Interview: Gute Jobchancen

Die deutsche Wirtschaft entwickelt sich angesichts der Turbulenzen an den internationalen Finanzmärkten deutlich verhaltener als noch vor einem oder zwei Jahren. Der Arbeitsmarkt zeigt sich insgesamt allerdings recht robust. Inwieweit auch Architekten und Bauingenieure davon profitieren, fragten wir Judith Wüllerich, Arbeitsmarktexpertin der Bundesagentur für Arbeit.

Die deutsche Wirtschaft entwickelt sich derzeit moderat. Welche Auswirkungen hat das auf den Arbeitsmarkt für Architekten und Bauingenieure?

Judith Wüllerich: Der Arbeitsmarkt für Architekten und Bauingenieure ist eng mit der Entwicklung der Baubranche verknüpft. Angesichts niedriger Zinssätze und einer weiterhin hohen Investitionsbereitschaft, insbesondere im gewerblichen Bereich und im Wohnungsbau, stellt sich die Situation für die Baubranche insgesamt positiv dar. Zwar wurde in den letzten Monaten eine vorsichtigere Gangart erkennbar, diese hat sich jedoch bislang nicht auf den Arbeitsmarkt niedergeschlagen: So stieg die Nachfrage nach Architekten und Bauingenieuren 2012 weiter an, die Arbeitslosigkeit ging erneut zurück und auch die Beschäftigung entwickelte sich weiter positiv.

Wie steht es um die Chancen auf einen Arbeitsplatz für Berufsanfänger?

Judith Wüllerich: Alles in allem sind die Jobaussichten nicht schlecht. Dennoch gilt natürlich für Berufseinsteiger immer: Je mehr Praxiserfahrung ein Bewerber oder eine Bewerberin mitbringt, desto besser sind auch die Chancen. Projektarbeiten während des Studiums, Praxissemester oder Praktika in den Semesterferien erleichtern daher den Berufseinstieg. Fachhochschulabsolventen haben hier einen klaren Vorteil, da der Praxisteil in der Ausbildung deutlich stärker gewichtet wird als an Universitäten. Auch bei FH-Absolventen mit den neuen Bachelor- und Masterabschlüssen zeigt sich, dass der Berufseinstieg problemloser gelingt als für Uni-Absolventen. Neben den fachlichen Kenntnissen legen Arbeitgeber aber auch Wert auf Eigenschaften wie Team- und Organisationsfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Flexibilität und unternehmerisches Denken. Auch das gilt es während des Studiums im Auge zu behalten, will man gut auf den Berufseinstieg vorbereitet sein. Die Bundesagentur hat speziell für Berufseinsteiger Tipps zusammengestellt, wie es mit dem Berufseinstieg erfolgreich klappt. Unter www.arbeitsagentur.de/karrieremachen kann man diese kostenfrei abrufen.

Immer wieder ist vom Fachkräftemangel bei Ingenieuren die Rede. Wie ernst ist die Lage tatsächlich?

Judith Wüllerich: Ja, das stimmt, wir können mittlerweile durchaus von einem Engpass bei Ingenieuren sprechen, wenngleich in erster Linie nicht unbedingt Architekten und Bauingenieure gemeint sind. Vor allem bei den Maschinen- und Elektroingenieuren zeigt sich ein Fachkräftemangel. Dennoch fällt es auch im Bausektor nicht immer leicht, den einen gewünschten Spezialisten zu finden. Arbeitgeber sollten sich daher rechtzeitig auf die Suche nach Mitarbeitern begeben, wenn die Realisierung bestimmter Projekte von der erfolgreichen (Neu-)Besetzung bestimmter Stellen abhängt.

Welche Chancen haben Absolventen eines Architekturstudiums zurzeit auf dem Arbeitsmarkt?

Judith Wüllerich: Insgesamt stellt sich der Markt ganz gut dar; so ist die Arbeitslosigkeit von Architekten rückläufig und die Nachfrage ist gegenüber dem Vorjahr erneut angestiegen. Der Berufseinstieg stellt für viele Absolventen eines Architekturstudiums allerdings eine Herausforderung dar. Wenige Stellenausschreibungen richten sich explizit an Berufseinsteiger und die gewünschten Bewerbereigenschaften lassen manchen Absolventen von einer Bewerbung absehen und sich eher nach Praktika umsehen. Hier kann man jedoch nur ermutigen, sich auch als Berufseinsteiger selbstbewusst zu bewerben und sich auch von Rückschlägen nicht verunsichern zu lassen. Perspektivisch müssen Architekturbüros und öffentliche Institutionen beginnen, sich ihren Fachkräftenachwuchs zu sichern. Etwa jeder siebte bis achte abhängig beschäftigte Architekt ist derzeit bereits über 55 Jahre alt und dürfte in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen. Nachwuchs wird also zunehmend gesucht.

Wie sieht die Arbeitsmarktsituation bei den Bauingenieuren aus?

Judith Wüllerich: 2012 waren im Jahresdurchschnitt 2.700 Bauingenieure arbeitslos, gut ein Zehntel weniger als im Vorjahr. Innerhalb der letzten zehn Jahre fällt der Rückgang sogar noch größer aus: So ist die Arbeitslosenzahl um mehr als vier Fünftel zurückgegangen. Auch die Nachfrage nach weiteren Fachkräften hat gegenüber dem Vorjahr erneut angezogen und liegt mittlerweile auf hohem Niveau. Im Laufe des Jahres 2012 wurden rund 6.000 Stellen für Bauingenieure bei den Agenturen für Arbeit gemeldet. Die Beschäftigung in Architektur- und Ingenieurbüros verzeichnete 2012 erneut ein Plus. Gute Chancen haben Bauingenieure in den großen Städten wie Berlin, Hamburg, Hannover oder Leipzig. Aber auch abseits der Zentren mit ihren großen Ingenieurbüros bieten sich immer wieder Chancen.

Tageszeitungen und das Internet sind noch immer klassische Wege auf der Suche nach Stellenanzeigen. Welche anderen Möglichkeiten gibt es?

Judith Wüllerich: Arbeitssuchende können sich immer an die Bundesagentur für Arbeit wenden. Die Arbeitsvermittlerinnen und Arbeitsvermittler unterstützen bei der Arbeitssuche, beraten, vermitteln und helfen gerne weiter. Auch eine Registrierung in der Jobbörse der Bundesagentur für Arbeit kann erfolgversprechend sein (www.arbeitsagentur.de). Hier kann man kostenfrei sein persönliches Profil anlegen, so dass Arbeitgeber direkt mit Arbeitssuchenden Kontakt aufnehmen können. Wichtig ist, auch selbst den direkten Kontakt zu Arbeitgebern zu suchen, telefonisch oder auch persönlich vorbeizuschauen. Auch auf Messen und Fachveranstaltungen können gut Kontakte geknüpft werden. Daneben gibt es natürlich immer auch die Möglichkeit, Initiativbewerbungen an potenzielle Arbeitgeber zu senden. Und nicht zuletzt gilt es, ein gutes Netzwerk von der ersten Praktikumsstelle an zu pflegen. So wird man auf offene Stellen aufmerksam, die in keiner Tageszeitung und auf keiner Internetseite veröffentlicht werden.

Arbeitgeber erhalten auf eine Stellenanzeige häufig zahlreiche Bewerbungen. Mit welchen Eigenschaften stechen Bewerber aus der breiten Masse hervor?

Judith Wüllerich: Wer sich um eine hochqualifizierte Anstellung bewirbt, muss auch eine entsprechend hochqualifizierte Bewerbung abgeben. Dies muss in Form, Ausdruck und Inhalt deutlich werden. Arbeitgeber klagen immer wieder, dass es Bewerbern an dem spezifischen – bereits in der Stellenanzeige geforderten – Fachwissen fehle. Insofern sollten sich Bewerber mit dem eigenen Profil auseinandersetzen und in ihrer Bewerbung konkret ihr Profil in Bezug auf die geforderten Kompetenzen darstellen. Wichtig ist auch, sich bereits im Vorfeld der Bewerbung über das Unternehmen zu informieren, um so eine individuell auf Stelle und Firma abgestimmte Bewerbung zu erstellen.

Wenn es mit einer Anstellung nicht klappt – welche Alternativen haben junge Architekten und Bauingenieure?

Judith Wüllerich: Generell ist die regionale Mobilität bei hochqualifizierten Fachkräften sehr wichtig. Wenn es also in der eigenen Region nicht klappt, sollte man unbedingt auch in anderen Regionen Deutschlands suchen. Grundsätzlich kann auch die Möglichkeit in Betracht gezogen werden, für eine gewisse Zeit ins Ausland zu gehen. Die Bundesagentur hilft hier gerne weiter und vermittelt auch Stellen im Ausland. Eine Alternative stellt auch die Weiterqualifizierung in einem Masterstudiengang dar. Hier besteht die Möglichkeit, sein Know-how auszuweiten und sich dadurch besser am Markt zu positionieren. Nicht außer Acht gelassen werden sollte bei entsprechender Berufserfahrung und finanzieller Voraussetzung die Tätigkeit als Freiberufler. Für wen eine selbständige Tätigkeit nicht in Frage kommt, der sollte auch nach Stellen Ausschau halten, die nicht direkt für Architekten bzw. Bauingenieure ausgeschrieben sind. So bieten sich z.B. im Bereich Immobilienmanagement oder Journalismus durchaus Tätigkeitsfelder für diese Berufsgruppen.

Wie schätzen Sie die Zukunft ein?

Judith Wüllerich: Aktuelle Prognosen gehen von einer moderaten, aber stabilen Entwicklung der deutschen Wirtschaft aus. Davon könnte auch der Bausektor weiterhin profitieren. Die im Zuge der ifo-Umfrage befragten Architekten beurteilen ihre Geschäftsaussichten weiterhin entsprechend zuversichtlich. Treibende Kraft ist dabei aber vor allem der Wohnungsbau, während die Aufträge aus dem öffentlichen Sektor rückläufig sind. Mittelfristig ist ebenfalls mit positiven Berufsaussichten für abhängig beschäftigte Bauexperten zu rechnen. Der sich abzeichnende demografisch bedingte Ersatzbedarf dürfte – trotz aktuell leicht steigender Absolventenzahlen im Bauingenieur- und Architekturbereich – zu guten Jobchancen führen. Junge Menschen, die sich für ein Studium der Architektur oder im Bauwesen entscheiden, können daher auch in Zukunft auf gute Arbeitsmarktchancen setzen.  ■

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