immer stärker wurde, eigene berufliche Vorstellungen zu verwirklichen. Doch als Angestellte war sie den Anweisungen des federführenden Architekten unterworfen: „Gerade in der Architektur werden viele Entscheidungen eher subjektiv getroffen, und dann wird unter Umständen genau der Vorschlag herausgepickt, den man selbst nicht so gerne verwirklichen möchte. Ich hatte dann das Gefühl, ich hätte den Bauherrn anders betreut, eben auf meine Art und Weise“, erklärt Tatjana Sabljo. Dieses Gefühl teilte sie mit der befreundeten Architektin Irina Keferstein. Eines Tages ergab sich dann für beide die Gelegenheit, den Traum vom eigenen Büro Realität werden zu lassen. Stein des Anstoßes war die Umgestaltung einer italienischen Trattoria und Espressobar. Zunächst überlegte Tatjana Sabljo, den Auftrag in das Büro ihres Arbeitgebers zu holen, doch dann wagte sie den Entschluss, das Projekt in Eigenregie zu realisieren. Dennoch vollzog sich der Schritt in die Selbständigkeit nicht von heute auf morgen: „Am Anfang arbeitete ich drei bis vier Tage im Büro und nahm mir einen Tag frei für unser eigenes Projekt.“ Doch dann nahm die Arbeit an der Trattoria immer mehr die Wochenenden in Beschlag, bis schließlich eine Entscheidung gefällt werden musste: „Wir dachten, wir versuchen es jetzt, und wenn’s nicht klappt, sind wir immer noch jung genug, um uns wieder einstellen zu lassen“, erzählt die Architektin.

Auslands- und Fernseherfahrungen

Dabei war die Karriere von Tatjana Sabljo bis zu diesem Zeitpunkt alles andere als lang-
weilig verlaufen. Nach dem Studium in Hannover und ersten Erfahrungen in ortsansässigen Büros ergab sich für die kroatischstämmige Architektin die Gelegenheit, an einem Projekt des renommierten Architektenbüros Njiric + arhitekti in Zagreb zu arbeiten: „Auf einer Veranstaltung in Deutschland habe ich Hrvoje Njiric angesprochen, einen der führenden Architekten Kroatiens, und ihn gefragt, ob ich eine Zeitlang bei ihm arbeiten könnte, um die Arbeitsweise dort kennen zu lernen. Ich kannte das Land bis zu diesem Zeitpunkt nur aus dem Urlaub“, gesteht Tatjana Sabljo. Vier Monate blieb sie in Zagreb, doch das eigentliche Projekt kam nicht zustande. Als Njiric sie nach ihrer Rückkehr einige Zeit später wieder nach Kroatien holen will, ist die Architektin bereits wieder angestellt. Ihre Kontakte in die Heimat ihrer Eltern pflegt sie bis heute. Doch die nächste spannende Episode lässt nicht lange auf sich warten: 2007 wird Tatjana Sabljo Moderatorin und kreativer Kopf der NDR-Einrichtungssendung „Alles neu! Die Einrichtungsprofis“: Gemeinsam mit Fernsehliebling Frank „Tüte“ Tuinmann darf die junge Architektin öffentliche Einrichtungen wie Kindergärten oder Jugendzentren verschönern. Dem Ausflug in die Welt des Fernsehens folgen schließlich weitere Festanstellungen bei verschiedenen Architekturbüros in Hannover.

Mit der Existenzangst leben

piu bar Tatjana Sabljo Architektin Kieferstein

Innenarchitektur à la K+S. Foto: Kieferstein+Sabljo

Den Schritt in die Selbständigkeit hat die Architektin bislang noch keinen Augenblick bereut, auch wenn er ihr Leben gründlich auf den Kopf gestellt hat: „Man gewöhnt sich daran, mit einer ganz bestimmten Art von Angst zu leben. Als Angestellter hat man nach acht Uhr auch im Kopf Feierabend, jetzt ist man 24 Stunden am Tag die Firma.“ Da Tatjana Sabljo für die Selbständigkeit ihre Festanstellung kündigte, konnte sie nur mit minimalen Fördermitteln rechnen. Hilfe erhielt sie vor allem aus der Familie, die ihr bis heute ein wichtiger Halt ist. Ihr Vater unterstützt sie tatkräftig beim schrittweisen Ausbau des Büros. Die Empore wartet zwar noch immer auf ihre Fertigstellung, doch gut Ding will Weile haben. „Als Allererstes haben wir beim Mediamarkt ein Multifunktionsgerät mit Scanner, Drucker und Fax besorgt, damit wir überhaupt arbeiten konnten. Nach und nach kamen dann Fachliteratur, Messgeräte und Mobiliar dazu“, erinnert sich die Architektin. „Später haben wir dann immer, wenn ein bisschen Geld übrig war, weitere Einrichtungen wie zum Beispiel den Server angeschafft.“

Netzwerken mit Gleichgesinnten

Für die beiden Frauen war der erste Auftrag eine glückliche Fügung, der ihnen den Sprung ins oftmals recht kalte Wasser des Selbständigendaseins deutlich erleichtert hat. Und auch die guten beruflichen Kontakte, die Irina Keferstein mit ins Büro brachte, waren ein wertvolles Startkapital. Günstige Ausgangsvoraussetzungen ändern jedoch nichts daran, dass die ersten Schritte ins Selbständigendasein generell schwierig sind. Oft fühlt man sich allein und weiß nicht, an wen man sich bei Fragen und Schwierigkeiten wenden kann. Aus diesem Grund hat Tatjana Sabljo gemeinsam mit der Architektenkammer Niedersachsen das Projekt „NewKammer“ ins Leben gerufen, wo sich Berufsanfänger in regelmäßigen Abständen mit Gleichgesinnten austauschen können und Ansprechpartner finden. Noch ist das Netzwerk erst im Aufbau, doch langfristig sind Vortragsreihen oder auch ein Mentorenprogramm geplant, bei dem Architekten im Ruhestand ihr Fachwissen und ihre Lebenserfahrung an junge Kollegen weitergeben. Nachfrage ist offensichtlich da: Der Andrang bei den ersten Treffen überraschte sowohl die Kammer als auch die Initiatorin. Mehr lesen über NewKammer…

Eine andere Motivation

Um sich als Architekt selbständig zu machen, muss eine besondere Liebe zum Beruf vorhanden sein, glaubt Tatjana Sabljo: „Man muss dazu bereit sein, auch mal keinen Feierabend zu machen, und auch sonst eine Menge von sich selbst abfordern. Viele haben mich am Anfang gefragt, wie ich mich motiviere, schon morgens ab sieben Uhr am Schreibtisch zu sitzen. Aber die Motivation ist einfach da, weil ich es will.“ Das Büro besitzt für die Architektin oberste Priorität, da muss auch mal das private Umfeld zurückstecken. „Zeit empfinde ich als größeren Gegner als früher“, gesteht Tatjana Sabljo, würde ihre Selbständigkeit aber dennoch nicht wieder gegen ein Angestelltenverhältnis eintauschen: Zu interessant und abwechslungs-
reich ist die Arbeit mit Kollegin Irina Keferstein, die ebenso wie Tatjana Sabljo Ansprechpartnerin für alles ist. Natürlich musste das Duo auch Rückschläge verkraften: „Als uns die erste Zusammenarbeit aufgekündigt wurde, das hat sich schon komisch angefühlt. Aber die Chemie mit dem Bauherrn stimmte einfach nicht. Und von einigen Projekten mussten wir uns auch aus Kapazitätsgründen verabschieden“, bedauert Sabljo. Doch aufgewogen werden diese Erfahrungen durch die Glücksmomente, wenn man vor der Realisierung des eigenen Entwurfs steht: „Als unser erstes eigenes Projekt fertiggestellt war, das war schon ein schönes Gefühl. Etwas, das vorher nur schwarze Striche auf dem Papier waren, steht plötzlich 1:1 vor einem. Das ist auch mit das Besondere an unserem Beruf.“ ■

Kontakt: www.k-s-architektur.com

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Tatjana Sabljo Architektin Kieferstein

Der Architekt Ben van Berkel

Ben van Berkel ist einer der führenden Köpfe der zeitgenössischen niederländischen Architektur. Seit 1988 leitet er gemeinsam mit der Kunsthistorikerin Caroline Bos ein Architekturbüro in Amsterdam. Die einzigartige Verbindung von digitalem Design mit ausgefallenen Formen und Materialien haben „UNStudio“ mittlerweile zu internationalem Ansehen verholfen. Fließende Formen und flexible Konzepte sind das Markenzeichen des Büros, wie zum Beispiel im Möbius-Haus im niederländischen Het Gooi: Die gesamte Infrastruktur beruht auf der endlosen Form eines Möbius-Bandes.

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Empfang im UNStudio.
Foto: Christian Richters

Herr van Berkel, Sie haben Ihr Büro 1998 in „UNStudio“ umbenannt. Der Name steht einerseits als Abkürzung für United Networks, impliziert aber andererseits eine Negation von Studio. Was ist so „UN“-typisch an Ihrem Büro?

Ben van Berkel: Dass sich unsere Arbeit nicht länger ausschließlich im Büro abspielt. Wir verfügen über ein weltumspannendes Netzwerk von befreundeten Architekten, Modeschöpfern, Fotografen und Künstlern. Oder denken Sie an die verschiedenen Hochschulen, an denen ich unterrichte: Harvard, die Städelschule in Frankfurt … Die kommunikativen Abläufe sind nicht länger auf das Büro beschränkt, der eigentliche Mehrwert des Netzwerks liegt außerhalb. Das wollten wir mit dem Namen UNStudio ausdrücken.

Viele Architekturbüros vor allem in Nordeuropa haben sich von traditionellen hierarchischen Strukturen und Denkweisen frei gemacht. Gilt das auch für UNStudio?

Ben van Berkel: Absolut. Wir haben uns vor allem von der Auffassung gelöst, dass ein Architekt sich nur auf die Gestaltung von Gebäuden zu spezialisieren hat. Wir möchten kulturelle Innovationen, in gewisser Weise kulturelle Errungenschaften hervorbringen. Das geht weit über das allgemeine Verständnis von Architektur hinaus.

Welche Rolle spielt dabei der Netzwerkgedanke?

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Ben van Berkel, Architekt, Amsterdam
Foto: Inga Powilleit

Ben van Berkel: Netzwerke sind mittlerweile in aller Munde, doch als wir die Netzwerk-idee 1999 umsetzten, waren wir Vorreiter. Kaum jemand beschäftigte sich damals mit Netzwerken, vielleicht mit Ausnahme des französischen Soziologen Bruno Latour. Im Architekturbereich war das eine absolute Neuerung. Man muss sich klarmachen, wer die Akteure innerhalb eines Netzwerks sind, zwischen welchen Personen die wichtigen Informationen ausgetauscht werden. Das ist beim Design nicht anders. Wir haben begriffen, dass die Ideen, die beispielsweise in die Gestaltung eines Möbelstücks einfließen, Auslöser für eine Reihe weiterer Ideen für ganz andere Projekte sein können. Nehmen wir einmal den Sessel, den ich für Walter Knorr, den Vizepräsidenten der Universität von Illinois, designt habe. Er basiert auf dem Thema Reflexion und wie die Vorstellungen von Reflexion und Zurücklehnen miteinander in Verbindung treten, wenn man auf diesem Sessel sitzt. Diese gedankliche Verbindung fließt dann unter Umständen auch in andere Projekte des Büros ein.

Der Trend geht in der Architektur also zum Netzwerk?

Ben van Berkel: Das kann ich nicht beurteilen, das Netzwerk entspricht auf jeden Fall meinen Vorstellungen. Es gibt viele verschiedene Arten von Architekten, und ich gehöre zu denjenigen, die sich von diesem Netzwerkgedanken inspirieren lassen, um kulturelle Errungenschaften zu entwerfen. Manchmal sehe ich Architekten ein wenig wie Modeschöpfer – wir entwerfen die Kleidung für die Zukunft der Welt.

Nun, die Kreationen der großen Modeschöpfer auf den internationalen Fashion Shows sind zwar schön anzusehen, aber nur für einen sehr kleinen Teil der Bevölkerung erschwinglich …

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UNSTudio Tower, ein von UNStudio entworfenes Bürogebäude in Amsterdam, Niederlande
Foto: Christian Richters

Ben van Berkel: Unsere Architektur ist nicht unerschwinglich, auch wenn wir ab und zu tatsächlich für die „Fashion Shows“ arbeiten. Manche Entwürfe erweisen sich als schwer realisierbar, doch wenn man sein Handwerk versteht, kann man mit den Ausführungstechniken spielen. Letztlich ist das genau wie bei der Haute Couture: Die Kleider auf den Laufstegen sind in erster Linie als Prototypen zu verstehen. Erst später werden die Design-ideen in vereinfachter Form für den täglichen Gebrauch nutzbar gemacht.

Dank Ihrer internationalen Erfahrungen hätten Sie Ihr Büro an jedem Ort der Welt eröffnen können. Warum sind Sie nach Amsterdam gegangen? Bieten die Niederlande besondere Vorteile für die Arbeit als Architekt?

Ben van Berkel: Nun, zunächst einmal lebt es sich in Amsterdam sehr gut. Die Verkehrsanbindung ist durch den Flughafen hervorragend. Ich bin in der Nähe meiner Freunde, der Designer Victor & Rolf, Marcel Wanders … Es gibt in der Stadt viele Kreative, die international tätig sind. Das ist das Schöne an den Niederlanden: Wir besitzen viel Kultur auf kleinstem Raum, genießen eine hohe Lebensqualität und sind dabei sehr kosmopolitisch. Nicht zuletzt können wir hier auch auf eine großartige Architekturtradition zurückblicken. Davon können wir noch eine Menge lernen. Ich wohne gerne hier, es ist ein schönes Land.

Niederländische Architekten haben für die Entstehung der modernen Architektur im 20. Jahrhundert eine bedeutende Rolle gespielt. Sehen Sie sich in dieser Tradition?

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Innenaufnahmen Mercedes Benz Museum, Stuttgart.
Foto: UNStudio

Ben van Berkel: Schon, doch eher in einer Art Pionierrolle. Natürlich bin ich hier auf-gewachsen und zur Schule gegangen, meine Architekturausbildung habe ich aber vor allem in London bei der Architectural Asso-
ciation absolviert. Das war eine schöne Zeit und meine Arbeit wurde durch die vielen internationalen Einflüsse nachhaltig geprägt. Auch die Studien befreundeter Kollegen in den USA haben mich sehr beeinflusst, so dass ich mich heute irgendwo zwischen dem europäischen und angelsächsischen Raum situiere.

Sie haben in den Büros von Zaha Hadid und Santiago Calatrava gearbeitet. Welche Einflüsse hatte dies auf Ihre Arbeit? War es schwierig, sich von diesen „Göttern“ der internationalen Architekturszene zu emanzipieren?

Ben van Berkel: Damals waren sie ja noch keine Götter. Ich habe 1987 für Santiago Calatrava gearbeitet. Damals wurde gerade der Bahnhof Stadelhofen in Zürich fertig gestellt. Es war eine großartige Erfahrung, bei diesem Projekt dabei zu sein, auch wenn ich nur an ein paar Brücken mitarbeiten durfte. Aber ich liebte das Büro, wir waren gerade einmal zwölf Leute und in einer Art Selbstfindungsphase. Die Bekanntheit kam erst später, das war auch bei Zaha so. Als ich für sie arbeitete, war sie meine Lehrerin an der Architectural Association. Sie arbeitete damals an dem Entwurf des Freizeit- und Erholungsparks „The Peak Leisure Club“, eines ihrer ersten Projekte. Ich habe von beiden eine Menge gelernt, auch wenn ich hinterher meinen ganz eigenen Arbeitsstil, meine eigenen Ideen entwickelt habe. Mein Credo war immer, so viel zu bauen wie möglich, denn Architektur zu entwerfen ist wie ein Instrument zu spielen: Entweder man praktiziert es vier bis fünf Stunden täglich oder man bringt es nie zum Erfolg. Ich versuche immer, mein Bestes zu geben – das ist alles, worauf es für mich ankommt.

Nun gehören Sie selbst zu den Superstars der internationalen Architekturszene. Wie ergeht es den jungen Architekten, die bei UNStudio für Sie arbeiten?

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Innenaufnahmen Mercedes Benz Museum, Stuttgart
Foto: UNStudio

Ben van Berkel: Ich glaube, die jungen Architekten lernen bei uns eine Menge. Ich versuche sie darauf vorzubereiten, wie schwierig es heutzutage ist, sich als selbständiger Architekt über Wasser zu halten. Das liegt nicht nur an der Wirtschaftslage, sondern auch an dem enormen Konkurrenzdruck, der überall herrscht und ständig weiter zunimmt. Gleichzeitig ermutige ich sie, sich eine passende Nische zu suchen. Es gibt viele Marktnischen, die meisten Architekten sind nur nicht besonders innovativ. Die Zukunft eröffnet Architekten eine unglaubliche Vielfalt von Möglichkeiten, sie müssen sie nur erkennen und ergreifen.

Sie arbeiten ausgesprochen experimentell und viele Ihrer Entwürfe wirken sehr komplex. Wie schaffen es die Bauingenieure, mit Ihrer Kreativität Schritt zu halten?

Ben van Berkel: Meine Entwürfe sind gar nicht so schwer zu realisieren, wie viele glauben. Das Geheimnis liegt darin, mit den richtigen Leuten zu arbeiten, die sich mit den Geometrien auskennen, die wir zugrunde legen. Zugegeben, die Entwürfe wirken auf den ersten Blick äußerst komplex, doch nehmen wir einmal das Mercedes-Benz Museum in Stuttgart: Wir haben dort mit sehr vielen Wiederholungen größerer Details und Konstruktionselemente gearbeitet, um das Projekt möglichst effizient zu gestalten. Es mag also sehr komplex aussehen, ist aber in Wirklichkeit sehr rationell. Viele Kunden sind erstaunt, wenn sie erfahren, dass unsere Entwürfe in der Umsetzung nur zwischen drei Prozent und zehn Prozent mehr kosten als eine herkömmliche Konstruktion. Die meisten rechnen mit dem Doppelten. Wir haben die Kosten dank neuer Konstruktions- und Designtechniken gut unter Kontrolle. Man darf diese externen Faktoren nicht außer Acht lassen und nicht nur daran denken, der Nachwelt ein spektakuläres Bauwerk zu hinterlassen. Unser Ziel ist ein anderes: Wir wollen die Qualität des Architektenhandwerks ständig weiter verbessern.
Möbel zu entwerfen gehört ebenfalls zu Ihrer kreativen Arbeit. Ist die Möblierung für Sie Teil des Gebäudes?

Ben van Berkel: Nein, nicht wirklich. Aber ich entwerfe gerne Möbel, und ich arbeite auch gerne in verschiedenen Bereichen. Mich reizt die Vorstellung, dass durch die Nicht-Spezialisierung vielleicht ein Stück zeitgenössischer Architektur auf andere Disziplinen abfärbt, wie auch die Herangehensweise an Architektur sehr unterschiedlich sein kann, je nachdem, aus welcher Disziplin man kommt.

„Entre les deux portes“ ist ein Wohnungsbauprojekt in Brüssel. Der Entwurf weist ausgesprochen organische Formen auf. Ist dies eine Verneigung vor der Jugendstilarchitektur, für die die belgische Hauptstadt berühmt ist?

Ben van Berkel: Das hat mich tatsächlich sehr beeinflusst. Ich habe mich lange mit der Geschichte des Jugendstils beschäftigt und mir gefällt diese kleine Anspielung.

Fühlten Sie so etwas wie Verantwortung für die altehrwürdigen Gebäude im unmittelbaren Umfeld des Projekts?

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Möbius-Haus im niederländischen Het Gooi (Innenansicht)
Foto: UNStudio

Ben van Berkel: Das nicht, aber ich probiere gerne Neues aus. Natürlich achte ich auf das architektonische Umfeld und dass die Maßstäbe stimmen. Inmitten einer städtischen Bebauung kann man die Maßstäbe nicht einfach so über den Haufen werfen. Das macht es für mich so schwierig, im städtischen Raum zu arbeiten. Der andere Aspekt ist, dass ein Bezug zum Ort und seiner Geschichte geschaffen werden muss. Das kann auf die unterschiedlichste Weise erfolgen. Bei der Erasmusbrücke gibt es beispielsweise eine gedankliche Verbindung zu den Lastkrä-
nen im Hafen von Rotterdam und ihrer Bedeutung für die industrielle Entwicklung der Stadt. Genau so habe ich auch in Brüssel gearbeitet.

In Deutschland gibt es immer wieder heftige Diskussionen um den Wiederaufbau im Krieg zerstörter Baudenkmäler. In der Bevölkerung gibt es offenbar eine Vorliebe für historisierende architektonische Lösungen. Wie stehen Sie dazu?

Ben van Berkel: Das ist gar nicht mein Fall. Geschichte zu kopieren finde ich nicht besonders spannend. Ich bin der Überzeugung, dass die Architektur nach vorne schauen muss. Natürlich darf man auch mal Inspiration aus der Vergangenheit schöpfen, aber nur um sie weiterzuentwickeln, zu verändern, zu etwas Zeitgenössischem zu machen. Ich glaube an das Morgen, nicht an das Gestern.

Wie schafft man es, den Wunsch nach neuer, außergewöhnlicher Architektur mit den oft konservativen Vorstellungen der Bauherrn zu vereinbaren?

Ben van Berkel: Das ist eine Frage der
Kommunikation. Wir haben gelernt, die Dinge, die uns wichtig sind, unseren Kunden
so nahe zu bringen, dass sie sie mit uns tei-len. Wenn sie das nicht tun, ist das natürlich ein Problem. Aber man muss dem Kunden auch zuhören können. Manchmal äußert der Kunde seine ganz eigene Sicht auf einen bestimmten Ort, und dann treten wir miteinander in einen Dialog. Und selbst wenn ich meine eigenen Vorstellungen dann nicht durchsetzen kann, begleite ich den Entstehungsprozess.
Übernehmen die Bauherrn eine aktive Rolle in diesem Prozess?

Ben van Berkel: Eine entscheidende, schon rein finanziell … (lacht)

Gibt es Situationen, wo direkter Einfluss auf Ihre Arbeit als Architekt genommen wird?

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Möbius-Haus im niederländischen Het Gooi (Außenansicht)
Foto: UNStudio

Ben van Berkel: Das nicht, aber manchmal ist es nicht ganz einfach. Die meisten Kunden sind sehr umgänglich und haben Vertrauen in meine Arbeit. Manche jedoch – vor allem jetzt in der Wirtschaftskrise – reagieren nervös, dann wird aus jedem Cent eine große Sache gemacht. Man muss heutzutage ein wenig mehr auf die Kunden eingehen als früher.

Mit welchen Fragen werden sich Architekten in der Zukunft vermehrt beschäftigen?

Ben van Berkel: Wir werden verstärkt auf Klimaschutzfragen eingehen müssen. Das ist ausgesprochen wichtig, denn die Wärmeeffizienz vieler Gebäude könnte deutlich höher liegen. Auch sollten Architekten häufiger versuchen, etwas mit ihrer Arbeit auszudrücken. Wenn ein Gebäude keine unterschiedlichen Lesarten zulässt oder nicht zum Nachdenken anregt, weil es keinen bleibenden Eindruck hinterlässt, ist es uninteressant. Architektur muss kommunizieren.

Sie unterrichten die Architekturklasse der Städelschule in Frankfurt. Sehen Sie Unterschiede zwischen dem Architekturstudium in Deutschland und den Niederlanden?

Ben van Berkel: Nein, überhaupt nicht. Auffällig ist allerdings der Trend bei deutschen Studenten, nach dem Abschluss ein Postgraduiertenstudium aufzunehmen. Das ist eine neuere Entwicklung. Ansonsten sehe ich keinerlei Unterschiede zwischen den Studierenden. Bei UNStudio arbeiten auch sehr viele deutsche Absolventen.
Was vermitteln Sie in Ihrem Unterricht?

Ben van Berkel: Ich bringe den Studierenden bei, ehrlich zu sich zu sein und ihr Talent realistisch einzuschätzen. Und ich bringe ihnen bei, dieses Talent mit Hilfe der neuesten technischen Mittel richtig zur Geltung zu bringen. Dazu gehören Entwurfstechniken ebenso wie Überlegungen zur Verwendung der richtigen Geometrien, Materialien und Konstruktionstechniken. Ich versuche in der Ausbildung stets innovativ zu sein, damit die Studierenden jetzt schon lernen, was sie in vielleicht sechs Jahren wirklich brauchen werden. Dafür fordere ich auch viel von ihnen.

Glauben Sie, dass ein Auslandsaufenthalt für Architekten erforderlich ist?

Ben van Berkel: Nicht unbedingt, aber internationale Erfahrungen sind immer von Vorteil. Es gibt in England einige hervorragende Universitäten, aber auch in Europa, zum Beispiel das Berlage Institute in Rotterdam. In Asien gibt es ebenfalls interessante Einrichtungen für ein Postgraduiertenstudium, zum Beispiel in Hongkong.

Sie können auf eine langjährige Erfahrung zurückblicken. Was würden Sie mit dem Wissen von heute anders machen, wenn Sie wieder am Anfang Ihrer Karriere stünden?

Ben van Berkel: Vermutlich würde ich mein Büro mit mehreren Partnern gründen. Heutzutage ist das die beste Möglichkeit, um sich über Wasser zu halten, mit vier, fünf Mann zu starten, um auf sichereren Beinen zu stehen. Selbständigkeit ist ein ziemlich hartes Brot, und der Trend geht wohl insgesamt in diese Richtung. Immer öfter sieht man auch Architektinnen, die sich zusammenschließen. Das finde ich eine interessante Entwicklung.

Welchen guten Rat möchten Sie den TALIS-Lesern noch mit auf den Weg geben?

Ben van Berkel: Lesen Sie auch weiterhin TALIS, dann sind Sie bestens informiert.■

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Ein Beitrag von Dr. Irving Wolther
Diplom-Journalist_Diplom_Übersetzer_Dr._Irving_Wolther,_seit_März_2013_im_Vorstand_von_Deutsch_Türkisches_Netzwerk_e.V._(DTN),_sowie_Inhaber_der_Marke_phonos

Die Unternehmerin Dagmar Fritz-Kramer

An Auszeichnungen mangelt es Dagmar Fritz-Kramer nicht. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Sie ist Unternehmerin des Jahres 2008 und das von ihr geleitete Unternehmen, die Baufritz GmbH & Co. KG mit Sitz in Erkheim im Allgäu, ist im selben Jahr als familienfreundlichstes Unternehmen im Mittelstand ausgezeichnet worden. TALIS sprach mit der engagierten Unternehmerin über Berufsfindung, Führungsstil, Wohnträume und mehr.

Im Profil: Baufritz GmbH und Co.KG

Vor über 100 Jahren nahm die Ge­schichte der Baufritz GmbH & Co.KG als Schrei­nerei ihren An­fang. Heute stellt das Un­ter­neh­men Holz­häuser in System­bauweise her, etwa 200 Ein-, Zwei- und Mehr­fa­milien­häuser werden pro Jahr am Stand­ort Erk­heim im Allgäu ge­fertigt und nach Öster­reich, in die Schweiz, Benelux, England, Italien und Russland verkauft. Baufritz plant und baut auch ganze Sie­dlungen, Kin­der­gärten, Schu­len, Hotel­anlagen, Ferien­dörfer und Ge­werbe­bauten. Seit 2005 führt Dagmar Fritz-Kramer die Geschäfte des Unter­nehmens mit 240 Mit­arbeitern. Ökologie und Nach­haltig­keit sind fest im Baukonzept von Baufritz verankert. Die Fir­ma besitzt mehrere Pa­ten­te, die den Ver­zicht auf Holz­schutz­mittel im Holzbau ermöglichen.

www.baufritz.com

Sie sind ausgebildete Schaufenster-Dekorateurin, haben Innenarchitektur und Wirtschaftingenieurwesen studiert – hätten Sie diesen Bildungsweg auch ohne den Familienbetrieb im Rücken verfolgt?

Dagmar Fritz-Kramer: Es ist doch relativ schwierig, gleich nach dem Schulabschluss, mit 17 oder 18 Jahren, den Weg fürs Leben zu finden. Ich habe für diese Entscheidung Zeit bekommen, konnte ein bisschen was ausprobieren. Dabei konnte ich meine kreative Ader in dem Lehrberuf Dekorateurin ausleben. Als Dekorateurin war ich jedoch eher die ausführende Hand einer fremden Strategie. Ich wollte lieber selbst etwas bewegen. Das war der Auslöser, mich weiterzubilden. So kam ich zum Innenarchitektur- und später zum Wirtschaftsingenieur-Studium. Wahrscheinlich hätte ich mich ohne die Firma anders entwickelt …

Fiel Ihnen die Entscheidung, den Betrieb weiterzuführen, leicht oder hatten Sie auch Zweifel?

Dagmar Fritz-Kramer: Mein Einstieg ins Unternehmen war keine ausgemachte Sache. Ich muss meinen Eltern zugute halten, dass es auch keinen Zwang gab. Bereits in der dritten Klasse schrieb ich „Innenarchitektin“ ins Jahrbuch. Meine Diplomarbeit im Fach Innenarchitektur habe ich dann in der Firma geschrieben. In dieser Zeit hat mir mein Vater ein paar interessante Projekte vorgelegt. Das war 1996. Damals haben wir gerade den großen Holzkopf gebaut und auch ein neues Musterhaus in München geplant. Da hat mich mein Vater so beiläufig nach meiner Meinung gefragt. Das hat dann Spaß gemacht, weil ich gesehen habe, dass ich mich mit meinem Wissen ein Stück weit in den Betrieb einbringen kann. Damals habe ich „Blut geleckt“ und mir war klar, wie meine berufliche Zukunft aussieht.

Wie gestaltete sich der Einstieg in die Firma?

Dagmar Fritz-Kramer: 1999 habe ich einen kleinen Anteil an der Firma bekommen – als stille Gesellschafterin. Später übernahm ich den Bereich Architektur und Planung. Dann kam noch die betriebswirtschaftliche Seite dazu. Seit 2004 leite ich die Firma im Zweier-Team zusammen mit Helmut Holl. Er leitet den technischen Bereich, ich den kaufmännischen – also Personal, Vertrieb, Marketing und Finanzen. Natürlich kämpft man als Frau in der Baubranche gegen gängige Vorurteile, wie das vom technischen Verständnis: „Kann die denn den Plan lesen? – Ist die nicht zu sozial usw.?“ Da mich aber meine Mitarbeiter und Partnerbetriebe über Jahre kennen lernen durften (unser Übergabeprozess dauerte 5 Jahre) konnte ich vieles hoffentlich ausräumen. Da müssten Sie meine Mitarbeiter fragen.

Sie haben den Betrieb von Ihrem Vater übernommen. Gab es Generationenkonflikte und wenn ja, wie sind Sie damit umgegangen?

Foto: Baufritz GmbH

So wird gebaut bei Baufritz. Foto: Baufritz GmbH

Dagmar Fritz-Kramer: Im Gegensatz zu vielen Kolleginnen und Kollegen in jungen Geschäftsleitungsfunktionen hatte ich das Glück, dass sich mein Vater bewusst eine Step-by-Step-Abnabelung vom Betrieb verordnet hat. Bereich für Bereich wurde geplanterweise in fünf Jahren an mich übergeben. Heute lebt er vom Betrieb räumlich getrennt, was ihm auch den Ausstieg erleichtert hat. Selbstverständlich gab es auch Reibereien und Diskussionen, aber auch immer das offene Gespräch.

Was haben Sie sich von Ihrem Vater abgeguckt und in welchen Bereichen sind Sie eigene Wege gegangen?

Dagmar Fritz-Kramer: Zum Beispiel eine mitarbeiterfreundliche und menschennahe Unternehmensführung gehört zu unserer Philosophie. Diese und andere Überzeugungen teile ich mit meinem Vater. Natürlich gab und gibt es Situationen, in denen wir auch als unterschiedliche Generationen denken. Allerdings sind wir einer Meinung, wenn es um den Grundsatz unseres Familienunternehmens geht – gut für Mensch und zur Natur.

Fragen Sie Ihren Vater manchmal um Rat?

Dagmar Fritz-Kramer, Geschäftsführerin der Baufritz GmbH Foto: Baufritz

Dagmar Fritz-Kramer, Geschäftsführerin der Baufritz GmbH Foto: Baufritz

Dagmar Fritz-Kramer: Natürlich habe ich meinen Vater auch um Rat gefragt. Es gibt einfach Entscheidungen, bei denen die Erfahrung anderer von unschätzbarem Wert ist. Mittlerweile hat er sich jedoch komplett aus der Firma zurückgezogen.

Wie möchten andere Menschen wohnen? – mit dieser Frage müssen Sie sich immer wieder aufs Neue beschäftigen. Was ist den Menschen beim Thema Wohnen nach Ihren Erfahrungen wichtig?

Dagmar Fritz-Kramer: Die Ansprüche an das neue Haus sind so unterschiedlich wie die Kunden selbst. Die Wohnwünsche reichen von der gediegenen Landhausvilla über das „Multitalent“ Familiennest bis hin zum puristischen Kubus im Bauhausstil. Gehen wir vom „typischen“ Baufritz-Kunden aus, sucht dieser ein Haus, welches nach baubiologischen Kriterien realisiert wird und ein gesundes Umfeld für sich und seine Familie bietet. Es sollte energiesparend und umweltfreundlich sein. Gleichzeitig möchte er dabei nicht auf höchsten Komfort und technisches Know-how verzichten. Das alles verpackt in modernem Design und individueller Architektur macht den Haustraum perfekt.

Und wie ist es bei Ihnen? Haben Sie noch unerfüllte Wohnträume?

Dagmar Fritz-Kramer: Ich träume von einem Zuhause, das zu einem Drittel auf dem Wasser schwimmt. Da trete ich im Sommer auf meine Terrasse und lasse die Beine im See baumeln. Technisch ist das keine Utopie, Holz schwimmt. Nur gibt es bei mir hier im Allgäu keinen See, „auf“ dem man bauen dürfte.

Warum ist Ihnen das Thema Bauen und Gesundheit so wichtig? Gab es da ein Schlüsselerlebnis?

Dagmar Fritz-Kramer: Auslöser für diese Umstellung war eine schwere Erkrankung meiner Mutter. Wir zogen damals in eines der ersten Ökohäuser mit Komposttoilette und eigenem Klärteich. Zwar wurden wir anfangs dafür belächelt, doch gibt uns der Erfolg
heute Recht. Mein Vater, Hubert Fritz, richtete das Unternehmen Ende der 70er Jahre konsequent ökologisch aus. Diese Zeit hat mich sehr geprägt und ich bin froh und dankbar, dass er schon damals erkannt hat, was sich gerade in den letzten Jahren in der Bevölkerung so weit verbreitet hat und stetig größeren Zuspruch findet. Unser Heim soll gesund und umweltverträglich sein. Es soll uns vor schädlichen äußeren Einflüssen schützen und keine Schadstoffe abgeben.

Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben und wie unterscheidet er sich von dem Ihres Vaters?

Foto: Baufritz GmbH

Foto: Baufritz GmbH

Dagmar Fritz-Kramer: Aus meiner Sicht bin ich sehr teamfähig, kreativ und offen. Aber da müssen Sie meine Mitarbeiter fragen. Wenn man den Führungsstil mal über die Generationen hinweg betrachtet, geht es immer mehr in Richtung demokratische Führung. Also mein Großvater war ein super Patriarch. Das war mein Vater schon nicht mehr. Da kamen Denker-Runden auf, da war die Rede von Teamgesprächen, Entscheidungen wurden im Team entwickelt etc. Mittlerweile sieht man der Firma auch an, dass wir ein Führungsteam sind. Wir sind mit der Geschäftsleitung und 15 Abteilungsleitern ein sehr großes Führungsteam. Wir begegnen uns auf Augenhöhe.

Worin sehen Sie die Stärken eines Familienbetriebes, worin die Schwächen?

Dagmar Fritz-Kramer: Klare Stärken sind die Mitarbeiternähe und -bindung, die direkten Entscheidungswege und die offene, authentische Kommunikation im Betrieb. Weniger ausgeprägt sind vielleicht durchstrukturierte Prozesse oder Dokumentationen der Handlungsstränge. Kurz gesagt – aus meiner Sicht: weniger Bürokratie. Dies ist mal ein Vorteil, mal ein Nachteil.

Worin liegen Ihre Stärken, was liegt Ihnen eher weniger?

Dagmar Fritz-Kramer: Den meisten Spaß machen mir strategische Überlegungen, vor allem im Marketing- und Verkaufsbereich. Aber auch das Entwickeln schöner Architektur macht viel Freude. Ganz gut gelingt es mir, Gedanken zu verknüpfen, kreativ Projekte zu stricken, die Mitarbeiter dafür zu begeistern und etwas Neues entstehen zu lassen. Dafür liegen mir administrative Dinge relativ schlecht. Geduld ist sicher auch nicht meine Stärke. Auch das Studieren langweiliger Vertragstexte empfinde ich als einen echten Spaßkiller …

Worauf sind Sie besonders stolz?

Dagmar Fritz-Kramer: Auf meine doch recht stabile Work-Life-Balance. Und eine kreative Mitarbeitermannschaft. Es macht uns echte Freude, das Erlebnis Bauen mit den Bau­herren zu gestalten.

Sie haben zwei Kinder und sind gleichzeitig in einer Führungsposition – wie schaffen Sie es, beiden Rollen gerecht zu werden, und wie viel Zeit bleibt Ihnen für sich selbst?

Foto: Baufritz GmbH

Foto: Baufritz GmbH

Dagmar Fritz-Kramer: Genau, ich habe zwei Kinder, Ferdinand (6) und Bernadette (knapp 3). Das verlangt großes Organisationstalent. Mein Mann und ich stimmen die Arbeitszeiten ab. Montag und Dienstag arbeite ich; Mittwoch, Donnerstag und Freitag mein Mann Klaus von zuhause aus. So ist immer jemand bei unseren Kindern. Eine große Stütze ist auch unsere hauseigene Kindertagesstätte, die Bernadette zwei Mal die Woche besucht. Ferdinand geht mittlerweile in einen regulären Kindergarten. Meine freie Zeit versuche ich aktiv zu nutzen. Ich singe im Kirchenchor oder arbeite gern im Garten. Gartenarbeit ist für mich pure Entspannung. Dabei kann ich abschalten und bekomme den Kopf frei. Außerdem gehe ich mit meiner Familie so oft wie möglich raus in die Natur.

Ein Drittel Ihrer Mitarbeiter ist weiblich. Was haben Sie unternommen, um diese hohe Quote zu erreichen?

Dagmar Fritz-Kramer: Eigentlich war unser Frauenanteil schon immer außergewöhnlich hoch. Das liegt sicher auch am Produkt. Das Einfamilienhaus ist schon ein Frauenthema. Hier sind die Gestalter, aber auch die Entscheider oft die Frauen.

Wie begegnen Sie als Unternehmerin Mitarbeitern mit Kindern? Nehmen Sie mehr Rücksicht oder gibt es umgekehrt auch bestimmte Erwartungen, die Sie an Mitarbeiter mit Kindern stellen?

Dagmar Fritz-Kramer: Kinder sind unsere Zukunft! Deshalb darf bei uns jeder – ob Frau oder Mann – einen Heimarbeitsplatz beantragen, vorausgesetzt die Tätigkeit lässt das zu. Ich lasse jeden in die Erziehungszeit gehen. Diese acht Wochen sind für die Familie Gold wert. Zudem dürfen alle Mitarbeiter ihre Kinder kostenlos in unsere hauseigene Kita bringen, auch unangemeldet, wenn es mal einen Notfall gibt. Außerdem gibt es da noch flexible Arbeitszeitmodelle. Die Summe aller Maßnahmen, die wir eingeleitet haben, führt zu wirklich spürbar höherer Motivation.

Welchen guten Rat möchten Sie einem jungen Bauingenieur/Architekten mit auf den Weg geben, der auf der Schwelle zum Beruf steht?

Dagmar Fritz-Kramer: Nur Mut! ■