Wozu Architekten und Bauingenieure eine Webseite brauchen

Wozu Architekten und Bauingenieure eine Webseite brauchen

von Eric Sturm

Von der Planung bis zur Bauleitung, vom Vertrieb bis zum Architekturbüro: Es gibt momentan so viele Einstiegsmöglichkeiten für junge Architekten und Bauingenieure, dass man leicht den Überblick verliert. Bevor Sie sich im Dickicht der Möglichkeiten verlieren, fragen Sie erst einmal: Wohin soll es eigentlich gehen?

Eine eigene Website hilft beim Start in den Beruf, egal ob bei der Jobsuche oder bei den ersten Schritten in die Selbständigkeit. Auch Facebook & Co. lassen sich karrierefördernd einsetzen. Doch viele scheuen den Aufwand mit einer eigenen Homepage. Unser Autor hat sich auf Internet für Architekten und andere Bauschaffende spezialisiert und macht Netzneulingen Mut, sich das Projekt Webseite lieber früher als später anzugehen.

Stellenangebote gibt es viele, ebenso steht der Schritt in die Selbständigkeit – zumindest theoretisch – jedem offen. Aber: Die meisten guten Jobs und Aufträge werden an Leute vergeben werden, die man kennt. Wer sich als Absolvent erstmalig auf dem Arbeitsmarkt umschaut, hat dabei gegenüber den „alten Hasen“ im Geschäft – also langjährig tätigen Architekten und Ingenieuren – einen entscheidenden Nachteil: Als Berufsanfänger hat man meist kein Netzwerk, kennt also wenige Leute in der Branche und ist mehr oder weniger ein „unbeschriebenes Blatt“. Doch mit der richtigen Marketing-Strategie in eigener Sache lässt sich das ändern. Und das Internet ist dabei eine große Hilfe.

Dreh- und Angelpunkt der Selbstdarstellung im Netz

In den zurückliegenden Jahren an der Hochschule haben Sie sich wertvolles Wissen angeeignet, in Projekten und Praktika bewiesen, dass sie es anwenden können und kreativ sind. Doch ein Diplom-Zeugnis spricht nicht für sich. Sie müssen potentiellen Arbeitgebern oder Auftraggebern zeigen, was sie können. Das geht optimal mit einer eigenen Website. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt der Selbstdarstellung im Netz.

Am Rande bemerkt: „Selbstdarstellung“ klingt für manche zwar nach Angeberei, doch darum geht es nicht. Selbstdarstellung bedeutet, das eigene Profil (Wer bin ich? Was kann ich?) und die eigenen Projekte zu präsentieren, sowie sachlich und informierend über die eigene Arbeit zu berichten. Für alle Kreativen – vom Schmuckdesigner bis zum Werbefilmproduzenten, und natürlich auch für Planer – gehört diese Art der Öffentlichkeitsarbeit in eigener Sache zur professionellen Ausübung ihres Berufs.

 

Bei der Selbstdarstellung im Netz übernimmt Ihre Website drei wichtige Aufgaben:

  • Die Person vorstellen: Die Besucher, z. B. potentielle Arbeitgeber, sehen auf der Website eines Architektur-Absolventen die wichtigsten Projekte aus Studium, die Computer-Kenntnisse und die bisherigen beruflichen Stationen.
  • Über Aktuelles berichten: Da sich moderne Website-Systeme auch ohne Programmierkenntnisse leicht bedienen lassen (siehe unten), können Sie auf Ihrer Website ohne großen Aufwand regelmäßig von Ihren Projekten oder über Wissenswertes aus der Branche berichten. Damit geben Sie Aussenstehenden einen sehr glaubwürdigen Einblick in Ihre Arbeit, stellen Ihre Fachkompetenz unter Beweis und bringen sich ins Gespräch.
  • Kontaktmöglichkeiten bieten: Über die Website kann sie ein Arbeitgeber oder Interessent per Telefon, per E-Mail, Skype oder Soziale Medien bequem kontaktieren. Bei Selbständigen mit fester Büroadresse macht natürlich auch ein Lageplan einen guten Eindruck.

Wer bin ich?

...was kann ich?

Bevor Sie mit der Einrichtung der eigenen Website oder mit den (be­ruf­lichen) Seiten in den So­zi­a­len Netz­werken beginnen, sollten Sie sich ein paar grundlegende Gedanken machen, wie Sie sich präsentieren möchten und wen Sie ansprechen. Nehmen Sie einfach Papier und Stift und schreiben Sie die Antworten auf diese Fragen auf, die z. B. so lauten könnten:

 

  • Was kann ich besonders gut? Wo liegen meine Stärken?
  • Wie kann ich das am besten zeigen
  • In welchem Umfeld / für wen möchte ich arbeiten?

Aus diesen Grundüberlegungen kön­nen Sie wichtige Prinzipien für Ihre Selbstdarstellung im Netz ableiten. Hier drei Beispiele dazu:

 

  • Wer im Ausland Fuß fassen möchte, sollte z. B. seine Website mindestens auf Deutsch und auf Englisch anbieten, in den Sozialen Netzwerken eher englisch kom­munizieren und statt auf dem deutsch­spra­chigen Business-Netzwerk XING lieber ein Profil auf der internationaler aus­ge­rich­teten Platt­form LinkedIn ein­rich­ten usw.
  • Wenn Sie sich für Denkmalschutz und Sanierung interessieren, ü­ber­zeu­gen Sie potentielle Ar­beit­geber am ehesten mit konkreten Arbeitsproben aus diesem Bereich, aber auch mit Fotos oder Hand­zeich­nungen z. B. von historischen Gebäuden, wenn sie auf der Website gut präsentiert sind.
  • Möchten Sie im Bereich 3D-­Vi­sualisierung tätig werden, sollte Ihre Website entsprechende Arbeitsproben und natürlich In­for­ma­tionen über Ihre konkreten Software-Kenntnisse bereithalten. Auch ein eigenes Blog, in dem Sie über aktuelle Vi­su­a­li­sie­rungs­trends berichten, würde Ihr Profil als 3D-Spezialist stärken.

Vorteile einer Webseite

Plattform für Job-Bewerber und Selbständige

Die Website als Basis für Bewerbungen ermöglicht Ihnen, alle relevanten Informationen, die ein potentieller Arbeitgeber über Sie benötigt, zentral bereitzustellen. Die Bewerbungs-Homepage umfasst also einen Lebenslauf mit Überblick über Ihre Fähigkeiten (Computer, CAD, Sprachen …), ausgewählte Projekte aus dem Studium oder früheren Büro-Jobs.

Natürlich ist eine Website auch eine wichtige Unterstützung beim Schritt in die Selbständigkeit. Wenn Sie vorhaben, sich Auftraggebern als externer Dienstleister anzubieten, ist es besonders wichtig, mit der Website Vertrauen zu schaffen und einen seriösen Eindruck zu hinterlassen. Ein professionelles, sachliches Design, aussagekräftige Texte und hochwertige Arbeitsproben sind hier besonders wichtig. Ideal ist, wenn Sie schon das ein oder anderen Kundenprojekt realisiert haben und sie die Zufriedenheit Ihrer bisherigen Aufttraggeber in Form von „Kundenstimmen“ auf der Website abbilden können.

 

Weniger ist mehr!

Egal, für welchen Zweck Sie Ihre Website einsetzen: Versuchen Sie, nur die wirklich wichtigen Informationen bereitzustellen und nur die besten Projekte zu zeigen. Ein Besucher Ihrer Website schaut sich davor und danach meist noch viele andere Internetseiten an und verbringt maximal ein paar Minuten auf Ihren Seiten. Es reicht also beispielsweise vollkommen aus, wenn der Lebenslauf mit dem Abitur beginnt und wenn drei oder vier Projekte aus dem Studium Ihre Fähigkeiten illustrieren.

Ihre Projektfotos sprechen nicht für sich!

Im Netz ist es wichtig, Informationen knapp und präzise zu vermitteln. In der kurzen Zeit, die ein Besucher Ihren Inhalten widmet, dürfen keine Missverständnisse auftreten. Versuchen Sie daher, Ihre Projekte, Arbeitsproben etc. immer „idiotensicher“ zu präsentieren. So muss z. B. bei einem Semesterprojekt aus dem Studium sofort ersichtlich sein, a) worum es ging (Thema, Aufgabe, Ort), b) dass Sie es im Studium gemacht haben, b) in welchem Fach, c) bei welchem Professor. Dadurch wird Ihre Website übrigens auch bei Suchmaschinen „beliebter“, denn je mehr relevante Begriffe auf einer Seite auftauchen, desto häufiger wird sie bei passenden Suchanfragen aufgelistet.

Videos, Broschüren und Präsentationen

Neben Bildern und Texten kann eine Website heutzutage natürlich auch andere Medien beherbergen. Ein paar Beispiele: Videos können zu Youtube oder Vimeo hochgeladen und von dort aus – mit Hilfe des sogenannten „Embed Codes“ direkt in die Website eingebettet werden. Nach dem gleichen Prinzip kann man auch Powerpoint-Präsentationen (via SlideShare), Broschüren (mit Issuu) oder Pläne (über Scribd) in die eigenen Internetseiten integrieren.

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Kunststoff – Wegweisender Werkstoff

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Eigene Website: Aufwand und Kosten

Wer schnell und kostengünstig eine einfache Website ins Netz stellen möchte, braucht heute eigentlich keine HTML-Kenntnisse mehr und muss auch nicht für ein paar Tausend Euro einen Webdesigner engagieren. Mit einem Website-Baukasten können sich Berufsanfänger oder Existenzgründer ohne Programmierkenntnisse eine ansehnliche Bewerbungs-Website oder ein Online-Portfolio „im Eigenbau“ zusammenbauen.

Die Basisversionen der genannten Systeme sind gratis nutzbar. Einziger Nachteil: Man hat keine normale Webadresse, die Seiten sind dann unter einer sog. „Subdomain“ erreichbar, z. B. sebastianmarkdorf.jimdo.com – das geht zwar Anfang (und ist zum Testen wunderbar geeignet!), wirkt aber auf Dauer unprofessionell. Daher sollten Sie, wenn Sie sich für ein System entschieden haben, die „Premium“- oder „Business“-Variante buchen, dann können Sie Ihre Website unter einer eigenen Domain nutzen (Kosten: ca. 50-60 EUR/Jahr).

Social Media: Netzwerken leicht gemacht

Wie oben beschrieben, sollte Ihre Website im Mittelpunkt aller Online-Aktivitäten stehen, egal ob sie eine Festanstellung in einem Architekturbüro suchen, als Freelancer von Büro zu Büro wechseln oder die eigene Selbständigkeit anpeilen.

Daneben, quasi als „Satelliten“ zur eigenen Website, kann es für die Karriere äußerst hilfreich sein, auch die Sozialen Medien zu nutzen – beruflich, versteht sich. Was heisst das konkret?

Ein Muss für Berufseinsteiger sind die Business-Netzwerke XING und LinkedIn. Wenigstens in einem der beiden sollten Sie sich ein kostenloses Profil anlegen, relevante Inhalte (Was kann ich, was suche ich, was habe ich bisher gemacht usw.) einpflegen und Kontakte aus dem „echten Leben“ auch auf der Plattform abbilden. Dabei eignet sich XING eher für das Netzwerken im deutschsprachigen Raum, wer internationaler unterwegs ist, sollte LinkedIn nutzen.
Über beide Plattformen können Sie ohne viel Aufwand mit ehemaligen Kommilitonen, Kollegen oder Arbeits- bzw. Auftraggebern in Kontakt bleiben und erhöhen die Chance, beruflich interessanten Leuten früher oder später wieder „über den Weg zu laufen“ beträchtlich.

Wenn Sie beim Branchenriesen Facebook ein Personenprofil haben, sollten Sie zunächst überlegen, ob dies die eigene Person in beruflicher Hinsicht vorteilhaft präsentiert. Im Klartext: Was sieht ein potentieller Arbeitgeber hier von Ihnen? Unpassende Fotos etc. sollten Sie also entweder rechtzeitig löschen oder sich ein zweites Personenprofil für die rein berufliche Nutzung anlegen. Für Existenzgründer bietet sich darüber hinaus an, eine sogenannte „Fan Page“ anzulegen, also eine Facebook-Unternehmensseite für das eigene (wenn auch kleine) Büro.

Neben Facebook können Sie natürlich andere Social Networks für die berufliche Selbstdarstellung nutzen: Twitter wird viel von (Fach-)Journalisten genutzt und eignet sich bestens für die Öffentlichkeitsarbeit in eigener Sache, via Instagram oder Pinterest kann man sich mit Architekturfotos, 3D-Visualisierungen etc. hervorragend in Szene setzen. Wichtig: Wenn Sie sich für ein Netzwerk entscheiden, nutzen Sie es regelmäßig und veröffentlichen Sie dort Inhalte, die zu ihrem beruflichen Profil passen.

Welche Arten von Website-Baukästen gibt es?

 

  • Online-Portfolios und Web-­Vi­si­ten­kar­ten richten sich vor allem an Freelancer oder Be­rufs­an­fänger auf Jobsuche: mit ihnen kann bequem man das ei­ge­ne Port­folio im Netz, also eine Art digitale Bewerbungsmappe herstellen.
    Anbieter-Tipps:
    Dunked.com, Squarespace.com
  • Die klassischen Web­site-Bau­käs­ten wie Jimdo (Tipp!) oder MyWebsite von 1&1 eignen sich für klassische Büro-Websites (z.B. von Existenzgründern) am besten.
  • Wer häufig eigene, aktuelle Bei­träge (Blog Posts) veröffentlicht, sollte sich Blog­sys­teme wie WordPress.com oder Tumblr genauer ansehen.

Große Architektur im Kleinen

Große Architektur im Kleinen

von Özlem Özdemir

Selbständig – direkt nach dem Studium? Viele denken, das ginge nicht. Die junge Berliner Architektin Katharina Löser überzeugt vom Gegenteil. Özlem Özdemir hat mir ihr gesprochen – über Projekte, Wettbewerbe und die ganz normalen Alltagssorgen junger Planer.

Katharina Löser und Johannes Lott.

Foto: Löser Lott Architekten

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Hochwertige Tageslichtsysteme aus Kunststoff, Glas und Aluminium

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Villa Küssnacht am Rigi.

Foto: Löser Lott Architekten

Reihenhäuser in Dresden.

Foto: Löser Lott Architekten

Duett in Warnemünde.

Foto: Stefan Müller

Waldhaus.

Foto: Löser Lott Architekten

Frau Löser, im Oktober 2013 wurde Ihnen vom Bund Deutscher Architekten BDA Berlin der Hans-Schaefers-Preis an junge Architekten für vorbildliche planerische Leistungen verliehen. Ausgezeichnet wurde Ihr realisiertes Projekt Duett in Warnemünde. Warum haben Sie dieses Projekt eingereicht?

Katharina Löser: Das „Duett” in Warnemünde war eines der ersten Projekte direkt nach dem Studium, das ich planen konnte. Es war zu dem Zeitpunkt gerade fertig und das markanteste Projekt, an dem ich bisher gearbeitet hatte. Das Spannende daran ist: Zwei Häuser, ähnlich zweieiigen Zwillingen, bilden eine Symbiose innerhalb eines Warnemünder Straßenzuges. Durch eine schmale hohe Fuge erscheinen sie verbunden und getrennt zugleich. Der Grund dafür liegt in einem interessanten städtebaulichen Merkmal, der sogenannten „Tüsche”. Der Begriff kommt aus dem plattdeutschen Wort „tüschen” („zwischen”). In Warnemünde wird er verwendet, um die ortstypische schmale Fuge zwischen zwei Häusern zu beschreiben. Überlieferungen sprechen davon, dass eine Tüsche so breit sein musste, dass eine Kuh hindurch passte. (lacht) Diesen hohen schluchtartigen Raum haben wir inszeniert. Hier werden die beiden Baukörper über eingehängte Treppen und Podeste miteinander verwoben.

Sie haben sich schon im Jahr Ihres Diploms, also 2008, selbstständig gemacht – ein recht untypischer Weg.

Katharina Löser: Ja, ich habe damals in Berlin begonnen, an dem Entwurf für die Häuser in Warnemünde zu arbeiten. Das Projekt ist in Zusammenarbeit mit dem im Erzgebirge ansässigen Büro und der Baufirma meines Vaters entstanden. Ohne diese Zusammenarbeit wäre eine Umsetzung der ersten Projekte natürlich nicht möglich gewesen.

Und dann entstand 2011 „Löser Lott Architekten“.

Katharina Löser: Ich kenne meinen Partner Johannes Lott seit unserem gemeinsamen Studium in Dresden. Damals hat man schon immer davon geträumt, später einmal ein eigenes Büro zu haben. Herr Lott hat einige Jahre in dem Berliner Büro Müller Reimann Architekten gearbeitet und dort viele Erfahrungen im Umgang mit Wettbewerben gesammelt. Im Sommer 2011 bei einem Bier haben wir dann unser gemeinsames Büro Löser Lott Architekten in Berlin gegründet. Seitdem entwickeln wir unsere Projekte im Dialog und versuchen auch verstärkt an Wettbewerben teilzunehmen.

Ihr Vater ist aber immer noch mit dabei, oder?

Katharina Löser: Viele unserer gebauten Projekte entstehen in enger Zusammenarbeit mit der Baufirma meines Vaters. Auf diese Weise haben wir die Möglichkeit, starke architektonische Ideen in die Realität umzusetzen. Im Studium entwickelt man abstrakte „radikale“ Ideen für fiktive Aufgaben. In der Realität muss man diese mit Bauherrenwünschen, Budget und technischer Machbarkeit in Einklang bringen. Architektur zu denken und zu bauen ist ein komplexer Prozess. In unserer Zusammenarbeit verbinden sich „junge“ Ideen mit einem langjährigen praktischen Erfahrungsschatz.

Gibt es in Berlin für junge Architekten, die sich selbstständig machen wollen, nicht viel zu viel Konkurrenz?

Katharina Löser: Die Konkurrenz ist recht groß, und wir würden uns natürlich freuen weitere Projekte in Berlin zu realisieren. Aber zum Glück sind unsere Auftraggeber deutschlandweit verstreut. Wir bauen viel im sächsischen Raum, ein Projekt in der Schweiz und zwei Projekte oben an der Ostsee. Direkt in Berlin haben wir bisher eine Doppelhaushälfte aus dem Jahr 1926 denkmalgerecht saniert. In der gleichen Siedlung am Grunewald planen wir aktuell eine kleine Hauserweiterung.

Wie sind Sie zu dem Projekt „Duett in Warnemünde“ überhaupt gekommen?

Katharina Löser: Viele unserer bisherigen Aufträge entspringen unserem Freundes-, Familien- und Bekanntenkreis. Beim „Duett“ handelt es sich um ein selbstentwickeltes Projekt. Wir waren auf Besuch bei einem befreundeten Architekten in Warnemünde und haben diese letzte klaffende Lücke in der Friedrich-Franz-Straße entdeckt. (lacht) Das Grundstück lag schon einige Jahrzehnte brach und wurde als „Blechwiese“, also als Parkplatz, genutzt. Was als „Spinnerei” begann, wurde zu einem Projekt. Meine Familie konnte das Grundstück erwerben und ich hatte einen Auftrag.

Beim Hans-Schaefers-Preis beschäftigen sich die meisten eingereichten Projekte mit dem Wohnungsbau und dem Bauen im Bestand. Gibt es keine anderen Bereiche für junge Architekten?

Katharina Löser: Ich glaube, dass Wohnungsbauten, Sanierungen und Umbauten bis zu einer gewissen Größe, aber auch Projekte aus dem Bereich des Innenausbaus häufig von privaten Auftraggebern kommen.

Vermutlich bekommen so einige junge Architekten ihren ersten Auftrag von einem privaten Bauherrn aus dem Familien-, Freundes- oder Bekanntenkreis. Klassische Beispiele sind die Planung des Eigenheims der Schwester oder die Sanierung einer Altbauwohnung für einen Freund. Bei größeren Wohnungsbauprojekten oder bei öffentlichen Gebäuden, wie Schulen, Museen, Bürogebäuden handelt es sich meist um öffentliche Auftraggeber oder Investorenprojekte, die über Wettbewerbe vergeben werden. Es gibt es relativ wenige offene Wettbewerbsverfahren, hier aber ist die Teilnehmerzahl entsprechend hoch und die Konkurrenz extrem groß. Viele Wettbewerbe sind jedoch beschränkte Verfahren. Dabei werden erfahrene oder lokale Büros gesetzt und die restlichen Teilnehmer direkt oder über ein Losverfahren ausgewählt. Die Wettbewerbsteilnehmer stellen meist ein Portfolio mit gebauten Projekten, anderen Wettbewerbserfolgen oder erlangten Preisen zusammen. Die meisten jungen Büros können natürlich keine entsprechenden Referenzbauten nachweisen. Wer hat in dem Alter schon einen Campus oder ein Museum gebaut? (lacht) Leider werden bei diesen Auslobungen nur wenige junge Büros zugelassen oder zugelost. Es gibt Wettbewerbe, bei denen von zwanzig Teilnehmern nur ein einziges junges Büro teilnehmen darf. Es ist ein Glücksspiel, und es erschwert jungen und kleinen Büros, an öffentliche Aufträge zu kommen.

Ganz zu Anfang arbeiten viele selbständige Architekten noch von zu Hause aus, aber zu dritt oder zu viert braucht man größere Räume. Wie klappt die Finanzierung?

Katharina Löser: Dank Internet und Notebook kann man tatsächlich von überall, auch von zu Hause aus arbeiten. In Berlin gibt es durch die zahlreichen Bürogemeinschaften und Coworking spaces (z.B. „coworking“ bei www.raumstation-berlin.net, Anm.d.A.) viele Möglichkeiten, für relativ wenig Geld einen guten Arbeitsplatz, einen Schreibtisch mit einem Regal, zu mieten. Viele Freiberufler, z.B. auch Grafiker und Designer, nutzen diese flexible Struktur, die es hier gibt. Je nach Größe, Ausstattung, vorhandenem Besprechungsraum und so weiter kostet ein guter Arbeitsplatz schätzungsweise um die 200 Euro monatlich. In unserem Fall war es so, dass ich irgendwann diese schön sanierte Remise im zweiten Hinterhof gefunden hatte. Auch wir teilen uns die Räumlichkeiten mit anderen Architekten und Grafikern, so entstehen Möglichkeiten der Zusammenarbeit und wir finanzieren die Räume gemeinsam.

Wie sieht die Arbeitsteilung bei Ihnen aus?

Katharina Löser: Im Prinzip macht bei uns jeder alles. Meist arbeiten wir an zwei drei Projekte parallel. Pro Projekt gibt es jeweils einen Projektverantwortlichen, der die Fäden zusammenhält. Grundlegende Entscheidungen, was die Entwürfe und allgemeine Bürofragen betrifft, werden zusammen getroffen. Wir sind viel am Probieren, wie wir eine kreative und gleichzeitig effektive Bürostruktur entwickeln können. Wir sind in einem permanenten Prozess. Gute Architektur zu entwickeln ist das eine, ein Büro am Laufen zu halten das andere. Dinge, mit denen man im Studium wenig Berührung hatte, wie Akquise, Wirtschaftlichkeit, Effektivität, Buchhaltung, Kommunikation nehmen viel Raum im Büroalltag ein, ohne dass man auch nur einen Strich gemacht hat. Für mich persönlich ist das eine der größten Herausforderungen, kreativ und gleichzeitig effektiv und wirtschaftlich zu sein.

Peter Zumthor sagte einmal: „Derzeit arbeiten rund 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an 15 Projekten parallel. Wir wollen das Büro aber nicht aufblasen, wir wollen kein Dienstleistungsbüro werden, denn wir könnten darin unsere hohen Qualitätsansprüche nicht mehr erfüllen.“ Was sagen Sie dazu?

Katharina Löser: Das kann ich sehr gut nachvollziehen. 15 Projekte und 30 Mitarbeiter sind für uns momentan eine andere Dimension. Im Vergleich zu Büros, die weit mehr als 100 Leute haben, ist dieses natürlich immer noch relativ klein. Für mich ist es auch so, dass ich eher in einer kleinen Bürostruktur arbeiten mag, wo eine gewisse Atelieratmosphäre erhalten bleibt. Ich träume perspektivisch nicht von einer riesigen Büromaschine, aber klar, hätte man ein größeres Projekt, würde man an der Aufgabe wachsen. Das Büro Studio Mumbai aus Indien finde ich faszinierend. Das gesamte Team, ob Zeichner, Modellbauer oder Handwerker, arbeitet in einem werkstattartigen Umfeld halb im Freien, umgeben von unzähligen Materialproben und Modellen. Jedes Detail scheint handgefertigt, bis zum Fenstergriff gefeilt und geschnitzt. In dieser Form ist das hier kaum möglich. Handwerk und „echte“ Materialien sind rar und teuer geworden. Die enge und direkte Zusammenarbeit mit den Handwerkern spielt bei Löser Lott eine wichtige Rolle. Beispielsweise haben wir mehrere Details beim „Duett“ wie Fensterläden und Balkongeländer gemeinsam mit den Handwerkern in Form von 1:1 Modellen in der Werkstatt entwickelt.

Frau Löser, ich wünsche Ihnen weiterhin ganz viel Glück und bedanke mich für dieses Interview!

Ich danke Ihnen.

„Ich bin 24 Stunden am Tag die Firma“

Schon als Berufsanfängerin wusste Tatjana Sabljo, dass sie eines Tages in ihrem eigenen 
Architekturbüro arbeiten würde. Im Gespräch mit TALIS erzählt sie von ihren Erfahrungen und Ängsten als Selbständige und vom Gegner Zeit.

Hannover piu bar Tatjana Sabljo Architektin Kieferstein

Piu Bar in Hannover. Foto: Kieferstein +Sabljo

Der Weg zu Keferstein+Sabljo Architekten führt durch kaum befahrene Straßen mit den für Hannover so typischen rotgeklinkerten Häuserzeilen aus den 20er Jahren. In diesem Wohnviertel soll tatsächlich ein Architekturbüro sein? Erleichtert entdecken wir schließlich das Klingelschild an dem unauffälligen Mehrfamilienhaus in der Nachtigalstraße. Weniger erleichtert sind wir über seine Position, die auf ausgiebiges Treppensteigen hindeutet. Schnaufend erreichen wir den fünften Stock, wo uns Irina Keferstein erwartet: „Meine Kollegin ist noch bei einem Aufmaßtermin“, informiert sie uns freundlich und bietet Kaffee an. Nur Augenblicke später kommt Tatjana Sabljo nicht minder schnaufend durch die Tür, unter dem Arm ein Baguette und andere Picknickzutaten. Doch das Frühstück muss warten, wir wollen nämlich gleich wissen, wie es zur Gründung des Büros in dieser kleinen Maisonette-Wohnung gekommen ist. „Am Anfang saßen wir mit unseren Rechnern zu zweit an einem Tisch – ansonsten stand hier alles leer“, erinnert sich Tatjana Sabljo lachend. Ursprünglich sollte der Dachboden des Mehrfamilienhauses als Wohnraum ausgebaut werden, doch als sich die Architektin 2008 entschloss, den Traum von der Selbständigkeit zu verwirklichen, wurden die Räumlichkeiten kurzerhand zum Büro umfunktioniert – mit schicker Dachterrasse und Blick über die Dächer der Südstadt.

Selbständigkeit auf Raten

... ist die Selbständigkeit auch mit Spaß verbunden.  Foto: Nicole Puscz

… ist die Selbständigkeit auch mit Spaß verbunden.
Foto: Nicole Puscz

Tatjana-Sabljo-Architektin-Kieferstein

Für die Architektin Tatjana Sabljo…
Foto: Nicole Puscz

Schon als Tatjana Sabljo in den Architektenberuf startete, hatte sie im Hinterkopf die Vorstellung, sich eines Tages selbständig zu machen: „Irgendwann dachte ich mir, jetzt habe ich genug Erfahrung, jetzt könnte ich es eigentlich wagen“, erzählt sie. Zumal auch der Wunsch immer stärker wurde, eigene berufliche Vorstellungen zu verwirklichen. Doch als Angestellte war sie den Anweisungen des federführenden Architekten unterworfen: „Gerade in der Architektur werden viele Entscheidungen eher subjektiv getroffen, und dann wird unter Umständen genau der Vorschlag herausgepickt, den man selbst nicht so gerne verwirklichen möchte. Ich hatte dann das Gefühl, ich hätte den Bauherrn anders betreut, eben auf meine Art und Weise“, erklärt Tatjana Sabljo. Dieses Gefühl teilte sie mit der befreundeten Architektin Irina Keferstein. Eines Tages ergab sich dann für beide die Gelegenheit, den Traum vom eigenen Büro Realität werden zu lassen. Stein des Anstoßes war die Umgestaltung einer italienischen Trattoria und Espressobar. Zunächst überlegte Tatjana Sabljo, den Auftrag in das Büro ihres Arbeitgebers zu holen, doch dann wagte sie den Entschluss, das Projekt in Eigenregie zu realisieren. Dennoch vollzog sich der Schritt in die Selbständigkeit nicht von heute auf morgen: „Am Anfang arbeitete ich drei bis vier Tage im Büro und nahm mir einen Tag frei für unser eigenes Projekt.“ Doch dann nahm die Arbeit an der Trattoria immer mehr die Wochenenden in Beschlag, bis schließlich eine Entscheidung gefällt werden musste: „Wir dachten, wir versuchen es jetzt, und wenn’s nicht klappt, sind wir immer noch jung genug, um uns wieder einstellen zu lassen“, erzählt die Architektin.

Auslands- und Fernseherfahrungen

Dabei war die Karriere von Tatjana Sabljo bis zu diesem Zeitpunkt alles andere als lang-
weilig verlaufen. Nach dem Studium in Hannover und ersten Erfahrungen in ortsansässigen Büros ergab sich für die kroatischstämmige Architektin die Gelegenheit, an einem Projekt des renommierten Architektenbüros Njiric + arhitekti in Zagreb zu arbeiten: „Auf einer Veranstaltung in Deutschland habe ich Hrvoje Njiric angesprochen, einen der führenden Architekten Kroatiens, und ihn gefragt, ob ich eine Zeitlang bei ihm arbeiten könnte, um die Arbeitsweise dort kennen zu lernen. Ich kannte das Land bis zu diesem Zeitpunkt nur aus dem Urlaub“, gesteht Tatjana Sabljo. Vier Monate blieb sie in Zagreb, doch das eigentliche Projekt kam nicht zustande. Als Njiric sie nach ihrer Rückkehr einige Zeit später wieder nach Kroatien holen will, ist die Architektin bereits wieder angestellt. Ihre Kontakte in die Heimat ihrer Eltern pflegt sie bis heute. Doch die nächste spannende Episode lässt nicht lange auf sich warten: 2007 wird Tatjana Sabljo Moderatorin und kreativer Kopf der NDR-Einrichtungssendung „Alles neu! Die Einrichtungsprofis“: Gemeinsam mit Fernsehliebling Frank „Tüte“ Tuinmann darf die junge Architektin öffentliche Einrichtungen wie Kindergärten oder Jugendzentren verschönern. Dem Ausflug in die Welt des Fernsehens folgen schließlich weitere Festanstellungen bei verschiedenen Architekturbüros in Hannover.

Mit der Existenzangst leben

piu bar Tatjana Sabljo Architektin Kieferstein

Innenarchitektur à la K+S. Foto: Kieferstein+Sabljo

Den Schritt in die Selbständigkeit hat die Architektin bislang noch keinen Augenblick bereut, auch wenn er ihr Leben gründlich auf den Kopf gestellt hat: „Man gewöhnt sich daran, mit einer ganz bestimmten Art von Angst zu leben. Als Angestellter hat man nach acht Uhr auch im Kopf Feierabend, jetzt ist man 24 Stunden am Tag die Firma.“ Da Tatjana Sabljo für die Selbständigkeit ihre Festanstellung kündigte, konnte sie nur mit minimalen Fördermitteln rechnen. Hilfe erhielt sie vor allem aus der Familie, die ihr bis heute ein wichtiger Halt ist. Ihr Vater unterstützt sie tatkräftig beim schrittweisen Ausbau des Büros. Die Empore wartet zwar noch immer auf ihre Fertigstellung, doch gut Ding will Weile haben. „Als Allererstes haben wir beim Mediamarkt ein Multifunktionsgerät mit Scanner, Drucker und Fax besorgt, damit wir überhaupt arbeiten konnten. Nach und nach kamen dann Fachliteratur, Messgeräte und Mobiliar dazu“, erinnert sich die Architektin. „Später haben wir dann immer, wenn ein bisschen Geld übrig war, weitere Einrichtungen wie zum Beispiel den Server angeschafft.“

Netzwerken mit Gleichgesinnten

Für die beiden Frauen war der erste Auftrag eine glückliche Fügung, der ihnen den Sprung ins oftmals recht kalte Wasser des Selbständigendaseins deutlich erleichtert hat. Und auch die guten beruflichen Kontakte, die Irina Keferstein mit ins Büro brachte, waren ein wertvolles Startkapital. Günstige Ausgangsvoraussetzungen ändern jedoch nichts daran, dass die ersten Schritte ins Selbständigendasein generell schwierig sind. Oft fühlt man sich allein und weiß nicht, an wen man sich bei Fragen und Schwierigkeiten wenden kann. Aus diesem Grund hat Tatjana Sabljo gemeinsam mit der Architektenkammer Niedersachsen das Projekt „NewKammer“ ins Leben gerufen, wo sich Berufsanfänger in regelmäßigen Abständen mit Gleichgesinnten austauschen können und Ansprechpartner finden. Noch ist das Netzwerk erst im Aufbau, doch langfristig sind Vortragsreihen oder auch ein Mentorenprogramm geplant, bei dem Architekten im Ruhestand ihr Fachwissen und ihre Lebenserfahrung an junge Kollegen weitergeben. Nachfrage ist offensichtlich da: Der Andrang bei den ersten Treffen überraschte sowohl die Kammer als auch die Initiatorin. Mehr lesen über NewKammer…

Eine andere Motivation

Um sich als Architekt selbständig zu machen, muss eine besondere Liebe zum Beruf vorhanden sein, glaubt Tatjana Sabljo: „Man muss dazu bereit sein, auch mal keinen Feierabend zu machen, und auch sonst eine Menge von sich selbst abfordern. Viele haben mich am Anfang gefragt, wie ich mich motiviere, schon morgens ab sieben Uhr am Schreibtisch zu sitzen. Aber die Motivation ist einfach da, weil ich es will.“ Das Büro besitzt für die Architektin oberste Priorität, da muss auch mal das private Umfeld zurückstecken. „Zeit empfinde ich als größeren Gegner als früher“, gesteht Tatjana Sabljo, würde ihre Selbständigkeit aber dennoch nicht wieder gegen ein Angestelltenverhältnis eintauschen: Zu interessant und abwechslungs-
reich ist die Arbeit mit Kollegin Irina Keferstein, die ebenso wie Tatjana Sabljo Ansprechpartnerin für alles ist. Natürlich musste das Duo auch Rückschläge verkraften: „Als uns die erste Zusammenarbeit aufgekündigt wurde, das hat sich schon komisch angefühlt. Aber die Chemie mit dem Bauherrn stimmte einfach nicht. Und von einigen Projekten mussten wir uns auch aus Kapazitätsgründen verabschieden“, bedauert Sabljo. Doch aufgewogen werden diese Erfahrungen durch die Glücksmomente, wenn man vor der Realisierung des eigenen Entwurfs steht: „Als unser erstes eigenes Projekt fertiggestellt war, das war schon ein schönes Gefühl. Etwas, das vorher nur schwarze Striche auf dem Papier waren, steht plötzlich 1:1 vor einem. Das ist auch mit das Besondere an unserem Beruf.“ ■

Kontakt: www.k-s-architektur.com

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Tatjana Sabljo Architektin Kieferstein

Geld und Wissen für Start-ups

Sie haben eine tolle Geschäftsidee, die Bank aber gibt Ihnen kein Geld? In diesem Fall könnte Ihnen vielleicht das Business Angels Netzwerk Deutschland e.V. (BAND) weiterhelfen. Die so genannten „Angels“ sind im BAND organisierte Unternehmen, die sich dazu bereit erklärt haben, jungen Unternehmen und Start-ups mit Kapital und Know-how zu helfen. Die „Helfer“-Unternehmen müssen einem vom BAND vorgegebenen Leitbild entsprechen. Das Netzwerk selbst organisiert das Suchen und Finden von Geber- und Nehmerunternehmen. Die Website www.business-angels.de enthält alle wichtigen Informationen einschließlich eines Archivs. Business Angels stehen am Anfang der Finanzierungskette, dort, wo der Engpass am größten ist. Das Netzwerk steht unter der Schirmherrschaft des Bundesminister für Wirtschaft und Technologie.

TALIS hat weitere Finanzierungstipps für gründungswillige Architekten und Bauingenieure zusammengestellt. ■

Die Unternehmerin Dagmar Fritz-Kramer

An Auszeichnungen mangelt es Dagmar Fritz-Kramer nicht. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Sie ist Unternehmerin des Jahres 2008 und das von ihr geleitete Unternehmen, die Baufritz GmbH & Co. KG mit Sitz in Erkheim im Allgäu, ist im selben Jahr als familienfreundlichstes Unternehmen im Mittelstand ausgezeichnet worden. TALIS sprach mit der engagierten Unternehmerin über Berufsfindung, Führungsstil, Wohnträume und mehr.

Im Profil: Baufritz GmbH und Co.KG

Vor über 100 Jahren nahm die Ge­schichte der Baufritz GmbH & Co.KG als Schrei­nerei ihren An­fang. Heute stellt das Un­ter­neh­men Holz­häuser in System­bauweise her, etwa 200 Ein-, Zwei- und Mehr­fa­milien­häuser werden pro Jahr am Stand­ort Erk­heim im Allgäu ge­fertigt und nach Öster­reich, in die Schweiz, Benelux, England, Italien und Russland verkauft. Baufritz plant und baut auch ganze Sie­dlungen, Kin­der­gärten, Schu­len, Hotel­anlagen, Ferien­dörfer und Ge­werbe­bauten. Seit 2005 führt Dagmar Fritz-Kramer die Geschäfte des Unter­nehmens mit 240 Mit­arbeitern. Ökologie und Nach­haltig­keit sind fest im Baukonzept von Baufritz verankert. Die Fir­ma besitzt mehrere Pa­ten­te, die den Ver­zicht auf Holz­schutz­mittel im Holzbau ermöglichen.

www.baufritz.com

Sie sind ausgebildete Schaufenster-Dekorateurin, haben Innenarchitektur und Wirtschaftingenieurwesen studiert – hätten Sie diesen Bildungsweg auch ohne den Familienbetrieb im Rücken verfolgt?

Dagmar Fritz-Kramer: Es ist doch relativ schwierig, gleich nach dem Schulabschluss, mit 17 oder 18 Jahren, den Weg fürs Leben zu finden. Ich habe für diese Entscheidung Zeit bekommen, konnte ein bisschen was ausprobieren. Dabei konnte ich meine kreative Ader in dem Lehrberuf Dekorateurin ausleben. Als Dekorateurin war ich jedoch eher die ausführende Hand einer fremden Strategie. Ich wollte lieber selbst etwas bewegen. Das war der Auslöser, mich weiterzubilden. So kam ich zum Innenarchitektur- und später zum Wirtschaftsingenieur-Studium. Wahrscheinlich hätte ich mich ohne die Firma anders entwickelt …

Fiel Ihnen die Entscheidung, den Betrieb weiterzuführen, leicht oder hatten Sie auch Zweifel?

Dagmar Fritz-Kramer: Mein Einstieg ins Unternehmen war keine ausgemachte Sache. Ich muss meinen Eltern zugute halten, dass es auch keinen Zwang gab. Bereits in der dritten Klasse schrieb ich „Innenarchitektin“ ins Jahrbuch. Meine Diplomarbeit im Fach Innenarchitektur habe ich dann in der Firma geschrieben. In dieser Zeit hat mir mein Vater ein paar interessante Projekte vorgelegt. Das war 1996. Damals haben wir gerade den großen Holzkopf gebaut und auch ein neues Musterhaus in München geplant. Da hat mich mein Vater so beiläufig nach meiner Meinung gefragt. Das hat dann Spaß gemacht, weil ich gesehen habe, dass ich mich mit meinem Wissen ein Stück weit in den Betrieb einbringen kann. Damals habe ich „Blut geleckt“ und mir war klar, wie meine berufliche Zukunft aussieht.

Wie gestaltete sich der Einstieg in die Firma?

Dagmar Fritz-Kramer: 1999 habe ich einen kleinen Anteil an der Firma bekommen – als stille Gesellschafterin. Später übernahm ich den Bereich Architektur und Planung. Dann kam noch die betriebswirtschaftliche Seite dazu. Seit 2004 leite ich die Firma im Zweier-Team zusammen mit Helmut Holl. Er leitet den technischen Bereich, ich den kaufmännischen – also Personal, Vertrieb, Marketing und Finanzen. Natürlich kämpft man als Frau in der Baubranche gegen gängige Vorurteile, wie das vom technischen Verständnis: „Kann die denn den Plan lesen? – Ist die nicht zu sozial usw.?“ Da mich aber meine Mitarbeiter und Partnerbetriebe über Jahre kennen lernen durften (unser Übergabeprozess dauerte 5 Jahre) konnte ich vieles hoffentlich ausräumen. Da müssten Sie meine Mitarbeiter fragen.

Sie haben den Betrieb von Ihrem Vater übernommen. Gab es Generationenkonflikte und wenn ja, wie sind Sie damit umgegangen?

Foto: Baufritz GmbH

So wird gebaut bei Baufritz. Foto: Baufritz GmbH

Dagmar Fritz-Kramer: Im Gegensatz zu vielen Kolleginnen und Kollegen in jungen Geschäftsleitungsfunktionen hatte ich das Glück, dass sich mein Vater bewusst eine Step-by-Step-Abnabelung vom Betrieb verordnet hat. Bereich für Bereich wurde geplanterweise in fünf Jahren an mich übergeben. Heute lebt er vom Betrieb räumlich getrennt, was ihm auch den Ausstieg erleichtert hat. Selbstverständlich gab es auch Reibereien und Diskussionen, aber auch immer das offene Gespräch.

Was haben Sie sich von Ihrem Vater abgeguckt und in welchen Bereichen sind Sie eigene Wege gegangen?

Dagmar Fritz-Kramer: Zum Beispiel eine mitarbeiterfreundliche und menschennahe Unternehmensführung gehört zu unserer Philosophie. Diese und andere Überzeugungen teile ich mit meinem Vater. Natürlich gab und gibt es Situationen, in denen wir auch als unterschiedliche Generationen denken. Allerdings sind wir einer Meinung, wenn es um den Grundsatz unseres Familienunternehmens geht – gut für Mensch und zur Natur.

Fragen Sie Ihren Vater manchmal um Rat?

Dagmar Fritz-Kramer, Geschäftsführerin der Baufritz GmbH Foto: Baufritz

Dagmar Fritz-Kramer, Geschäftsführerin der Baufritz GmbH Foto: Baufritz

Dagmar Fritz-Kramer: Natürlich habe ich meinen Vater auch um Rat gefragt. Es gibt einfach Entscheidungen, bei denen die Erfahrung anderer von unschätzbarem Wert ist. Mittlerweile hat er sich jedoch komplett aus der Firma zurückgezogen.

Wie möchten andere Menschen wohnen? – mit dieser Frage müssen Sie sich immer wieder aufs Neue beschäftigen. Was ist den Menschen beim Thema Wohnen nach Ihren Erfahrungen wichtig?

Dagmar Fritz-Kramer: Die Ansprüche an das neue Haus sind so unterschiedlich wie die Kunden selbst. Die Wohnwünsche reichen von der gediegenen Landhausvilla über das „Multitalent“ Familiennest bis hin zum puristischen Kubus im Bauhausstil. Gehen wir vom „typischen“ Baufritz-Kunden aus, sucht dieser ein Haus, welches nach baubiologischen Kriterien realisiert wird und ein gesundes Umfeld für sich und seine Familie bietet. Es sollte energiesparend und umweltfreundlich sein. Gleichzeitig möchte er dabei nicht auf höchsten Komfort und technisches Know-how verzichten. Das alles verpackt in modernem Design und individueller Architektur macht den Haustraum perfekt.

Und wie ist es bei Ihnen? Haben Sie noch unerfüllte Wohnträume?

Dagmar Fritz-Kramer: Ich träume von einem Zuhause, das zu einem Drittel auf dem Wasser schwimmt. Da trete ich im Sommer auf meine Terrasse und lasse die Beine im See baumeln. Technisch ist das keine Utopie, Holz schwimmt. Nur gibt es bei mir hier im Allgäu keinen See, „auf“ dem man bauen dürfte.

Warum ist Ihnen das Thema Bauen und Gesundheit so wichtig? Gab es da ein Schlüsselerlebnis?

Dagmar Fritz-Kramer: Auslöser für diese Umstellung war eine schwere Erkrankung meiner Mutter. Wir zogen damals in eines der ersten Ökohäuser mit Komposttoilette und eigenem Klärteich. Zwar wurden wir anfangs dafür belächelt, doch gibt uns der Erfolg
heute Recht. Mein Vater, Hubert Fritz, richtete das Unternehmen Ende der 70er Jahre konsequent ökologisch aus. Diese Zeit hat mich sehr geprägt und ich bin froh und dankbar, dass er schon damals erkannt hat, was sich gerade in den letzten Jahren in der Bevölkerung so weit verbreitet hat und stetig größeren Zuspruch findet. Unser Heim soll gesund und umweltverträglich sein. Es soll uns vor schädlichen äußeren Einflüssen schützen und keine Schadstoffe abgeben.

Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben und wie unterscheidet er sich von dem Ihres Vaters?

Foto: Baufritz GmbH

Foto: Baufritz GmbH

Dagmar Fritz-Kramer: Aus meiner Sicht bin ich sehr teamfähig, kreativ und offen. Aber da müssen Sie meine Mitarbeiter fragen. Wenn man den Führungsstil mal über die Generationen hinweg betrachtet, geht es immer mehr in Richtung demokratische Führung. Also mein Großvater war ein super Patriarch. Das war mein Vater schon nicht mehr. Da kamen Denker-Runden auf, da war die Rede von Teamgesprächen, Entscheidungen wurden im Team entwickelt etc. Mittlerweile sieht man der Firma auch an, dass wir ein Führungsteam sind. Wir sind mit der Geschäftsleitung und 15 Abteilungsleitern ein sehr großes Führungsteam. Wir begegnen uns auf Augenhöhe.

Worin sehen Sie die Stärken eines Familienbetriebes, worin die Schwächen?

Dagmar Fritz-Kramer: Klare Stärken sind die Mitarbeiternähe und -bindung, die direkten Entscheidungswege und die offene, authentische Kommunikation im Betrieb. Weniger ausgeprägt sind vielleicht durchstrukturierte Prozesse oder Dokumentationen der Handlungsstränge. Kurz gesagt – aus meiner Sicht: weniger Bürokratie. Dies ist mal ein Vorteil, mal ein Nachteil.

Worin liegen Ihre Stärken, was liegt Ihnen eher weniger?

Dagmar Fritz-Kramer: Den meisten Spaß machen mir strategische Überlegungen, vor allem im Marketing- und Verkaufsbereich. Aber auch das Entwickeln schöner Architektur macht viel Freude. Ganz gut gelingt es mir, Gedanken zu verknüpfen, kreativ Projekte zu stricken, die Mitarbeiter dafür zu begeistern und etwas Neues entstehen zu lassen. Dafür liegen mir administrative Dinge relativ schlecht. Geduld ist sicher auch nicht meine Stärke. Auch das Studieren langweiliger Vertragstexte empfinde ich als einen echten Spaßkiller …

Worauf sind Sie besonders stolz?

Dagmar Fritz-Kramer: Auf meine doch recht stabile Work-Life-Balance. Und eine kreative Mitarbeitermannschaft. Es macht uns echte Freude, das Erlebnis Bauen mit den Bau­herren zu gestalten.

Sie haben zwei Kinder und sind gleichzeitig in einer Führungsposition – wie schaffen Sie es, beiden Rollen gerecht zu werden, und wie viel Zeit bleibt Ihnen für sich selbst?

Foto: Baufritz GmbH

Foto: Baufritz GmbH

Dagmar Fritz-Kramer: Genau, ich habe zwei Kinder, Ferdinand (6) und Bernadette (knapp 3). Das verlangt großes Organisationstalent. Mein Mann und ich stimmen die Arbeitszeiten ab. Montag und Dienstag arbeite ich; Mittwoch, Donnerstag und Freitag mein Mann Klaus von zuhause aus. So ist immer jemand bei unseren Kindern. Eine große Stütze ist auch unsere hauseigene Kindertagesstätte, die Bernadette zwei Mal die Woche besucht. Ferdinand geht mittlerweile in einen regulären Kindergarten. Meine freie Zeit versuche ich aktiv zu nutzen. Ich singe im Kirchenchor oder arbeite gern im Garten. Gartenarbeit ist für mich pure Entspannung. Dabei kann ich abschalten und bekomme den Kopf frei. Außerdem gehe ich mit meiner Familie so oft wie möglich raus in die Natur.

Ein Drittel Ihrer Mitarbeiter ist weiblich. Was haben Sie unternommen, um diese hohe Quote zu erreichen?

Dagmar Fritz-Kramer: Eigentlich war unser Frauenanteil schon immer außergewöhnlich hoch. Das liegt sicher auch am Produkt. Das Einfamilienhaus ist schon ein Frauenthema. Hier sind die Gestalter, aber auch die Entscheider oft die Frauen.

Wie begegnen Sie als Unternehmerin Mitarbeitern mit Kindern? Nehmen Sie mehr Rücksicht oder gibt es umgekehrt auch bestimmte Erwartungen, die Sie an Mitarbeiter mit Kindern stellen?

Dagmar Fritz-Kramer: Kinder sind unsere Zukunft! Deshalb darf bei uns jeder – ob Frau oder Mann – einen Heimarbeitsplatz beantragen, vorausgesetzt die Tätigkeit lässt das zu. Ich lasse jeden in die Erziehungszeit gehen. Diese acht Wochen sind für die Familie Gold wert. Zudem dürfen alle Mitarbeiter ihre Kinder kostenlos in unsere hauseigene Kita bringen, auch unangemeldet, wenn es mal einen Notfall gibt. Außerdem gibt es da noch flexible Arbeitszeitmodelle. Die Summe aller Maßnahmen, die wir eingeleitet haben, führt zu wirklich spürbar höherer Motivation.

Welchen guten Rat möchten Sie einem jungen Bauingenieur/Architekten mit auf den Weg geben, der auf der Schwelle zum Beruf steht?

Dagmar Fritz-Kramer: Nur Mut! ■

Dokumentation ist das A und O

Man muss nicht unbedingt silberne Löffel klauen, um einmal einen Gerichtssaal von innen zu betrachten. Wer als Architekt oder Bauingenieur nicht in Konflikt mit dem Vertragspartner oder dem Gesetz geraten will, muss bei der täglichen Arbeit auf der Hut vor Planungsfehlern oder missachteten Bauvorschriften sein. Welche rechtlichen Stolperfallen es gibt und wie man Rechtsstreitigkeiten vermeiden kann, erklärt Fachanwalt für Bau- und Architektenrecht Dr. Stefan Rude, WMRC Rechtsanwälte, Berlin.

Mit welchen Schwierigkeiten kommen Architekten und Bauingenieure am häufigsten zu Ihnen?

Dr. Stefan Rude: Meistens geht es um Haftungsfälle, viele kommen aber auch wegen Honorarstreitigkeiten oder in gesellschaftsrechtlichen Angelegenheiten zu uns, also wenn es um Formen der Zusammenarbeit zwischen Architekten geht. Außerdem beraten wir Architekten und Auftraggeber bei der Vergabe von Bauaufträgen und bei der Gestaltung von Verträgen. Dabei arbeiten wir eng mit Architekten und Ingenieuren zusammen.

Welche juristischen Fehler werden in der Praxis gemacht?

Dr. Stefan Rude: Rechtskenntnisse sind eigentlich in allen Leistungsphasen von Bedeutung, und zwar nicht nur bei der Planung oder Bauüberwachung. Bei der Vergabe von Planungs- und Bauaufträgen und deren Vollzug spielt das Vertragsrecht natürlich eine wichtige Rolle. Wichtig ist die Berücksichtigung der konkreten Verträge aller am Bauvor-haben Beteiligten. Aufgabe des vom Bauherrn beauftragten Planers ist es auch, darauf zu achten, dass die von ihm verwendeten Vertragsklauseln wirksam sind und später auch wirklich erfüllt werden. Fehler werden zum Beispiel häufig bei den Themen Vertragsstrafen und Sicherheitsleistungen gemacht. Darüber hinaus fällt auf, dass von einigen am Bau Beteiligten die Bedeutung der technischen Normen, insbesondere der DIN, nicht zutreffend eingeschätzt wird. Maßstab für die Mangelfreiheit eines Bauvorhabens sind nämlich die konkreten Verträge beziehungsweise die konkreten Baubeschreibungen. Diese sind vorrangig vor irgendwelchen technischen Normen. Dort wo im Vertrag Lücken sind, gelten regelmäßig die allgemein anerkannten Regeln der Technik als Maßstab für die Mangelfreiheit von Leistungen. Diese anerkannten Regeln der Technik müssen nicht mit Regeln einer DIN übereinstimmen. Wenn man also als Bauüberwacher nur auf die Einhaltung von DIN-Normen achtet, können Haftungsprobleme entstehen, denn der Bauherr kann erwarten, dass die Anforderungen aus seinem konkreten Bauvertrag eingehalten werden, zum Beispiel hinsichtlich eines hohen Schallschutzstandards.

Welche Möglichkeiten gibt es, um sich vor juristischen Fehlern zu schützen?

Dr. Stefan Rude: Die Anforderungen an die Architekten sind sehr hoch, derzeit vielleicht sogar überspannt. Ein Architekt als Bauleiter, der in der hitzigen Phase des Bauens juristische Dinge prüfen muss, hat es nicht gerade einfach. Trotzdem – es gibt ein paar Grundregeln, die auch im Eifer des Gefechts beachtet werden sollten. Dass man hinsichtlich der aktuellen Rechtslage immer auf dem Laufenden bleiben muss, versteht sich von selbst. Ein genereller Merksatz für den Planer lautet: Nicht selber Entscheidungen treffen, sondern den Bauherrn entscheiden lassen. Freilich muss der Architekt Entscheidungen vorbereiten, über Risiken aufklären und Empfehlungen aussprechen. In der Praxis läuft es aber oft anders. Der Druck ist häufig so groß, dass der Architekt selbst entscheiden muss. Wichtig ist dann aber, sich immer beim Bauherrn rückzuversichern, in grundlegenden Fragen auch schriftlich.

Noch etwas würde viel Ärger vermeiden: die vorsorgende Rechtsberatung. Leider werden wir immer erst zu Rate gezogen, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Es ist jedoch Aufgabe der Architekten, den Bauherrn auf rechtliche Risiken hinzuweisen und zu sagen: „Da weiß ich auch nicht weiter, hier brauchen wir juristische Beratung.“ Meist übernimmt der Auftraggeber dafür sogar die Kosten. Wenn es um Fragen der Statik geht, ziehen Architekten ja auch den Rat eines Tragwerksplaners hinzu. Das ist bei rechtlichen Fragen nicht anders.

Außerdem gilt: Wer schreibt, der bleibt, wer telefoniert, der verliert. Auch wenn das ein sehr bürokratischer Ansatz ist – man ist immer gut beraten, alles schriftlich zu machen, also auch jede Baubesprechung zu protokollieren und allen Teilnehmern zukommen zu lassen. Wenn Vorgänge nach fünf Jahren thematisiert werden – was durchaus sein kann, denn so lange dauern die Verjährungsfristen für Mängelansprüche – dann sind die mündlichen Absprachen schwer zu beweisen.

Müssen schriftliche Dokumente bestimmte Kriterien erfüllen, um vor Gericht Bestand zu haben?

Dr. Stefan Rude: Das hängt von den Regelungen in den Verträgen ab. Der Architekt sollte insoweit den Bauvertrag des Bauherrn mit dem Bauunternehmen kennen. Häufig sind Formvorschriften geregelt. Den Empfang wichtiger Dokumente, etwa von Vertragsänderungen, Fristsetzungen, Kündigungen, sollte man sich aus Beweisgründen am besten schriftlich bestätigen lassen. Selbst ein Faxprotokoll taugt im Konfliktfall nicht als Beweis, dass der Empfänger ein Dokument bekommen hat. E-Mails als Beweismittel sind ohnehin problematisch, weil sie leicht nachträglich konstruiert werden können. Trotzdem ist es klug, den E-Mail-Verkehr als Gedächtnisstütze beziehungsweise so eine Art Tagebuch zu sichern. Meist weiß man schon wenige Jahre später gar nicht mehr so genau, was man bei einer bestimmten Baumaßnahme gemacht hat.

Was genau ist ein Haftungsfall?

Dr. Stefan Rude, WMRC Rechtsanwälte Berlin

Dr. Stefan Rude, WMRC Rechtsanwälte Berlin

Dr. Stefan Rude: Ein Haftungsfall tritt ein, wenn die Verletzung einer vertraglichen Pflicht zu einem Schaden beim Bauherrn oder einem Dritten geführt hat. Architekten und Bauingenieure werden etwa für Schäden, die an einem oder durch ein von ihnen geplantes Bauwerk entstanden sind, in Haftung genommen, das heißt, sie müssen die Verantwortung zum Beispiel für Baumängel oder auch Personenschäden übernehmen. Meistens wird der Planer zusammen mit einem Bauunternehmen zur Rechenschaft gezogen. Das Problem ist, dass relativ viele Bauunternehmen nicht liquide sind. Da ist der Ingenieur als Anspruchsgegner immer willkommen, weil er eine Haftpflichtversicherung hat. Die ist auch notwendig, denn in jeder Leistungsphase stecken Haftungsrisiken; besonders kritisch ist die Bauüberwachung. Der Architekt als Bauleiter muss zum Beispiel vor der Abnahme Mängel erkennen, die vom Bauunternehmen verursacht wurden. Andernfalls kann es sein, dass er für die Mängel haftet und eben auch für die Schäden, die daraus entstehen. Ich habe Fälle gehabt, bei denen die Schadenssumme weit über der Versicherungssumme lag. Das ist für selbständige Architekten besonders bitter, die häufig mit ihrem Privatvermögen haften.

Die Honorare für Architekten und Ingenieure sind in der HOAI (Hono­rarordnung für Architekten und Ingenieure) festgelegt. Warum drehen sich die Konflikte trotzdem so häufig ums Geld?

Dr. Stefan Rude: Die HOAI ist ein Preisverzeichnis für Architektenleistungen und tatsächlich streitanfällig. Sie trägt den Realitäten bei einem Bauvorhaben teilweise nicht Rechnung, was allerdings keine Besonderheit der HOAI ist. Kein Gesetz kann alle Einzelfälle unmissverständlich regeln. Bei aller Undurchsichtigkeit ist die HOAI aber auch eine Absicherung nach unten. Sie regelt ja Mindesthonorarsätze, weniger darf ein Auftraggeber eigentlich nicht für planerische Leistungen bezahlen. Der Markt sieht natürlich anders aus, viele Ingenieure verdingen sich dann doch zu geringeren Sätzen.

Wie können sich Architekten um öffentliche Aufträge bewerben? Was ist zu beachten?

Dr. Stefan Rude: Der öffentliche Auftraggeber ist in seiner Entscheidung über freiberufliche Aufträge grundsätzlich freier als etwa bei der Vergabe von Bauaufträgen. Sobald ein Auftragswert von derzeit 200.000 Euro (netto) erreicht ist, muss der öffentliche Auftraggeber allerdings nach der Vergabeordnung für freiberufliche Leistungen (VOF) öffentlich und europaweit im EU-Amtsblatt ausschreiben. Er kann dann ein Verhandlungsverfahren oder einen Architektenwettbewerb durchführen. Der Auftraggeber muss vorher festlegen, nach welchen Kriterien er den Auftrag vergeben will. Häufig werden bestimmte Erfahrungen verlangt, was es jungen Architekten natürlich schwer macht, einen öffentlichen Auftrag zu erlangen. Dann bietet es sich an, eine Kooperation mit anderen Architekten oder Ingenieuren einzugehen, die die verlangten Erfahrungen aufweisen. So können unter Umständen eigene Defizite ausgeglichen werden. Darüber hinaus sollte größte Sorgfalt bei der Anfertigung der Angebote oder Bewerbungsunterlagen angewendet werden. Bereits kleinste Formfehler können zum Ausschluss des Angebots oder der Bewerbung führen. Der Architekt bewirbt sich ja regelmäßig darum, selbst Vergabeverfahren für den Bauherrn zu betreuen (Leistungsphasen 6 und 7). Es macht sich deshalb nicht gut, wenn die eigene Teilnahme am Vergabeverfahren nachlässig wirkt. Im Übrigen sollten keine Honorare unterhalb des HOAI-Mindestsatzes angeboten werden. Auch dies ist ein Ausschlussgrund, wenngleich der öffentliche Auftraggeber gehalten ist, den Architekten vor einem Ausschluss auf die Unterschreitung der Mindestsätze hinzuweisen. Es soll aber vorkommen, dass es öffentliche Auftraggeber mit der Unterschreitung der Mindestsätze nicht so genau nehmen und ein Angebot bevorzugen, das unterhalb der Mindestsätze liegt. In diesem Fall hätte der HOAI-treue Bieter einen Rechtsschutzanspruch gegen seinen Mitbewerber beziehungsweise den öffentlichen Auftraggeber, das unzulässige Angebot von der Vergabe auszuschließen. Dies gilt freilich nur bei Überschreitung des oben genannten Auftragswertes. Hierfür gibt es ein gesetzliches Nachprüfungsverfahren. Vergaben unterhalb des Auftragswertes sind rechtlich nur schwer angreifbar, wenngleich das in einzelnen Fällen auch gelungen ist. ■

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