Auf Anfang

Von der Planung bis zur Bauleitung, vom Vertrieb bis zum Architekturbüro: Es gibt momentan so viele Einstiegsmöglichkeiten für junge Architekten und Bauingenieure, dass man leicht den Überblick verliert. Bevor Sie sich im Dickicht der Möglichkeiten verlieren, fragen Sie erst einmal: Wohin soll es eigentlich gehen?

Auf die Frage „Was will ich eigentlich?“ wissen viele, übrigens nicht nur junge Menschen, keine Antwort. Entweder sie haben schlicht und einfach kein Ziel oder trauen sich nicht, eines zu definieren, aus Angst, es nie erreichen zu können. Bevor Sie auf Stellensuche gehen, nehmen Sie sich ein Beispiel an erfolgreichen Menschen. Was Churchill, Gandhi, Mandela und Co. eint: Sie alle hatten eine Vision, ein Ziel, das sie nicht aus den Augen verloren, auch wenn sie stolperten. Und sie gingen Umwege, wenn die Hürden zu hoch wurden. Im Berufsleben werden Ihre Ziele der Motor sein, der Sie morgens aus dem Bett zur Baustelle oder ins Büro treibt.

Da Sie nur mit einem starken Antrieb vorwärts kommen, brauchen Sie starke Ziele. Daher: Haben Sie den Mut für große Träume. Der eine will ein eigenes Architekturbüro, der andere berühmt werden, der Nächste möchte einfach nur zufrieden sein, der Übernächste die Welt verändern.

Zwischen Vision und Realität

Einer unserer Gesprächspartner, der deutsche Architekt Thomas Rau, hat nie einen staatlich anerkannten Abschluss in Architektur gemacht. Er war der Meinung, das klassische Architekturstudium vermittle ihm nicht das richtige Handwerkszeug, um wirklich bewegende Architektur zu machen. So zimmerte er sich seine eigene Ausbildung, unter anderem in Tanz und Bildhauerei. Heute führt Rau ein erfolgreiches Architekturbüro in den Niederlanden. Was Sie sich von Rau hinsichtlich Ihrer Ziele abschauen sollten: Begreifen Sie jede Erfahrung, jede Arbeitsstelle, jede Weiterbildung, als Schritt auf Ihrem Weg zum großen Ganzen. Selbst wenn Ihr Ziel lautet, einmal viel Geld verdienen zu wollen, lassen Sie sich beim Berufseinstieg nicht von Verdienstmöglichkeiten leiten, sondern beantworten Sie für sich immer die Frage: Was kann ich mitnehmen? Was lerne ich hier? Wenn Sie beispielsweise, wie so viele Architekten, das große Ziel Entwurfsarchitekt anstreben, dort aber wegen Überfüllung keine passende Stelle finden, dann schauen Sie, welche anderen Posten Sie voranbringen könnten. Als Bauleiter beispielsweise lernen Sie das Bauen zu begreifen. Dieses Wissen kann beim Entwerfen nur förderlich sein. Jede Tätigkeit birgt Chancen, egal ob im Ingenieurbüro oder auf der Baustelle.

Chancen ergreifen

… im Architektur- oder Ingenieurbüro

Aufgaben:

Während Architekturbüros überwiegend im Entwurf von Hochbauten tätig sind, wickeln Ingenieurbüros meist Leistungen im Konstruieren von Ingenieurbauten im Hoch- und Tiefbau, im Wasserbau, in der Wasserwirtschaft und im Verkehrswesen ab. Neben Gutachter- und Beratungstätigkeiten bietet ein Großteil der Büros Planungsleistungen an, das heißt, deren Auftraggeber sind private oder öffentliche Bauherren, die den Entwurf, die Ausführungsplanung, Ausschreibung und manchmal auch die Bauüberwachung eines Bauwerkes oder von Anlagen sonstiger Art nicht selbst in die Hand nehmen, sondern die Leistungen fremdvergeben. Wer in einem Planungsbüro arbeitet, wird mit Sicherheit den Begriffen „Leistungsphasen 1 bis 9“ und „Honorarzonen“ begegnen. Letzteres ist eine Art Aufgabenkatalog für die Abwicklung eines Bauprojektes – von den Vorplanungen bis zur Dokumentation des fertigen Objektes. Welche Leistungen im Einzelnen zu erledigen sind, kann in der HOAI (Honorarordnung für Architekten und Ingenieure) nachgelesen werden.

Kompetenzen:

Planungsingenieure müssen gut im Team arbeiten können und brauchen vor allem Organisationstalent und die Fähigkeit, mit einer Fülle an Informationen umzugehen, ohne dabei den Überblick zu verlieren. Eine gute Planung setzt voraus, dass man sich über jedes Detail bis zur letzten Türklinke Gedanken macht, verschiedene Produkte und Preise vergleicht und dabei eine technisch saubere sowie für den Bauherrn wirtschaftliche und dauerhafte Lösung findet. Wichtig ist außerdem ein gutes Ausdrucksvermögen. Präzise Formulierungen sind bei Ausschreibungstexten wichtig, um Missverständnisse und Streitigkeiten zu vermeiden.

Karriere als Architekt im Architekturbüro

Chancen:

In Planungsbüros wenden Sie alle Instrumente an, um ein Bauprojekt vom Plan in die Praxis zu übertragen. Sie werden sich manchmal wie ein Informations-Dompteur vorkommen, der den ganzen Tag mit Lösungen und Herausforderungen jongliert.

Nehmen Sie das als Chance wahr; mit steigender Berufserfahrung sinkt die Übermacht der Informationsflut. Wenn ein Unternehmerherz in Ihnen schlägt, suchen Sie sich lieber ein kleineres Büro für den Einstieg, denn so haben Sie engeren Kontakt mit dem Büroinhaber. Schauen Sie sich so viel wie möglich bei ihm ab: Wie akquiriert Ihr Chef Aufträge? Wie kommuniziert er mit Auftraggebern? Wie führt er seine Mitarbeiter? Die Antworten dazu bilden einen guten Grundstein für ein eigenes Büro.

… in der Kalkulation

Aufgaben:

„Kalkulator/-in gesucht“ heißt es oft in Stellenanzeigen. Kalkulatoren nehmen eine existenziell wichtige Rolle in Bauunternehmen ein. Um an Aufträge zu kommen, nehmen die Firmen in der Regel an Ausschreibungen teil, wobei sie in Konkurrenz mit anderen Anbietern ein Angebot für die Ausführung einer Bauleistung abgeben. Meist erhält der preisgünstigste Bieter den Zuschlag. Kalkulatoren haben die Aufgabe, im Vorfeld die Angebotspreise zu ermitteln. Dabei müssen sie günstigere Preise als die Konkurrenz anbieten, um den Auftrag zu bekommen, gleichzeitig darf die Leistung nicht unter Wert verkauft werden. Ein Fehler an dieser Stelle kann fatale Folgen haben, eine Firma sogar ruinieren.

Kompetenzen:

Ein solcher Posten erfordert Berufserfahrung. Wenn eine solche Position von Berufseinsteigern besetzt wird, schauen sie in der Regel einem erfahrenen Kalkulator über die Schulter. Oft schnuppern Anfänger zunächst als Bauleiter einige Jahre Praxisluft. Erst danach verfügen sie über genug Erfahrung, um den Preis für eine Leistung richtig einschätzen zu können.

Chancen:

Sie erhalten Einblicke in wirtschaftliche Zusammenhänge des Bauens und ein Gespür für den Preis einer Leistung. Die Verdienstmöglichkeiten als Kalkulator sind recht gut,
die Höhe hängt allerdings stark von der Berufserfahrung ab.

… im Vertrieb

Aufgaben:

Bauprodukthersteller, wie beispielsweise die Fenster-, Türen- oder Dachziegelindustrie, suchen immer wieder technisch versiertes Personal für den Vertrieb. Dafür gibt es spezielle Studiengänge wie Vertriebsingenieurwesen, aber auch Absolventen der ingenieurwissenschaftlichen Fächer – insbesondere Berufseinsteiger – können hier Fuß fassen. Zu den Aufgaben von Vertriebsingenieuren gehören die Betreuung und Unterstützung von Altkunden, die bereits das Produkt gekauft haben, sowie die Akquisition von neuen Aufträgen. Dazu müssen sie auf andere Unternehmen zugehen und ihr Produkt vorstellen.

Kompetenzen:

Vertriebsingenieure benötigen technisches Verständnis und vor allem Geschick im Umgang mit Kunden. Sie müssen in der Lage sein, verständlich zu erklären, wie etwas funktioniert und welche Vorteile das jeweilige Produkt dem Kunden bringt.

Im Berufsleben werden Ihre Ziele der Motor sein, der Sie morgens aus dem Bett zu Baustelle oder ins Büro treibt.

Chancen:

Die Vorstellung, etwas verkaufen zu müssen, auch wenn es ein technisches Produkt ist, löst bei vielen Architekten und Bauingenieuren Unbehagen aus. Verkaufen, so scheint es, führt am Ziel vorbei. Doch das ist falsch gedacht. Vor allem Architekten und Planer müssen ihre Ideen „verkaufen“ können. Im Vertrieb eignen Sie sich die Fähigkeiten an, Menschen zu überzeugen. Dabei spielt es keine Rolle, ob es um ein Produkt oder eine Idee geht. Wer einige Jahre im Vertrieb gearbeitet hat, braucht keine Nachhilfe mehr in Sachen Akquise, Konfliktmanagement und Kommunikation mit Bauherren und Kunden.

… in der Bauleitung

Aufgaben:

Bauleiter setzen die Pläne des Architekten oder sonstiger Fachplaner fachgerecht um, sie wählen die günstigsten Baumethoden aus, bestellen die Materialien, organisieren den Arbeitskräfteeinsatz, nehmen die Aufmaße und stellen Rechnungen an den Bauherrn auf. Sie sind außerdem verantwortlich für ihre Mitarbeiter und die Einhaltung der Arbeitsschutzmaßnahmen. Sie müssen darüber hinaus Nachtragsangebote ausarbeiten und Mehrkosten gegenüber dem Bauherrn geltend machen.

Bauleiter werden nicht nur von ausführenden Fachfirmen, sondern auch vom Bauherrn selbst eingesetzt, zumindest bei größeren Projekten. Beim Wohnungsbau setzt der Auftraggeber meistens den planenden Architekten für Bauleitungsaufgaben ein. Dieser koordiniert im Auftrag des Bauherrn die Arbeiten der beteiligten Firmen, überwacht den Zeit- und Kostenplan sowie die Qualität der Bauarbeiten, nimmt die Leistungen ab und prüft die Firmenabschlags- und Schlussrechnungen.

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Kompetenzen:

Bauleitung erfordert eigentlich Berufserfahrung, denn hier gilt es, einen Plan auf einem Stück Papier eins zu eins in die Tat umzusetzen. Mittlerweile aber interessieren sich immer mehr Bauunternehmen für Berufseinsteiger. Mitzubringen aber ist insbesondere Lernbereitschaft, denn das „Ich-hab-eigentlich-gar-keine-Ahnung“-Gefühl stellt sich in kaum einem anderen Sektor so deutlich wie in der Bauleitung ein. Man muss also umso mehr die Ohren spitzen und sich von erfahrenen Bauleitern einarbeiten lassen.

In großen Bauunternehmen, wie Hochtief oder Strabag, durchlaufen Berufsanfänger Traineeprogramme. In dieser Zeit erhält man eventuell noch nicht das volle Gehalt, kann aber sicher sein, für kommende Aufgaben bestens vorbereitet zu werden.

Bauleiter brauchen starke Nerven. Baustellen muss man sich wie vorübergehende Produktionsstätten vorstellen, die unter ungünstigen klimatischen Bedingungen mit ständig wechselnder Belegschaft funktionieren müssen. Kaum ein Bauprojekt geht reibungslos über die Bühne. Die Wahrscheinlichkeit, dass etwas schiefläuft oder Unvorhergesehenes passiert, ist höher als in anderen Bereichen. Daher müssen Bauleiter entscheidungsfreudig sein. Wenn zum Beispiel beim Baugrubenaushub vorher nicht bekannte Bodenschichten angetroffen werden und die Bauleitung nicht in der Lage ist, entsprechend zu reagieren, kommt es zum Baustellenstillstand. Das wiederum verursacht hohe Kosten, die meist nicht vom Bauherrn übernommen werden. Bauleiter sind im Allgemeinen Generalisten, die bei Bedarf Spezialisten hinzuziehen. Sie können idealerweise gut organisieren und haben Durchsetzungsvermögen. Ganz wichtig sind Führungsqualitäten und Verantwortungsbewusstsein für Leib und Leben der Mitarbeiter.

Chancen:

Im Vergleich zu Stellenangeboten in Planungsbüros richten sich nur wenige Stellen in der Bauleitung an Berufsanfänger. Wem sich die Chance bietet, der sollte zugreifen, denn mit Bauleitungserfahrungen stehen Ihnen alle Wege offen, auch der zurück in die Entwurfsabteilung. In kaum einem anderen Job können Sie sich so gut Führungskompetenzen, wirtschaftliches Denken und Praxiswissen aneignen wie in der Bauleitung.

Dipl.-Ing. Christian Wagner

Bauleiter

Interview

BAULEITUNG: MIT KÜHLEM KOPF UND STARKEN NERVEN

Herr Wagner, sind Sie zufrieden mit Ihrer Berufswahl?
Christian Wagner: Ja, im Großen und Ganzen bin ich sehr zufrieden. Ein Bürojob wäre nicht das Richtige für mich gewesen, ich habe schon immer gerne draußen auf dem Bau gearbeitet. Nach einer Ausbildung als Zimmerer war ich ein Jahr lang in einer Holzbaufirma mit Hauptgeschäftsfeld Denkmalpflege tätig. Während meines Bauingenieurstudiums an der FH Würzburg habe ich weitere Erfahrungen in der Kalkulation und in der Bauleitung gesammelt. So lernt man das Umfeld sehr gut kennen; und da ist mir schnell klar geworden, dass der Beruf gut zu mir passt.

Was gefällt Ihnen an Ihrer Tätigkeit besonders gut?
Christian Wagner: Es fühlt sich einfach gut an, wenn man ein fertiges Bauwerk betrachtet und weiß, dass man mit seiner Arbeit zu seiner Entstehung beigetragen hat. Außerdem ist Bauleitung ein sehr abwechslungsreicher Beruf. Die Teams innerhalb des Unternehmens wechseln mit jedem neuen Projekt, das heißt, der Vorgesetzte, der Polier und auch die Mitarbeiter auf dem Bau sind in der Regel nicht gleich. Ich persönlich finde es interessant, Menschen immer wieder neu einschätzen zu müssen, natürlich kann das auch anstrengend sein.

Welche Kehrseiten bringt der Beruf mit sich?
Christian Wagner: Bauleitung erfordert ein hohes Maß an Engagement, ein Zwölf-Stunden-Tag ist keine Seltenheit. Wem geregelte Arbeitszeiten wichtig sind, der sollte sich lieber für einen anderen Beruf entscheiden. Bauleiter brauchen starke Nerven und dürfen sich, wenn Probleme auftreten, nicht so schnell aus der Ruhe bringen lassen. Und man muss die Baubranche mit ihren Eigenheiten einfach mögen.

Was meinen Sie damit? Den rauen Umgangston in der Baubranche?
Christian Wagner: Nein – der viel zitierte raue Ton ist nach meinen Erfahrungen ein Klischee. Wie in anderen Branchen auch gibt es sicherlich Meinungsverschiedenheiten, die aber in der Regel sachlich und mit den gängigen Höflichkeitsregeln diskutiert werden. Wie die Baubranche tickt, lässt sich nicht in Worte fassen. Das muss jeder selbst herausfinden.

Worin genau besteht Ihre Aufgabe als Bauleiter?
Christian Wagner: Oberstes Ziel ist es, ein Projekt innerhalb einer vorgegebenen Zeit so umzusetzen, dass für das Bauunternehmen unterm Strich Gewinn übrig bleibt. Im Grunde genommen bin ich ein Unternehmer im Unternehmen, denn jede Baustelle wird betriebswirtschaftlich gesehen eigenständig bewertet. Die Leistung eines Bauleiters hängt entscheidend von einer kostendeckenden Arbeitsweise ab. Ich bin in erster Linie dafür verantwortlich, die jeweils geeigneten Arbeitsverfahren auszuwählen. Natürlich stehe ich nicht allein vor dieser Aufgabe, ich bin Teil eines großen Teams. Schon bei der Kalkulation wird überlegt, mit welchen technischen Mitteln gewinnbringend gearbeitet werden kann. Eine meiner Hauptaufgaben besteht darin, anhand des Leistungsverzeichnisses mit entsprechend hinterlegten Preisen und der Baupläne die Arbeitsabläufe vorzubereiten; dazu gehören Einteilung der Arbeitskräfte, Materialbestellung und Terminkoordination. Ich bin aber auch für die Abrechnung oder Nachtragsverhandlungen mit dem Bauherrn zuständig.

Was muss ein guter Bauleiter können?
Christian Wagner: Bauleiter müssen mit den gängigen technischen Regelwerken, wie der VOB, Teil B, vertraut sein. Weiterhin ist die Fähigkeit, vorausschauend zu handeln, von großem Vorteil. Das lässt sich am Beispiel „Lagerung von Baumaterialien“ gut erklären: Es ist wenig sinnvoll, den gesamten Baustahl, den man für ein Projekt benötigt, von Anfang an vorzuhalten. Das liegt nicht nur an den begrenzten Lagerkapazitäten auf der Baustelle. Auch die Kosten müssen vorgestreckt werden, gegenüber dem Bauherrn können jedoch nur Materialien geltend gemacht werden, die bereits eingebaut wurden. Eine Just-in-time-Strategie ist demnach wirtschaftlich, erfordert aber auch Augenmaß, um im entscheidenden Moment das benötigte Material vor Ort zu haben. Was außerdem wichtig ist: Wer als Bauleiter arbeiten möchte, sollte niemanden von oben herab behandeln. Das kommt erstens nicht gut an und ist zweitens auch nicht gerechtfertigt. Bauleiter sind ohne ihren Polier, der zwar von der Hierarchie her untergeordnet ist, aufgeschmissen. Auch von den Leuten, die bei Wind und Wetter draußen arbeiten, wird viel verlangt. Mangelnder Respekt vor den Leistungen anderer wird sich irgendwann rächen.

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