Zukunftsmärkte für Architekten

Wer am Anfang seiner Karriere steht, hat viele Wege offen. Doch welcher ist der richtige? Wo und wie kann ich mich positionieren? Spezialist oder Generalist? TALIS sprach mit Dr. Thomas Welter, Referent für Wirtschaft und Gesellschaft bei der Bundesarchitektenkammer, über ein sich wandelndes Berufsbild des Architekten und darüber, wie sich Berufsanfänger am besten im Labyrinth eines immer enger werdenden Architekturmarktes zurechtfinden.

Es ist häufig davon die Rede, dass das Berufsbild des Architekten im Wandel ist. Wie war es früher und wie würden Sie es heute beschreiben?

Dr. Thomas Welter: Bis in die späten 70er und 80er Jahre hinein war die Aufgabe des Architekten klar definiert: Er kümmerte sich um den Neubau und deckte als Generalist die Leistungsphasen 1 bis 9 ab. Doch seit Mitte der 80er Jahre stellt der Markt komplexere architektonische Aufgaben. Hinzu gekommen ist beispielsweise die Planung im Bestand. Das technische Niveau von Gebäuden ist deutlich gestiegen, daher müssen Architekten heute viel stärker mit Ingenieuren zusammenarbeiten. Während Architekten früher finanzielle Aspekte beim Bau eher ausblenden konnten, wird heute von ihnen erwartet, dass sie den Bauherrn auch in Sachen Kostenkontrolle, Qualitätssicherung, Finanzierungssicherheit und finanzielle Förderung, zum Beispiel durch die KfW, beraten.

Auf welche Veränderungen müssen sich Berufseinsteiger einstellen?

Dr. Thomas Welter: Viele Einsteiger verfolgen das Ziel, Gestaltungs- beziehungsweise Entwurfsarchitekt zu werden. Da liegt es nahe, in einer Entwurfsabteilung anzufangen. Doch davon rate ich ab. Der Bereich Entwurf/Gestaltung ist hoffnungslos überfüllt und junge Leute werden hier häufig regelrecht „verheizt“. Meines Erachtens ist es klüger, frühzeitig Erfahrungen in der Bauleitung zu sammeln. Bauerfahrene Architekten, die sich mit Vergabeverfahren und Detailplanung auskennen, werden gesucht und verdienen ein Viertel bis ein Drittel mehr als ihre Kollegen, die keine Bauerfahrung vorweisen können.

Viele junge Architekten haben Sorge, dass sie den Bezug zur Architektur verlieren, sobald sie sich anderen Themen als dem Entwurf zuwenden.

Dr. Thomas Welter: Die Sorge halte ich für unberechtigt. Der Architekt ist nicht nur für die Gestaltung zuständig, er hat die Chance, als Experte rund um die Immobilie wahrgenommen zu werden. Wenn man es nüchtern betrachtet: 80 Prozent der Kosten eines Gebäudes macht der Betrieb aus, Architekten tummeln sich jedoch auf den ersten drei Prozent der Kosten, das ist die Planung des Gebäudes. Sie vernachlässigen den Bereich des Bauens. Deshalb ist es für Berufsanfänger durchaus eine Überlegung wert, zunächst in der Immobilienwirtschaft zu arbeiten, zum Beispiel bei Versicherern, Banken, Wohnungsbaugesellschaften oder Bauunternehmen. Nach meinen Erfahrungen ist es wesentlich einfacher, von einem solchen Bereich wieder in den Gestaltungsbereich zurückzuwechseln als umgekehrt. Man hat ja sein Studium und seine Gestaltungsfähigkeit nicht verloren, nur weil man eine Zeit lang etwas anderes macht – im Gegenteil. Man bekommt einen Blick dafür, was Gestaltung in der Realität bedeutet. Was entwerfe ich da eigentlich? Funktioniert das langfristig? Dieser neu erworbene Blickwinkel ist äußerst wertvoll.

Ist es ratsam, als junger Architekt eine Zeit lang im Ausland zu arbeiten?

Dr. Thomas Welter: Das Ausland ist immer eine gute Alternative. Man gewinnt nicht nur Sprach- und kulturelle Kompetenzen, man steigert auch seinen Marktwert, insbesondere für international tätige Büros. Die Leistungen deutscher Architekturbüros werden überall auf der Welt geschätzt, besonders die Art, wie in Deutschland gedacht wird. Wir sind es gewohnt, für das Gesamtwerk geradezustehen. In vielen anderen Ländern haben Architekten keine Werk-, sondern Dienstleistungsverträge. Uns eilt außerdem der Ruf voraus, pünktlich und akkurat zu sein. Man traut deutschen Büros auch zu, mit der technischen Komplexität von Gebäuden fertig zu werden.

Foto: Rathscheck Schiefer

Foto: Rathscheck Schiefer

Welche Aufgaben kommen auf die Architekten von morgen zu?

Dr. Thomas Welter: Es gibt drei große Herausforderungen, denen sich Architekten in der Zukunft stellen müssen: der demografische Wandel, der Klimawandel und der technische Fortschritt. Trotz Bevölkerungsschwund in Deutschland steigt derzeit die Zahl der Haushalte, besonders die Single-Haushalte nehmen zu. Dementsprechend steigt die Nachfrage nach Wohnimmobilien. Allerdings wird sich dieser Zustand bald ändern. Architekten müssen sich darauf einstellen, dass Mitte des kommenden Jahrzehnts die Anzahl der Haushalte abnehmen wird. Der Immobilienmarkt wird stark unter Druck geraten, die Kunden werden anspruchsvoller. Um dem Druck standzuhalten, müssen sich Architekten stärker spezialisieren. Für Familien mit Kindern zu bauen, ist beispielsweise etwas anderes als für ältere Menschen. 70-Jährige sind heutzutage fit, aber sie brauchen Gebäude mit weniger Treppen. Barrierefreies Bauen wird immer wichtiger.
Der Klimawandel als zweite wichtige Herausforderung stellt Architekten vor die Aufgabe, energieeffizient und nachhaltig zu bauen. Energieoptimierte und ressourcenschonende Gebäude lassen sich langfristig deutlich besser verkaufen. Nicht zu vergessen ist, dass Gebäude irgendwann auch wieder abgerissen werden. Die Bedeutung recyclefähiger Baustoffe wird zunehmen.
Die dritte wichtige Aufgabe für Architekten besteht darin, mit der technischen Entwicklung Schritt zu halten. Jedes Jahr kommt eine Vielzahl neuer Produkte für das Planen und Bauen auf den Markt, da muss man sich auskennen. Es reicht nicht aus, sich auf das Fachwissen von Bauunternehmen und Bauzulieferern zu verlassen, auf diese Weise verpasst man den technischen Fortschritt. Daher sind Fortbildung und lebenslanges Lernen ungeheuer wichtig.

Sollten sich Berufsanfänger gleich am Anfang ihrer Karriere spezialisieren?

Dr. Thomas Welter: Man muss sich spezialisieren, ohne ein Fachidiot zu werden. Kritisch sehen wir als Bundesarchitektenkammer die starke Spezialisierung während der Ausbildung. Es gibt immer exotischere Abschlüsse und Vertiefungsrichtungen. Unseres Erachtens ist das zu früh. Es ist wichtig, sich im Studium noch relativ breit aufzustellen und die klassischen Bereiche der Architektur zu studieren. Planungskompetenz muss natürlich erworben werden. Mit dem Start ins Berufsleben ist die Zeit für die Spezialisierung gekommen. Insofern mein Rat an Berufsanfänger: Konzentriert euch auf eure Stärken und richtet danach eure Spezialisierung aus – aber erst nach der Ausbildung.

Welche Fähigkeiten sollten sich Berufsanfänger – abgesehen von fachlicher Kompetenz – im Berufsleben aneignen?

Dr. Thomas Welter: Während der Ausbildung kommt das Thema Kommunikation viel zu kurz. Wie kommuniziere ich zielgruppenorientiert?, ist eine wichtige Frage, mit der sich junge Architekten beschäftigen sollten. Das Gespräch mit dem Bauherrn verläuft anders als mit Technikern, Kollegen oder mit der Öffentlichkeit. Eine Stadtteilsanierung findet immer unter Beteiligung der Öffentlichkeit statt. Es kommt oft vor, dass Projekte wegen Kommunikationsfehlern abgelehnt werden, weil der Architekt nicht in der Lage war, die Öffentlichkeit zu überzeugen. Auch in Sachen Betriebswirtschaft haben Architekten nach unseren Erfahrungen erhebliche Defizite. Nicht einmal die Hälfte der Architekturbüros führt Stundenprotokolle und überprüft, ob der Aufwand eines Projektes durch das Honorar gedeckt ist. Wie muss ich ein Projekt anbieten, damit ich überhaupt auskömmlich arbeiten kann? Diese Frage wird viel zu selten gestellt.  ■

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